Leben
31.07.2017

Das Pferdemädchen - mehr als ein Mythos

Die innige Beziehung zwischen Mädchen und Pferd existiert nicht nur im Film. Sie ist sogar psychologisch erforscht.

Kommende Woche erlebt Christine Nobbe eine Premiere: Zum ersten Mal seit 30 Jahren fährt die Reitlehrerein und Sportwissenschaftlerin mit vier Mädchen und vier Buben auf Ferienreitlager. "Das gab’s noch nie", lacht sie. "Ein, zwei Burschen waren zwar manchmal dabei – aber das waren meist die Brüder von anderen Teilnehmerinnen." Vier Fünftel ihrer Schüler, schätzt Nobbe, die am Pferdebauernhof Essling am Wiener Stadtrand unterrichtet, sind Mädchen, die meisten zwischen sechs und zwölf Jahre alt.

"Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Buben nehmen Reiten eindeutig als Mädchensport wahr – leider. Man merkt auch sofort, wie sich die Dynamik in der Gruppe ändert, wenn Buben dabei sind." Für Mädchen, beschreibt Nobbe, spiele das Reiten an sich eine wichtige Rolle: "Sie genießen es, von dem Pferd getragen zu werden, aber auch, es zu führen. Ich denke, das hat auch etwas mit Machtausübung zu tun. Der zweite große Punkt ist die Fürsorge: Mädchen wollen am liebsten rund um die Uhr bei ihrem Pferd sein und es pflegen. Burschen hingegen wollen öfter Pausen machen und einfach auf dem Gelände herumtoben."

Sport ist zweitrangig

Die Erfahrungen der langjährigen Reitlehrerin werden wohl viele Eltern bestätigen: Früher oder später kommt bei den meisten Mädchen der Moment, in dem sie um eine Reitstunde oder gar ein eigenes Pony betteln. Wer sich das teure Hobby nicht leisten kann, kauft die erste Schulausrüstung im Pferde-Look – oder nimmt sich ein Wendy-Abo. Auch im soeben angelaufenen Kinofilm "Ostwind" steht die Freundschaft zwischen einem Hengst und einem Teenager-Mädchen im Mittelpunkt (siehe unten).

Doch warum üben Pferde auf heranwachsende Frauen so eine Faszination aus? Sie beschreibe nur ihre Erfahrungen, betont Reitlehrerin Christine Nobbe. Eine Diplomarbeit zu dem Thema habe sie während ihres Studiums abgelehnt – "ich wollte gar nicht so genau wissen, warum hauptsächlich Mädchen reiten".

Harald Euler wollte es wissen. Der deutsche Psychologe hat Mitte der Neunziger die bis dato meistzitierte Studie zur Mädchen-Pferde-Beziehung vorgelegt. Zusammen mit seiner Kollegin befragte er 138 Mädchen und Frauen auf deutschen Reiterhöfen über ihre Motive. Und fand heraus: Die Liebe zu Pferden hat in erster Linie keine sportlichen, sondern psychologische Gründe. "Das wichtigste Motiv ist die Fürsorge", berichtet Euler dem KURIER. "Die pferdenärrischen Mädchen hatten meist zuvor schon verschiedene Haustiere. Das Pferd ist dann der Höhepunkt, das ultimative Tamagotchi. Dass das Kümmern um das Tier viel wichtiger ist als der sportliche Wettbewerb, erkannten wir daran, dass die Mädchen kein Interesse an Turnieren äußerten, wohl aber an Schönheitswettbewerben für ihr Pferd."

Euler wollte die Pferdeverrücktheit der Mädchen auch deshalb erforschen, weil viele Eltern ob der Leidenschaft ihrer Töchter besorgt waren: Sie hatten vermutlich eine umstrittene Aussage von Sigmund Freud im Hinterkopf, der einst behauptete, das Reiten würde die jungen Frauen sexuell erregen. Unsinn, meint Euler. "Das Pferd ist die wahre Liebe, aber ohne jegliche sexuelle Bedeutung."

Gerade in der Pubertät sei das hochgewachsene, starke Tier ein idealer Bezugspunkt, Übergang zwischen den Puppen der Kindheit und dem ersten Partner. "Das Pferd ist in diesem Alter für viele wichtiger als die Mutter", sagt Euler. "Das Mädchen fühlt sich zu seinem Pferd hingezogen, findet, es sei das schönste von allen. Viele dieser Mädchen würden am liebsten direkt im Stall wohnen." Die Genderforscherin Lotte Rose hält den dreckigen Stall übrigens für einen wichtigen Faktor in der Mädchen-Pferd-Beziehung: Hier würden die stets auf adrett getrimmten Mäderln einen willkommenen Kontrast zu ihrer rosaroten Kindheit erleben.

Doch auch das größte Glück währt in den meisten Fällen nicht ewig: Mit 16, wenn das geliebte Tier plötzlich durch einen jungen Mann ersetzt wird, beenden viele Mädchen ihre Karriere als Hobbyreiterin. Nur wenige würden dabei bleiben, berichten Christine Nobbe und Harald Euler: "Es sei denn, der Freund reitet auch." Aber das ist bekanntlich nur sehr selten der Fall.

Nichts macht den Kopf so frei

Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre: Sie hieß Mädi, war klein, etwas dicklich und hatte eine stoische Geduld – kurz gesagt das perfekte Pferd für einen blutigen Anfänger.

Nach jahrelangem Bitten und Betteln hatten mir meine Eltern zum neunten Geburtstag eine Reitstunde geschenkt. Diese lange ersehnten 30 Minuten im Sattel läuteten für mich eine Jugend ein, die ich mir schöner nicht hätte vorstellen können: Lange Ausritte in der Lobau, aufregende Turniere und viel Zeit mit ebenso pferdevernarrten Freundinnen. Damals war mir nicht bewusst, wie viel mir diese majestätischen Tiere beibrachten. Zum Beispiel, dass man gewisse Dinge im Leben nicht erzwingen kann. Jeder, der sich schon einmal gegen 500 Kilogramm pure Muskelmasse durchsetzen wollte, weiß, wovon ich spreche. Wer auf körperliche Stärke setzt, verliert. Selbstbewusstsein, nonverbale Kommunikation und Einfühlungsvermögen waren gefragt – und wurden schon bald mit Vertrauen und unvergesslichen Momenten belohnt.

Fast zwei Jahrzehnte später üben Pferde auf mich noch immer eine unglaubliche Faszination aus. Sobald ich in den Steigbügel schlüpfe, fängt mein Herz an zu klopfen. Nichts macht den Kopf so frei wie ein Galopp durch den Wald. Und wenn mein ungeduldiger Charakter mal wieder durchkommt, kann ich mir sicher sein, dass mich die klugen und sensiblen Geschöpfe darauf aufmerksam machen. So kitschig das Sprichwort auch sein mag: Das Glück der Erde liegt für mich auf dem Rücken der Pferde.

Pferde als Kino- und Coverstars

Im dritten Teil der "Ostwind"-Reihe (seit Donnerstag im Kino) macht sich die rebellische Mika mit ihrem Hengst auf zu dessen Wurzeln nach Andalusien. Die ersten zwei Teile kamen ob der beeindruckenden Landschaftsbilder und der Besetzung bei Publikum und Kritikern sehr gut an. Einer der erfolgreichsten Pferdefilme ist "Der Pferdeflüsterer": Im Drama von 1998 therapiert Robert Redford das verunglückte Pferd eines New Yorker Teenager-Mädchens.

Millionen Pferdefans sind mit den Wendy-Heften aufgewachsen: Seit 31 Jahren berichtet die Zeitschrift über alle Themen rund um das Reiten. Aus den Comics rund um Namensgeberin Wendy wurde heuer sogar ein Kinofilm. Übrigens: Seit 2000 zeigt der Verlag nur noch Pferde auf dem Cover – keine Mädchen.

Das ersteWendy-Cover 1986