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Leben
03/11/2019

"Spitzenvater des Jahres": Braucht es einen Preis für Papas in Karenz?

Der mit 5000 Euro dotierte Preis wurde am Weltfrauentag an einen Mann vergeben. Im Netz löst die Vergabe Diskussionen aus.

Seit fast 30 Jahren können Väter hierzulande in Karenz gehen. Die gesetzliche Grundlage dafür wurde im Jahr 1990 geschaffen. Voraussetzung für eine Inanspruchnahme ist, dass der Mann mit dem Kind in einem gemeinsamen Haushalt lebt und es überwiegend selbst betreut. Einen eigenständigen Anspruch auf Karenz haben Väter seit 2004.

Heute, im Jahr 2019, nimmt dennoch nur ein Bruchteil aller Väter diese Möglichkeit in Anspruch. Wie die Statistik Austria anhand über die vom Bund ausgezahlten Familienleistungen erhoben hat, waren im Dezember 2017 119.476 Frauen in Karenz, jedoch lediglich 4.773 Männer. Das entspricht einem Rückgang von 4,2 auf 3,8 Prozent beim Männeranteil verglichen mit Dezember 2016.

Das Gros der Kinderbetreuung hängt also nach wie vor an den Frauen.

Preis zur "Förderung der Männeremanzipation"

Jene Väter, die sich aktiv der Kinderbetreuung widmen und Pflegeaufgaben in der Familie zu gleichen Teilen übernehmen wollen, würdigt die deutsche Großbäckerei Mestemacher seit einiger Zeit mit der Auszeichnung "Spitzenvater des Jahres".

Zum 14. Mal wurde der mit 5000 Euro dotierte Award dieses Jahr vergeben. Im Netz löste dies mitunter heftige Diskussionen aus. Heuer erhielt ihn unter anderem Daniel Eich, seines Zeichens Ehemann von Insa Thiele-Eich, die 2020 als erste deutsche Astronautin zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegen wird. "Zur Förderung der Männeremanzipation", heißt es, "würdigt das Familienunternehmen Mestemacher moderne Männer, die sich als Väter mit großem Engagement für ihre Kinder einsetzen und ihrer Partnerin den Rücken freihalten, damit diese in ihrem Beruf vorankommen kann".

"Pionierhaftes Vorbild"

Hervorgehoben wird vonseiten der Initiatoren, dass der Softwareentwickler auch beim dritten Kind in Karenz geht. Diesmal ein ganzes Jahr lang, um seine Frau vor ihrem Einsatz bestmöglich zu entlasten: "Er übernimmt in diesen turbulenten Zeiten den Löwenanteil der Haushalts- und Erziehungstätigkeiten." Damit sei er ein "pionierhaftes Vorbild für Männer, die sich dafür einsetzen, dass Frauen in einem für sie ungewöhnlichen Berufsbereich erfolgreich sein können". "Summa summarum zeigen Daniel Eich und Dr. Insa Thiele-Eich, wie ertragreich gleichberechtigte Partnerschaft in Ehe und Familie sind", sind sich die Macher des Preises sicher.

Nobelpreis für Tragepapas?

Im Internet wird die Meldung über die Vergabe von vielen kritisch beäugt. Es sei absurd, einen Mann für jene Pflegeaufgaben, die Frauen seit jeher und ganz selbstverständlich erfüllen, extra auszuzeichnen, so der Tenor. Es werde eine Leistung hervorgehoben, die im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein sollte.

Anna Aridzanja, Head of Entertainment bei der Online-Plattform Buzzfeed Germany, twitterte etwa: "Mann nimmt sich ein Jahr Elternzeit und kriegt direkt nen Preis und 5000 Euro. Dass es EIN GANZES Jahr ist, kommt übrigens daher, dass die Frau Astronautin ist und der Einsatz nunmal ein Jahr geht. Er *muss* es also machen, wenn sie den Einsatz antreten will. Slow clap." Und weiter: "Nix gegen Daniel oder Thorben (zweiter Preisträger, Anm. d. Red.), um Gottes Willen. Gut, dass sie's machen. Weiter so. Aber von mir gibt es keinen Preis dafür, dass sich ein Vater um seine Kinder kümmert. Oder Hausarbeit macht. Oder kocht."

Man solle dann doch küftig "allen Tragepapas direkt den Nobelpreis" verleihen, merkt Aridzanja mit ironischem Unterton zum Schluss an.

Das sehen auch viele andere Userinnen und User so:

Missverständnis

Mittlerweile hat sich auch Insa Thiele-Eich in der Sache zu Wort gemeldet – um zu allererst ein Missverständnis aufzuklären. Der Grund für die einjährige Elternkarenz ihres Mannes stehe nicht mit ihren beruflichen Verpflichtungen in Zusammenhang: "Dass es EIN GANZES Jahr ist, liegt übrigens nicht daran, dass ich Ende 2020 vielleicht mal zwei Wochen auf der Raumstation bin. Das wäre nun wirklich etwas overkill."

Ob ihr Mann die Auszeichnung annehmen werde, hätten sich die beiden im Vorfeld zudem gut überlegt: "Unsere erste Reaktion beim Lesen des Preistitels war Irritation. Aber wir haben uns mit den Inhalten des Preises auseinandergesetzt und uns das beide SEHR GUT überlegt. Weil wir die Werte, die dieser Preis verkörpert, nämlich beide vertreten & VERBREITEN wollen."

"Wir brauchen solche Preise"

Ulrike Detmers, Mitglied der Unternehmensleitung bei Mestemacher und Initiatorin des Preises, zeigt sich darüber, dass es beim Spitzenvater auch Kritik gibt, im Interview mit dem Handelsblatt nicht verwundert: "Es ist ja leider immer noch nicht gelebter Alltag."

Detmers, die als Mitglied der Geschäftsführung unter anderem für das Marketing der Mestemacher GmbH verantwortlich ist und auch wissenschaftlich zu Frauen in Spitzenpositionen forscht, ist sich dennoch – oder gerade deswegen – sicher: "Wir brauchen solche Preise wohl noch viele Jahre lang, um immer wieder wach zu rütteln und Vorbilder zu zeigen."