Leben
27.08.2017

Hier werden anonym Geheimnisse gesammelt

Sie stehen auf Postkarten ohne Absender: Liebeserklärungen, Sehnsüchte, Ängste. Der Blog "Postsecret" gibt online Geheimnisse preis.

Drei bis fünf Postkarten findet Sebastian Schultheiß jede Woche in seinem Briefkasten. Nur selten stehen darauf Urlaubsgrüße von seiner Familie oder seinen Freunden. Meistens schreiben dem Bioinformatiker Menschen, die er nicht kennt – und auch nie kennenlernen wird. Die Postkarten erreichen Schultheiß anonym im Postfach 2553 in 72015 Tübingen. Darauf zu lesen: geheime Geständnisse, Dinge die niemand weiß und die auch im Verborgenen bleiben sollen. Nur das Internet darf von ihnen erfahren, denn Schultheiß veröffentlicht alle Postkarten auf seinem Blog "Postsecret". Manche sind tragisch, andere schockierend.

Die Themenwelten sind häufig die gleichen, erzählt der Deutsche: "Oft schreiben Menschen etwas über unerwiderte Liebe. Oder darüber, dass sie jemandem nicht die Wahrheit sagen." Hin und wieder bringen skurrile Geständnisse den Leser auch zum Schmunzeln: "Jemand behauptet immer wieder, mit acht Jahren einen Regenwurm gegessen zu haben. Er verbeitet diese Lüge seither, weiß aber selber nicht, warum eigentlich." Egal, welches Geständnis ihn erreicht, Schultheiß hat noch keines zensiert. Seit 2008 scannt er jeden Sonntag alle Postkarten ein, die ihn in der Woche erreicht haben, um sie auf www.postsecretdeutsch.de zu veröffentlichen.

Amerikanische Lügen

Die Idee zum Postsecret-Projekt entstand nach amerikanischem Vorbild. Bereits drei Jahre vor dem deutschen Blog begann der Amerikaner Frank Warren 2005 als Kunstprojekt, anonyme Postkarten, die ihm an seine Privatadresse in der Kleinstadt Germantown im US-Bundesstaat Maryland zugesandt wurden, zu sammeln und sie auf seinem Blog zu veröffentlichen.

Die Leser waren begeistert, die Klicks auf seiner Homepage schossen in die Höhe. Schultheiß war einer davon, der Gefallen daran fand, sich quer durch die bunten und künstlerisch gestalteten Karten ohne Absender zu klicken. 2007 entdeckte er die Homepage und wollte den Blog kurz darauf auch nach Deutschland bringen. "Ich habe mich gefragt, ob Leute, die nicht Englisch, sondern Deutsch als Muttersprache haben, irgendwie anders auf Geheimnisse zu sprechen sind." Nach einem Jahr, in dem er selbst in den USA gelebt hatte, ging er davon aus, dass Amerikaner offener über Themen sprechen würden, die sie selbst schlechter dastehen lassen, als Deutsche. Warren war mit der Idee des deutschen Pendants einverstanden. Einzige Bedingung: Der Blog musste genau gleich aussehen, wie die englische Version – ohne Werbung. Ob Deutsche tatsächlich anders mit Geheimnissen umgehen? Nicht so sehr, wie Schultheiß dachte.

Der größte Unterschied zwischen den beiden Blogs liege in der Auswahl, die in Amerika einfach viel größer sei: "Frank Warren muss längst nicht alle Karten veröffentlichen, die ihn erreichen. Ich schon." In zehn Jahren hat Warren mittlerweile fast eine halbe Million Postkarten bekommen – noch immer schreiben ihm täglich Menschen. Einen Großteil hat der Amerikaner an ein Museum gespendet, denn auch optisch machen die Karten viel her.

Kleine Kunstwerke

"Als ich vom Tod einer Freundin erfuhr, dachte ich zuerst, die Trauer hilft dir, abzunehmen", steht etwa auf einer Postkarte, die auf dem deutschen Blog veröffentlicht wurde. Die Buchstaben sind aus Papierschnipseln, ausgeschnitten und fein säuberlich aufgeklebt. "Die Menschen geben sich sehr viel Mühe bei der Gestaltung ihrer Karte. Zum Teil sind sie mit dem Computer geschrieben, zum Teil mit der Hand." Oft werden die geheimen Botschaften in nur einem Satz verbreitet. Für Schultheiß bedeutet das mehr Interpretationsspielraum: "Je weniger Details man hat, umso mehr kann man sich auch mit dem Geheimnis identifizieren und es mit eigenen Gedanken verknüpfen." Sich von solchen persönlichen Stücken zu trennen, ist nicht einfach, sagt der Sammler: "Wenn man die Karten selber in der Hand hält, ist es noch einmal etwas anderes." 2000 bis 3000 Postkarten haben sich mittlerweile in Fotoboxen in seinem Wohnzimmer angesammelt. Jede von ihnen ist ein kleines Kunstwerk – der Künstler bleibt unbekannt.

Die Wissenschaft dahinter: Der Reiz, Geheimnisse loszuwerden

„Man sieht, dass wir uns alle ähnlicher sind, als wir denken“, resümiert Sebastian Schultheiß nachdem er sich in seinem Blog-Projekt „Postsecret“ seit mittlerweile fast zehn Jahren mit Geheimnissen fremder Menschen beschäftigt. Er hofft, dass Menschen durch sein Projekt sehen, dass sie mit gewissen Lebensthemen nicht alleine sind – und offener damit umgehen.

Aber was macht tatsächlich den Reiz dabei aus, heimliche Gedanken anonym der ganzen Welt zu offenbaren? „Ein wesentlicher Knackpunkt daran ist die Anonymität. Diese eröffnet sozusagen ein Spielfeld“, erklärt Psychotherapeut Peter Stippl. Das Aufkommen des Internet, im speziellen sozialer Medien wie Facbook, habe die Art, wie wir mit Geheimnissen umgehen, verändert: Einerseits isolieren sich immer mehr Menschen dadurch und haben weniger enge soziale Kontakte, denen sie heikle Themen anvertrauen – „andererseits können Menschen den Raum auch nutzen, um zu schauen, wie Personen auf ihre Geheimnisse online reagieren“, meint Stippl.

Rückmeldungen

Ohne die Feedbackfunktion, die in Foren und sozialen Medien gegeben ist, wäre es nur halb so interessant, solche Geständnisse online zu machen, ist der Wiener Psychologe überzeugt. „Es hat einen besonderen Reiz, fast ein erotisches Prickeln, einem Dritten seine Geheimnisse zu erzählen.“ Das sei die Ambivalenz des Geheimhaltens.

Blogs wie „Postsecret" offenbaren, was wir alle mit uns herumtragen. Jeder Mensch hat Geheimnisse. Vielleicht keine großen oder tragischen, aber ganz sicher mehrere kleine, die einen selbst bewegen. Die die eigene Identität seit Kindheitstagen mitformen, das wusste schon Sigmund Freud. Der Begründer der Psychoanalyse war sich sicher, dass wir bestimmte Themen sogar vor uns selbst verstecken würden. Erst im Mai dieses Jahres haben Wissenschaftler der Columbia Business School erhoben, dass jeder von uns rund dreizehn Dinge vor anderen verheimlicht.

Geheimniskrämer

Aus rund 13.000 geheimen Geständnissen hat das Forscherteam rund um Michael Slepian herausgefiltert, was Menschen nicht erzählen wollen. Meist hängt dies mit jemand anderem zusammen: Sehnsüchte nach einer anderen Person als dem Partner, sexuelles Verhalten und Lügen sind die Themen, die am häufigsten verborgen werden. Das kann auf lange Sicht sehr belastend werden.

Aber das Geheimhalten an sich ist es nicht, das Menschen belasten kann. Wie oft das Geheimnis in den Gedanken der Person vorkommt, beeinflusse unsere Stimmung, so Slepian. In einer anderen Studie fand der Wissenschaftler heraus, dass große Heimlichkeiten wie ein Seitensprung oder die sexuelle Neigung sogar eine körperliche Belastung darstellen können.

Geheimnisse weiterzuerzählen kann tatsächlich hilfreich sein – auch anonym, wie der Psychologe James Pennebaker herausgefunden hat. In zahlreichen Studien konnte er zeigen, dass das Schreiben eine Form des „Rauslassens“ sein kann, die entlastet. Selbst dann, wenn das Geschriebene geheim bleibt. „Eine Verschriftlichung bewirkt eine Selbstreflexion der eigenen Gedanken, das kann hilreich sein“, denkt auch Stippl.

Eine intensive Beschäftigung mit einem Thema und seine kunstvolle Inszenierung, wie sie etwa auf den Postkarten geschieht, die Schultheiß und Warren erreichen, kann „als eine Verstärkung oder Abschwächung der eigentlichen Botschaft verstanden werden“, so Stippl. Er kann sich ebenfalls vorstellen, dass Projekte wie „Postsecret“ eine positive soziale Auswirkung haben könnten. „Isolation ist für den Menschen etwas sehr Schlimmes. Sein Geheimnis in die Welt zu schicken kann helfen, sich nicht mehr alleine damit zu fühlen.“

Vertrautes mehr oder weniger anonym weiter zu erzählen, hat eine lange Tradition, die sich durch neue Medien weiterentwickelt, so der Psychotherapeut: „Es ist quasi der Versuch eines virtuellen Beichtstuhls.“