Leben
24.07.2017

So bändigt Hundetrainer Martin Rütters Problem-Hunde

Der bekannteste Hundetrainer im deutschsprachigen Raum im KURIER-Interview.

Martin Rütter ist der wohl prominenteste Hundetrainer im deutschsprachigen Raum. Hundert Hundeschulen sind mittlerweile Teil seines Netzwerks, er füllt ganze Hallen, wenn er mit seiner Comedy-Show tourt, auf dem Fernsehsender VOX trainiert er als "Hundeprofi" schwierige Fälle – und damit sind nicht die Hunde gemeint. "Ich mache alles, nur nicht Hundetraining", erzählt Martin Rütter im Gespräch mit dem KURIER. In Wahrheit gehe es immer um die Beziehung Mensch-Hund, die er versucht, in die richtige Bahn zu lenken.

KURIER: Warum nehmen sich so viele Menschen einen Hund?

Martin Rütter: Weil sie einen Gesellschaftspartner wollen, im Hund einen Begleiter sehen. Früher hatte der Hund fast immer eine Funktion: zur Jagd, als Wachhund oder Hütehund.

Gerade Hütehunde sieht man in der Großstadt häufig.

Das wäre kein Problem, würde man bei der Zucht selektieren. Also nur jene weiterzüchtet, die nicht die totalen Hüteambitionen haben. Das wird leider oft nicht gemacht. Wenn man einen Hund hat, der viel hüten oder jagen will, muss man seine Bedürfnisse kanalisieren. Das heißt nicht, dass ich auch noch sechs Schafe halten muss oder auf die Jagd gehe, aber man muss ihn auslasten und adäquat beschäftigen. Dann funktioniert das auch in der Stadt. Können Jagd- oder Hütehunde ihrer Spezialisierung nicht nachgehen, kann das zu Problemen führen.

Jagd- und Hütehunde können also auch in der Stadt glücklich sein?

Ja, weil Hunde generell wahnsinnig anpassungsfähig sind. Wenn ein Hund von Anfang an alles kennt, gibt es meist kein Problem. Sehen Sie sich die Hunde von Obdachlosen an – die sind auch glücklich. Die großen Themen sind also Gewöhnung und Alternativen – man muss sie richtig auslasten.

Wie viel Zeit braucht man für einen Hund? Was ist aus Ihrer Sicht eine artgerechte Haltung?

Artgerecht können wir im Grunde nie halten. Artgerecht wäre, wir lassen den Hund jagen, töten, streiten, Rangkämpfe führen – aber das können wir alles nicht. Wir können dem Hund aber so gerecht werden, wie es irgendwie geht. Das funktioniert, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Der Faktor ist tatsächlich Zeit. Ist ein Hund zehn Stunden alleine, kann er nicht glücklich sein – das ist Psychoterror. In der Natur des Hundes heißt Alleinsein übrigens Lebensgefahr. Weil er dann quasi aus dem Schutz des Rudels rausfällt. Deshalb muss man das Alleinsein auch in kleinen Schritten üben.

Haben sich die Anforderungen an Hund und Besitzer geändert?

Klar. Die Anforderungen haben sich krass verändert, weil sich die Lebensräume der Hunde total verschoben haben. Früher waren sie fast ausschließlich in ländlichen Gegenden daheim, heute eben auch viel in der Stadt. Am Land nimmt es der Postbote gelassen, wenn er vom Hund angeschnauzt wird. In der Stadt sind die gesellschaftlichen Repressalien viel größer. Der Hund soll hundertprozentig gesellschaftsfähig sein, er soll jeden toll finden und jeden lieben – aber das geht natürlich nicht.

Nehmen sich die Menschen den richtigen Hund? Wissen sie genug über Rasse, Erziehung, Haltung?

Das ist, was mich am allermeisten verrückt macht. Wir betreiben hundert Hundeschulen in Europa. Und auf tausend Trainingseinheiten kommen vielleicht zehn Kaufberatungen für die Hundeanschaffung – obwohl wir die kostenlos anbieten. Die Leute entscheiden beim Hundekauf fast nur nach optischen Kriterien: den finden sie süß, den nehmen sie. Mit einem Hund holt man sich aber eine Beziehung ins Haus, einen Partner. Das ist wie beim Menschen: den sucht man sich auch aus, weil er einem erst mal gefällt. Man trennt sich aber nach ein paar Wochen wieder, wenn es nicht passt. Beim Hundekauf ist die Sache mit dem Trennen viel schwieriger, weil sie in der Gesellschaft als moralisch verwerflich gilt. Man müsste vor jeder Hundeanschaffung rausfiltern: Welcher Charakter passt zu mir?

Was ist, aus Ihrer Erfahrung, der größte Fehler in der Hundehaltung?

Da gibt es drei Fehler. Zum einen ist es das Vermenschlichen. Der Hund wird aufgrund der emotionalen Nähe wie ein Mensch behandelt. Das Problem ist, dass der Hund nicht adäquat reagieren kann – weil er eben ein Hund ist. Das nimmt Formen an, die Wahnsinn sind. Etwa, wenn wir Hunde vegan oder vegetarisch ernähren, obwohl der Hund zu 60 bis 70 Prozent Fleisch in seiner Nahrung braucht. Die Vermenschlichung führt immer zu Problemen. Zweiter Punkt: Unterbeschäftigung. Oft verwechseln die Menschen das Spazierengehen mit Beschäftigung. Hunde brauchen geistige Beschäftigung, die müssen ein bisschen denken dürfen, das ist total wichtig. Und der dritte Fehler liegt, wie gesagt, in der Auswahl des Hundes, die oft nicht stimmt.

Warum vermenschlichen wir den Hund so stark?

Es ist interessant: niemand kommt auf die Idee, dem Meerschweinchen ein Schnitzel zu geben. Beim Hund tun wir das aber schon. Die Schuld liegt da auch ein bisschen beim Hund. Tatsächlich ist er das einzige Haustier, das einen Artfremden, also den Menschen, als Sozialpartner sieht. Das Herrl ist so wichtig wie ein Hundepartner. Die Hunde nehmen eine wahnsinnige Nähe zu uns ein, sie können mit der Zeit jeden Wimpernschlag ihres Menschen lesen. Da ist es schwierig, den Hund als Hund zu betrachten und ihn auch so zu behandeln.

Da ist dann auch viel Geschäft dahinter: Osteopathen, Trainer, Ärzte, Ausstatter, Bestatter … Ist das alles noch im Rahmen?

Ich mag das nicht beurteilen. Was ist schon normal? Der Hund ist ein Familienmitglied, wir wollen, dass es ihm gut geht. Die Frage ist, was brauchen Hund und Halter? Heute kriegt ein Hund ein neues Gelenk und bekommt Therapie – das ist okay. Oder er kriegt Accessoires: wenn das dem Hund nicht schadet, bin ich dabei. Wenn der Hund aber beim Oktoberfest sieben Stunden in einem Dirndl stecken muss, dann sage ich, diese Menschen sind krank.

Ist das eigentlich Hundetraining oder Herrchen-Frauchen-Training, das Sie da machen?

Was ich mache ist alles, nur nicht Hundetraining. Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie merken: ich trainiere den Hund an keiner Stelle. Und wenn ich doch ausnahmsweise etwas vormache, dann kommuniziere ich so korrekt und sicher, dass der Hund sich nur noch an mir orientiert. Weil Hunde brauchen Sicherheit und Kommunikation. Als Hundetrainer ist es also falsch, den Hund an die Leine zu nehmen und ihn selbst zu trainieren. Ich erkläre dem Menschen, was in der Beziehung falsch läuft. Und ich versuche, diese Beziehung zu kitten.

Ist jedes Hundeproblem zu lösen?

Natürlich wäre es naiv zu sagen, der Hundeprofi löst jedes Problem. Es ist ja eine Beziehungssache, auch eine Form des Krisenmanagements. Der Hund hat auch meist schon eine Erwartungshaltung. Da braucht es oft Jahre, bis das draußen ist. Der Umlernprozess innerhalb der Beziehung kann sehr lange dauern. Und manchmal ist ein Verhalten so stark manifestiert, dass man es nicht mehr lösen kann. Aber wir können trotzdem das Problem managen.

Es gibt also keine Hunde, die hoffnungslos sind.

Es gibt Hunde, die in einem gewissen Lebensraum ihr Problem nicht mehr loswerden. Aber man kann die Lebensqualität erhöhen, indem man ein gutes Krisenmanagement hat.

Was ist aus Ihrer Sicht das Beste am Hund als Haustier?

Das Faszinierendste ist, dass der Hund, obwohl er kein Artgenosse ist, eine emotionale Bindung zum Menschen eingeht. Diese Nähe finde ich schon ganz toll. Ich bin beruflich viel unterwegs und habe den Hund immer dabei – das ist ein Stück Zuhause. Außerdem hat jeder Hund seine eigene Persönlichkeit.

Pauli ist nicht mein erster Hund. Bis auf zehn Jahre meines Lebens war und ist immer ein Hund an meiner Seite. Ich habe also durchaus Erfahrung. Pauli ist mittlerweile ein Jahr und vier Monate alt, herzensgut und sehr entzückend. Der Kleine Münsterländer ist energiegeladen und agil, nicht ungewöhnlich für Rasse und Alter. Ich wusste bei der Entscheidung für diesen Hundetyp, dass das ein anspruchsvoller Jagdhund ist. Meine naive Vorstellung war allerdings: das Jagen lenke ich um, ich mache Sport, gehe viel in die Berge – da kommt er gar nicht auf die Idee.


Falsch gedacht. Der Jagdtrieb steckt in ihm. Darauf wurde die Rasse über Generationen spezialisiert. Im Alter von etwa neun Monaten wurde diese Leidenschaft zum Problem: Im Wald und auf den Feldern ist er ein aufgeregter, kaum zu kontrollierender Hund. Einmal losgelassen, zischt er ab wie der Blitz. Er dreht eine viel zu große Runde, die dauert zehn, fünfzehn Minuten. Dann kommt er wieder und ist völlig fertig – und ich bin es auch, denn so ein Verhalten ist völlig inakzeptabel. Weshalb die zehn Meter lange Schleppleine unser ständiger Wanderbegleiter geworden ist.

Mein großes Ziel ist, diesen Hund ab- und rückrufbar zu machen. Damit haben wir beide ein entspannteres Leben. Deshalb bat ich vor vier Monaten Martin Rütter DOGS um Unterstützung. Die haben eine Hundeschule in Wien, Conny Sporrer ist die Trainerin. Mit ihrer Hilfe und einem individuellen Plan wollen wir es in einem dreiviertel Jahr schaffen, Paulis Jagdimpuls kontrollieren zu können. „Paulis Rasse ist für die Zusammenarbeit mit dem Jäger gemacht. Genau genommen ist er ein Vorstehhund. Mit dem Innehalten und Anheben der Pfote zeigen diese Hunde ein Jagdobjekt an. Die angeborene Bereitschaft zur Zusammenarbeit wollen wir nützen, das ist unsere Chance“, erklärt Sporrer. Die Expertin sieht Pauli als einen Hund, „der arbeiten will, der die Herausforderung sucht“. Sein Jagdverhalten sei zwar für mich eine große Herausforderung, aber für ihn ein völlig normales Verhalten.

„Anti“-Jagd In den ersten Trainingseinheiten steht vor allem die Beziehung Hund-Frauchen im Fokus. Ich muss erkennen: Pauli ist zu frech, zu selbstständig. Er stupst, rempelt und zeigt eine gewisse Respekt- und Distanzlosigkeit. „Jagen hat viel mit Beziehung zu tun“, sagt Sporrer. Es geht letztlich um das Treffen von Entscheidungen. „Pauli soll lernen, seine Impulse zu kontrollieren und bei Frauchen nachzufragen, bevor er selbstständig Entscheidungen trifft. Dann kann man seine jagdlichen Ambitionen in ein Alternativverhalten umlenken“, erklärt Sporrer. Der Hund soll seinen Menschen also als Jagdpartner ansehen. Ich lerne: Das Jagen wird bei einem Jagdhund immer da sein, aber es soll kontrolliert und in Kooperation mit dem Menschen stattfinden.

Heute, nach knapp vier Monaten Training, haben wir tolle Erfolge erzielt. Apportieren, Impulskontrolle, Rückruf und Stopp funktionieren gut