Leben
19.10.2017

Falsche Zitate: Was Churchill nie gesagt hat

Ein deutscher Journalist geht der Entstehung von falschen Zitaten auf den Grund. Ziemlich überraschend - und ein bisschen desillusionierend.

Wie oft haben Sie sich einen gemütlichen Abend auf der Couch mit Churchills "No sports!" schön geredet? Nun ja, in Zukunft müssen Sie sich eine andere Rechtfertigung für die körperliche Inaktivität überlegen – diesen Satz hat der legendäre Premierminister nämlich nie gesagt. Im Gegenteil: Churchill war leidenschaftlicher Reiter, focht, schwamm und boxte. "In England weiß das jedes Kind. Der Satz existiert nur auf Deutsch", erklärt Martin Rasper. Der Journalist, Autor und Sprachfetischist hat ein humoriges Nachschlagewerk über falsche Zitate geschrieben – Churchills (Nicht-)Sager diente als Titelgeber. "‚No sports‘ spiegelt die Sicht der Deutschen auf Churchill wider – schwerfällig, am Stock gehend, mürrisch. Dass er auf seinem berühmtesten Porträt so grimmig dreinschaut, liegt aber nur daran, dass ihm der Fotograf kurz davor die Zigarre aus dem Mund genommen hat."

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Michail Gorbatschow

Durch das Internet kursieren heute mehr falsche Zitate denn je, sagt Rasper. "Jede Zitate-Sammlung schreibt von der anderen ab. Die meisten nennen keine Quellen, nur Namen. Diese Seiten sind mit Vorsicht zu genießen. Eine seriöse Quelle ist zum Beispiel Wikiquote, ein Projekt von Wikipedia."

Apropos: Wer Sportfan Churchill den "No sports"-Sager in den Mund legte, ist unklar. "Ich bin sicher, dass das irgendwann in den Sechzigerjahren ein deutscher Journalist geschrieben und es sich dann verbreitet hat." Rasper, der für sein Buch penibel in Archiven und Bibliotheken recherchierte, spricht vom "Matthäus-Effekt": Je berühmter die Person, desto mehr geflügelte Worte werden ihr zugeschrieben. "Wir möchten einfach glauben, dass berühmte Menschen druckreif sprechen. Man zitiert einen berühmten Menschen, um die eigene Aussage aufzuwerten. Wenn das Zitat stimmig ist und zu der Person passt, ist das sehr schwer ausrottbar."

„Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Albert Einstein

Davon könnte auch Albert Einstein ein Lied singen, würde er noch leben: Kaum ein Artikel über das Bienensterben kommt ohne das vermeintliche Zitat des deutschen Physikers aus (siehe oben) – ein großes Missverständnis. "Der Keim des Satzes, der ökologische Zusammenhang, stammt von Darwin. In den Sechzigerjahren taucht der Satz in einer Imkerzeitschrift plötzlich im Kontext von Einstein auf." Warum, ist ungeklärt. Und letztlich auch egal. Denn: "Dieser Satz ist von einer ganz tiefen Weisheit, ich liebe ihn", schwärmt der studierte Geologe – und plädiert: "Man kann diesen Satz weitertragen und gleichzeitig wissen, dass er nicht von Einstein stammt."

„Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“ Lukas Podolski

Ähnlich verhält es sich mit einem Sager, der dem deutschen Fußballstar Lukas Podolski in den Mund gelegt wurde (siehe oben) – nein, er stammt nicht von Lothar Matthäus, sondern vom Comedian Jan Böhmermann. "Aus dem ganzen Buch ist das mein liebstes falsches Zitat", sagt Martin Rasper. "Dieser Satz ist von einer irrsinnigen Qualität, den könnte eine Werbeagentur nicht besser erfinden. Ich finde, Podolski sollte ihn sich zu eigen machen."

Dass die falschen Zitate in seinem Buch allesamt von Männern stammen, sei ein Zufall. Im zweiten Band sollen dann auch Frauen vorkommen. Stichwort: Marie Antoinette – Brot – Kuchen.

In seinem neuen Buch erzählt Martin Rasper ausführlich die Geschichten hinter 22 falschen Zitaten. Ecowin-Verlag, 190 Seiten,18 €