Raoul Wallenberg ging mit 32 Jahren nach Budepest, um Menschenleben zu retten.

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Schweden
05/19/2016

Diplomat Wallenberg bis heute verschollen

Er rettete Zehntausende Juden, doch niemand half ihm. Bis heute ist Raoul Wallenbergs Schicksal ungewiss.

von Sandra Lumetsberger

Nur mit einem Rucksack, Ledermantel und Borsolinohut bekleidet, trifft Raoul Wallenberg im Juli 1944 im Hotel Gellért in Budapest ein. Diplomaten sehen anders aus – doch der 32-jährige Schwede ist nicht hier, um bei feinem Essen lange Gespräche zu führen. Er will Juden retten.

Was der Industriellensohn aus Stockholm, ausgestattet mit Diplomatenpass und Geldmittel, binnen kürzester Zeit in Budapest aufstellte, sollte das Leben Zehntausender Juden retten. Er mietete Häuser an, stellte Schutzpässe aus, versorgte die Menschen im jüdischen Getto mit Lebensmitteln und Medikamenten. Sogar vom Straßenrand aus zog er Menschen aus den Kolonnen. Doch Wallenberg, der später als schwedischer Oskar Schindler bezeichnet wird, bekam weder Dank noch Anerkennung. Im Gegenteil. Im Jänner 1945 nahm ihn die sowjetische Spionageabwehr "SMERSCH" fest und brachte ihn nach Moskau. Schwedens Außenminister stellte zwar Kontakt her, konnte aber keine Erfolge erzielen. Bis heute ist ungeklärt, was mit Wallenberg passierte.

In Budapest tagt ab Freitag eine Konferenz der "Raoul Wallenberg Research Initiative": Familienangehörige wie seine Großnichte Cecilia sowie Geschichts- und Rechtsexperten beraten, wie sie zu weiteren Informationen und Akten kommen können. "Lange wurde über sein Schicksal geschwiegen", sagt Historiker Dieter Bacher vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung. Gemeinsam mit LBI-Leiter Stefan Karner präsentierte er kürzlich Forschungsergebnisse über Wallenberg in Stockholm (Buch: "Auf den Spuren Wallenbergs"). Dabei wurde auch über eine neue Kooperation zwischen Schweden und Russland diskutiert– denn es gäbe noch viel Erklärungsbedarf. Nach Wallenbergs Festnahme leugnete die Sowjetunion sogar, dass er sich in ihrem Land befinde. 1957 wiederum behaupteten sie, dass er am 17. Juli 1947 in seiner Zelle an einem Herzinfarkt gestorben sei. Dieses Datum ist laut Dieter Bacher zwar realistisch, aber nicht gesichert. Es stellen sich aber noch weitere wichtige Fragen: Zum Beispiel, warum der sowjetische Geheimdienst das Risiko eingegangen war, einen Diplomaten zu verhaften und nach Moskau zu bringen. "Was hat man sich davon versprochen? Warum griff man zu diesen Maßnahmen? Die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen zu dieser Zeit wurden zu wenig erforscht."

Spekulationen

Spekulationen gibt es viele, etwa dass die Russen Wallenberg für einen US-Spion hielten. In Budapest pflegte er Kontakte zu Amerikanern – sie waren die geheimen Geldgeber seiner Mission. 1944 wählten ihn Vertreter des "War Refugee Boards" und des Jüdischen Weltkongresses aus, um die Massenvernichtung ungarischer Juden zu verhindern. Sein jüdischer Geschäftspartner Koloman Lauer, mit dem er einen Delikatessenhandel in Stockholm betrieb, hatte den alleinstehenden Industriellensohn vorgeschlagen. Wallenberg sagte zu. Was er später in Budapest leistete, erfüllte ihn. Und er nahm in Kauf, dass er vielleicht nie wieder zurückkehren würde. Zu seinem Diplomatenkollegen Per Anger sagte er bei ihrem letzten Treffen: "Für mich gab es keine Wahl. Ich habe mich dieser Aufgabe angenommen und wollte niemals nach Stockholm zurückkehren, ohne zu wissen, dass ich nicht alles getan habe, was in menschlicher Macht steht, um so viele Juden wie möglich zu retten."

Zur Person:

Geboren am 4. 8. 1912 auf der Schäreninsel Lidingö, Stockholm. Drei Monate zuvor starb der Vater. Aus der zweiten Ehe seiner Mutter stammen Guy von Dardel (2009) und Nina Lagergren. Während seines Studiums in den USA lernte Wallenberg Russisch. Danach arbeitete er in Haifa für eine holländische Bank. 1936, zurück in Schweden, arbeitete er für Koloman Lauer. Da der ungarische Jude geschäftlich nicht in von Nazis besetzte Gebiete reisen konnte, übernahm das Wallenberg für ihn.

Raoul ist ein großer Teil meines Lebens

Auch 71 Jahre nach seinem Verschwinden sucht Raoul Wallenbergs Familie noch immer nach Antworten zu seinem Schicksal. Für seine Großnichte Cecilia Åhlberg steht fest, dass nach wie vor wichtige Dokumente und Fakten fehlen, die seinen Tod erklären und belegen.

KURIER: Raoul Wallenberg verschwand 1945. Sie kamen erst viele Jahre später zur Welt. Welches Bild haben Sie von ihm?

Cecilia Åhlberg: Für mich ist er ein Held. Er zeigte Zivilcourage und Menschlichkeit, er wollte anderen wirklich helfen. Allerdings ist es wichtig zu sagen, dass er das nicht alleine gemacht hat. Es gab viele Menschen, die ihm bei seiner Mission geholfen haben, wie Leute von der Botschaft. Sie haben Schutzpässe ausgestellt und die Menschen in Not mit Essen und Medikamenten versorgt.

Obwohl er Zehntausende rettete, hat die schwedische Regierung nach seiner Festnahme wenig unternommen. Warum?

Wir wissen es nicht.

Wusste seine Familie über seine Mission Bescheid?

Meine Großeltern, also Raouls Schwester und ihr Mann, lebten damals in Berlin. Im Juli 1944 flog Raoul zu ihnen und nahm am nächsten Tag den Zug nach Budapest.

Wie war die Beziehung zwischen Raoul und seiner Schwester?

Sie standen sich sehr nahe, obwohl sie neun Jahre Altersunterschied trennte. Als sie aufwuchs, war Raoul oft unterwegs. Er studierte in den USA Architektur. Das wollte sein Großvater, er sollte etwas vom "American spirit" abbekommen. Zurück aus dem Ausland, wurde ihre Beziehung enger, sie haben viel gemeinsam unternommen.

Wie war Wallenberg privat?

Er war sehr lustig. Meine Großmutter erzählte mir, dass er andere sehr gut imitieren konnte: Franzosen, Engländer, Deutsche. Und sie erinnert sich immer wieder an einen Kinobesuch mit ihm, einige Jahre bevor er nach Budapest fuhr und verschwand: Sie schauten sich heimlich in einem kleinen Kino einen verbotenen anti-deutschen, britischen Kriegspropaganda-Film an. Es ging um einen Archäologen, der Menschen aus Konzentrationslagern befreite. Nach dem Film sagt Raoul zu meiner Großmutter, dass er auch so etwas tun möchte. Der Film hat ihn vermutlich inspiriert.

Wie hat sein Schicksal Ihr Leben beeinflusst?

Ich war sehr jung, aber ich erinnere mich an die 1970er, als wir zur russischen Botschaft marschiert sind, um wieder etwas herauszufinden. Ich bin mit all dem aufgewachsen. Raoul ist ein großer Teil meines Lebens, er ist immer präsent. In den 1980ern wurde wenig über ihn gesprochen. Erst seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren ist er in Schweden populär und man spricht von ihm als Vorbild.

Es gibt viele Mythen über seinen Tod. Wie ging Ihre Familie damit um?

Seine Mutter und sein Stiefvater taten jahrelang alles Mögliche, um etwas über seinen Verbleib herauszufinden. Sie gingen ins Auswärtige Amt, nahmen Kontakt zum russischen Botschafter auf. Nach ihrem Tod (beide begingen 1979 Suizid, Anm.) setzten ihre Kinder die Nachforschungen fort. Guy (Wallenbergs Halbbruder, Anm.) forschte viel über ihn. Er war zehn Jahre in der russisch-schwedischen Untersuchungskommission. Auch meine Großmutter versuchte, die Erinnerung an ihn am Leben zu halten.

Zur Person: Cecilia Åhlberg arbeitet in der Stiftung "Raoul Wallenberg Akademie" in Stockholm, die 2001 von ihrer Großmutter Nina Lagergren gegründet wurde. Sie ist 95 und gibt keine Interviews mehr.

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