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Psychologie
10/12/2015

Warum Menschen zur Gewalt neigen

Der Wissenschaftler Franz Wuketits machte sich auf die Suche nach den Wurzeln unserer Aggression.

von Susanne Mauthner-Weber

Im Anfang war der Mord. Zwei Mal wurde dem Mann so hart auf den Kopf geschlagen, dass er starb. Sein Körper wurde in Nord-Spanien in eine Höhle geworfen – vor 430.000 Jahren. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte. Franz Wuketits zitiert jüngste Forschungsergebnisse aus dem heurigen Frühjahr.

Der Wissenschaftstheoretiker und Evolutionsforscher ist fasziniert vom Bösen. Auf dem Papier, versteht sich. Und darum hat er es auf selbiges gebracht. Auf 148 Seiten, zwischen zwei Buchdeckeln, die den Titel "Mord. Krieg. Terror. Sind wir zur Gewalt verurteilt?" tragen. "Jetzt hat sich das Thema einfach angeboten", sagt er im Interview und jeder weiß, was er meint.

Aggression ist normal

Wuketits, der Evolutionsforscher, erklärt: "Wir alle haben ein gewisses Aggressionspotenzial. Das ist völlig neutral und in Ordnung. Denn wer jeder Gefahr teilnahmslos begegnet, wird nicht alt." Als Bereitschaft zur Verteidigung des eigenen Lebens, der eigenen Nachkommen und des eigenen Territoriums, ist sie unverzichtbar. "Jeder braucht ein bisschen Platz, um sich wohlzufühlen und etwas zum Fressen. Das ist ein grundlegender Mechanismus", sagt er. Dem stehen aber die Interessen von anderen gegenüber – und da ergeben sich Konflikte ganz von selbst. Aggressivität habe also eine starke biologische Komponente und gehöre zu unserem stammesgeschichtlichen Erbe.

Warum aber tritt Gewalt auch immer wieder losgelöst von diesem biologischen Zweck auf? Warum sind Menschen bereit, andere zu quälen? Wie lassen sich religiöser Fanatismus und der Aufruf, Ungläubige zu töten, erklären? Hier trifft unser stammesgeschichtlich sinnvolles Verhalten mit soziokulturell erworbenen, zu Ideologien stilisierten Denkmustern zusammen, erklärt Wuketits in seinem neuen Buch: Über Jahrmillionen lebte der Mensch in Kleingruppen mit ein paar Dutzend Individuen. "Wir sind von Natur aus soziale Lebewesen. Alle wollen irgendwo dazugehören, niemand möchte das fünfte Rad am Wagen sein."

Gruppenidentität

Unbedingt irgendwo dazugehören wollen – das sei auch die Achillesferse der Leute, die vom IS rekrutiert werden: "Das sind doch eigentlich entwurzelte Seelen. Es ist traurig, dass sie nichts anderes finden, und sich lieber dem Gruppenzwang des IS unterwerfen, um nicht in Einsamkeit weiterleben zu müssen. Aber es macht nun mal einen Unterschied, ob sich jemand einer Gruppe fröhlicher Sänger anschließt oder dem IS", sagt Wuketits.

Aus dem Bedürfnis nach Gruppenidentität entstehe ein Wir-Gefühl. Wuketits: "Doch das bedeutet automatisch auch – wir und die anderen." Im Kulturen-Vergleich zeige sich, dass Menschen grundsätzlich dazu tendieren, ihre Gruppe, ihr Volk, ihre Nation überhöht wahrzunehmen, sich von anderen, fremden Menschen positiv abzugrenzen.

Ideologie als Triebkraft

Innerhalb der eigenen Gruppe war gegenseitige Hilfe stets angesagt, Fremden begegneten schon unsere steinzeitlichen Vorfahren mit Argwohn. Wenn sie um ihre Nahrungsressourcen fürchten mussten, sogar mit Aggression und Gewalt. An diesem Grundmuster habe sich bis heute wenig geändert. Der Mensch sei ein Kleingruppenwesen geblieben und habe seine Verhaltensmuster einfach auszudehnen, indem er ideologisch motivierte "Pseudo-Familien" bildete: Staaten, Völkerbünde, Religionsgemeinschaften. "Und mit den Ideologien – verbunden mit ökonomischen Problemen – haben wir die maßgebliche Triebkraft für kollektive Gewalt, also für Kriege", analysiert Wuketits und zitiert aus seinem Buch: "Ich sage gerne ,Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.‘ Bei dieser Gelegenheit will mir dieser Ausspruch nicht ganz passend erscheinen. Die Lage ist ernst!" Und schließt eine Warnung an alle Politiker der EU an: "Statt sich mit Glühbirnen und Speisekarten zu befassen, wären zwei Themen virulent: die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das ist ein Pulverfass. Und dann die Flüchtlingsproblematik. Das sind die beiden Dinge, die Gewalt auslösen können – und das auch in Regionen, wo es eigentlich friedlich zugeht."

Buchtipp

Franz M. Wuketits: "Mord. Krieg. Terror. Sind wir zur Gewalt verurteilt?" Hirzel, 22,80 Euro

Gewalt in Zahlen
3,5 Mrd. Menschen haben laut Schätzungen seit der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends in Kriegen und kriegsbedingten Katastrophen ihr Leben gelassen.

Global Peace Index (GPI)
Kriege, Waffenexporte, Zahl der Morde und Terroranschläge ergeben den GPI. Das friedlichste Land: Neuseeland. Das gewaltvollste: der Irak.

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