US-Künstler Nickolay Lamm kreierte eine normale Barbie mit den Maßen einer Durschnittsamerikanerin (re.)

© © Nickolay Lamm

Perfektion ade
03/17/2014

Trend: Die neue Lust am Durchschnitt

Selbst Barbie musste kürzlich feststellen: Fehlerlos ist fad. Der neue Trend fordert Mut zum Makel

von Julia Pfligl

Carrie Bradshaw schreibt eine wöchentliche Zeitungskolumne und kann sich davon ein Apartment an der Upper East Side und einen Schrank voller Designer-Schuhe leisten. Sie hat jede Menge Männer. Und kein Gramm zu viel, obwohl sie nie Sport macht. "Sex and the City", die Kultserie der späten 1990er-Jahre, war geistreich, witzig und modern, aber bestimmt keine realitätsnahe Abbildung von Frauen in ihren Mittdreißigern. Man konnte über Carrie lachen, man konnte sie bewundern, aber nur die wenigsten Frauen konnten sich mit ihr identifizieren.

Mit Hannah ist das anders. Hannah ist die Protagonistin von "Girls", einer hochgelobten TV-Serie aus den USA. Hannah ist Mitte Zwanzig, lebt ebenfalls in New York, aber im wenig glamourösen Brooklyn. Sie lernt keine oder die falschen Männer kennen, fragt sich, wie sie von ihrem unbezahlten Praktikum die Miete aufbringen soll. Sie ist weder auffallend hübsch noch hässlich. Hannah ist Durchschnitt.

Schönes Mittelmaß

Die durchschnittliche Hannah wird von Lena Dunham (27) gespielt, die auch die Regisseurin der Serie ist und von Branchenkollegen als "weiblicher Woody Allen" gehypt wird. Sie pfeift auf Hollywood-übliche Schönheitsideale – auf dem roten Teppich präsentiert sie mit einem Selbstverständnis Rundungen und Riesen-Tattoos. "Mein Fett quoll hervor, aber ich liebe, wie das aussieht", verlautbarte Dunham nach ihrem Auftritt bei den Golden Globes. Das knallgelbe, hautenge Kleid, das sie trug, werteten viele als Signal: Seht her, ich schaue aus wie der Durchschnitt – und bin trotzdem überdurchschnittlich erfolgreich.
Die Neu-Orientierung am Mittelmaß spürt jetzt auch eine, die bisher als Inbegriff körperlicher Perfektion galt: Barbie. Groß, schlank und mit Wespentaille prägt sie seit 55 Jahren das Schönheitsideal kleiner Mädchen. Immer wieder musste sich die Herstellerfirma Mattel Kritik an den unrealistischen Proportionen gefallen lassen. Zu Recht, fand der Künstler Nickolay Lamm und schenkte der Jubilarin zum halbrunden Geburtstag einen neuen Look: Die "Normalo-Barbie" wurde nach dem Vorbild einer 19-jährigen Amerikanerin erschaffen, ist sportlich und hat einen realistischen Körperbau. Das Motto der Kampagne: "Durchschnittlich ist schön." Ab November sollen die neuen Barbies versandbereit sein.

Natürlichkeit ist Trumpf

Ganz neu ist der Trend zur "Imperfektion" nicht, vermutet Psychologin Daniela Renn. "Die meisten Menschen leben schon länger nach diesem Motto. Die Zeit von TV-Shows wie ‚Germany’s next Topmodel‘ ist eigentlich schon lange vorbei. So ein Aussehen ist für viele Menschen nicht unbedingt erstrebenswert." Das von Hollywood ausgehende Schönheitsideal – gestrafft, gespritzt, geglättet – würden viele "Normalos" gar nicht als ästhetisch empfinden. "Die Leute sehen das mit einem Augenzwinkern. Schönheit ist für sie längst etwas anderes: So abgedroschen es klingt, aber sie liegt im Auge des Betrachters. Schön ist, wenn Aussehen und Charakter zusammenpassen. Natürlichkeit ist schön."

Auch Modemacher setzen vermehrt auf das Besondere, meint die Expertin. "Designer buchen Albinos oder Transsexuelle für ihre Shows." Kleine Makel, zum Beispiel abstehende Ohren oder eine Zahnlücke, sind ebenfalls gefragt: "Das ist ein neues Schönheitsideal." Seit Bildbearbeitungsprogramme wie Fotoshop für jedermann zugänglich sind, ist vielen klar geworden, wie einfach es ist, Menschen auf Magazinen und Plakaten perfekt aussehen zu lassen, sagt die Psychologin. "Der Vorhang ist endlich gefallen: Niemand ist makellos!"

NY Premiere Girls

Actress Lena Dunham arrives at the HBO after party

Dunham answers a question during the panel for the

HBO Girls Premiere Party

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NY Premiere Girls

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File photo of writer, director and star of new HBO

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Craig Blankenhorn/New Line CinemNEW LINE CINEMA 5/25/08The gang is back for fresh laughs. Miranda, Charlotte and Carrie (from left, Cynthia Nixon,Kristin Davis and Sarah Jessica Parker) star in the much-anticipated movie version of "Sex andthe City." "It

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Actress Lena Dunham, of the comedy series "Girls"

Actresses Allison Williams, Lena Dunham and Zosia

70th Golden Globe Awards - Show

Actress Lena Dunham attends the Season 2 premiere

HBO, girls

Actress Lena Dunham attends the Season 2 premiere

TV Lena Dunham

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Ich will einfach genießen!

An diesen Schock-Moment vor sechs Jahren erinnert sich Schauspielerin und Autorin Hilde Fehr (50) noch ganz genau: "Wegen einer Verletzung konnte ich nicht mehr joggen und nahm in wenigen Wochen 15 Kilo zu. Ich fand mich dick und hässlich. Dann kam das Skript zu einem Theaterstück: Ich sollte eine Szene in Unterwäsche spielen!" Die Vorarlbergerin geriet in Panik. Obwohl sie noch zwei Monate Zeit bis zu ihrem Auftritt hatte, nahm sie einfach nicht ab. "Es war egal, welche Diät ich probiert habe, nichts hat funktioniert. Dann bin ich durchgedreht: Aus! Die Fraktion ‚Genießen‘ hat gesiegt." Seitdem hält Fehr ihr Gewicht – 80 Kilo wiegt sie bei einer Größe von 1,75 Metern. "Genießen bedeutet für mich, nicht zu kontrollieren. Ich esse, was ich will und worauf ich gerade Lust habe. Es gibt ja fast keine normale Milch mehr und keine normale Butter. Das geht mir so auf den Geist."

In ihrem neuen Kabarettprogramm "Fehr-liebt, Fehr-lobt, Fehr-heiratet Hilde" rechnet die zweifache Mutter (Sohn, 14, Tochter, 17) mit der "Sekte Schönheitsindustrie" ab. "Das ist eine Maschinerie, die Milliarden scheffelt und mit den Mechanismen einer Sekte praktiziert. Man beginnt, Gesänge zu beten: Das darf ich essen, das nicht, mehr Eiweiß, weniger Kohlenhydrate, fünf Liter Wasser am Tag. Das ist eine Form des Wahnsinns!"

Fehr weiß, wie der Ausstieg gelingt: "Ein Anfang ist, mit sich selber wertschätzend umzugehen. Also zum Beispiel eine Hose zu kaufen, die jetzt passt und nicht eine, die noch nicht passt. Sonst sieht man die Hose jeden Tag im Schrank und fühlt sich als Versagerin, weil man es nicht geschafft hat, abzunehmen."

Die Männer haben auf die veränderte Figur der alleinerziehenden Mutter durchwegs positiv reagiert. "Wenn ich zum Essen eingeladen werde, freu’ ich mich und esse alles, was ich will. Die Männer sind froh, wenn eine dasitzt, die nicht nur am Salatblatt herumknabbert." Auch ihre Sexualität habe sich "total verändert".

Was sich Fehr von den Medien wünscht? "Menschen! Ich habe für meine Homepage Fotos machen lassen. Der Fotograf wollte sie bearbeiten. Untersteh dich, hab’ ich gesagt! Gar nichts wird bearbeitet! Es gibt so viele Figuren wie es Menschen gibt. Das würd’ ich mir wünschen."

Info: Termine zu Hilde Fehrs Kabarettprogramm finden Sie unter www.hildefehr.at

Der Schwindel mit den "Übergrößen"

Schlanke Taille, lange Beine, flacher Bauch – das Model im H&M-Katalog vom Jänner sieht nicht aus, als würde sie Kleidergröße 44 tragen, dennoch wurde sie in der Kategorie "Plus-Size" (heißt Übergröße, Anm.) präsentiert. Die Bilder machten in sozialen Netzwerken schnell die Runde und sorgten für Empörung. "Kein Wunder, warum Mädchen glauben, so aussehen zu müssen, Schande", twitterte eine junge Frau.

Dass Frauen, die Kleidergröße 38 tragen, gerne als dick und füllig verkauft werden, ist keine Seltenheit. Viele Unternehmen werben damit in ihren Magazinen oder Kampagnen "echte Frauen" abzubilden, um dem Schlankheitswahn entgegenzuarbeiten – durchschnittlich sind sie aber nicht. So kündigte das deutsche Frauenmagazin Brigitte 2009 an, mehr "Durchschnittsfrauen von der Straße" zu zeigen. So groß die Erwartungen waren, so ernüchternd war das Ergebnis: Die Frauen waren selbst für Laienmodels zu perfekt.

Die Körperpflegemarke "Dove" traute sich in ihrer bekannten Kampagne mehr: Es wurden normal- bis übergewichtige Frauen in Unterwäsche gezeigt – ohne Narben und Cellulite wegzuretuschieren. Auch das amerikanische Modemagazin "V" veröffentlichte in einer Spezialausgabe eine Fotostrecke mit halbnackten, übergewichtigen Frauen. Die Botschaft kam nicht gut an: Üppige werden gebrandmarkt und hervorgehoben, so einer der Kommentare im Netz. Ähnliches zeigte eine Studie, die sich mit der Dove-Kampagne beschäftigte. Frauen mit einem hohen BMI gaben an, durch die Bilder verunsicherter zu sein. Ihnen wird suggeriert, dass sie zu dick sind.

Alles Beispiele, die zeigen, dass sich keine Frau selbstbewusster fühlt, wenn ihrem Körper ein Etikett verpasst wird – egal, ob "Size-Zero" oder "Plus-Size". Es sollte selbstverständlich werden, dass Unternehmen Models mit unterschiedlichem Körperbau engagieren.

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