© TriggerPhoto/Getty Images

Interview
03/29/2016

Warum die Liebe intensiver werden muss

Je individueller wir leben, desto mehr wollen wir von jemandem geliebt werden. Der renommierte Paarberater Michael Mary erklärt im Interview, warum Paare heute anders lieben – und wie sie damit glücklich werden.

von Laila Daneshmandi

Die Dauer einer Beziehung verliert an Bedeutung – es kommt eher darauf an, für jemanden der wichtigste Mensch im Leben zu sein. Der Hamburger Michael Mary ist seit mehr als 35 Jahren Paarberater und erklärt im Interview, worum es heute in der Liebe geht und warum die Gefahr des Scheiterns so essenziell ist.

KURIER: Gibt es die lebenslange Liebe heute überhaupt noch?

Michael Mary: Wenn man von Liebe spricht, muss man zwischen partnerschaftlicher, emotional-leidenschaftlicher und freundschaftlicher Liebe unterscheiden. Partnerschaftliche Liebe ist leichter lebenslang umzusetzen, weil es dabei vor allem um Verlässlichkeit geht, wie man sich den Haushalt aufteilt und wie man den Alltag bewältigt. Aber heute gewinnt die emotional-leidenschaftliche Liebe zunehmend an Bedeutung. Sie ist am schwierigsten auf Dauer aufrecht zu halten. Es gibt viele Paare, die sagen, sie sind ein gutes Team – aber mehr nicht, denen fehlt dann etwas. Man kann heute durchaus ein Paar sein, ohne ein Liebespaar zu sein – das ist bei der partnerschaftlichen Liebe sehr oft der Fall. Aber immer mehr sind ein Liebespaar, ohne ein Paar zu sein, weil sie sich zwar lieben, aber relativ getrennte Leben führen.

Was macht diese emotional-leidenschaftliche Liebe aus und wie kann man sie aufrecht erhalten?

Hier geht es um Qualität und Intensität, nicht in erster Linie um die Dauer. Diese Qualität und Intensität kann nur gehalten werden, wenn es den Partnern gelingt, sich gegenseitig den Eindruck der Ganzliebe zu vermitteln. Das erfordert Offenbarung und Zuwendung. Die Partner sagen: "Ich will als der geliebt werden, der ich bin" – dann muss sich jeder zeigen, wie er ist und darf sich nicht für die Liebe verbiegen. Damit geht er aber das Risiko ein, abgelehnt zu werden. Genau diese Gefahr erzeugt die gesuchte Intensität. Man geht in der emotional-leidenschaftlichen Liebe immer das Risiko ein, dass der andere sagt: "So liebe ich dich nicht." Die Notwendigkeit, dieses Risiko immer wieder einzugehen, ergibt sich daraus, dass jeder Partner ein Individuum ist, das sich im Laufe der Jahre verändert. Es verändern sich Vorstellungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte, mit denen man vom Partner angenommen werden will.

Was bedeutet Ganzliebe für Sie?

Die Ganzliebe ist ein emotionaler Eindruck, keine Tatsache. Niemand wird von seiner Umwelt als Ganzes wahrgenommen und bestätigt. Egal, ob Kollegen oder Freunde, jeder sieht nur einen Teil, weil man jedem nur einen Teil seiner Persönlichkeit zeigt. Der Einzige, von dem man erwartet, dass er einen komplett sieht und liebt – also bestätigt –, ist der Liebespartner. Ihm gewährt man Einblicke in ansonsten verschlossene emotionale Bereiche.

Wir leben in Zeiten von Individualismus und Selbstverwirklichung – wie ist das noch mit einer Beziehung kompatibel?

Individuen brauchen nicht weniger, sondern intensivere Liebe. Je individueller wir werden, desto nötiger haben wir das Gefühl, dass sich uns jemand bedingungslos zuwendet. Heute nimmt die Bedeutung der Ehe als Versorgungsgemeinschaft mit materieller Bindung ab. Daher wird es umso wichtiger, dass wir uns um unserer selbst willen geliebt fühlen, eben emotional, und natürlich: begehrt.

Aber wir haben auch immer mehr Alleinerzieher, die in Armut leben?

Das beweist, dass die Qualität Vorrang vor der Dauer hat. Diese Menschen haben ja in einer Beziehung gelebt und haben sich irgendwann bewusst entschieden, dass sie lieber alleine und in Armut leben, als eine schlechte Beziehung weiter zu ertragen.

Wie viele Kompromisse darf oder muss man heute noch machen?

Wie heißt es so schön: In Gefahr und Not bringt der Kompromiss den Tod. Kompromisse kann man nur über etwas schließen, über das man verhandeln kann. Eine freundschaftliche und auch eine emotional-leidenschaftliche Bindung ist nicht verhandelbar – diese Kompromiss-Rederei ist daher Quatsch. Ich kann über das Begehren, die Zuwendung und das Interesse am anderen nicht verhandeln. Das ist da oder nicht. In der Liebe kann man opfern, aber man kann keine Kompromisse schließen. Die funktionieren nur in der partnerschaftlichen Bindung.

Was unterscheidet ein Opfer von einem Kompromiss?

Einen Kompromiss kann man darüber schließen, wer die Kinder vom Kindergarten abholt und wer einkaufen geht – dann ist die Leistungsbilanz ausgeglichen. Zuwendung, Vertrauen und Begehren kann man nur schenken – die opfert man, um lieben zu können. Opfer gibt man gerne, freiwillig und bedingungslos. Im Extremfall opfert ein Partner für den anderen einen Traum oder sogar ein Organ. Die Liebe ist ein Geschenk, kein Vertrag.

Was halten Sie von Online-Dating? Wie viel Gefühl kann da überhaupt rüberkommen?

Es kann jede Menge Gefühl entstehen, aber beim Treffen kann das dann in sich zusammen fallen. Online ist nichts anderes als eine schlichte Kontaktmöglichkeit. Alles darüber hinaus, wie Partnerschaftsprofile, sind Schwachsinn und Propaganda. Auf diesem Weg kann man höchstens partnerschaftliche Beziehungen arrangieren, aber keine emotional-leidenschaftliche Liebe entfachen. Wenn die Liebe sich durch Algorithmen ausrechnen ließe, dann wäre es das Ende der Liebe. Eine Liebe, die man planen könnte, wäre völlig wertlos. Liebe überkommt einen, sie unterwirft das Ich.

Die Generation Y – also die heute 20- bis 35-Jährigen – wird häufig als beziehungsunfähig und bindungsunwillig bezeichnet...

Menschen lassen sich auf Bindungen ein, weil sie ein starkes Bedürfnis haben. Heute hat Liebe aber einen anderen Zweck als vor 30 oder gar vor 100 Jahren. Den Menschen heute fehlende Bindungsfähigkeit zu unterstellen, ist sinnlos. Früher waren sie nicht beziehungsfähiger, sondern leidensfähiger. Wenn man sich die Lebensumstände ansieht, dann ist es heute durchaus sinnvoll, sich nicht schon mit 20 für ein ganzes Leben zu binden.

Gibt es aus Ihrer Sicht so etwas wie eine ideale Beziehung und wie sähe die heute aus?

Eine ideale Beziehung ist eine Beziehung, von der die Partner sagen, sie wäre ideal. Warum sagen sie das? Weil die Beziehung dann ihnen entspricht.

Buchtipp: "Liebe will riskiert werden. Warum Paare heute anders lieben und wie sie damit glücklich werden" von Michael Mary. Erschienen bei Ariston, 15,50 Euro.

Über den Mythos der "beziehungsunfähigen Generation Y"

Vieles mussten sich die Vertreter der Generation Y in den vergangenen Jahren anhören – ein Vorwurf hält sich aber besonders hartnäckig: Die 20- bis 35-Jährigen seien unfähig, sich auf eine Person einzulassen und, vor allem, dauerhaft festzulegen.

Der Text von Michael Nast, veröffentlicht im April 2015 auf dem Hipster-Datingportal Im Gegenteil, traf genau diesen Nerv. In "Generation Beziehungsunfähig" beschreibt der 42-jährige Ex-Werber aus Berlin das (Liebes-)Leben seiner Mittdreißiger-Freunde: Wohnen in WGs, Selbstverwirklichung im Job, keine Trennung zwischen Privat- und Berufsleben. Dazu ein Überangebot an Möglichkeiten, das vor allem ein Problem mit sich bringt: die Angst, dass um die Ecke der bessere Job, die bessere Wohnung oder der bessere Partner warten könnte. Also: Bloß keine langfristigen Entscheidungen treffen. Als Kontrastprogramm erwähnt Nast seine Eltern, die in seinem Alter längst Kinder, Autos und Einfamilienhaus hatten. Seine Diagnose: "Die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit ist nichts anderes als das Streben nach Selbstverwirklichung, nach vermeintlicher Perfektion." Das eigene "Ich" sei das wichtigste Projekt und das Ego so groß, dass der Partner ausgeblendet wird.

Spießig

Nach einer Woche war der Text eine Million Mal gelesen und mit unzähligen zustimmenden Kommentaren bedacht worden. Das gleichnamige, soeben erschienene Buch schaffte es auf die Bestsellerliste des Spiegel. Zu Michael Nasts Vorträgen in ganz Deutschland pilgern Tausende junge Frauen (und ein paar Männer), die wissen wollen, warum sie noch immer oder schon wieder Single sind.

Haben Nast und all die anderen Kritiker also recht? Nein, findet die deutsche Psychologin Stefanie Stahl. Sie, übrigens ein 1963er-Jahrgang, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Beziehungsunfähigkeit und meint: "Menschen hatten immer schon Beziehungsprobleme. Das hat nichts mit der Generation zu tun, auch, wenn es momentan so klingt." Die Forschung gehe davon aus, dass 30 bis 40 Prozent aller Menschen einen sogenannten "unsicheren Beziehungsstil" haben – unabhängig von der Zeit, in der sie geboren wurden.

Die Psychologin geht noch weiter: "Im Vergleich zu meiner Generation finde ich die jungen Leute heutzutage sogar recht spießig. Viele werden früh ein Paar und bleiben lange zusammen." Die Bedeutung von Beziehungen würde in unsicheren Zeiten wie diesen zunehmen. Auch in einem anderen Punkt stimmt sie mit Paartherapeut Michael Mary überein: "Früher wurde über Konflikte nicht so offen gesprochen. Dass man trotz Problemen zusammenblieb, bedeutet aber nicht, dass man auch beziehungsfähiger war."

Julia Pfligl

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