Warme Farben aktivieren andere Gehirnregionen wie kalte.

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Neue Erkenntnisse
11/16/2015

Was Sie jetzt über die Kraft der Farben wissen müssen

Überraschende Erkenntnisse, wie verschiedene Farbtöne uns beeinflussen.

von Susanne Mauthner-Weber

Wahrscheinlich heiß tes nicht umsonst farbenfroh. Jean-Gabriel Causse jedenfalls lässt an der westlichen Vorliebe für farblos getünchte Räume kein gutes Haar: Weiß tauge nur für Klos und Industrie-Küchen. "Es ist eine gute Farbe für Orte, an denen ein Gefühl von Hygiene wichtig ist. In unbunten Büros aber schwindet die Produktivität und die Krankenstände erhöhen sich", erläutert der französische Farbdesigner in seinem neuen Buch Die unglaubliche Kraft der Farben.

Geschmäcklerisch? Mitnichten. Causse hat die neuesten Studien aus Neurowissenschaft und Psychologie zusammengetragen. Und da lernt man Erstaunliches: So haben Forscher im Hirn herumgekramt und festgestellt, dass ganz unterschiedliche Regionen aktiviert werden, je nachdem, ob unser Oberstübchen von kalten oder warmen Farben beleuchtet wird. Augen schließen nützt übrigens nichts: Die Haut besitzt eine vergleichbare Lichtempfindlichkeit wie die Retina.

Weiters vergeht Zeit in einem Raum mit warmen Farben schneller. Andererseits erscheint vor dem Computer-Bildschirm die Download-Zeit kürzer, wenn sie von kalten Farben begleitet wird.

Großen Einfluss haben Farben auch auf die gefühlte Zimmertemperatur: Ein rot-oranger Arbeitsraum wird um 3 bis 4 Celsius wärmer empfunden als ein blau-grüner. Es ist also eindeutig nicht egal, ob wir uns in Orange oder Grün hüllen und unser Schlafzimmer in Blau oder Rot ausmalen.

Wenn wir schon bei Rot sind: Der Einfluss der Farbe der Farben beschleunigt – objektiv im Elektroenzephalografen gemessen – unseren Puls, erhöht Blutdruck und Hautwiderstand sowie die Muskelkraft. Um ganze 13,5 Prozent. Bei manch einem auch die Schöpfungskraft: Richard Wagner zum Beispiel hat angeblich sämtliche Opern in roten Zimmern komponiert.

Vielen Gesellschaften gilt sie als schönste Farbe. Im Russischen beispielsweise sind die Wörter "rot" und "schön" Synonyme. Der "Rote Platz" in Moskau geht auf eine Fehlübersetzung zurück und heißt eigentlich "Schöner Platz".

Rote Gefahr und grüner Tod

Gleichzeitig ist aber auch erwiesen, dass rotes Blinken gewisse Migräne-Arten und Epilepsie-Anfälle auslösen kann. Und Babys, haben Untersuchungen gezeigt, fürchten sich vor der starken Farbe, was die Annahme nahe legt, dass diese Emotion beim Menschen von Geburt an mit Rot verknüpft ist.

Lange hatte man keinen Schimmer, dass der falsche Anstrich sogar lebensgefährlich sein kann: Napoleon beispielsweise ist an der Farbe Grün gestorben. Wie das kam? Das Lilienmuster seiner Schlafzimmertapete in seinem Exil auf St. Helena war in Weiß und tiefgrünem Smaragd gehalten. Der schwedische Chemiker Carl Wilhelm Scheele hatte die neue, nach ihm benannte Farbe 1775 erstmals hergestellt, und eine wichtiger Bestandteil von "Scheele Grün" war Arsen, das sich bei jeder Erschütterung von der Wand löste und als Staub eingeatmet wurde. Beim gesundheitlich angeschlagenen Napoleon dürfte es eine tödliche Vergiftung ausgelöst haben.

Noch 1950 erkrankte die US-Botschafterin in Italien, Clare Boothe Luce, schwer, weil der Deckenanstrich ihres Schlafzimmers stark arsenhältig war. Scheele wusste übrigens von Anfang an, wie gefährlich sein Grün war, weil die Farbe aber so schön glänzte, wurde sie von Künstlern und Innenausstattern bis ins 20. Jahrhundert verwendet.

Bunte Anekdoten

Diese und andere Geschichten hinter Manganschwarz, Ägyptisch Blau, Ockergelb, Zinnoberrot, Ultramarin, Mumienbraun und Mauve hat die britische Anthropologin und Journalistin Victoria Finlay aufgespürt und erzählt sie in ihrem neuen Buch Colours. Die Geschichte der Farben. Beispielsweise:

Dass es bereits den Steinzeitmenschen gelang, die ersten Farben herzustellen.

Dass Purpur die Farbe der Cäsaren war.

Dass in China Gelb dem Kaiser vorbehalten war. Nur er durfte diese Farbe tragen.

Dass Mumien wichtige Bestandteile von Künstlerfarben waren und bis 1925 als Mumienbraun verkauft wurden.

Dass Alexander der Große sich das Haar mit Safran wusch, um ihm einen goldenen Ton zu geben.

Dass die erst 21 Jahre alte Eliza Lucas aus South Carolina für Levi’s Blue Jeans die Farbe Indigoblau erfand.

WasVincent van Goghs angegriffener, geistiger Zustand mit der Farbe Gelb zu tun hatte – bei einem psychotischen Anfall drückte er sich nämlich chromgelbe Ölfarbe direkt aus der Tube in den Mund. Die ist bleihaltig und hochgiftig.

Oder wie Astronomen der Johns Hopkins University vor gut zehn Jahren verkündeten, dass sie glauben, die wahre Farbe des Kosmos erblickt zu haben: Ein blasses Beige, vergleichbar mit verdünnter Kondensmilch. So jedenfalls würde das Universum erscheinen, wenn unser Auge das Licht aller Sterne auf magische Weise addieren und das Weltall dann gleichsam von außen betrachten könnte.

Glaubt man einem anderen Studien-Ergebnis, haben Frauen – quasi naturgegeben – schlechtere Karten. Sie arbeiten nämlich angeblich in beiger Umgebung weniger effektiv. Männer dagegen sollten violett meiden.

Geschlechter-Kolorit

Womit wir bei einigen Gender-Auffälligkeiten wären: Frauen sind wesentlich seltener farbenblind als Männer. Die Einschränkung tritt bei 0,4 Prozent aller Frauen, aber bei acht Prozent aller Männer auf. Das Facebook-Logo ist übrigens deshalb blau, weil der farbenblinde Mark Zuckerberg nur diese Farbe richtig sehen kann.

Die kontrastreichste Farbkombination wiederum ist Schwarz-Gelb. Mit diesem Wissen ausgestattet, ließ der New Yorker Taxiunternehmer John Hertz Anfang des 20. Jahrhunderts seine "Cabs" zwecks Sichtbarkeit in genau diesen Farben lackieren.

Folgt man Victoria Finlay und Jean-Gabriel Causse auf ihrer Reise in die knallbunte Welt der Töne, Schattierungen und Nuancen, kann man mit ihnen eigentlich nur zu einem Fazit kommen: Farben sind unverzichtbar! "Und dennoch waren sie noch nie so wenig in unserem Leben vertreten wie heute, sei es bei unserer Bekleidung oder in der Wohnung", beklagt Farbdesigner Causse und vermutet, dass damit unsere oft gedämpfte Stimmung zusammen hängt. "Ich bin überzeugt davon, dass Kinder ihre grauen Vorstädte unbewusst mit Graffitis bemalen, weil sie ein grundlegendes Bedürfnis nach Farbe in all der Schwärze verspüren. Haben Sie bemerkt, dass bunte Gebäude viel seltener besprüht werden?"

Bunte Buchtipps

Victoria Finlay: „Colours. Die Geschichte der Farben“. Theiss, 24,95 €
Jean-Gabriel Causse: „Die unglaubliche Kraft der Farben“. Hanser. 19,90 €

Wussten Sie, ...

... dass nur Eichhörnchen, Spitzmäuse und einige Schmetterlinge dasselbe Farbspektrum sehen können wie der Mensch?

... dass Katzen, Kaninchen, Ratten und Rinder Rottöne nicht wahrnehmen? Blau und Grün aber können sie erkennen.

... dass Stiere ebenfalls rotblind sind? Das Tuch, das der Torero schwenkt, ist nur deshalb rot, weil man so die Blutflecken des Tieres weniger leicht sieht.

... dass Insekten die Farbe Gelb besonders gerne mögen? Die klebrigen Fliegenfänger sind also nicht umsonst oft in dieser Farbe gehalten.

... dass Hundenur Grüntöne wirklich gut voneinander unterscheiden? Alle anderen Farbtöne sind für sie verschiedene Schattierungen von Grau.

... dass auch Pflanzen auf Farben reagieren? Werden sie mit Rotlicht bestrahlt, bedanken sie sich mit üppigen Wachstum.

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