Leben
03.05.2014

Verein holt Frauen aus sozialer Isolation

Tu Gutes und gewinn einen Preis: Der KURIER besuchte zwei Hilfsprojekte, die am Donnerstagabend prämiert wurden.

Kein Wunder, dass die Frau an Depressionen leidet. Sie hat Krebs. Und ihr Mann kaputte Bandscheiben. Während fünf schulpflichtige Kinder versorgt werden wollen. Was ihre Situation erschwert: Sie spricht kein Wort Deutsch.

Eine Nachbarin erzählt diese bedrückende Geschichte. Und jetzt überlegen die anderen Nachbarinnen, wie sie am Besten helfen können.

Das ist die Geschichte der Nachbarinnen in Wien. Ihnen wurde am Donnerstagabend bei einer Gala in Wien der dritte Preis der Sozialmarie überreicht (insgesamt gab es 261 Einreichungen aus Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Slowenien sowie Kroatien).

Der zweite Preis ging an die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau, der erste an Neustart und die Sozialnetz-Konferenz (siehe Bericht rechts).

13 Vermittlerinnen

Moderne Nachbarschaftshilfe: 13 gut integrierte, gut ausgebildete Nachbarinnen helfen seit dem Herbst des Vorjahrs ihren Landsfrauen beim Ankommen in Wien. Alle haben Migrationshintergrund, kommen aus der Türkei, aus Ägypten, Somalia, dem Sudan und aus Tschetschenien. Alle sprechen gut Deutsch und wurden als soziale Assistentinnen fünf Monate lang intensiv geschult.

Gegründet wurde ihr Verein von der Sozialarbeiterin Renate Schnee und der Internistin Christine Scholten. "Wir haben uns gefragt, wie wir die Frauen aus ihrer sozialen Isolation rausholen können", erzählt die Medizinerin. Vor fünf Jahren haben sie bereits eine eigene Gesundheits- und Amtswegeberatung eingerichtet. Mit einer Mitarbeiterin, die dank ihrer Sprachkenntnisse zwischen den Hilfe suchenden Frauen und den Wiener Behörden vermitteln konnte.

13 Vorbilder

Heute sind sie zu dreizehnt. Bei ihren Hausbesuchen ermitteln die Nachbarinnen, wo der Schuh drückt. Im Team wird dann über konkrete Hilfsangebote diskutiert.

Für die türkische Frau mit der Krebserkrankung soll Folgendes ermöglicht werden: Lernhilfe für die Kinder, gemeinsamer Besuch bei einer Psychotherapeutin sowie im Frauengesundheitszentrum, und dazu das Angebot, dass eine ehrenamtlich tätige Konversationstrainerin mit dem Ehepaar ein Mal pro Woche spazieren geht.

Wie effizient geholfen wird, beweist die Erzählung der ägyptischen Kollegin: Eine Mutter und ihr Sohn haben auf ihr Anraten gemeinsam Deutsch gelernt. Was dazu führte, dass die Mutter selbstbewusster in der Öffentlichkeit auftritt und der Sohn bessere Noten bekommt.

Schön ist auch die Geschichte von Ayten Pacariz, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikationen die Agenden des Vereins koordiniert. Ihr großer Traum: "Dass wir in Zukunft nicht nur in drei, sondern in allen Wiener Bezirken agieren können." Derzeit wird die schöne Idee nach Linz exportiert.

Neustart: Wie jugendliche Straftäter resozialisiert werden

„Wenn der Anruf kommt, bin ich schon am nächsten Tag beim Jugendlichen“, erzählt Sozialarbeiter Georg Wieländer in seinem Büro in der Nähe des Wiener Pratersterns. Der Jugendliche sitzt meist in Untersuchungshaft ...

Wieländer arbeitet für die Hilfsorganisation Neustart, die sich seit vielen Jahren um die Resozialisierung von Haftentlassenen bemüht und die jetzt mit ihrer Sozialnetz-Konferenz die Sozialmarie-Jury restlos überzeugt hat.

Der Jugendliche hat Dinge getan, die eindeutig kriminell sind. Dem 17-Jährigen wurden zuletzt 28 Diebstähle nachgewiesen. Die Ermittlungen der Polizei belasten ihn schwer. Und doch gelang es mithilfe der Sozialnetz-Konferenz, den jungen Delinquenten vor dem Gefängnis zu bewahren. Die Idee dahinter erläutert Sozialarbeiter Wieländer so: „Strafe im Gefängnis möglichst vermeiden, ohne dadurch die Sicherheit der Bevölkerung zu gefährden.“ Wieländer organisiert solche Konferenzen, möglichst in den ersten Tagen der Untersuchungshaft. Zunächst lädt er den Jugendlichen zur Mitarbeit ein. Bittet ihn dann, private oder professionelle Helfer aus seinem Umkreis zu nennen. Das können Eltern, Geschwister, Freunde sein. Das können auch Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Lehrer, Lehrherren oder Anwälte sein.
Sind die Helfer genannt, lädt der Neustart-Mitarbeiter zur Konferenz ein, die er auch moderiert. „Ziel ist es, ein tragfähiges Netzwerk zu bilden und einen Maßnahmenkatalog zu erarbeiten, der den Haftrichter überzeugt."

Keine Freibriefe

Freibriefe für die Straftäter werden nicht erstellt, betont Wieländer. Der Preis für ihre Freiheit sei hoch. Mehrfach pro Woche müssen sie sich bei ihren Bewährungshelfern und anderen Bezugspersonen melden und nachweisen, dass sie sich ernsthaft um das Erreichen der bindenden Ziele bemühen.
Es zeichnet sich ab, dass Jugendliche mit einem sozialen Netz seltener rückfällig werden als Jugendliche nach einem Haftaufenthalt. Auch einige Richter begrüßen die neue Maßnahme.