Leben
28.02.2018

Roman: Wenn Frauen Macht über Männer hätten

Im Roman "Die Gabe" verleiht die Autorin Naomi Alderman Frauen und Mädchen eine unheimliche Kraft, die ihnen Macht über Männer gibt. Und es stellt sich die Frage: Wäre so eine Welt tatsächlich besser?

Allie legt ihre Hände an seine Schläfen … Sie entfesselt ihre Kraft. Weißes Licht flammt auf. Ein silberner Blitz zieht sich über seine Stirn, seinen Mund, seine Zähne. Er zuckt und gleitet aus ihr. Seine Zähne schlagen aufeinander, während er sich verkrampft. Mit einem lauten Aufprall fällt er zu Boden … Dann legt sie ihre Hand auf sein Herz und bündelt ihre Kraft, schickt sie geradewegs in seine Brust, an den Ort, der den menschlichen Rhythmus steuert. Er erschlafft."

Ein gedankliches Experiment, eine Fiktion – nicht mehr, nicht weniger ist der Roman "Die Gabe" von Naomi Alderman. Darin erzählt die britische Autorin und Professorin für Kreatives Schreiben an der Bath Spa Universität, wie sich ein unheimliches Phänomen über die ganze Welt verbreitet. Eine Welt, die – vorerst – unserer Welt ähnelt. In der es zu sexuellen Übergriffen auf Frauen kommt, zu Mädchenhandel, Missbrauch und Ungleichheiten. Doch von heute auf morgen besitzen alle Frauen eine Gabe – die Fähigkeit, mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße auszusenden, um so Männer zu verletzen oder gar zu töten. Naomi Alderman, 42 entwirft in ihrem Buch eine Vision: Was wäre, würden Frauen plötzlich überlegen sein und sich die Machtverhältnisse umkehren? Ex-US-Präsident Barack Obama meinte, es sei eines der besten Bücher, das er 2017 gelesen hätte.

#MeToo und ein Roman

So viel sei verraten: Es ist eine düstere Vision, fern der Idee, dieser Planet wäre ein friedlicherer, würden Frauen das Sagen haben. Der Daily Telegraph befand, "Die Gabe" sei ein "atemberaubender Roman, der unsere Art zu denken für immer verändert". Die Filmrechte sind verkauft, geplant ist eine Serie.

Inspiriert wurde Alderman durch ein Werbeplakat, das sie sah, während sie mit der U-Bahn fuhr: "Darauf war das Gesicht einer wunderschönen, weinenden Frau zu sehen, die offensichtlich zu Tode erschrocken war. Ich durchlebte zu dieser Zeit eine schwierige Trennung und als ich dieses Plakat sah, zerbrach etwas in mir. Ich hatte das Gefühl, als würde es mir zurufen ,Hey du, das was du gerade durchmachst, all deine Tränen und all dein Schmerz, das gefällt uns. Gib uns mehr davon. Das macht uns an. Braves Mädchen’." In diesem Moment fragte sie sich, wie unsere Welt wohl sein müsse, damit sie das Bild eines wunderschönen, zu Tode erschrockenen Mannes in einer U-Bahn-Station als völlig normal, ja sogar als begehrenswert empfinden würde: "Wie müsste die kleinstmögliche Veränderung aussehen, um so eine Welt zu erschaffen?" Die Idee für "Die Gabe" war geboren.

"Ich persönlich habe keinen Grund zu denken, dass Frauen besser wären als Männer." Naomi Alderman, Autorin

Der Roman erschien schließlich genau am Punkt, zu einer Zeit, als die #MeToo-Debatte gerade so richtig ins Rollen kam. Eine Dystopie (Gegenteil von Utopie), die kaum aktueller sein könne, hieß es in den Medien. Laut Alderman ist "Die Gabe" keine Dystopie, sondern eher ein Spiegel. "Die Dinge, die darin passieren, sind ja nicht schlimmer, als die, die jeden Tag in der realen Welt geschehen. Wenn ,Die Gabe’ eine Dystopie ist, dann ist unsere Welt ebenfalls eine." Ihr ginge es viel eher um das Gedankenspiel der Machtumkehr und die Frage: Warum denken, wir, dass Frauen verantwortungsbewusster mit Macht umgehen als Männer? Weil sie von "Natur aus gütiger und sanftmütiger sind?"

Alderman legt nach: "Haben Sie mal gesehen, wie Mädchen einander behandeln? Glauben wir ernsthaft, Frauen würden sich daran erinnern, wie es war, misshandelt zu werden und sich deshalb zurückhalten? Ist es nicht ebenso wahrscheinlich, dass sich Frauen, daran erinnern würden, wie es war, misshandelt zu werden, und sie deshalb Rache nehmen wollen? Ich persönlich habe keinen Grund zu denken, dass Frauen besser wären als Männer. Ich habe danach gesucht, aber ich konnte keinen finden." Weil Menschen eben Menschen seien und jeder das Potenzial in sich tragen würde, andere zu unterdrücken. Daher lautet die Botschaft ihres Buchs: "Frauen verstümmeln und töten – weil sie es können."

Friede und Freude?

Die Frage, was wäre, würden Frauen das Sagen haben, hat schon viele Menschen beschäftigt – oft verknüpft mit der Vorstellung, es würde dann keinen Missbrauch und keine Ungerechtigkeiten mehr geben, stattdessen etwa ein Gesetz gegen Mansplaining. Friede, Freude, Eierkuchen.

Ein Verfechter dessen ist der kanadische Psychologe Steven Pinker, Professor an der Harvard-Uni und Bestsellerautor. Bereits in seinem Buch "The Better Angels of our Nature. Why Violence Has Declined" ("Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit") schreibt er, dass die Menschheit derzeit in der friedlichsten Phase der Geschichte leben würde. Frauen sieht er dabei als "konfliktmildernde Kraft", die klassischen Kriege wären Männersache. Er meint: "Weibliche Stammesangehörige würden sich niemals zusammentun, um Nachbardörfer zu überfallen." Seine Thesen sorgten für Kontroversen und wurden vielfach kritisiert. Bill Gates hingegen meinte, es sei sein Lieblingsbuch. Nun erscheint Pinkers Folgewerk, das an "Better Angels" anknüpft. Auch in "Enlightment Now" ("Aufklärung jetzt", Verlag Fischer, erscheint im Herbst 2018) setzt er seine Gedanken über Gewalt fort, und verweist erneut auf die Rolle der Frauen. In einem Interview mit dem Philosophie Magazin sagte er: "Männer begehen zehnmal mehr Morde als Frauen. Der Umstand, dass Frauen mehr Macht haben, führt zu milderen Umgangsformen." Aus seiner Sicht seien Hormone dafür verantwortlich.

Das klingt dann doch ein wenig nach Stereotypisierung im Sinne von "weiche Frauen, harte Männer". Die Geschichte zeigte immer wieder, dass Frauen auch anders können. Kriege führen etwa, wenngleich meist nicht persönlich an den Orten des Geschehens. Berühmte "Feldherrinnen", im weitesten Sinne, waren zum Beispiel Golda Meir, Indira Gandhi oder Margaret Thatcher. Auf den Schlachtfeldern selbst seien Frauen allerdings rar und aufgrund der Rollenzuschreibungen sogar unerwünscht, schrieb der bekannte israelische Militärhistoriker Martin van Creveld im Jahr 2001 in seinem Buch "Frauen und Krieg": "Echte Kriegerinnen waren immer so selten wie das Einhorn." Was er ebenfalls erwähnte: ein militärisches Experiment aus dem Jahr 1943. Dessen Ziel war es, zu klären, ob Frauen bei Flakeinheiten eingesetzt werden können. Heraus kam, dass sie dabei besser performten als Männer. Ein Ergebnis, das, so van Creveld, geheim gehalten wurde, weil sich die Verantwortlichen darüber einig waren, die amerikanische Öffentlichkeit sei noch nicht bereit für diese Form maskuliner Weiblichkeit.

Was wäre, wenn ...

Was sich verändern würde, wenn Frauen die Welt regieren, fragte auch die britische Tageszeitung The Guardian vergangenen Sommer. Die Medienmacher fühlten sich vom Projekt "What If Women Ruled the World?" der Performancekünstlerin Yael Bartana inspiriert. Darin initiiert sie – beeinflusst von Stanley Kubricks Satire "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben" – ein Forum, in dem nach möglichen Alternativen in einer von Männern beherrschten Welt gesucht wird. Schauspielerinnen, Politikerinnen, Menschenrechtsaktivistinnen und international renommierte Expertinnen kamen zu Wort. Und was sagten die befragten Frauen zum Guardian? Das Gros war sich einig: "Nichts würde sich ändern." In Strukturen und Systemen, die sich über das Prinzip Ungleichheit definieren, sei es am Ende egal, wer am Machthebel sitze. Außerdem würden Frauen an der Macht das Verhalten mächtiger Männer übernehmen und in der Folge nachahmen.

Viele Fragen

Zurück zur "Gabe" – was möchte Alderman ihren Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben? "Es gibt mehrere Fragen, die der Roman aufwirft. Warum sind die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen so, wie sie sind? Sind Frauen wirklich netter als Männer oder sind sie einfach nur zu schwach, um physische Gewalt auszuüben? Wie erleben wir eine Welt, in der Männer die Opfer und Frauen die Täter sind? Und wenn wir von dieser fiktionalen Welt, in der Gewalt gegen Männer an der Tagesordnung ist, schockiert sind – warum sind wir dann nicht gleichermaßen von der Gewalt gegen Frauen in der Welt schockiert?"

Zur aktuellen #MeToo-Debatte schrieb Naomi Alderman in einem Essay für die US-Tageszeitung New York Times: "Es gibt zu diesem Moment, an dem wir uns derzeit befinden, viel zu feiern, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Um weiterzukommen, müssen wir zugeben, dass das Problem nicht bei ein paar einzelnen Missbrauchstätern liegt, sondern in einer Kultur, die vorgibt, Frauen hätten keine wirklich eigenen sexuellen Bedürfnisse und müssten umgarnt, überzeugt, verführt, manipuliert, erpresst oder eben gezwungen werden. Deshalb braucht es den komplizierten und anhaltenden Dialog zwischen jungen Männern und jungen Frauen über das, was sich als konsensuell darstellt, was Machtmissbrauch ist und warum junge Männer, die sowieso schon größer, stärker und muskulöser sind – nach wie vor ermutigt werden, sexuelle Aggressoren zu sein. Während Mädchen gleichzeitig beigebracht wird, sie hätten sich hübsch zu machen und zu warten, bis sie gefragt werden."

Der Roman "Die Gabe" von Naomi Alderman – Originaltitel "The Power" – ist im Verlag Heyne erschienen und kostet 17,50 €

Dessen Superheldin Diana (Gal Gadot) stammt von Themyscira, der Insel der Amazonen, wo Frauen regieren und es keine Männer gibt. Allerdings geht es auch dort um Macht und Kampf – Wonder Woman setzt dabei übermenschliche Körperkraft, Reflexe und Schnelligkeit ein, sowie die Fähigkeit, zu fliegen. Außerdem verfügt sie über ein "Lasso der Wahrheit", das Gegner dazu zwingt, nicht zu lügen. Interessanterweise wurde der Film trotz seines Erfolgs bei den Nominierungen für den heurigen Oscar in keiner einzigen Kategorie berücksichtigt.

Angst vor Frauen

Frauen mit Superkräften sind auch aus Serien wie "Buffy, die Vampirjägerin" oder "Charmed" bekannt. Buchautorin Naomi Alderman (siehe Geschichte oben) meint, dass solche Frauen Männern manchmal unheimlich sein könnten: "Allerdings weniger wegen deren Superkräfte, als vielmehr wegen des Gedankens, dass Frauen auch nicht ,netter‘ sind als sie selbst. Aber ich denke, Männer sollten sich nicht zu sehr in Sicherheit wiegen. Ich denke, dass es sehr wohl Frauen gibt, die Männern ohne mit der Wimper zu zucken, das antun würden, was manche Männer Frauen angetan haben – wenn sie die Gelegenheit dazu haben."

Empowerment

Starke Frauenbilder, in der Literatur, in TV-Serien, im Film, sind wichtig – im Sinne des Empowerments. Weil gerade Fiktion neue Bilder schafft. "If she can see it, she can be it" ("Wenn sie es sehen kann, kann sie es sein"), lautet das Credo der Hollywood-Schauspielerin Geena Davis ("Thelma & Louise"). Sie hat das Missverhältnis der Geschlechter in der Filmindustrie im Visier. Im Jahr 2007 gründete sie das "Geena Davis Institute", das sich mit der Problematik "Film und Geschlecht" auseinandersetzt. Eine Studie des Instituts aus dem Jahr 2014 zeigte zum Beispiel, wie Frauen und Männer im Kino dargestellt werden . Dabei wurde offensichtlich, dass sich seit dem Jahr 1946 nur wenig verändert hat. Es sind drei Mal mehr Männer als Frauen auf der Leinwand zu sehen. Nur 23 Prozent der Filme haben weibliche Heldinnen, der Frauenanteil in Actionfilmen ist minimal.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam vergangenes Jahr eine umfassende Studie über Frauen in Film und Fernsehen der "malisa Stiftung" von Maria Furtwängler. Es herrscht ein Geschlechterungleichgewicht von 1 zu 2 – zugunsten der Männer. Auch im Kinder-TV: Bei Fantasiewesen wie Tieren, Pflanzen und Robotern ist nur eine von zehn Figuren weiblich.