Mimy Noever: Eine moderne Frau

Interview Mimy Noever mit Ro <br />
Freizeit Woche 45 2…
Foto: /Eva Schlegel Interview Mimy Noever mit Ro Raftl/ Freizeit Woche 45 2017

Gewitzt, charmant, mit wachem Verstand und leidenschaftlich menschenliebend. Mimy Noever ist auch mit 104 Jahren immer noch auf der Höhe der Zeit.

Bis vor wenigen Wochen hat Mimy Noever alleine gelebt. Mit Notfallknopf. „Grauenhaft“ fand sie ihn, auch das Band am Handgelenk: „Da muss man was Neues entwerfen“ drängte sie. „Wir machen einfach ein Schmuckstück draus!“ Schwiegertochter Elisabeth Noever-Ginthör, die Leiterin von departure, dem Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, ging glucksend in die Knie: „Das tun grad sämtliche Top-Designer. Mimy, du bist auf der Höhe der Zeit!“

Interview Mimy Noever mit Ro <br />
Freizeit Woche 45 2… Foto: /Eva Schlegel Mimy schafft das
Bewundert: „Es gibt nichts, von dem Mimy sagt, wir können das nicht schaffen.“ Daher. Nicht jammern. Nicht nachgeben. Nicht in Selbstmitleid suhlen. Sich freuen können. In die Zukunft schauen. Ein schönes  Vorbild. Sie war eine große Geschäftsfrau, eine begnadete Netzwerkerin bis ins hohe Alter: Mimy, hast einen Elektriker? Einen guten Ohrenarzt? Mimy hatte. Eine der wenigen Frauen, die in den 1930er-Jahren Medizin studiert haben. Wär die einfühlsamste Ärztin geworden, wär ihr Vater nicht gestorben. Also übernahm sie die Firma mit ihrem Bruder als geschäftsführende Gesellschafterin. „Svoboda. Seit 1911 erfolgreich und bis heute groß.“ Mimy wird noch ein Lied darüber singen.

Eine starke Frau
Ja, für Akquise und Vertrieb zuständig, hat sie charmant, kompetent und flexibel neben tausenden kleinen Büros Großobjekte wie Atombehörde, UNIDO, ORF, General Motors oder Zentralsparkasse eingerichtet. 1981 wurde sie für dreißig Jahre  erfolgreiche Unternehmensführung als erste  Unternehmerin des Jahres geehrt.

Mimy Noever<br />
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… Foto: Privat Im grünen Jaguar
Sie war im Grunde auch Alleinerzieherin: Ihr Mann lebte in Berlin, er hatte eine Vertretung für Electrolux. Eine sehr starke Frau, die jede Eigeninitiative leidenschaftlich unterstützt hat. Gut fürs Selbstbewusstsein ihres Sohnes, ihrer Enkelinnen. Peter (Noever, der frühere MAK-Direktor, Anm.) hat circa 16 Schulen frequentiert, doch das tat  ihrer Liebe nicht den kleinsten Abbruch. Sie hat gearbeitet. Eine schicke Frau mit sicherem Geschmack. „Mimy fuhr einen grünen Jaguar mit cognacfarbener Lederpolsterung, trug Leopardenjacken und hohe Stiefel. Eine moderne Frau. Konservative Ansichten? Mimy nie“, sagt ihre Schwiegertochter.


Natürlich klagt sie manchmal. Über Schmerzen. Über große Einsamkeit – weil alle Freunde tot sind, ihr ganzes Netzwerk. Sie hat junge Freundinnen, doch die sind nicht immer verfügbar. Auch, wenn sie an Grenzen stößt. Wenn es in der Fernsehwerbung heißt: Alles Weitere – Rabatte, Bedingungen, Detailinformationen auf www.undsofort –  ärgert sie sich: „Ich bin von der Hälfte der Informationen ausgeschlossen.“

Au, die Augen
Oje. Doch mit dem Computertippen wird’s nichts mehr. Die Augen! Artikel, die sie brennend interessieren, liest sie mit der Lupe. Bis vor Kurzem hatte Mimy drei Tageszeitungen abonniert. Und. Sich jede Weihnachten zur Bescherung bei Sohn und Familie eine steinerne Wendeltreppe mit holprig hohen Stufen in den dritten Stock hinaufgequält.


„Weil sie WILL“, huldigt ihr Elisabeth. Die es wunderschön findet, dass Tochter Louisa ihre Großmutter noch kennen lernt. „Frisch mit blühender Fantasie. Die mit ihr spielt. Die erzählt: Wie sie in die Schule gekommen ist. Was Peter für ein liebes und lustiges Kind war. Die sich freut, wenn sie da ist.“ Denn: „Mimy findet nie irgendwas zu laut, zu viel, zu anstrengend. Wenn Louisa kommt, darf sie alles machen. Auf Mimy wirkt das belebend. Sie war 99, als Louisa auf die Welt gekommen ist.“

Interview Mimy Noever mit Ro <br />
Freizeit Woche 45 2… Foto: /Eva Schlegel Party bei Mimy
Interview-Party. Mit Kuchenbuffet und Kaffee, mit Peter, Elisabeth, Louisa und Künstlerin Eva Schlegel als Fotografin. Eva ist eine „jüngere Freundin“ und hat Mimy zum Hunderter ein „unglaubliches Album in einem rosaroten Stoff geschenkt, ein Buch zu einem Fest mit 100 Leuten, so wunderschön – und ich bin so gut drauf auf den Fotos. Das musst du sehen!“, wispert die Dame des Hauses, todschick in roter Jacke, schmaler gestreifter Hose, schwarzen Slippern, dezent geschminkt und top frisiert. Sapperlot! Als käm sie frisch von Er-Ich, ihrem Leibfriseur über die Jahrzehnte. „Ja, die Mimy. Immer einen Super-Style gehabt“, wird der jederzeit posaunen. Schließlich. War Mimy bis 96 total mobil, ist jeden Tag ausgegangen.  Jetzt nimmer. Vor vier Wochen ist sie gestürzt, hat zwei Pflegerinnen, auch über Nacht. Wollte nicht. Muss aber. Konnte sich nicht mehr selbst versorgen ...

Diese Frau muss...
Ja, sie verliert ein Stück Freiheit. Immerhin kann sie Tschechisch mit den Pflegerinnen sprechen. Das hat sie im deutsch-tschechischen Kindergarten gelernt: „Wenn du groß bist, musst das sprechen können.“ Darauf hat ihr Vater bestanden, als er aus Altböhmen eingewandert, auf der Weißgerberlände Nr. 60 eine Tischlereiwerkstatt eröffnet hat. Noch bevor er in St. Pölten amerikanische Büromöbel nachzubauen begann. Svoboda (siehe oben). Sie wurde auf der Weißgerberlände geboren. Am 18. November wird sie 104. Tja. Ging bei Noevers schon öfter um Geburtstage. Doch. Diese Frau muss gefeiert werden.

...gefeiert werden
Sie erkennt mich. Gesicht und Kopftuch. Weiß zwar nicht mehr, wo ich hingehör, nicht, dass sie mir eine Haushaltshilfe vermittelt oder Künstler, Ethiker, Philosophen für meine Kolumnen ans Her gelegt hat, freut sich aber sehr. Wo warst du so lange?“ Verreist, da und dort. Doch jetzt sag, wie geht dein Tag?

Mimy macht Faxen
Sie macht Faxen, lustig geschmeichelt, dreht kühn die Zeit vor den Sturz zurück, flüstert brüchig, rauchig, auch bissl kokett, sodass die Melodie fast erotisch klingt: „Der Tag? Ich steh auf, schau in den Spiegel, ob ich älter geworden bin oder jünger. Denk, was muss ich heute tun. Koch ich oder hab ich noch was Altes, kommt wer zu Besuch? Zieh mich an. Nein, nicht früh. Um acht steh ich auf. Vorher lieg ich noch im Bett und überleg ... Dann geht’s los. Kaffee machen. Auch nicht schön.  Hab die kleine Küche, muss mich immer drehen und dann werde ich schwindlig und muss mich anhalten. Schlafen geh ich kurz nach zwölf. Will noch die Nachrichten schauen. Aber ich schlaf sehr gut. Hab noch nie ein Pulverl genommen.“


Hüstelt, räuspert sich, murrt charmant, dass ihre Stimme rostet, wenn sie lang allein ist, mit niemandem spricht: „Man müsste Leute haben, die einen verstehen.“ Jetzt. „Ist es furchtbar. Ich bin angewiesen auf die Pflegerinnen.“ Aber Mimy, willst alles selber machen? „Nein, ich hab eh Bedienerinnen. Aber auch die sind nicht mehr wie früher. “

Wie war's früher?
Früher. Erzähl, wie’s war, als du jung warst. In der Schule.


„12 Jahre war ich bei den Englischen Fräulein in St. Pölten, bis zur Matura. Es war die Elite, doch sind alle gestorben. Bin die letzte Schülerin von damals, die noch lebt.“
Aber als Mädel? Durftest Du ausgehen? „Eine Stunde. Am Nachmittag. Spätestens um sechs musste ich zu Haus sein.“ Und wohin? „Spazieren. Mit den Buben vom Gymnasium.“ Hast dich verliebt? „Wir sind bei einem Baum gestanden. Er hat ihn umarmt und gesagt: Schau, wie groß ich bin. Dann ist er zu mir gekommen und hat mir einen Kuss gegeben.“ Wie alt warst Du? „Na jung. Und blöd.“

Badezug? Nein!
Sie gerät ins Träumen: „Es war in der Villengegend von St. Pölten. Die Chefs der großen Firmen haben dort gewohnt, Ärzte und Anwälte. Der Vater meiner Freundin Trude hat mich zu einem großen Essen mit Erwachsenen eingeladen und im Laufe des Abends zu mir gesagt: ,Sie sind jetzt schon ein kleines Fräulein. Da dürfen Sie auch eine Zigarette rauchen.’ Nein, hab ich gesagt. Ich rauche nicht. Und ich werde nie rauchen.“ Hast geraucht? „Vieeel!“


Schwimmen wollte sie gehen. „Doch, meine Mutter hat protestiert: In einem Badeanzug? Nein. Du kriegst keinen Badeanzug.


Sie war gut und lieb. Aus der Kutalek-Familie. Ungarisch.  Mein Großvater ist noch mit einem Pferdewagen gefahren ...“

Notfallknopf
Der Wagen versandet, weil Louisa Strudel serviert. Mimy isst Nussstrudel. Mohnstrudel nie. Der Mohn pickt so hässlich an den Zähnen. Louisa läuft um eine Gabel: „Nicht fallen!“ Und Mimy schwenkt zur Geschichte, als sie im Vorzimmer gefallen ist. „Fünf Stunden bin ich gelegen und hab geschrien: Bitte helft mir  – doch niemand hat mich gehört.“


Aber Mimy, Du hast doch den Knopf! „Ja, doch das ist ein Rettungsring. Dann kommt die Rettung und bringt dich ins Krankenhaus.“ Der Sohn wirft trocken ein: „Sie drückt nicht auf den Knopf. Sie will nicht ins Krankenhaus.“ „Nein, da bekommt man Bazillen“, sagt Mimy. Lieber fünf Stunden am Boden liegen.

Angst vor Ärzten?
Angst vor Ärzten? „Nein, Medizin ist noch heute meine große Liebe, meine Bücher, meine Hefte. Hab ja auf der Hochschule studiert und in St. Pölten famuliert. Ich wollte fertig machen. Ging halt nicht. Nein, keine Angst. Gab immer befreundete Ärzte, die mir gesagt haben, was gut für mich ist. Viel trinken. Und Schwarze Schokolade! Da sind alle Vitamine drin.“


Der Sohn kritisiert: „Warum sprichst du plötzlich in halben Sätzen?“ Hm. Bis wir draufkommen, dass sich Mimy ihren Pflegerinnen anpasst, die nicht so gut Deutsch können. Sprichst du manchmal mit dir selbst? „Nein, dann komm ich mir dumm vor. Da ruf ich lieber eine Freundin an, Brigitta Eiselsberg, Kennst du sie? Sehr jung, keine 80. Sie arbeitet mit Bildern, es geht ihr gut. Hast du mit Svoboda gut verdient? „Nicht so viel. Hab neue Filialen in Innsbruck und im Ausland gegründet. Hab alles gehabt, was ich gebraucht hab.“ Nebenbei. Hat die Ideenreiche immer noch andere Projekte realisiert. Eine Boutique gleich hinter der Oper: Noblesse. „Wir haben entworfen, Modelle geschneidert. Mit einem Stoff, den es vorher noch nicht gegeben hat. Nylon? Hm, ich erinnere mich nicht, Kleider und Sonnenschirme jedenfalls, mit Malereien interessanter Künstler.“ Kreativ und lebendig.


„Bei Svoboda hat mein Bruder immer gesagt: ,Mimy, geh du zu den Leuten und bring die Offerte vorbei, zu den Bürgermeistern und großen Firmen. Dann geht es schneller.’ Ich hab immer Witze gemacht.“

Ein paar Tropfen Schnaps
 Anfangs hatte sie versucht, weiterzustudieren. „Im Sommer hab ich im Krankenhaus famuliert. Erfolgreich: Geh mit dem Primar zur Visite in den großen Saal, schreit hinten eine Frau: ,Ich bin schon so viele Monate hier und hab noch keine Medizin bekommen. Helfen sie mir!’“ Kaum waren sie fertig, hat Mimy eine liebevolle List ersonnen. Sucht eine Schwester, die sympathisch wirkt, und bittet sie: „Schwester, haben Sie ein Flascherl mit einem Totenkopf drauf? Wozu brauchen Sie das? Für eine Freundin, hab ich gelogen, sie macht Kunst ... Sie gibt mir das Flascherl, und ich bitt eine andere Schwester: Haben Sie ein paar Tropfen Schnaps? Mir ist so schlecht. Sie gießt mir ein Schluckerl ein und ich geh zu der Patientin zurück: Freuen Sie sich, sie bekommen jetzt Medizin. Und sie trinkt und strahlt und schreit: ,Mein schönster Tag. Sie haben mich gesund gemacht.’ Erzählt es den Schwestern, wird untersucht – und darf wirklich nach Hause. Jahre später geh ich auf den Friedhof – wo die Leute  auf dem Vorplatz miteinander tratschen–, da bahnen sich zwei Frauen mit den schönsten Pelzen den Weg durch die Menge. Ich hab nur auf den Pelz geschaut. Ruft die eine: ,Schau, das ist die Frau Doktor (dabei war ich gar keine), die mich gesund gemacht hat!“

Kino, Theater, Badeplatz
Das ist nur eine der Geschichten, die Mimy immer wieder begeistert erzählt. Andere spielen in Budapest. Oder am Plattensee. Denn. Mimy wollte den Sommer in Ungarn verbringen, mit Kino, Theater, Badeplatz. Und das Fräulein hat meist durchgesetzt, was es wollte. Selbst wenn’s die Mutter missbilligte.


 Also hat sie unter der Bettdecke mit der Kerze das vom Vater entsorgte Wiener Tagblatt nach Annoncen durchforstet, in denen gute Familien ein deutsches Fräulein suchten, das mit der Tochter Konversation betrieb: „Das war damals elegant.“ Und es gelang. Von einer Dueña behütet, fuhr Mimy im Erste-Klasse-Coupé in ihr Traumland. Wo sie nur reizende Menschen kennenlernte, alle Sehenswürdigkeiten, die gute ungarische Bohnensuppe, wo sie irrtümlich „als Mata Hari“ verhaftet, aber gleich wieder freigelassen wurde, wobei ein großer fescher Kapitän eine  tragende Rolle spielte, die aber „fortgeflogen ist aus meinem Gedächtnis“. Sie wird fröhlich bei seiner Beschreibung.

Die große Liebe
Die große Liebe kam viel später. Von der kann sie nur hauchzart flüstern. Elegant war er, beharrlich und sehr verliebt. Ist schon vor langer Zeit gestorben. Und sie müsste sofort sterben, könnte irgendwer irgendwas darüber lesen. Seine Glückszahl war die Ziffer Neun. 9 malt sie in die Luft.

Die Grube
Später hat sie ihre Badehütte in Weiden am Neusiedlersee sehr geliebt, schließlich ihrer Enkelin Ixy geschenkt. „Ja, und da Peter nicht mit mir, sondern mit anderen Mädchen gegangen ist, hab ich nach und nach für ihn einen großen Grund zusammengestoppelt, Wiesen und einen Berg mit Höhlen, einem Steinbruch, einem alten Weinkeller, hab Kirschen- und Mandelbäume gepflanzt. Meine Bekannten haben gesagt: So ein Blödsinn, da kann man doch gar keinen g’scheiten Rasen anlegen. Dann hab ich ihn Peter gezeigt, und er hat gesagt: So ein schöner Grund! Dort  hat er sein Land-Art-Projekt Die Grube entwickelt und große Architekten kommen aus der ganzen Welt. (Carlo Scarpa, Bernard Rudofsky, Wolf Prix, Karl Pruscha, auch Zaha Hadid war dort. Anm.) Im Sommer wird das Obst eingekocht und er fährt Traktor und macht Feste. Die Familie ist wichtig. Ixy hat ihren Doktor gemacht, arbeitet, hat einen Sohn und eine Tochter. Und Louisa ist die reine Freude, weil sie ein Goldkind ist: „So gescheit. Sie hört genau zu, wenn die Erwachsenen reden, merkt sich alles, stellt dann ihre Fragen und meldet ihre Zweifel an. Klimpert am Klavier ganze Melodien.“ Mimy hat es für sie stimmen lassen – „jetzt kann sie richtig spielen lernen“.


Und sie selber. „Möcht auch wieder etwas machen, eine neue Firma mit einer neuen Idee, nix Großes, eine kleine Sache. Etwas, das mir Freude macht, aber auch Geld bringt.“

(Kurier Freizeit am Samstag) Erstellt am
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