Leben
03.06.2016

Neue Umweltdoku: Die Welt kann jeder retten

Der Weltuntergang ist vorerst abgesagt – ein Dokumentarfilm aus Frankreich stimmt optimistisch.

Es war eine Studie in der Zeitschrift Nature, die Cyril Dion erschaudern ließ: Wenn wir unsere Gewohnheiten in den kommenden 20 Jahren nicht ändern, wird unser Ökosystem noch vor dem Ende des 21. Jahrhunderts zusammenbrechen. Der Franzose beschloss, etwas zu tun. Gemeinsam mit der Schauspielerin Mélanie Laurent ("Inglorious Basterds") reiste er durch zehn verschiedene Länder und besuchte Menschen, die dem Klimawandel mit ihren Initiativen den Kampf ansagen (siehe unten). Daraus entstand der Öko-Dokumentarfilm "Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen", der heute in den heimischen Kinos anläuft.

Optimismus

In Frankreich avancierte "Tomorrow" zum Überraschungshit, wurde mit einem César ausgezeichnet, lief auf der UN-Klimakonferenz in Paris und lockte mehr als eine Million Franzosen ins Kino. Bis heute erhält Dion Hunderte Zuschriften. "Die Leute schreiben mir, dass ihnen der Film Hoffnung gibt und was sie seitdem geändert haben." Wie der Untertitel bereits verrät, ist "Tomorrow" kein deprimierendes Weltuntergangsszenario, sondern ein optimistischer Film, der gute Laune vermittelt. Genau das hat gefehlt, findet Umweltaktivist Dion. "Ständig haben wir die Leute aufgefordert, mit etwas aufzuhören: Fleisch essen, Auto fahren, baden. Was fehlte, war eine Vision für die Zukunft. Eine positive Sicht."

Obwohl der Hut brennt, stempeln viele das Thema Umweltschutz nach wie vor als Panikmache ab. Warum lässt der Klimawandel so viele kalt? "Weil wir ihn bis jetzt nicht stark genug spüren", glaubt Dion. "Man merkt zwar Veränderungen beim Wetter, aber die betreffen uns nicht so sehr. Wir können auch nicht sehen, wie manche Arten verschwinden. Forscher haben uns gesagt: Wenn das CO₂, das täglich in die Atmosphäre gelangt, rot wäre, gäbe es längst Reaktionen."

Zusammenhänge

In "Tomorrow" werden nicht nur einzelne Projekte vorgestellt, sondern auch globale Zusammenhänge erklärt. Der Film ist in vier Themenbereiche – Landwirtschaft, Energie, Wirtschaft, Demokratie – gegliedert. "Es ist nicht möglich, die Probleme separat zu behandeln", erklärt Dion und nennt ein Beispiel: "Die westliche Landwirtschaft ist komplett von Öl abhängig. Eine Energiewende ist teuer, also muss sie aus wirtschaftlicher Sicht angegangen werden." Die derzeitige Ökonomie sollte demokratisch reguliert werden – das funktioniere aber nur, wenn sie von aufgeklärten Bürgern unterstützt wird, die gelernt haben, verantwortungsbewusst zu denken. "Das dänische Parlament hat beschlossen, bis 2050 keine fossilen Brennstoffe mehr zu verwenden. Ich fragte sie, wie das möglich war. Sie sagten, der Klimawandel sei keine Frage von links oder rechts. Dafür ist er einfach zu wichtig."

Das Argument, dass der eigene Einsatz nichts bringt, solange Konzerne auf Umweltschutz pfeifen, lässt Dion nicht gelten. "Wenn du nicht beginnst, wird es niemand für dich tun. Einstein sagte: ‚Ein Beispiel zu setzen ist nicht der beste Weg, um Menschen zu überzeugen. Es ist der einzige Weg.‘"

Von der Anwältin zur Parade-Gemüsebäuerin

Mit Landwirtschaft hatten Perrine und Charles Hervé-Gruyer rein gar nichts am Hut. Bis die ehemalige Anwältin und der frühere Seemann in die Normandie zogen und ihre eigene Gemüsefarm „Bec Hellouin“ gründeten. Auf ihren Reisen hatte sich das Paar mit verschiedenen Anzuchtpraktiken vertraut gemacht, um eine natürliche Vielfalt zu gewährleisten. Heute setzt ihre Farm, die auf dem Prinzip der Permakultur basiert, neue Maßstäbe im Gemüseanbau, kommt ohne Öl, Pestizide und motorisierte Hilfsgeräte aus. Charles und Perrine ernten und stellen gleichzeitig Humuserde her. Mit ihrem 1000m²-Gemüsegarten erzielen die beiden Franzosen heute eine jährlichen Umsatz von 54.000 Euro mit 2400 Arbeitsstunden. Das bedeutet, dass durch die kleine Farm eine Vollzeitarbeitsstelle geschaffen wurde – eine kleine Revolution in der Welt der Bio-Landwirtschaft.

Wirtschaftlicher Erfolg dank ökologischen Bewusstseins

„Es ist viel wirtschaftlicher, auf ökologische Art zu produzieren“, ist Emmanuel Druon überzeugt. Der Franzose ist Geschäftsführer der Firma Pocheco, die auf die Herstellung von Umschlägen spezialisiert ist. Seit Jahren beweist er, dass Wirtschaftlichkeit und Umweltbewusstsein einander nicht ausschließen: Fast alles in seiner Fabrik ist recycelt, Abfälle werden als Ressourcen benutzt, Papier, Tinte und Strom aus erneuerbaren Energien produziert. Das begrünte Dach lockt verschiedene Arten an, während es gleichzeitig die Werkstatt isoliert. Durch die Verwertung von Regenwasser ist das Werk unabhängig von der öffentlichen Wasserversorgung. Das Firmengebäude ist von Obstgärten umgeben und Bienenstöcken behangen. Pocheco verbraucht zwar jährlich etwa 10.000 Tonnen Papier – dafür werden pro Jahr bis zu 110.000 Bäume gepflanzt.

Gebäude an die Menschen anpassen – nicht umgekehrt

Wer schon einmal in Kopenhagen war, weiß: Diese Stadt ist leiser und entspannter als die meisten Großstädte. Mehr als ein Drittel des täglichen Straßenverkehrs wird von Fahrrädern bestritten, sie machen die Hälfte des innerstädtischen Verkehrs aus. Dadurch spart die Stadtverwaltung heute 90.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Mitverantwortlich dafür ist Jan Gehl, Architekt und Stadtplaner. In seinen Projekten legt er besonderen Wert darauf, die Gebäude an das alltägliche Leben anzupassen – nicht umgekehrt. Auch die Wiederbelebung von öffentlichen Plätzen, Fußgängerzonen in den Altstädten und die Entwicklung von öffentlichen Verkehrsmitteln stehen im Fokus. Seine Philosophie hat Gehl schon in vielen anderen Städten verbreitet. 2007 wurde er als Berater nach New York geholt – danach baute die Stadt 400 km Fahrradwege und schuf neue Grünflächen.