Leben
24.04.2017

Weltrekordler radelt gegen Mann mit Batterie

Ein KURIER-Redakteur trat mit einem Elektro-Rennrad gegen den steirischen Weltrekordler Christoph Strasser an. Wie das Duell ausging.

Kitzhorn steht auf dem himmelblau lackierten Rennrad-Rahmen aus der Kitzbüheler Manufaktur Steinbach. Es soll wohl suggerieren: Mit diesem Leicht-Geschoß und seinem winzigen Motor schießt du die Alpen rauf wie die gedopten Athleten der Tour de France. Als gäbe es kein Morgen. Als hätten Bergstraßen keine Steigungen.

Noch fünf Minuten bis zum Start: Der Kontrahent lugt interessiert auf das Kitzhorn. Ortet die Batterie in der Satteltasche, den Antrieb im Sattelrohr und die Kraftübertragung über ein Kegelradgetriebe direkt an der Kurbel. Er nickt, anerkennend.

Weltrekord quer durch Amerika

Christoph Strasserkennt sich mit Rennrädern aus. Besser gesagt: Er weiß, wie man damit richtig Tempo macht. Der 34-jährige Steirer hat bereits drei Mal dasRace Across America gewonnen. Und keiner strampelt schneller durch Australien beziehungsweise rund um Österreich als er.

Noch ein Lächel-Foto vor dem Barockschloss Eggenberg. Dann zeigt der Weltrekordler aus der Steiermark dem Herausforderer aus Wien, wo der Bartel den Most holt und wie man Graz am Schnellsten im Westen verlässt. Das Kitzhorn in Ehren, aber der hat Wadln, da kann kein Normalsterblicher mit. Vor allem: Er brennt schon für seinen nächsten Start, in wenigen Wochen. Da will er erneut durch Amerika glühen.

Eine Stange Geld

Bis zur Stadtgrenze in Gösting wird gebummelt und beschnuppert. Im Windschatten des Extremsportlers fährt es sich einigermaßen gut, auch das Stop & Go an den Kreuzungen kommt dem Verfolger sehr entgegen. Der steirische Lokalmatador nimmt die ersten Kilometer auffallend locker: Er fährt mit einem ruhigen Puls von 120 Schlägen, während das Herz seines Verfolgers mit jedem Tritt kräftiger pumpt. Glück für den Herausforderer: Strasser befindet sich nach drei Wochen intensiven Trainings in einer Woche, die in erster Linie seiner Regeneration dienen soll.

Die Strecke führt um und nicht über den Plabutsch, den Hausberg der Grazer. Auch das ist kein Nachteil. Die Oberschenkel beginnen in der nur leicht ansteigenden Thalstraße zu brennen. Thaliastraße! Der Alltagsradler sehnt sich nach Wien.

Elektro-Antrieb anwerfen, zum Profi aufschließen

Schon tut sich eine erste Lücke auf. Schnell den Wunderknopf auf dem Lenker drücken! Der in Österreich entwickelte, nur 2,5 Kilo schwere Elektro-Antrieb sorgt sofort für zusätzliche Kräfte. Was das Aufschließen unendlich erleichtert.

Der Spaß kostet aber auch eine Stange Geld. Das Kitzhorn, zweifelsohne ein schön gearbeitetes, leichtes Rennrad, aber nicht einmal mit der besten Schaltgruppe ausgestattet, steht mit knapp 5000 Euro im Katalog, und nach oben hin gibt es kaum Grenzen. Der Steinbach-Händler Gerhard Brandl erzählt, dass er auch schon Räder um 12.000 Euro verkauft hat.

Anfängerfehler

Der Profi trägt Handschuhe. Nicht aus ästhetischen Gründen, wie sich allzu bald zeigen wird. Wer seine Handschuhe leichtfertig zu Hause lässt, wird bereits ab Kilometer 10 mit argem Kribbeln bestraft.

Vor dem Schwarzenegger-Museum biegt die Wettfahrt in die Thalerseestraße. Es geht vorbei am Naturbadesee und an einem Golfclub. Doch der E-Biker hat längst keinen Sinn mehr für die Schönheit einer Naherholungslandschaft. Sein Atmen wird langsam schneller.

Bald tut sich ein weiteres Dilemma auf: Anders als der Hobbyradler tritt der Profisportler nicht nur bei Steigungen kräftig in die Pedale, er nützt auch die Abfahrten dazu, um seine Muskeln zu trainieren. Jede Minute auf dem Rennrad muss möglichst effizient genützt werden, so seine Devise. Immer öfter geht daher der Windschatten verloren, immer länger werden die Phasen, in denen nicht nur die Muskel-, sondern auch die Batteriezellen ausgiebig brennen.

Herzrasender Reporter gibt auf

Auf der ersten ernsthaften Steigung, der Straße über den Steinberg nach Rohrbach, muss der herzrasende Reporter endgültig abreißen lassen. (Nach gerade einmal 15 gefahrenen Kilometern, um gleich mit der ganzen Wahrheit rauszurücken.) Das Race Across Steiermark ist an dieser Stelle zu Ende.

Ein dicker Baum spendet Schatten, und Trost. Senkt sich dann auch der Adrenalin-Spiegel, lässt sich in aller Ruhe analysieren: Bleibt die eigene Trittfrequenz im bescheidenen Bereich, hilft einem die E-Unterstützung nicht wirklich weiter. Die maximal 120 Watt aus der Steckdose schaffen nur dann einen Ausgleich zwischen zwei Radlern, wenn die Leistungsniveaus nicht weit voneinander entfernt sind.

Tröstlich ist auch: Christoph Strasser will in gut einem Monat wieder als Schnellster von der West- zur Ostküste der USA radeln. Der Verfasser dieser Zeilen muss maximal von einer zur anderen Seite Wiens. Und sollte es irgendwo eng werden, schaltet er nicht den Motor zu, sondern steigt in die U-Bahn.

Alles über Christoph Strasser und das Race Across America im Juni.

Lebenslauf: Eigentlich wollte der Kraubather Christoph Strasser, Jahrgang 1982, Fußballer werden. Bis er seine Liebe fürs ultralange Radfahren entdeckte.

Race Across America: Strasser hält bei diesem Extremrennen den Streckenrekord. Für die 4800 Kilometer samt 52.000 Höhenmeter benötigte er 7 Tage, 15 Stunden und 56 Minuten. Mit 896 Kilometern ist er auch aktueller Weltrekordler bei einer 24-Stunden-Solofahrt. Nach Verletzungspause hat Strasser 2016 das Race Around Austria gewonnen. Im Jänner erzielte er bei einer Fahrt durch Australien neuen Weltrekord.