Interview mit dem Neurobiologen Eric Kandel

© KURIER/Franz Gruber

Eric Kandel
12/17/2014

"Ich bin kein Prophet"

Der Gedächtnisforscher ist sicher, dass Alzheimer besiegt wird – wann, weiß auch er nicht.

von Martin Burger

Wunderbar, außergewöhnlich und schön: Das sind die Worte, die der Nobelpreisträger des Jahres 2000, Eric Kandel, verwendet, wenn er über die Gedächtnisforschung spricht. Oder über seine Karriere in den USA. Wird Kandel hingegen zu seiner Flucht vor den Nazis im Jahr 1938 und zu deren Schandtaten befragt wird, sagt er: "So etwas kann man nicht vergeben."

KURIER: Herr Prof. Kandel, Sie schwärmen von der Forschungslandschaft in den Vereinigten Staaten – wie würden Sie im Vergleich die Forschungsstadt Wien beschreiben?

Kandel: Dazu kenne ich sie zu wenig. Als ich in den späten 1960er- und frühen 1970er- Jahren wieder nach Wien kam, war die Lage ein Desaster. Das Niveau war niedrig, es wurde keine systematische Forschung betrieben. Das änderte sich erst 1986, als der Schweizer Max Birnstiel zum wissenschaftlichen Leiter des Instituts für molekulare Pathologie IMP berufen wurde (Anm. der Red.: Das IMP ist der Kern des Vienna Biocenter, einem Zusammenschluss von Instituten, Universitäten und Unternehmen, Anm.) Das machte einen Unterschied. Denn er begann damit, internationale Spitzenleute nach Wien zu holen und ab da ging es bergauf.

Sie sind Berater des IMBA, des Instituts für molekulare Biotechnologie am Vienna Biocenter. Wie kann es gelingen, Spitzenforscher wie den dort tätigen Genetiker Josef Penninger zu halten?

Indem Sie so attraktive Rahmenbedingungen schaffen wie möglich. Man muss viel Hirnschmalz und Geld investieren, aber Wien ist mittlerweile als Standort so attraktiv, dass es keinen Grund gibt, es nicht zu versuchen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Medizin, werden wir Alzheimer in absehbarer Zeit besiegen?

Sicher, wir schaffen das. Die Medikamente, mit denen Beta-Amyloide (Eiweißablagerungen im Gehirn, Anm.) bekämpft werden, sind sehr effektiv. Warum wirken sie dann nicht beim Patienten? Wir denken, es liegt daran: Wenn ein Mensch mit Alzheimer-Symptomen zum Arzt geht, hat er oder sie diese Krankheit im Schnitt schon seit zehn Jahren. Wir können zeigen, dass Sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine große Zahl von Nervenzellen verloren haben. Kurzum: Zu diesem Zeitpunkt ist es ist zu spät, wir können nichts mehr tun. Der Forschungsschwerpunkt liegt daher auf Früherkennung. Wir suchen nach den richtigen bildgebenden Verfahren, um die Plaques rechtzeitig zu erkennen. Wenn es uns gelingt, Alzheimer fünf, sechs Jahre früher zu diagnostizieren, werden die gleichen Behandlungsmethoden anschlagen.

Wann werden wir Alzheimer besiegt haben?

Ich bin kein Prophet. Ich wäre reich und berühmt, würde ich die Antwort auf diese Frage kennen (angesichts der Prominenz Kandels ist hier wohl eher die Anwärterschaft auf einen zweiten Nobelpreis gemeint, den der gebürtige Wiener anstrebt, Anm.). Wir werden nie alle Krankheiten besiegt haben. Aber schauen Sie sich den medizinischen Fortschritt an, viele Krebsarten haben eine bessere Heilungschance. Die Folge: Um 1900 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes 50 Jahre, heute 78. Nicht schlecht. Wenn wir in den kommenden 100 Jahren ähnlich erfolgreich sind, wäre das wundervoll.

Ihr letzter Eindruck, als Sie aus Wien flüchten mussten?

Ich warte auf dem Bahnsteig auf die Abfahrt meines Zuges nach Brüssel, wo eine Tante gelebt hat, die auf mich und meinen Bruder (damals 14) gewartet hat. Ich war so zuversichtlich. Vor uns lag die Überquerung des Atlantiks, allein. Aber meine Mutter, die von Anfang an erkannt hat, was auf die Juden in Österreich zukommt, hat uns Mut gemacht. Die Flucht zu einem Bruder meiner Mutter in den USA haben wir nicht als Abenteuer empfunden, gefürchtet haben wir uns aber auch nicht.

Es hat Vorteile, mit einem Nobelpreisträger verheiratet zu sein. „Go! Spend!“ fordert Eric Kandel seine Frau Denise auf. Denise Kandel, eine Sozialmedizinerin, lässt sich zwar ein paar Mal bitten, überlässt ihren Mann dann aber den Kuratoren der medizinhistorischen Ausstellung „Unter die Haut“. Sie bricht stattdessen zu einem Einkaufsbummel auf.


Die Ausstellung in den Sammlungsräumen des Wiener Josephinums ist den Wegbereitern der modernen Medizin gewidmet, Carl von Rokitansky, Josef Skoda und Emil Zuckerkandl, Pioniere in der Pathologie, Inneren Medizin und Anatomie. Der Titel „Unter die Haut“ bezieht sich sowohl auf diese Fachgebiete wie auch auf die Wiener Methode, durch genaues Schauen den Dingen auf den Grund zu gehen.
Neben historischen Exponaten, alten Instrumenten und Original-Manuskripten des jüdischen Protagonisten Zuckerkandl werden die neuesten bildgebenden Verfahren der Hightech-Medizin gezeigt. Wem sich angesichts einer Hirntumor-Untersuchung etwas übel wird, ist in guter Gesellschaft Kandels. Das Video sei selbst für ihn schwere Kost, „hard to watch“.

Unter die Haut. Rokitansky-Skoda-Zuckerkandl. Die Geburt der modernen Medizin. Josephinum. Währinger Str. 25, Wien 9. 19.12.2014-16.5.2015

http://www.josephinum.ac.at

Erinnerung ist das zentrale Thema im Leben Kandels, in persönlicher und in wissenschaftlicher Hinsicht. Es ist das Thema, das ihm imJahr 2000 gemeinsam mit Arvid Carlsson und Paul Greengard den Medizin-Nobelpreis eingebracht hat. Die drei Forscher wurden „für ihre Entdeckungen zur Signalübertragung im Nervensystem“
ausgezeichnet. Kandel fand unter Ausnutzung der einfachen Strukturen des Nervensystems einerMeeresschnecke (Aplysia) heraus, was bei der Speicherung im Langzeitgedächtnis vor sich geht, dass dabei Gene angeschaltet, Proteine gebildet und zusätzliche Synapsen - Verbindungsstücke
zwischen Nervenzellen - aufgebaut werden.

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