Leben 07.01.2012

Online-Trennung mit Hindernissen

Rückzug – Soziale Netzwerke erschweren das heilsame Prinzip "aus-den-Augen, aus dem Sinn".

So schön es sein mag, sein Liebesglück mit aller Welt zu teilen – so unangenehm und schmerzhaft ist es, das Scheitern einer Beziehung einzugestehen. Besonders, wenn der Online-Freundeskreis dabei erste Reihe fußfrei sitzt. Kaum ist der sogenannte Beziehungsstatus einmal auf Single geändert, hagelt es Fragen von losen Bekanntschaften und Möchtegern-Vertrauten. "Im Endeffekt ist das wie eine Mikro-Promi-Welt, in der die Facebook-Gemeinde verfolgt, was gerade los ist", erklärt die Parship-Psychologin Caroline Erb.

Während man früher das gemeinsam aufgebaute Leben Zug um Zug auseinanderklaubte, sich schrittweise distanzierte und sich bemühte, zu einem möglichst schonenden Ende zu finden, passiert das in der Online-Welt mit einem Tastendruck: "Mit einer Trennung ist die Nachrichtenflut vom Partner plötzlich vorbei. Der ehemals Geliebte verschwindet per Klick in den Papierkorb. Die virtuelle Welt ist oft zu schnell, aber die Emotionen hinken hinterher. Das gibt den anderen einen Nährboden für Gerüchte und Spekulationen. Man schreibt ja nicht dazu, warum es aus ist. Es kann gerade in der Trennungsphase sehr lästig sein, wenn man sich dann ständig erklären muss."

Zeit geben

Paartherapeut Roland Bösel setzt auf die Formel "Vier bis sechs Wochen Trennungszeit pro Beziehungsjahr". "Paare sollten einer Trennung eine Weile Zeit geben, bevor sie sie in die Welt hinausposten. Sonst deklarieren sie via Facebook einen Beziehungsstatus, obwohl sie noch gar nicht so weit sind. Wer unbedingt will, kann schreiben, dass er in einer Krise ist, aber daran arbeitet, eine Lösung zu finden." Es sei jedenfalls wichtig, andere nicht zu sehr in die Beziehungs- oder Trennungsproblematik einzubeziehen. "Die Projektionsfläche ist einfach zu groß, und das erschwert die ohnehin aufreibende Situation."

Guckloch

Im Versuch, sich vom Ex-Partner zu distanzieren, lauert eine weitere Falle. Soziale Plattformen wie Facebook halten ein permanentes Guckloch zum Ex-Partner offen: "Ich wollte mich von ihr distanzieren, aber gleichzeitig hatte ich ständig das Bedürfnis, auf ihrer Pinnwand nachzusehen, was sich gerade in ihrem Leben tut oder wer ihr schreibt", erzählt Stefan nach seiner Trennung. Die Lebensweisheit "aus den Augen, aus dem Sinn" wird durch Online-Plattformen torpediert. Statt den Ex-Partner mitsamt aller Erinnerungen in eine Kiste zu packen, droht die permanente Konfrontation mit ihm.

"Der Rückzug wird nicht leicht gemacht. Jedes Einloggen ist schmerzhaft, weil viele Erinnerungen oder Fotos hochpoppen. Da ist es klüger, bei null zu beginnen und sich zu überlegen, ob man das noch einmal so machen würde", meint Erb. Hilfreich und reinigend könne es sein, die alten Fotos und Andenken von der Plattform zu nehmen. "Es ist sinnvoll, sie zu entfernen, um nicht dauernd von Neuem an den oder die Ex erinnert zu werden. Wer sie nicht für immer löschen will, speichert sie woanders. Jedenfalls sollten sie aus dem öffentlichen Bereich verschwinden." Das schafft auch gleich klarere Verhältnisse für zukünftige Partner. Facebook kann ja als erweitertes Wohnzimmer verstanden werden. Und so wie man zu Hause keine Fotokollektion alter Liebschaften herumstehen hat, ist sie auch im Online-Auftritt unangebracht.

Schlammschlacht

Eine wenig ruhmvolle Form der Online-Trennung ist die öffentliche Schlammschlacht: "Dem anderen Schmach und Erniedrigung zu verpassen, ist in der virtuellen Welt viel umfassender. Am Ende geht es oft um die Gelegenheit, sich zu revanchieren", erklärt der Paartherapeut Erwin Jäggle. "Das kann zu Mobbing bis hin zu kriminellen Ansätzen führen. Die Verführung, in diese Richtung zu gehen, ist groß, weil es hier nur zwei Mausklicks braucht und die Hemmschwelle viel niedriger ist. Es braucht erwachsene, reife Menschen, um respektvoll auseinanderzugehen."

Klare Verhältnisse

Eine weitere Herausforderung, vor der frisch Getrennte stehen, ist das Auseinanderklauben der vermischten Freundeskreise. "Online ist plötzlich sichtbar, wer denn noch immer Kontakt hat. Das kann wiederum für Konflikte sorgen", meint Erb. Jäggle rät daher, klare Verhältnisse zu schaffen: "Hier geht es noch mehr darum, klaren Tisch zu machen als im realen Leben. Freundesbeziehungen mit dem Umfeld des Ex-Partners zu kappen, weil es zu Ende ist, ist sicher problematisch." Man könne bei jedem individuell ansprechen, dass man zwar in Kontakt bleiben möchte, aber auf einem anderen Niveau als bisher. Immerhin – einen Vorteil hat die öffentliche Zurschaustellung: Wer seinen Beziehungsstatus auf "Single" ändert, signalisiert der Welt da draußen: "Ich bin zu haben."

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( Kurier ) Erstellt am 07.01.2012