Leben 06.02.2018

Safer Internet Day: Ferien vom Smartphone

. © Bild: Daniela Davidovits

Das Handy ist das Streitthema Nummer 1 in Familien. Eine Redakteurin und ihre Familie nimmt eine Auszeit vom Online-Stress.

Wenn Jonas im Bus sitzt, zückt der Elfjährige sein Handy und spielt. Bevor er in die Klasse hinaufgeht, schaut er mit einem Freund ein YouTube-Video an. In der Lerngruppe seiner Klasse auf WhatsApp stellen Kinder nach zehn Uhr abends Fragen zum Teststoff. Die Ferien würde er am liebsten am Handy mit seinen Lieblings-YouTube-Stars verbringen.

In anderen Familien

Als Mutter ist es für mich keine Erleichterung, dass es in vielen anderen Familien auch so zugeht. Im Gegenteil: Die Wut auf das Handy wächst und am liebsten würde ich Jonas und seinen Freunden sagen: "Jetzt pack doch mal das Handy weg!" Kein Wunder, dass Medienexperte Thomas Feibel sein neues Buch genau so nennt. Er ist Vater von vier Kindern und spricht den Eltern aus der Seele. Familientherapeut Jesper Juul bringt das Dilemma auf den Punkt: "Ich nenne die elektronischen Geräte Familienmitglieder, weil sie so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Kultur von Familien auf eine Weise verändern, die für die Beziehungen ungesund ist." Wir müssen bei uns selbst anfangen, sagt Buchautor Feibel, "wenn wir unsere Kinder von der digitalen Sucht befreien wollen".

Urlaub ohne Facebook

Ich habe mich also an seinen Tipps orientiert und Handy-regeln für die ganze Familie aufgestellt (siehe Infografik unten). Und damit befinde ich mich in guter Gesellschaft. Manager von Apple, eBay, Google, Hewlett-Packard und Yahoo im Silicon Valley schicken ihre Kinder in computerfreie Alternativschulen. Sogar der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs hatte einmal in einem Gespräch mit der New York Times über das iPad gesagt: "Unsere Kinder haben es noch nicht verwendet. Wir schränken die Zeit ein, die sie zu Hause mit Technologie verbringen."

Der Chef der Robotikfirma 3D und Vater von fünf Kindern, Chris Anderson, sagte es noch deutlicher: "Wir haben die Gefahr von Technologie aus erster Hand erlebt, ich hab es an mir selbst gesehen. Ich möchte nicht, dass das meinen Kindern passiert." Frankreichs Präsident Emmanuel Macron denkt anscheinend ähnlich und ließ kürzlich Handys an Schulen verbieten.

Ein Geschenk an mich

Ich fange also bei mir selbst an und schenke mir in den Ferien eine Auszeit. Der Augenblick, in dem ich mich auf Facebook von meinen Freunden verabschiede und auf Ausloggen tippe, ist ein Gänsehaut-Moment. Aus WhatsApp kann ich mich nicht ausloggen, ich könnte es nur deinstallieren, also schiebe ich die App weg von meiner Handy-Startseite. Die eMails lese ich, wenn ich mir dafür die Zeit nehme – das Handy meldet sich aber nicht mehr sofort, sobald eine Nachricht eintrifft.

Ablenkungen

Und Feibel hat recht: Es sind die Push-Meldungen, die ständig eintrudelten und mich von den Menschen in meiner Umgebung ablenkten. "Lasse ich das Smartphone alles unterbrechen oder kann ich bewusst und selbstbestimmt alles durchgehen?", fragt er provokant. Ich bin im Urlaub nur telefonisch und per SMS erreichbar. Wer mir etwas mitteilen möchte, kann mich kontaktieren, aber ich werde nicht ständig behelligt.

Aus dem Fokus

Bei der Handy-Entwöhnung für alle geht es auch darum, das Telefon aus dem Fokus zu bringen, rät Feibel. Die allgemeinen Vorgaben halten wir jetzt noch genauer ein: Kein Handy bei den Mahlzeiten. Die Telefone werden auf einem eigens dafür vorgesehen Platz weggelegt. Wer das Handy braucht, holt es sich – aber es liegt nicht in Griffnähe.

Zeit für "Tabu"

Den Kindern wird anfangs schneller langweilig. Für die Freizeit nach dem Skifahren bereite ich eine gute Auswahl vor, damit die Kinder ihren Tatendrang kanalisieren können. Endlich kann ich die Kinder zu einer Runde "Tabu" überreden – ein Spiel, bei dem man Begriffe beschreiben und erraten muss. Mein persönlicher Favorit, für den ich schon lange meine Kindern begeistern wollte. Seit es die schnelle Ablenkung mit dem Handy nicht mehr gibt, lassen sie sich auch auf Anstrengendes ein.

Lagerfeuer-Charakter

Als elektronisches Überbleibsel gibt es gemeinsames Fernsehen, das hat Lagerfeuer-Charakter und verbindet. Auch die Generationen: Wir schauen unsere Familienserie – "Full House" – über eine Patchworkfamilie aus den 80er-Jahren an. Nachher fragen die Kinder uns über das Leben vor dem Handy aus. Sie können sich kaum vorstellen, dass man nicht ständig Google verfügbar hatte, um alle Fragen zu beantworten.

Für den Alltag nach den Ferien überlegen wir den Schritt zurück. Vielleicht braucht der Elfjährige doch keine mobilen Daten für unterwegs? Und ist wirklich ein Smartphone nötig – reicht nicht auch ein Tastentelefon wie bei seinem Freund? In der Klasse legen die Kinder neuerdings ohne Diskussionen alle Telefone in einen Kasten und bekommen sie erst zu Mittag zurück. Niemand kann mehr Handyspielen statt Zuhören. Genau so wie im Urlaub.

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( kurier.at ) Erstellt am 06.02.2018