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Leben
09/10/2012

Reportage: Auf das Leben vorbereiten

Miteinander lachen, spielen und kuscheln. Bildung beginnt bereits im Kindergarten – aber ganz ohne Drill.

Die Plastikgiraffe ist umringt von drei bunten Lego-Wänden. "Da fehlt ja eine Mauer. Na, hoffentlich läuft sie nicht weg", ruft die Kindergärtnerin. Sofort greift die kleine Vivi zu einem grünen Baustein und beginnt, die fehlende Mauer hochzuziehen. Konzentriert nimmt eines der anderen Kinder ein Fenster und setzt es auf die Mauer. Eine Giraffe braucht schließlich auch Tageslicht.

Im Kindergarten werden die Weichen für das spätere Leben gestellt. Vom verstaubten Bild der Aufbewahrungsstätte ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Kinder werden nicht nur beaufsichtigt, sondern auf die Schule vorbereitet. Laut Alexandra Csincsich, Leiterin des Kindergartens Pötzleinsdorf, heißt das aber nicht, dass schon die Kleinsten die Schulbank drücken müssen. Die Kinder lernen, während sie spielen.

"Unsere Aufgabe ist deshalb, zu beobachten und zu überlegen, wo das Kind Impulse braucht." Die Aufgabe der Kindergärtnerin sei es, dem Kind Denkanstöße zu geben, sodass es durch neue Aufgaben herausgefordert wird.

Drei Versuche

Nachdem das Problem mit der Giraffe beseitigt ist, kommt der zweijährige Arthur mit zwei zusammengesteckten Lego-Steinen und streckt sie seiner Pädagogin entgegen. Diese nimmt sie auseinander und gibt ihm die Aufgabe, sie andersrum wieder zusammenzusetzen. Er probiert es in alle Richtungen – drückt die noppigen Enden zusammen, und auch die mit den Löchern. Endlich Erleichterung und Freude: Beim dritten Versuch hat es geklappt. "Schau, wie gut du das schon kannst!" Der Kleine strahlt.

"Wir achten bei den Kindern auf soziale, emotionale, aber auch motorische Kompetenzen", meint Csincsich. Mit simplen Übungen wie dem Zusammensetzen von Lego-Steinen bekommen Kinder ein Gefühl für Raum, Logik und gemeinschaftliches Arbeiten – Spaß inklusive. Im Schlamm spielen, mit Fingerfarben malen oder auch verschiedenste Dinge in den Mund nehmen – all das gehört zum ersten und wichtigsten Lernprozess dazu. Genauso spielerisch werden kognitive Fähigkeiten wie Sprache und Kreativität erarbeitet. Zum Beispiel, indem die Pädagogen mit den Kindern ein Bilderbuch anschauen oder Rollenspiele anregen.

Bildungspartner

Viele Eltern haben meist keine andere Wahl als den Kindergarten, da oft beide Elternteile berufstätig sind. Csincsich betont daher, wie wichtig es sei, dass Mütter und Väter mit den Kindergartenpädagogen eine Bildungspartnerschaft eingehen.

"Wir halten Rücksprache mit den Eltern, teilen mit ihnen die Erfolge der Kinder und arbeiten gemeinsam an den nächsten Zielen. Wir ersetzen das Elternhaus nicht, wir ergänzen."

Eine gute Ergänzung, wie es scheint: Im Pötzleinsdorfer Kindergarten der Gemeinde Wien, im 18. Bezirk, herrscht allergrößtes Vertrauen zu den Betreuern. Der Jüngste der Gruppe, noch mit Windel und Schnuller unterwegs, schaut skeptisch, aber interessiert zu, wie ihm die Fußsohlen leuchtend grün angemalt werden. Mit etwas Unterstützung beim Laufen hinterlässt er – wie einige an dere Kinder bereits vor ihm – schöne bunte Abdrücke auf einem großen weißen Plakat. Was für ein Erlebnis.

Nach so viel Action im Kindergarten sei es für die Eltern wichtig, den Rest der Tageszeit mit ihren Mädchen und Buben zu nutzen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Was man gemeinsam unternimmt, spiele dabei keine Rolle, meint Csincsich. "Wichtig ist nur, dass die Mütter und Väter mit ihren Kindern bewusst und intensiv Zeit verbringen. Die Kinder spüren und schätzen das sehr, auch wenn es nur eine kurze Zeit ist."

Die Kleinen des Kindergartens in Pötzleinsdorf scheinen jedenfalls sehr zufrieden zu sein: Es wird gespielt, gelacht, mit den Pädagoginnen gekuschelt. Und dabei wird auch jede Menge Spielzeug in den Mund gesteckt – Letzteres natürlich nur zu Bildungszwecken, versteht sich.

Hotline

Probleme in der Schule? Der KURIER-Schüleranwalt weiß Rat. Sie erreichen das Team rund um die Uhr per eMail unter schueleranwalt@kurier.at. Telefonisch erreichen Sie uns am jeden Mittwoch von 8 bis 10 Uhr, und jeden Freitag von 15 bis 15 Uhr unter Tel. 0664/60 700 30000. Infos unter www.kurier.at/schueleranwalt.

Im Vorschulalter werden die Grundlagen gelegt

Kinder, die einen Kindergarten besucht haben, schneiden in den PISA-Tests beim Lesen besser ab. Für die Pädagogin Gabriele Bäck ist das aber nicht der einzige Grund, warum Buben und Mädchen einen Kindergarten besuchen sollten: "Die Kleinen knüpfen dort oft die ersten Kontakte mit Gleichaltrigen. Für viele ist das eine wichtige und neue Erfahrung."

Bäck ist Wissenschaftlerin im Charlotte-Bühler-Institut für praxisorientierte Kleinkindforschung. Dieses hat sich zum Ziel gesetzt, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereite n, dass sie Eingang in die Kindergartenpraxis findet.

Aus der Neuroforschung wisse man, wie wichtig die frühkindliche Bildung für das gesamte spätere Leben ist: "Hier werden die Grundlagen gelegt und Interessen der Kinder gefördert", meint Bäck. Am meisten profitieren die Kinder, in deren Familien Bildung keine so große Rolle spielt. "Deshalb ist der Kindergarten ein Garant für mehr Chancengerechtigkeit", sagt Bäck. Pädagoginnen können aber nicht alle Defizite der Kinder ausgleichen. "Wir brauchen die Eltern. Am meisten profitieren Kinder nämlich, wenn Eltern und Kindergärtnerinnen an einem Strang ziehen. Deshalb wäre es gerade in sozialen Brennzonen wichtig, dass die Pädagogen mehr Ressourcen für Elternarbeit hätten." Doch dafür fehlen die Mittel.

Die Ressourcen fehlen auch in den Kindergärten selbst: "In den Ballungszentren wie Wien gibt es zu wenig ausgebildetes Personal, weil die Rahmenbedingungen schlecht sind – zu wenig Personal, zu geringes Gehalt. Die Jungen Pädagogen wechseln sehr häufig ihren Arbeitsplatz", weiß Bäck aus Erfahrung.

Auch an der Pädagogenausbildung müsse sich etwas ändern, meint Bäck: "Die BAKIP (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik) ist zwar eine gute Schule. Doch die Schüler sind zu jung, wenn sie den Beruf erlernen. Eine Ausbildung auf Hochschulniveau wäre besser."

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