Leben
30.05.2017

Studie: Jeder Mensch hat 13 Geheimnisse

Knapp die Hälfte davon bleibt für immer im Verborgenen – eine psychische Belastung, stellten Forscher fest.

Wohl kaum ein Mensch bewahrt so viele Geheimnisse wie der Präsident der USA: Unter George Bush Senior häufte die Regierung sogar mehr als eine halbe Million Papiere an, die den Stempel "secret" trugen – ein Rekord in Sachen Geheimniskrämerei. Da erscheint die Zahl, die Wissenschaftler nun im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichten, vergleichsweise mickrig: Geht es nach den Forschern der Columbia Business School, trägt jeder Mensch im Schnitt 13 Geheimnisse mit sich – davon fünf, von denen er noch nie jemandem erzählt hat.

Das Team rund um Michael Slepian teilte 13.000 Geheimnisse aus früheren Studien in 38 Kategorien wie Lügen, Drogenkonsum, sexuelle Untreue, geheime Hobbys oder sexuelle Orientierung ein und fragte 2000 neue Studienteilnehmer, ob sie aktuell ein solches Geheimnis hätten. Fast die Hälfte der Geheimnisse betraf einen Vertrauensbruch, mehr als 60 Prozent eine Lüge oder finanzielle Probleme. Bei jenen Dingen, die die Probanden niemandem sagten, handelte es sich meist um romantische Fantasien mit einem anderen Partner.

Slepian zeigte außerdem, wie belastend Geheimniskrämerei ist: Seine Probanden schätzten körperliche Aktivitäten schwieriger ein, wenn sie an ihr Geheimnis dachten. "Sie fühlten sich, als würden sie tatsächlich ein physisches Gewicht mit sich tragen", erklärt der Studienautor. Überraschende Erkenntnis: Nicht das aktive Verhüllen eines Geheimnisses löste die Stresssymptome aus – sondern die Tatsache, dass die Geheimniskrämer ständig an ihr Geheimnis dachten. Und zwar umso mehr, wenn sie alleine waren.

Wertvorstellungen

Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Berufsverbandes für Psychotherapie, weiß aus eigener Erfahrung, wie enorm belastend Geheimnisse sein können. "Fallweise sind es wirklich Geheimnisse, die die Menschen in die Psychotherapie führen. Ich kenne das etwa von Klienten, die als Zeugen vor Gericht vorgeladen sind – sie können oft nächtelang nicht schlafen."

Wie sehr jemand unter einem Geheimnis leidet, hängt nicht so sehr von dessen "moralischer Schwere" ab, betont Stippl – sondern von den eigenen Wertvorstellungen. "Es kommt zu einer Konfrontation mit dem eigenen Über-Ich, sei es ein stark religiös geprägtes Gewissen oder ethische Vorstellungen von einem korrekten Leben. Je höher diese Werte sind, desto größer die Belastung."

Nicht jeder betrachtet Geheimnisse als etwas Negatives: "Das Geheimnis ist eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit", formulierte der Soziologe Georg Simmel 1906. Die Philosophin Gail Saltz schreibt: " Geheimnisse geben uns einen sicheren Hafen, der uns die Freiheit erlaubt, herauszufinden, wer wir sind." Geheimnisse bilden Teile der Identität, meint auch Peter Stippl. "Der Mensch ist im Dialog mit sich – dabei betritt er intime Bereiche, die er mit niemand anderem teilen möchte. Sich selbst so gut zu kennen, nennt man Selbsterfahrung."

Bevor man ein Geheimnis ausplaudert, sollte man sich eine Frage stellen, rät er: "Was ist mein Motiv? Möchte ich mich wichtig machen? Jemandem schaden? Oder drückt mein Gewissen so, dass ich es nicht mehr aushalte? Oft hilft es, mit einer vertrauten Person anonymisiert zu sprechen – ein guter Weg, um sich selbst zu prüfen."

Ein Rat, den Donald Trump besser befolgt hätte. Der amtierende US-Präsident soll russischen Diplomaten jüngst hochsensible Geheimdienstinformationen verraten haben. Und hat nun zumindest ein Geheimnis weniger als sein Vorgänger.