Leben
26.05.2017

Rauchen in China: "Arme systematisch süchtig gemacht"

44 Prozent der weltweiten Raucher leben im Reich der Mitte.

In Peking und Shanghai feiert China Erfolge mit strikten Gesetzen gegen das Rauchen. Doch der Schein der modernen Metropolen trügt. Die Volksrepublik bleibt das Land der Raucher - die Weltgesundheitsorganisation fordert nun "entschiedene Maßnahmen".

Liu Ying hat den Gestank von Zigaretten schon immer gehasst. Doch die Zeiten, in denen sie wehrlos in verqualmten Restaurants oder Bars sitzen musste, sind für die Pekingerin vorbei. "Wenn trotz Verbot geraucht wird, hole ich mein Handy raus und mache Fotos", sagt die 37-Jährige.

Per App kann sie den Vorfall dann melden. Auf einer digitalen Karte werden betroffene Gaststätten für jeden sichtbar zunächst mit einem blauen Warnlicht gekennzeichnet. Gibt es mehr als fünf Verstöße, ändert sich die Farbe zu Rot. Dann droht dem Restaurant ein saftiges Bußgeld. "Es ist nicht nett, aber es funktioniert", sagt Liu Ying.

Erstmals "ausgezeichnetes" Nichtrauchergesetz

Nach halbherzigen Versuchen in der Vergangenheit sei es Peking erstmals gelungen, "ein ausgezeichnetes" Nichtrauchergesetz durchzusetzen, lobt auch Bernhard Schwartländer vor dem Weltnichtrauchertag am 31. Mai. Als China-Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört er zu den schärfsten Kritikern der Zigarettenkultur.

Streng werde seit der Einführung vor zwei Jahren nicht nur in Restaurants, sondern auch in öffentlichen Gebäuden und Büros kontrolliert. Chefs, die Angst vor den hohen Strafen haben, würden das Verbot bei ihren Mitarbeitern durchsetzen. "Es gibt ein ganz neues Bewusstsein", schwärmt Schwartländer.

Trotz der Erfolge in den größten und fortschrittlichsten Städten Shanghai, Peking und Shenzhen ist der WHO-Chef mit dem Gesamtbild in China aber noch alles andere als zufrieden: "Große Teile des Landes fallen weit zurück." Bei seinen Reisen komme Schwartländer auch immer wieder in Städte, in denen sich nicht ein einziges Hotel mit Nichtraucher-Zimmern finden lasse.

In einem gemeinsamen Bericht warnen die WHO und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) davor, dass bis zum Ende des Jahrhunderts 200 Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens in China sterben könnten. Mit 315 Millionen Menschen, die zur Zigarette greifen, leben in dem Land 44 Prozent der weltweiten Raucher. "Entschiedene Maßnahmen" seien nötig.

Mächtige Tabaklobby

Der Einfluss der mächtigen staatlichen Tabakindustrie sei schuld daran, dass in China internationale Verpflichtungen zur Tabakkontrolle bisher nicht eingehalten werden, so Schwartländer. Auch ein landesweites Nichtrauchergesetz werde von der mächtigen Tabaklobby erfolgreich verzögert.

Chinas ist unangefochtene die Nummer Eins auf der Welt in der Produktion von Zigaretten. Fast der gesamte Markt wird von dem Staatskonzern China National Tobacco Corporation kontrolliert, der mehr als 160 Zigarettenmarken vertreibt. Jegliches Vorgehen gegen das gesundheitsschädliche Laster scheiterte in China bisher oft an der gewaltigen Bedeutung der Industrie.

Zigaretten bescheren nicht nur dem Staat Einnahmen, sondern sichern auch etwa 20 Millionen Menschen ihr Einkommen. Dazu zählen etwa 1,3 Millionen Tabakbauern und fünf Millionen Verkäufer.

"Die Industrie sitzt bei allen Entscheidungen mit am Tisch", kritisiert auch Zhang Jianshu, der Vorsitzende der Pekinger Vereinigung zur Tabakkontrolle. "Die Tabakindustrie behauptet immer, dass sie der Regierung massive Steuereinnahmen liefert." Doch die Kosten, die durch kranke Raucher auf das Gesundheitssystem zukommen, würden diese Einnahmen langfristig um ein vielfaches übersteigen.

Günstige Zigaretten

Aus Sicht von Zhang Jianshu müssen drei Dinge schnell geschehen: Die Tabakindustrie muss in ihrer Macht beschränkt werden, die scharfen Gesetze von Peking und Shanghai auf das ganze Land ausgeweitet und die Preise für Zigaretten drastisch erhöht werden.

Das sieht auch Schwartländer als wichtigsten Schritt, um die Zahl der Raucher zu reduzieren. "Eine Schachtel Zigaretten ist hier so billig wie eine Flasche Wasser", sagt der WHO-Experte: "Junge Menschen und Arme werden so systematisch süchtig gemacht."