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Freakonomics
12/09/2014

Warum sich querdenken auszahlt

Nur wer wie ein Freak tickt, erkennt den Kern seiner Probleme, behaupten zwei Bestseller-Autoren in ihrem neuen Buch.

von Susanne Mauthner-Weber

Takeru Kobayashi, genannt Kobi, ist für Steven Levitt und Stephen Dubner der Freak schlechthin. Und das nicht, weil er Wettkampf-Esser und fähig ist , fünfzig Hotdogs in zwölf Minuten zu verschlingen. Die Autoren des neuen Buchs Think like a Freak erzählen seine Geschichte, weil Kobi den Kern eines Problem erkennen und eine wahrhaft kreative Lösung finden kann.

Doch der Reihe nach: 2001 ist Kobayashi – Japaner, Student, knapp 1 Meter 70 groß, drahtig, um nicht zu sagen dürr – heftig mit der Miete im Rückstand. Ein Wettkampf-Essen könnte 5000 Dollar in seine Kasse spülen – vorausgesetzt, es gelingt ihm, die 25,125 Hotdogs des bisherigen Rekordhalters zu überbieten. Die Schwierigkeit dabei: Viele Konkurrenten übertrumpften Kobayashi auf der Waage. Nicht aber im Kopf.

Der Japaner studierte also das Reglement:

Es ist nicht verboten, die Würstchen zu halbieren.

Und es ist auch nicht verboten, Wurst und Brot separat zu verschlingen.

Während Kobayashis Mitbewerber den ganzen Hotdog in den Mund stopften, isst er zuerst die geteilte Wurst. Mit der anderen Hand tunkt er währenddessen das Weckerl ins Wasser. Vorteil: Es rutscht leichter runter.

Kobi hat sich nicht – wie seine Konkurrenten – gefragt, wie er mehr Hotdogs essen kann, sondern wie er sie leichter essen kann – Querdenken par excellence.

Welterfolg

Probleme lassen sich durch rationales Denken lösen, und wer bei klarem Verstand ist, hat alles im Griff? Das sehen Steven Levitt und Stephen Dubner anders. Der eine ist Ökonom sowie Professor an der University of Chicago und fiel schon in Harvard durch unkonventionelles Denken auf. Der andere ist Journalist und ehemaliger Herausgeber des New York Times Magazine. Gemeinsam haben sie 2005 ihr Buch Freakonomics herausgebracht – einen kontrovers diskutierten Welterfolg mit Millionenauflage.

Ganz ohne Charts und Wirtschaftsjargon suchen die beiden darin nach ökonomischen Antworten, wo Ökonomie bisher keine Rolle spielte und erklären, wie oft Manager Weckerl klauen und warum so viele japanische Ringkämpfer betrügen. Sie argumentieren, dass die Legalisierung der Abtreibung in den USA im Jahr 1973 der Hauptgrund dafür gewesen sei, dass die Verbrechensrate in den Neunzigern so rapide gesunken ist. Unerwünschter Nachwuchs wachse öfter in schwierigen Verhältnissen auf und tendiere häufiger dazu, später straffällig zu werden, als Wunschkinder, behauptete Ökonom Levitt, der Statistiker mit dem Hang zu exzentrischen Thesen, und ließ die Ergebnisse von zehn Jahren Forschung ins Buch einfließen, das Dubner in lesbar Form brachte.

Natürlich ließ die Kritik nicht lange auf sich warten: Die meisten stören sich an Levitts Thesen zur Abtreibung. Der ganze Denkansatz sei zynisch, zürnten die Freakonomics-Kritiker – radikale Konservative verglichen Levitt gar mit Goebbels. Trotzdem ist rund um Freakonomics inzwischen eine kleine Industrie entstanden: Dubner und Levitt treten regelmäßig im Frühstücksfernsehen des TV-Kanals ABC auf, schreiben eine Kolumne für das New York Times Magazine, betreiben einen Blog zum Buch, können für Konferenzen oder Vorträge gebucht werden. "Für einen Schriftsteller schreibe ich zurzeit ziemlich wenig, ich bin vor allem damit beschäftigt, das Monster Freakonomics zu bändigen", sagte Dubner einmal.

Mittlerweile hat er aber wieder geschrieben: Zuerst die Fortsetzung Superfreakonomics und jetzt den Aufguss Think like a Freak. Andersdenker erreichen mehr im Leben. "Das Konzept dafür stammt von unseren Fans, die uns ihre brennendsten Fragen geschickt haben", sagt Dubner. "Herausgekommen ist ein Guide, wie man die größten Probleme der Welt löst".

Kardinalsregel

Das ist natürlich maßlos übertrieben. Was aber stimmt: Die Bestseller-Autoren geben gute Ratschläge, wie jeder sein eigenes Denken kreativer und damit erfolgreicher machen kann (siehe auch Fakten-Geschichte unten). So lautet ihre Kardinalsregel: Denke wie ein Kind, und habe keine Angst vor dem Offensichtlichen! Identifiziere die Wurzel des Problems, anstatt dich in den Symptomen zu verlieren! Oder: Nimm kleine Probleme in Angriff, nicht riesige, unüberschaubare!

Transportmittel für diese Andersdenk-Weisheiten sind Geschichten aus aller Welt. Wie jene aus China, die illustriert, wie Querdenker das Bildungssystem retten – naja zumindest verbessern – können.

Mit Augengläsern um 15 Dollar zum Beispiel. So geschehen in der bitterarmen, entlegenen, chinesischen Provinz Gansu. Dort besaßen von etwa 2500 fehlsichtigen Schülern gerade einmal 59 eine Brille. Drei Wirtschaftswissenschaftler organisierten für die Hälfte der Kinder Sehbehelfe und kontrollierten nach einem Jahr den Lernerfolg. Ergebnis: Die Schüler mit Brille hatten um bis zu 50 Prozent bessere Lernerfolge als die weiterhin fehlsichtigen.

Ökonom Levitt resümiert: "Die Geschichte über die Brillen für die chinesischen Schüler ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man ein riesiges Problem wie fehlende Bildung anpackt, indem man ein Detail angeht und so etwas bewirkt. Und seien es nur zwei Prozent. Denn zwei Prozent sind viel besser als gar nichts".

Das Freak-Universum: Bestseller, Fortsetzung und Aufguss

2005 erschien "Freakonomics, Untertitel: Überraschende Antworten auf alltägliche Lebensfragen" (Goldmann, 9,95 €). Letztere werden von Steven Levitt, einem Journalisten, und Stephen Dubner, einem renommierten Ökonomen, gegeben. Das Buch überzeugte Millionen Leser, dass Wirtschaftswissenschaften nicht öd sind, sondern helfen, das Leben besser zu verstehen. In "Super-Freakonomics" setzten Levitt und Dubner das Konzept fort (Goldmann, 9,90 € ). Nichts ist so wie es scheint, postulierten sie und präsentieren unterhaltsames Wissen über Erd-Abkühlung, patriotische Prostituierte und Selbstmord-Attentäter mit Lebensversicherung.

Der dritte Teil erscheint jetzt: "Think like a Freak!" Andersdenker erreichen mehr im Leben (Riemann, 19,60 €)

Werkzeugkasten für Freaks


Weiß ich nicht! Entgegen der allgemeinen Meinung sind nicht „Ich liebe dich!“ die drei am schwierigsten auszusprechenden Worte. Das Eingeständnis „Weiß ich nicht! ist essenziell für das Freak-Denken – sofern man am „aber vielleicht kann ich es herausfinden“ arbeitet.
Was ist das Problem? Wenn zuzugeben, dass man nicht sämtliche Antworten kennt, schon viel Mut erfordert – was heißt es erst einzugestehen, dass man nicht mal die richtigen Fragen kennt. Doch wer die falschen Fragen stellt, bekommt sicher keine richtige Antwort.
Wo ist der neue Ansatz? Schwierige Probleme löst man nicht mit der erstbesten, offensichtlichen Idee.
Wie Kinder denken! Denn die sind wenig verbildet und tragen keine vorgefassten Meinungen mit sich herum, die uns veranlassen, die meisten möglichen Lösungen unbedacht zu verwerfen.

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