Interview mit Natascha Kampusch anlässlich des Erscheinens ihren zweiten Buches "10 Jahre Freiheit" am 07.12.2016 in Wien.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Freizeit
12/24/2016

"10 Jahre Freiheit": Natascha Kampusch im Interview

Zehn Jahre nach ihrer Entführung hat Natascha Kampusch ihr Leben geordnet. Die harte Zeit danach hat sie im Buch „10 Jahre Freiheit“ verarbeitet. In der freizeit erzählt sie von ihren Überlebensstrategien, der Kraft des Verzeihens und ihrer schönen Ausdrucksweise.

von Barbara Reiter

Frau Kampusch, wie verbringen Sie den 24. Dezember?

Jedes Jahr anders, aber immer traditionell mit Christbaum und dem Gedanken, Weihnachten zu lieben. Ich brauche nix Kitschiges mit Mascherl und Glöckerl, obwohl das auch in Ordnung ist. Es geht um das Zusammensein mit der Familie. Weihnachten ist ein Fest des Friedens. So möchte ich es verstehen und praktizieren.

An Ihrer Geschichte fasziniert, dass Sie als Kind Überlebensstrategien entwickelt haben, die oft Erwachsenen nicht haben. Wie haben Sie das geschafft?

Ich stelle es mir so vor, dass ich mit diesem Charakter und dieser Lebenseinstellung auf die Welt gekommen bin. Ein Vorbild war auch meine Mutter. Sie war immer eine zielorientierte Person, die sich nicht von anderen Leuten hat einschüchtern lassen.

Kürzlich wurde in den Medien berichtet, dass das Fritzl-Haus verkauft wurde. Finden Sie es gut, dass Häuser mit so einer Geschichte anders genutzt werden?

Finde ich schon. Ich wäre auch nicht dafür, dass man Hitlers Geburtshaus abreißt, weil es ja nicht extra für ihn gebaut wurde, sondern schon vor seiner Geburt dort gestanden ist. Man darf nur keinen Shintō-Schrein daraus machen.

Zehn Jahre sind nun seit Ihrem Martyrium vergangen. Sie hatten es auch danach nicht leicht und wurden oft kritisiert. Haben Sie denn nach Ihrer Flucht damit gerechnet?

Ich habe es geahnt. Natürlich war anfangs die Euphorie groß, ich war begeistert und dachte: „Jetzt bin ich frei“. Alle werden mir gratulieren, wie einem Sportler, der es geschafft hat, einen Rekord zu brechen. Nach und nach kam ich drauf, es gibt Missgunst, Neid und Hass. Das musste ich akzeptieren.

Kam da nie der Gedanke: Keiner liebt mich?

Natürlich hätte ich vieles als Zeichen deuten können, dass mein Leben einfach nicht schön sein darf. Aber das habe ich mir nie gedacht. Ich dachte, ich muss eben noch ein wenig warten, dann wird es auch gute Phasen geben.

Fotomotiv à la Kampusch: "Stellen wir uns Rücken an Rücken"

Waren Sie denn nie wütend?

Naja, Wut. Wenn mich Fremde verletzen, betrifft es mich schon auch, aber es geht mir nie so nahe, als wenn mich jemand beleidigen würde, den ich lange kenne. Aber ich habe eher das Gefühl, dass ich Verständnis für Menschen aufbringen möchte und nicht in Hass und Groll gegen ‚Unbekannt‘ leben will. Deshalb ist es mir wichtig, zu verzeihen.

Sie sind jetzt 28 ...

Ja, aber ich werde im Februar leider 29. Ich habe verhandelt was ging. Es lässt sich nicht verhindern.

Dann sind Sie Wassermann.

Und habe einen Wassermann-Aszendenten.

Haben Sie je nachgesehen, ob es zum Zeitpunkt Ihrer Entführung in Ihrem Horoskop verdächtige Konstellationen gab?

Ja, ich glaube, es gab einen schwierigen Transit. Aber es gab auch zum Zeitpunkt meiner Flucht einen Transit. Ich dachte bis vor kurzem, dass ich mich im Löwen befreit hätte, aber es war schon in der Jungfrau. An dem Tag gab es eine positiv unterstützende Konstellation zu Sonne. Es ist vielleicht nicht ganz richtig in Worte gefasst, aber es kam der Gerechtigkeitssinn des Sternzeichens Jungfrau durch.

Apropos Worte: Sie drücken sich sehr gewählt aus und haben in Ihrer Gefangenschaft viel Radio gehört. Ist das der Grund?

Natürlich, aber ich habe schon vorher versucht, mich so auszudrücken. Meine Mutter hat viel Wert auf schönes Deutsch gelegt. Ich konnte auch schon sehr früh sprechen und habe als Kind Hörspiele mit Bühnenschauspielern geliebt. Da kann man sehr gut Deutsch lernen.

Das klingt alles sehr reif. Sie haben als Kind auch schon Don Bosco verehrt.

Es gibt an der Tür meines Kinderzimmers noch ein Poster von ihm, das sich fast schon auflöst. Mittlerweile schläft dort meine Mutter.

Sie hätten Popstars aufhängen können.

Ich glaube, ich war da die Einzige. Andere haben eher Michael Jackson, die Spice Girls oder die Backstreet Boys aufgehängt. Wir hatten eine gute Religionslehrerin, der es nicht nur darum ging, dass wir Begebenheiten auswendig lernen, sondern Religion verstehen und selber ein Gewissen entwickeln. Sie hat uns Don Bosco vorgestellt.

Natascha Kampusch erzählt von ihren Überlebensstrategien

Haben Sie jemals den oscarprämierten Film „The Room“ gesehen, indem eine Frau mit Ihrem Sohn eingesperrt wird und der von Ihrem Fall inspiriert wurde?

Nein, aber ich habe schon früh ähnliche Filme gesehen. Ich finde das Thema immer beklemmend. Sehr an meine Situation erinnert, hat mich ein Film von einem Mann, der im Irak lebendig begraben wird (Anm.: „Buried“). Er versucht mit seinem Handy bis zuletzt Hilfe zu holen. Aber sie graben fälschlicherweise einen Toten aus. Kein Happy End.

Es ist eine blöde Frage, aber man stellt sie sich trotzdem: Was wäre, wenn alles anders gekommen wäre?

Es gibt darauf keine Antwort, weil man es nicht weiß. Ich kann nur sagen, dass ich weiter zur Schule gegangen wäre, weil es Vorschrift ist. Nur das weiß ich sicher.

Können Sie Ihrer Entführung und Gefangenschaft etwas Positives abgewinnen?

Am meisten dankbar bin ich dafür, dass ich überlebt habe. Es hätte auch anders ausgehen können. Ich bin auch dankbar für die Zeit, in der ich über mich selbst nachdenken konnte. Viele Menschen haben das nicht, aber in der Einsamkeit eines Kellerverlieses war es möglich, zu Selbsterkenntnissen zu kommen, die man sonst nie hat.

Was hat Ihnen in schweren Stunden am meisten geholfen?

Meine optimistischen Zukunftsaussichten, die ich schon seit der Kindheit gehegt und gepflegt habe. Ich wollte immer Schauspielerin werden oder etwas für die Menschheit tun. Ich wusste noch nicht genau was, aber ich hatte schon diesen Plan.

Die Fantasie hat Ihnen also geholfen?

Ja, die Zukunftsszenarien, aber wichtig ist der feste Glaube an das Ganze. Es geht nicht um Geheimnisse wie „The Secret“ oder dass man „Wünsche ans Universum“ schickt. Je mehr man an die Wahrscheinlichkeit eines Umstandes glaubt, desto mehr gelingt es, die Möglichkeiten dazu wahrzunehmen.

Sie könnten Motivationstrainerin werden. Ich würde ein Seminar bei Ihnen buchen.

Wirklich? Das überlege mich mir. Sagen wir, 2020 ist es soweit.

Warum denn so spät?

Ich habe doch so viele andere Projekte.

Sie wollten einmal Goldschmiedin werden. Warum wurde daraus nichts?

Weil ich mir dachte, dass es am und rund um den Menschen, viele Dinge zu tun gibt, die wichtiger sind als Schmuck.

Kampusch mag Modeschmuck und stimmt in auf ihre Kleidung ab

Sie meinen soziale Projekte.

Natürlich. Künstler sagen oft: „Mein Werk ist das, was bleibt.“ Models glauben auch immer, dass ihre Lippen, Ihre Beine oder ihr Dekolleté das Nonplusultra sind. Aber 40 Jahre später ...

...hängt auch bei Models alles.

Eben – und es gibt neue hübsche Mädels. Aber was man mit Menschen gemeinsam erlebt und was man für sie tun kann, ist das Wertvolle. Das ist, was bleibt.

Ich habe lange überlegt, warum Sie statt der Öffentlichkeit nicht die Anonymität gewählt haben, wie die Fritzls. Dann kam ich drauf, dass Sie dann fast niemandem die Wahrheit hätten sagen können.

Stimmt, das war ein Motiv, warum ich es nicht so gemacht habe. Aber bei den Fritzls habe ich es verstanden, weil es auch um Schicksale von Kindern ging. Sie hätten nie ein befreites Leben führen können. Es ist besser, niemand kennt ihre Identität.

Hatten Sie je das Bedürfnis, mit anderen Entführungsopfern zu sprechen?

Damals wäre es super gewesen, wenn ich mich mit jemandem hätte austauschen können. Aber im Nachhinein bringt es nichts mehr, zumindest für mich. Aber wenn jemand gezielt meinen Hilfe braucht, bin ich natürlich bereit für ein Gespräch.

Auf einer Skala von 1 total bescheuert bis 10 echt super: Wo stehen Sie derzeit?

Also, ich bin total bescheuert echt super. Ode muss ich eine Zahl sagen?

Nein, gar nicht. So haben Sie die ganze Bandbreite. So ist das Leben.

Ja, c’est la vie!

Info: Natascha Kampuschs Buch „10 Jahre Freiheit“ ist im List Verlag erschienen und kostet 20 €.

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