© Screenshot: Youtube/The Interface Project

Leben
09/05/2016

OÖ: Gericht entscheidet über drittes Geschlecht

Eine intergeschlechtliche Person hat Beschwerde eingelegt und will im Geburtenbuch und im Pass die Bezeichnung auf "X", "anders" oder "inter" berichtigen lassen.

Das Landesverwaltungsgericht Oberösterreich befasst sich am Montag mit der Möglichkeit eines dritten Geschlechts. Ein intergeschlechtlicher Oberösterreicher möchte die Geschlechterbezeichnung im Geburtenbuch auf "X" , "anders" oder "inter" berichtigen lassen. Dass Standesamt Steyr hat das abgelehnt, nun ist die nächste Instanz am Zug.

Alex Jürgen fühlt sich weder als Mann noch als Frau, hinsichtlich der medizinischen Normvorstellung ist sein Körper weder männlich noch weiblich. Seit zehn Jahren lebt Jürgen offen als intergeschlechtliche Person. Das wollte er auch in seinen Dokumenten richtig stellen und beantragte eine Korrektur im Geburtenbuch sowie eine Geschlechtsangabe "X" im Reisepass. Das Standesamt lehnte jedoch die Änderung im Geburtenbuch mit der Begründung ab, dass es per Gesetz nur männlich oder weiblich gebe. Dagegen legte Alex Jürgen Beschwerde ein. Für den Reisepass steht die Entscheidung noch aus.

Prozess als Präzedenzfall

Der Präsident des Rechtskomitees Lambda und Anwalt Helmut Graupner, der sich des Falls angenommen hat, führt die Judikatur des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ins Treffen. Demnach sei die selbstbestimmte Wahl der Geschlechtsidentität ein fundamentales Menschenrecht und die eigene Geschlechtszuordnung gehöre zum intimsten Bereich der Persönlichkeit, der prinzipiell staatlichem Zugriff entzogen sei. "Es gibt auch keinen einzigen Paragrafen in der österreichischen Rechtsordnung, der besagt, dass es nur die beiden Geschlechter gibt", argumentiert Graupner. Im Personenstandsregister sei lediglich vorgeschrieben, dass ein Geschlecht einzutragen sei. Das Feld sei grundsätzlich offen, sprich, man muss kein Kreuz machen sondern ein Geschlecht hinschreiben.

Bei dem Prozess am Montag handelt es sich um einen Präzedenzfall. Alex Jürgen klagt als erste Person in Österreich die Anerkennung eines dritten Geschlechts ein. Ein Urteil ist an diesem Tag noch nicht zu erwarten.

Drittes Geschlecht sprachlich herausfordernd

Der Prozess um ein "Drittes Geschlecht" ist nicht nur Neuland für Juristen, auch die Berichterstattung steht vor einem ungewohnten Problem: Wie nennt man jemanden, der weder Mann noch Frau ist? Die deutsche Sprache kennt hier keine Lösung, wie man sie beispielsweise in Schweden schon gefunden hat. Kläger Alex Jürgen will am liebsten mit "Herm" angesprochen werden.

"Im Alltag ist es für mich OK, wenn jemand Herr sagt und es ist okay, wenn jemand Frau sagt", hat sich der offen intersexuell lebende Oberösterreicher mit dem sprachlichen Dilemma offenbar teilweise abgefunden, hätte aber eine Lösung parat: "Wenn mich jemand höflich ansprechen will, dann mit Herm Alex" (von Hermaphrodit, Anm.), sagt er. Er?, sie? - "Es ist beides okay, weil beides falsch ist", meint Anwalt Helmut Graupner. Ein geeignetes Pronomen fehlt aber. Während die einige Länder bereits die juristische Geschlechtsbezeichnung "X" kennen, hinkt die Sprache hinterher. Dabei sind laut Alex Jürgen 1,7 Prozent der Weltbevölkerung intersexuell.

Situation in Schweden

In Schweden wurde das sprachliche Dilemma schon vor einigen Jahren gelöst. Allerdings unter anderen Voraussetzungen: Denn die schwedische Grammatik kennt grundsätzlich kein "männlich" und "weiblich" für Substantive. Dinge sind entweder sächlich, also "neutrum" - oder nicht, was grammatikalisch als "utrum" (gemeinsames Geschlecht, genus commune) bezeichnet wird.

Für Personen gibt es freilich entsprechende Fürworter: "hon" (sie) und "han" (er). Und seit neuestem ein drittes, nämlich "hen" - zum geschlechtsneutralen Formulieren, aber auch geeignet für Menschen unbestimmten Geschlechts. Ohne Debatten verlief diese Neuerung nicht. Sie wurde aber 2015 in die Wörterliste der Schwedischen Akademie aufgenommen und somit von höchster Stelle abgesegneter, offizieller Sprachgebrauch. Man habe durchaus Zweifel gehabt, sagte damals der Hauptverantwortliche in der Akademie, aber festgestellt, dass sich das Wort im Schwedischen etabliert habe.