Leben 11.02.2017

Staatsopern-Tänzer: "Ballett hat mich von Tourette geheilt"

Dominik Vaida © Bild: /Goran Andric

Dominik Vaida schaffte es, seine Ticks zu verbergen und in grazile Bewegungen umzuwandeln.

"Jetzt darfst du ein Buch darüber schreiben. Jetzt dürfen es alle wissen." Als Dominik Vaida 2016 den Wiener Opernball als Ballett-Tänzer eröffnete, war sein größter Traum erfüllt. Und er war bereit, sein Geheimnis zu lüften. Dominik litt von klein auf unter dem Tourettesyndrom. Sein Werdegang ist seit heute im Buch "Tick. Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand" nachzulesen – erzählt von seiner Mutter Admira. Mit dem Opernball-Auftritt hat er die Krankheit besiegt – er hatte seither keine Ticks mehr. "Ballett hat mich von Tourette geheilt", sagt der 19-Jährige im Gespräch mit dem KURIER.

Admira Vaida
Admira Vaida, Interview, Wien am 09.02.2017 © Bild: KURIER/Gilbert Novy
Seiner Mutter Admira Vaida waren die eigenartigen Laute und Bewegungen ihres Sohnes schon früh aufgefallen – lange hoffte sie, es wären nur Entwicklungsstörungen. "Er machte komische Tiergeräusche wie von einem Pferd, zuckte mit dem Gesicht und den Armen oder hatte manchmal Zwänge, wie alle paar Schritte hüpfen zu müssen." Das Verhalten ihres Sohnes war für sie schwer zu ertragen, immer wieder brach sie vor Verzweiflung in Tränen aus. Doch Dominik lernte, seine Ticks gut zu verbergen und sie nur zuzulassen, wenn er sich unbeobachtet fühlte – das gelang ihm so gut, dass Ärzte seine Mutter sogar als Schwindlerin verdächtigten.

Psychopharmaka

Als es endlich eine Diagnose gab, bekam die Familie einen Haufen Psychopharmaka und Blutdrucksenker mit auf den Weg. "Ich war sehr skeptisch – Dominik war ja nicht psychisch krank. Außerdem hatte er starke Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und ständigen Schnupfen." Also setzte die Mutter die Medikamente ab und behandelte ihn mit alternativen und natürlichen Methoden.

Inzwischen war Dominik schon in der Schule: An seinen Noten war nichts auszusetzen, er war hilfsbereit und zuvorkommend. Doch seine Lehrerin beschwerte sich immer wieder über sein Verhalten – sie wusste nichts von seiner Krankheit. "Es war wie ein innerlicher Druck – ich konnte ihm eine Zeit lang widerstehen, aber irgendwann musste es raus", erzählt Dominik. Er fiel im Unterricht mit plötzlichen Lauten auf, mit seinen Zuckungen warf er Dinge vom Tisch und nutzte das Aufheben, um seine Grimassen auszuleben. "Ich wurde ein Meister der Tarnung, wenn es darum ging, meine Ticks in Bewegungen umzuwandeln, die so aussehen, als wären sie gewollt."

Dominik Vaida, zur einmaligen Verwendung zur Verfü…
Dominik Vaida, zur einmaligen Verwendung zur Verfügung gestellt © Bild: /Andreea Goldgraber

"Ich war in der Musik"

Ein Vorschlag seines behandelnden Arztes ebnete den Weg zur rettenden Therapie. Bei einem Patienten soll Klavierspielen geholfen haben, die Ticks in den Griff zu bekommen – also bekam Dominik Klavierunterricht. "Ich war in meinem Element, hatte keinen Druck und war in der Musik." Die Erleichterung sieht man ihm heute noch an, wenn er darüber spricht. Damals ahnte er noch nicht, wie viel mehr ihm Ballett helfen würde.

"Dominik wollte von klein auf Präsident, Tänzer oder Wissenschaftler werden", erzählt Admira, die stets in Sorge um die Zukunft ihres Sohnes war. Doch seine Volksschullehrerin war gegen ein Gymnasium und begründete das – ohne die Diagnose zu kennen – mit: "Weil Ihr Kind behindert ist."

Die Mutter ließ sich nicht entmutigen und ein Zeitungsinserat der Staatsoper mit der Suche nach Nachwuchstänzern brachte den Stein ins Rollen – denn eine Aufnahme an der Staatsopernakademie ging einher mit einer Aufnahme ins Gymnasium. "Dominik hat immer schon gerne getanzt und war gern im Mittelpunkt. Vor allem: Beim Tanzen hatte er keine Ticks."

Bei der Aufnahmeprüfung fühlten sich die beiden allerdings wie im falschen Film: Zwischen all den Tänzer-Familien schien der zehnjährige Dominik ohne professionelle Vorerfahrung chancenlos – Admira wurde von den anderen nur belächelt. "Wenn Gott es will, wirst du aufgenommen", gab die gläubige Mutter ihrem Sohn mit auf den Weg. "Es gab drei Runden und nach jeder kamen weinende Kinder aus dem Zimmer. Ich war so in Sorge, dass Dominik sich irgendwo in eine Ecke gekauert hat."

Ganz im Gegenteil. Er hat die Prüfung mit Bravour bestanden und kam im Arm der strahlenden Leiterin der Ballettschule aus dem Zimmer: "Solche wie er sind die Zukunft der Staatsoper."

Der erste Auftritt von Dominik Vaida beim Opernbal…
Der erste Auftritt von Dominik Vaida beim Opernball. Von Mutter zur Verfügung gestellt © Bild: /Admira Vaida
Von nun an ging es Dominik immer besser. Sechs Tage die Woche standen fünf Stunden Schule und mindestens fünf Stunden Tanzen auf dem Programm. "Viele Kinder aus der Ballettklasse schieden aus, weil sie nicht genug Fortschritte machten, aber mein kranker Dominik ist geblieben", schmunzelt Mutter Admira. Nach zwei Jahren durfte er 2009 zum ersten Mal beim Opernball mittanzen. "Wenn ich noch mal beim Opernball tanzen kann, besiege ich meine Ticks", war er sich damals schon sicher.

"Alles auf den Tisch"

Doch als seine Eltern sich scheiden ließen, wurden die Ticks wieder schlimmer. "Die Schule wollte ihn rausschmeißen, ich konnte mich nicht mehr auf Entwicklungsstörungen rausreden. Da musste ich alles auf den Tisch legen", erzählt Admira, die daraufhin die verständnisvollen Schullehrer einweihte – Dominiks Ticks wurden von da an kommentarlos ignoriert. An der Ballettschule fiel nur einem Lehrer auf, dass Dominik manchmal "komische Sachen mit den Augen macht". Mit den vielen Spiegeln rundherum war er unter ständiger Beobachtung. Also konzentrierte er sich noch mehr aufs Tanzen.

Die Disziplin wurde belohnt. Die Eröffnung des Opernballs 2016 war die Krönung seiner bisherigen Karriere. Er hat das Diplom an der Ballettakademie und tanzt in der Jugendkompanie der Staatsoper. Jetzt durfte Mutter Admira seine faszinierende Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit bringen. "Und es ist nicht nur ein Buch über Dominik und seine Tourette-Erkrankung, sondern auch das erste Buch über die Ballettakademie", sagt sie stolz.

Die Entwicklung von Dominik ist für Admira Vaida ein Wunder. Mit dem Buch will sie aber vor allem anderen Familien Mut machen. Weder sie noch Dominik haben zugelassen, dass er als behindert abgestempelt wird – und sie haben bewiesen, dass man auch mit einer Erkrankung alles erreichen kann.

Buchtipp

Tick“ von Admira Vaida, erschienen bei edition a, 223 Seiten, 19,95 Euro

Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom

Das Tourettesyndrom ist eine neurologische Zwangsstörung und variiert von Patient zu Patient. Meist fallen Betroffene durch unwillkürliche, rasche Bewegungen bzw. Zuckungen auf. Dazu können auch Grimassen sowie ungewollte Laute, Geräusche oder Äußerungen kommen.
Die ersten Ticks treten meist im Volksschulalter auf und erreichen in der Pubertät ihre volle Ausprägung. Bei manchen Betroffenen lassen die Symptome nach der Pubertät wieder nach. Als Therapie werden offiziell nach wie vor Psychopharmaka zur Symptomlinderung empfohlen.

( kurier.at ) Erstellt am 11.02.2017