Leben
21.03.2016

Erich Kästner: "Man schwitzt und fragt: Wann hört das auf?"

Der legendäre Kinderbuchautor hatte eine Leidenschaft, von der nur wenige wissen: das Sporteln.

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" – das wohl berühmteste Zitat Erich Kästners, ein Plädoyer für Zivilcourage (und übrigens ein vollständiges Gedicht), war wohl nie so aktuell wie heute. Die Botschaft von "Moral": Gute Gedanken sind nutzlos, wenn kein Handeln folgt. Der 1899 geborene Schriftsteller hatte stets hohe moralische Ansprüche an sich selbst, war entschiedener Gegner des NS-Regimes und kritisierte in seinen Texten Obrigkeit und Militarismus.

Seit heute könnte das Zitat auch anders interpretiert werden: Ein neues Buch widmet sich Kästners wenig bekannter Leidenschaft. Denn, was kaum einer weiß: Der Dresdner war ein Sport-Aficionado. Ein Bewegungsbegeisterter. Ein Trainingsjunkie. Glücklicherweise hat er über seine Passion geschrieben – recht viel sogar.

Wann hört das auf?

Ohne Sylvia List wäre diese Tatsache womöglich nie ans Licht gekommen. Die ehemalige Verlagslektorin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kästner-Texten. Mit der Zeit stellte sie fest, dass viele von Sport handeln; die Erzählungen und Gedichte fasste sie nun in einem Sammelband (Atrium-Verlag, 13,40 €) zusammen. Die titelgebende Frage, ein Originalzitat Kästners, dürften sich schon viele Hobbysportler gestellt haben: "Man schwitzt und fragt: Wann hört das auf?"

Dass Kästners Sportleidenschaft nicht bekannter ist, führt List auf seine Journalisten-Tätigkeit zurück. "Hätte er auch für das Sportressort geschrieben, gäbe es bestimmt sehr spannende und berühmte Sportreportagen von ihm. Da er aber immer im Kulturteil publizierte, äußerte er sich zum Sport in seinen literarischen Texten und in seinen Briefen nur am Rande." In seiner Autobiografie "Als ich ein kleiner Junge war" beschreibt er etwa das Reckturnen, im Roman "Der kleine Grenzverkehr" kommt ein Tennisspiel vor, in "Der Zauberlehrling" ein Abfahrtsläufer. Matz und Uli fiebern im Klassiker "Das fliegende Klassenzimmer" beim Eishockeymatch England gegen Kanada mit.

Turn-Talent

"Kästner", so List, "nahm Sport als etwas wahr, das sehr viele Menschen interessierte und begeisterte." Privat betrieb er nur solche Sportarten, die ihm selber Spaß machten: Turnen, und zwar am Reck, und Tennisspielen. "In beidem war er auch ziemlich gut", weiß List. Als Beweis dient ein Foto von 1933: Kästner, 34-jährig, hängt an einer Reckstange am Eibsee; Körperspannung und Armmuskulatur sind vorbildlich. Sein Tennisspiel bezeichnete er als "zwar nicht wimbledonreif", aber doch nahe dran, berichtet die Expertin.

Auch im Passivsport bewies Kästner Kondition. Während er selbst lieber Ausdauersportarten ausübte, durfte es beim Zuschauen brutaler sein: Boxkämpfe gab sich der Kinderbuchautor gerne live, immer in der Hoffnung, eine Geschichte zu entdecken. Und tatsächlich: Sein Besuch des Olympia-Eishockeymatches 1936 inspirierte ihn zur erwähnten Szene im "Fliegenden Klassenzimmer".

Heute, mutmaßt Sylvia List, würde Kästner wohl Tennisspielen und Langlaufen, denn "er liebte die Schneeluft in den Bergen". Ausgewählte Tennisspiele würde er sich wohl live geben, sonst aber vor dem Fernseher verweilen. "In den Massentrubel der Fußballstadien würden ihn keine zehn Pferde bringen", ist List überzeugt. Und noch etwas schließt sie aus: "Vor der Arbeit zu joggen wäre für einen Nachtmenschen wie ihn – der immer Schwierigkeiten hatte, morgens pünktlich am Redaktionsschreibtisch zu sitzen – nie und nimmer in Frage gekommen."

Zur Person

Geboren 1899 in Dresden, wuchs Erich Kästner in einfachen Verhältnissen auf. Dennoch machte er Abitur und studierte Geschichte,Germanistik und Philosophie. In Berlin arbeitete er für verschiedene Zeitungen als Kulturredakteur. Kinderbücher wie "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton" oder "Das doppelte Lottchen" machten ihn weltberühmt. Der Vater eines Sohnes starb 1974 in München.