Leben
19.09.2016

Schläge sind nicht zu entschuldigen

Ela Angerer schreibt über Gewaltbeziehungen: Warum sich Frauen von brutalen Männern nicht trennen

Mit einem Faustschlag ins Gesicht seiner Freundin geht es los und auch sonst ist der Mann im neuen Buch von Autorin Ela Angerer (Bild unten) nicht zimperlich. Den Lesern ist der Mann auf Anhieb verhasst, aber die junge Valerie hält an ihm fest. Eine Situation, die viele Frauen erlebt haben, auch die Autorin, erzählt sie sehr offen im KURIER-Gespräch: "Ein gewalttätiger Mann schlägt ja nicht beim ersten Date zu oder beim dritten. Er wirkt auf den ersten Eindruck wie jemand, der weiß, was er will. Das kann für eine Frau beeindruckend sein. Viele Frauen finden Bad Boys sexy."

Bei ihren Recherchen für das Buch beschäftigte sie sich auch mit den Mustern von Gewaltbeziehungen. Plötzlich zeigt der Mann sein anderes Gesicht: "Man kann nicht so leicht den Schalter umlegen, wenn es zum ersten Mal entgleist. Zuerst glauben Frauen, das war ein Missverständnis und wird nicht mehr vorkommen. Und er ist ja nicht jeden Tag gewalttätig. Es tut ihm dazwischen auch wahnsinnig leid, er entschuldigt sich und er weint. Und als verliebte Frau denkt man sich: Jetzt hat er es verstanden und es wird nicht mehr vorkommen. Aber in der nächsten Stresssituation passiert es wieder. Ich bin gegangen, bevor es ausgeartet ist."

Tabu brechen

Viele Frauen sind betroffen: "Eine von fünf" heißt daher eine Vorlesungsreihe an der MedUni Wien in Kooperation mit der Volksanwaltschaft über Gewalt an Frauen, die sich mit der Zahl der Betroffenen und dem Umgang mit dem Thema beschäftigen wird. 17.000 Betroffene in Wien haben sich im Vorjahr an Frauenhäuser gewandt. Auch Angerer ist es ein Anliegen, das Tabu aufzubrechen: "Wir empören uns über die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht in Köln, aber Gewalt gegen Frauen ist hauptsächlich ein Problem in Familien und im Freundeskreis. Frauen stoßen bis heute auf Unverständnis, wenn sie darüber reden. Ich war überrascht, wie viele Frauen mir jetzt vertraulich erzählen, dass sie physische oder psychische Gewalt erlebt haben. Und man soll nicht glauben, dass Gewalt nur in Familien mit Migrationshintergrund vorkommt. In Döblinger Villen wird es nur noch mehr verschwiegen."

Das gesellschaftliche Umfeld habe Auswirkungen auf die Beziehung, sagt sie: "Gewalt ist in patriarchalen Strukturen präsenter und in den jeweiligen Gesellschaften toleriert. Es gibt überall Familien, die zu einer Frau sagen: Reiz ihn nicht."

Man müsse allen Frauen klarmachen, dass sie nichts falsch gemacht haben oder schuld sind, auch wenn die Männer das so darstellen: "Ich habe es ganz lange so empfunden, dass ich mitverantwortlich bin, dass so etwas überhaupt passiert. Gleichzeitig habe ich mich geschämt und wollte vor meinen Eltern nicht zugeben, dass sie recht hatten."

Harte Konsequenzen

Man könne auch den Menschen im Umfeld nicht vorwerfen, dass sie nichts gemacht hätten. Frauen verheimlichen die Situation: "Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man lieber schweigt. Man will nicht wahrhaben, dass die eigene Liebe so falsch ist. Wenn man eine Frau mit Blutergüssen am Arm fragt, ob sie Hilfe braucht, sagt sie: ,Ich bin nur über die Stiegen gestolpert.‘ Aus Angst vor den Konsequenzen der Wahrheit."

Im Buch ist das Kind wie eine Rettung für Valerie: Für ihre Tochter nimmt sie all ihren Mut zusammen. Aber im Leben ist es schwieriger, sich von einem gewalttätigen Mann zu lösen, mit dem man ein Kind hat, denkt Angerer: "Er ist der Vater des Kindes und hat ein Druckmittel. Er könnte das Kind entführen oder etwas Irrationales machen."

Tatsächlich gibt es nur radikale Lösungen, glaubt sie: "Man muss so eine Beziehung beenden. Wenn man es nicht für immer tun will, dann vorübergehend – und der Mann muss in Therapie gehen. Ohne Hilfe von außen wird sich nichts ändern. Der Mann macht es ja nicht zum Spaß. Sondern weil in ihm ein schrecklicher Brand wütet, den er nicht löschen kann – warum auch immer. Meistens, weil er selbst Gewalt erlebt hat. Wer geprügelt wurde, prügelt eher, und wer als Kind keinen Respekt erfahren hat, begegnet seinen Kindern oft auch nicht liebevoll."

Das Buch wird am Montag, dem 19. September, um 20 Uhr im Theater im Rabenhof vorgestellt. Es lesen Autorin Ela Angerer und Schauspielerin Mavie Hörbiger sowie Christian Dolezal.