© STEFAN KöRBER - FOTOLIA

Auferstehung
04/21/2014

Schicksalsberichte über das Weiterleben

Drei Menschen schildern, wie sie ihre Krisen gemeistert und ihr Leben neu ausgerichtet haben.

von Uwe Mauch, Sandra Lumetsberger

Raus aus der Tretmühle, raus aufs Land, Rückzug ins Leben

Wenn er mit den Händen in der Erde seines Gartens im niederösterreichischen Zistersdorf wühlt, Beete umgräbt, verfliegen die trüben Gedanken. Sven Strasser (im Bild rechts) sagt: „Körperliche Arbeit tut mir gut. Du bist fertig, fällst am Abend fix und fertig ins Bett, merkst aber, dass der Kopf aufgeht und alles leichter wird. Das ist wie eine Therapie für mich.“

Gemeinsam mit seinem Mann, Felix Strasser, führte der 39-Jährige sieben Jahre lang das Restaurant „Ein Wiener Salon“ in Wien 1. Bis er nicht mehr konnte. Burnout!
Das Kochen hat der gebürtige Schwabe, der aus der Modebranche kommt, autodidaktisch gelernt. Innerhalb kürzester Zeit erkochte er zwei Hauben. Und damit begannen für ihn die Probleme: „Ich spürte einen massiven Druck. Dann fängt das Rad an, sich zu drehen. Es geht gut, solange du es körperlich und geistig mitmachst.“ Bis zu 16 Stunden stand er an manchen Tagen alleine in der Küche. „Das geht an die Substanz, ich war am Wochenende meist so erledigt, konnte mich zu nichts aufraffen.“

Auf der Fahrt zur Arbeit kamen ihm oft die Tränen – Gefühlszustände, die er so zuvor nicht erlebt hatte. Vor den Gästen hatte Strasser das Gefühl, er müsse eine Maske aufsetzen. „Sie wollen einen schönen Abend genießen, da interessiert es niemanden, wie es dem geht, der in der Küche steht und der serviert. Das war kräftezehrend und aussaugend.“

Vor dem Haus

Was Sven Strasser von Burn-out-Betroffenen unterscheidet, ist, dass er die Zeichen erkannte und Konsequenzen zog: Vor zwei Jahren schlossen die Strassers ihr Restaurant. „Als wir das Lokal verkauft haben, ist mir ein Stein runtergefallen.“ Hilfe bekam er in dieser Zeit vor allem von seiner Familie und von Felix. Gemeinsam zogen sich die Beiden aufs Land zurück. In Zistersdorf hatten sie schon zuvor ein Haus erworben.

Das Gebäude, Baujahr 1906, war „in einem katastrophalen Zustand“, so Strasser. Mit viel Liebe und Sorgfalt schufen er und sein Partner daraus ein Haus in Barockoptik – das Strassergut. Blausperber-, Marans- und Sulmtaler-Hühner laufen heute durch den Garten. Die Tiere und das Leben in der Natur geben ihm Kraft.
Ein Restaurant wollte er hier nicht mehr aufbauen. „Wir bieten Kochkurse im kleinen Kreis an. Die Angst, dass alles wieder in Stress und Druck ausartet, ist groß.“

„Im Traum erschien mir immer wieder die Heilige Elisabeth“

Sie hat in den vergangenen Monaten deutlich Gewicht verloren. Und ihre Bewegungen sind auch noch nicht so schnell und selbstbewusst wie zuvor. Doch sie hat ein Leuchten in den Augen, das sagen will: Ich habe überlebt, und das wird mich stärker machen, ganz sicher!

Erst langsam realisiert Karin Niederhofer wie nahe sie dem Tod war. Sie hatte Glück im Unglück. Am 5. September des Vorjahrs war sie zu einer Routine-Untersuchung ins Wiener Elisabethspital gefahren. Gut, der Bauch hatte ihr im Urlaub wehgetan. Aber das schien noch kein Grund zur Sorge.

Sie erzählt: „Ich habe eine kleine Tasche gepackt. Zwei Tage zur Untersuchung, da braucht man nicht viel. Sieben Wochen später wurde ich entlassen und man brachte mich direkt zur Reha.“

Während der Darmspiegelung plötzlich Komplikationen. Überall sonst hätte dies den sicheren Tod bedeutet. Das Spital war ihre Rettung. Die Ärzte leiteten sofort eine Notoperation ein. Sechs Stunden kämpften sie gegen den Tod. Sechs Monate arbeitete sich Niederhofer dann wieder ins Leben zurück. Zuerst in der Intensivstation, dann in Rehazentren.

An die Begegnung mit dem Tod erinnert sie sich schleierhaft: „Mir war, als läge ich in einem Zugabteil, im Schlafwagen ganz unten. Ich hörte Geräusche, Stimmen, Piepsen von Maschinen. Ich sah Menschen kommen und gehen. Sie berührten mich, ich spürte sie weit weg. Ich hatte Albträume, im Traum erschien mir immer wieder die Heilige Elisabeth.“
Noch eine Kur, dann wird sie entlassen. Für Karin Niederhofer hat ein neues Leben begonnen: „Ein Leben, das für mich sehr wertvoll ist, und auf das ich auch ganz sicher sehr gut aufpassen werde.“

Vor dem Comeback

Feinfühliger sei sie geworden sagt die Überlebende auch. „Wenn du nicht weißt, ob du dich jemals wieder bewegen kannst, beginnst du Kleinigkeiten mehr zu schätzen.“ Ihre Krankheit hat sie sehr dankbar gemacht: „Weil ich einen tollen Sohn habe, der mir unendlich viel geholfen hat, und weil ich echte Freunde habe, die um mich gebangt haben.“
In Kürze wird Karin Niederhofer wieder für ihre Senioren da sein. Die Gründerin des Seniorencollegs in Wien II bringt seit Jahren Menschen jenseits der 80 den Umgang mit dem Computer näher. In Kürze will sie wieder Kurse halten. Doch nicht mehr so intensiv wie zuvor.

Du oder ich, ich oder du: Vier Todesfälle und eine Hochzeit

Vorsichtig fährt sie dem schwarzen Spaniel „Sunny“ mit der Bürste durch sein Fell. Lisa Schmid führt seit vier Jahren einen Hundesalon in Wien 19. Selbstständig zu arbeiten, nach Terminvereinbarung – ohne sich jemandem unterzuordnen –, war für sie ein lang gehegter Wunsch. Neben der Arbeit plant sie auch ihre Hochzeit. In zwei Monaten wird sie ihren Freund heiraten.

Wer ihre Geschichte nicht kennt, würde es der 29-jährigen Frau nicht anmerken, dass sie in den vergangenen Jahren vier Familienmitglieder verloren hat. Als Schmid 17 war, starb ihre Oma, bei der sie viel Zeit verbrachte. Nur zwei Monate später ging auch ihre Großtante. „Damals hatte ich das Gefühl, ich will nicht mehr sein, ohne diese beiden Menschen.“

Schmid hält kurz inne, schaltet den Föhn aus und erklärt: „Ich habe gelernt, dass, wenn ein Mensch geht, sich die Chance eröffnet, einen anderen Menschen näher an sich heranzulassen.“ Damals war es ihr Vater, der legendäre Wiener Musiker Hansi Lang. Nach dem Tod der Großmutter zog sie zu ihm. „Wir standen uns aber nicht so nahe. Jetzt konnte ich mit ihm zusammenwachsen. Das war anfangs schwierig, dann aber umso schöner.“

Doch die Zeit, die sie miteinander verbringen konnten, war nur von kurzer Dauer. 2008 starb ihr Vater nach einem Schlaganfall. Kurz davor war auch ihr Stiefvater im Alter von nur 44 Jahren gestorben. „Das brachte mich wiederum mit meiner Mutter näher zusammen“, erinnert sich Schmid heute.

Vor der Trauung

Neben dem Schmerz und der Trauer musste sie viel Bürokratie erledigen, doch ihr Freund stand ihr bei. „Diese Erfahrung war unsere Chance, zusammenzuwachsen – in einer Situation, die sehr schwierig war.“ Von dem, was ihr der Vater hinterließ, konnte sie sich auch den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen – sie eröffnete den Hundesalon.

„Jetzt, vor der Hochzeit, denke ich oft an meinen Vater. Es wäre schön, wenn er dabei sein könnte.“ Die Trauung findet in einer Kapelle statt, in der sie oft mit ihm war. Auch wenn der Tod schmerzt, hat Lisa Schmid gelernt, daraus eine positive Sicht zu entwickeln. „In gewissen Situationen fallen einem Eigenschaften oder Sprüche ein, die diese Menschen gerne gemacht oder gesagt haben, dann hast du sie eh bei dir, nur halt auf eine andere Art und Weise.“

Raus aus der Tretmühle, raus aufs Land, Rückzug ins Leben

Wenn er mit den Händen in der Erde seines Gartens im niederösterreichischen Zistersdorf wühlt, Beete umgräbt, verfliegen die trüben Gedanken. Sven Strasser (im Bild rechts) sagt: „Körperliche Arbeit tut mir gut. Du bist fertig, fällst am Abend fix und fertig ins Bett, merkst aber, dass der Kopf aufgeht und alles leichter wird. Das ist wie eine Therapie für mich.“

Gemeinsam mit seinem Mann, Felix Strasser, führte der 39-Jährige sieben Jahre lang das Restaurant „Ein Wiener Salon“ in Wien 1. Bis er nicht mehr konnte. Burnout!
Das Kochen hat der gebürtige Schwabe, der aus der Modebranche kommt, autodidaktisch gelernt. Innerhalb kürzester Zeit erkochte er zwei Hauben. Und damit begannen für ihn die Probleme: „Ich spürte einen massiven Druck. Dann fängt das Rad an, sich zu drehen. Es geht gut, solange du es körperlich und geistig mitmachst.“ Bis zu 16 Stunden stand er an manchen Tagen alleine in der Küche. „Das geht an die Substanz, ich war am Wochenende meist so erledigt, konnte mich zu nichts aufraffen.“

Auf der Fahrt zur Arbeit kamen ihm oft die Tränen – Gefühlszustände, die er so zuvor nicht erlebt hatte. Vor den Gästen hatte Strasser das Gefühl, er müsse eine Maske aufsetzen. „Sie wollen einen schönen Abend genießen, da interessiert es niemanden, wie es dem geht, der in der Küche steht und der serviert. Das war kräftezehrend und aussaugend.“

Vor dem Haus

Was Sven Strasser von Burn-out-Betroffenen unterscheidet, ist, dass er die Zeichen erkannte und Konsequenzen zog: Vor zwei Jahren schlossen die Strassers ihr Restaurant. „Als wir das Lokal verkauft haben, ist mir ein Stein runtergefallen.“ Hilfe bekam er in dieser Zeit vor allem von seiner Familie und von Felix. Gemeinsam zogen sich die Beiden aufs Land zurück. In Zistersdorf hatten sie schon zuvor ein Haus erworben.

Das Gebäude, Baujahr 1906, war „in einem katastrophalen Zustand“, so Strasser. Mit viel Liebe und Sorgfalt schufen er und sein Partner daraus ein Haus in Barockoptik – das Strassergut. Blausperber-, Marans- und Sulmtaler-Hühner laufen heute durch den Garten. Die Tiere und das Leben in der Natur geben ihm Kraft.
Ein Restaurant wollte er hier nicht mehr aufbauen. „Wir bieten Kochkurse im kleinen Kreis an. Die Angst, dass alles wieder in Stress und Druck ausartet, ist groß.“

„Im Traum erschien mir immer wieder die Heilige Elisabeth“

Sie hat in den vergangenen Monaten deutlich Gewicht verloren. Und ihre Bewegungen sind auch noch nicht so schnell und selbstbewusst wie zuvor. Doch sie hat ein Leuchten in den Augen, das sagen will: Ich habe überlebt, und das wird mich stärker machen, ganz sicher!

Erst langsam realisiert Karin Niederhofer wie nahe sie dem Tod war. Sie hatte Glück im Unglück. Am 5. September des Vorjahrs war sie zu einer Routine-Untersuchung ins Wiener Elisabethspital gefahren. Gut, der Bauch hatte ihr im Urlaub wehgetan. Aber das schien noch kein Grund zur Sorge.

Sie erzählt: „Ich habe eine kleine Tasche gepackt. Zwei Tage zur Untersuchung, da braucht man nicht viel. Sieben Wochen später wurde ich entlassen und man brachte mich direkt zur Reha.“

Während der Darmspiegelung plötzlich Komplikationen. Überall sonst hätte dies den sicheren Tod bedeutet. Das Spital war ihre Rettung. Die Ärzte leiteten sofort eine Notoperation ein. Sechs Stunden kämpften sie gegen den Tod. Sechs Monate arbeitete sich Niederhofer dann wieder ins Leben zurück. Zuerst in der Intensivstation, dann in Rehazentren.

An die Begegnung mit dem Tod erinnert sie sich schleierhaft: „Mir war, als läge ich in einem Zugabteil, im Schlafwagen ganz unten. Ich hörte Geräusche, Stimmen, Piepsen von Maschinen. Ich sah Menschen kommen und gehen. Sie berührten mich, ich spürte sie weit weg. Ich hatte Albträume, im Traum erschien mir immer wieder die Heilige Elisabeth.“
Noch eine Kur, dann wird sie entlassen. Für Karin Niederhofer hat ein neues Leben begonnen: „Ein Leben, das für mich sehr wertvoll ist, und auf das ich auch ganz sicher sehr gut aufpassen werde.“

Vor dem Comeback

Feinfühliger sei sie geworden sagt die Überlebende auch. „Wenn du nicht weißt, ob du dich jemals wieder bewegen kannst, beginnst du Kleinigkeiten mehr zu schätzen.“ Ihre Krankheit hat sie sehr dankbar gemacht: „Weil ich einen tollen Sohn habe, der mir unendlich viel geholfen hat, und weil ich echte Freunde habe, die um mich gebangt haben.“
In Kürze wird Karin Niederhofer wieder für ihre Senioren da sein. Die Gründerin des Seniorencollegs in Wien II bringt seit Jahren Menschen jenseits der 80 den Umgang mit dem Computer näher. In Kürze will sie wieder Kurse halten. Doch nicht mehr so intensiv wie zuvor.

Du oder ich, ich oder du: Vier Todesfälle und eine Hochzeit

Vorsichtig fährt sie dem schwarzen Spaniel „Sunny“ mit der Bürste durch sein Fell. Lisa Schmid führt seit vier Jahren einen Hundesalon in Wien 19. Selbstständig zu arbeiten, nach Terminvereinbarung – ohne sich jemandem unterzuordnen –, war für sie ein lang gehegter Wunsch. Neben der Arbeit plant sie auch ihre Hochzeit. In zwei Monaten wird sie ihren Freund heiraten.

Wer ihre Geschichte nicht kennt, würde es der 29-jährigen Frau nicht anmerken, dass sie in den vergangenen Jahren vier Familienmitglieder verloren hat. Als Schmid 17 war, starb ihre Oma, bei der sie viel Zeit verbrachte. Nur zwei Monate später ging auch ihre Großtante. „Damals hatte ich das Gefühl, ich will nicht mehr sein, ohne diese beiden Menschen.“

Schmid hält kurz inne, schaltet den Föhn aus und erklärt: „Ich habe gelernt, dass, wenn ein Mensch geht, sich die Chance eröffnet, einen anderen Menschen näher an sich heranzulassen.“ Damals war es ihr Vater, der legendäre Wiener Musiker Hansi Lang. Nach dem Tod der Großmutter zog sie zu ihm. „Wir standen uns aber nicht so nahe. Jetzt konnte ich mit ihm zusammenwachsen. Das war anfangs schwierig, dann aber umso schöner.“

Doch die Zeit, die sie miteinander verbringen konnten, war nur von kurzer Dauer. 2008 starb ihr Vater nach einem Schlaganfall. Kurz davor war auch ihr Stiefvater im Alter von nur 44 Jahren gestorben. „Das brachte mich wiederum mit meiner Mutter näher zusammen“, erinnert sich Schmid heute.

Vor der Trauung

Neben dem Schmerz und der Trauer musste sie viel Bürokratie erledigen, doch ihr Freund stand ihr bei. „Diese Erfahrung war unsere Chance, zusammenzuwachsen – in einer Situation, die sehr schwierig war.“ Von dem, was ihr der Vater hinterließ, konnte sie sich auch den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen – sie eröffnete den Hundesalon.

„Jetzt, vor der Hochzeit, denke ich oft an meinen Vater. Es wäre schön, wenn er dabei sein könnte.“ Die Trauung findet in einer Kapelle statt, in der sie oft mit ihm war. Auch wenn der Tod schmerzt, hat Lisa Schmid gelernt, daraus eine positive Sicht zu entwickeln. „In gewissen Situationen fallen einem Eigenschaften oder Sprüche ein, die diese Menschen gerne gemacht oder gesagt haben, dann hast du sie eh bei dir, nur halt auf eine andere Art und Weise.“

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