Leben
22.12.2017

"Drehen wir zu Weihnachten die Geräte ab"

Bestsellerautor Michael Winterhoff im Interview über Familienstreits, Handys und alte Rituale

Als engagierter Kinder- und Jugendpsychiater beobachtet Michael Winterhoff täglich, wie überfordert Familien von ihrem Alltag sind. Seit seinem Buch "Warum Kinder Tyrannen werden" regt er zu einem Umdenken in der Eltern-Kind-Beziehung an.

KURIER: In Ihrem neuen Buch "Die Wiederentdeckung der Kindheit" vergleichen Sie heutige Kinder mit jenen, die 1990 geboren wurden. War Weihnachten mit der Familie damals wirklich besser?

Michael Winterhoff: Erwachsene kamen früher besser zur Ruhe. Im Advent war auch viel zu tun – aber dann war irgendwann Schluss und man konnte es nur noch genießen. Das gibt es heute nicht mehr. Innerlich sind viele Erwachsene ständig unentspannt.

Was sind die Gründe dafür?

Beobachten Sie die Menschen: Wie viele sind gehetzt oder gereizt? Wir überfordern uns heutzutage. Wir sind in das digitale Zeitalter hineingerutscht. Mit dem Smartphone sind wir immer auf allen Kanälen erreichbar. Der Mensch kann nur eine bestimmte Anzahl an Informationen aufnehmen und Entscheidungen treffen. Und gerät in den Zustand der Reizüberflutung. Man muss sich das Leben vorstellen wie an einem Adventsamstag in der übervollen Stadt einkaufen gehen. Nach zehn Minuten sind Sie nicht mehr Sie selbst, sondern nur noch fremdbestimmt. Nach zehn Minuten zu Hause am Sofa wäre man wieder regeneriert und Kapitän der eigenen Psyche. Aber heute ist man bei allen Krisen dieser Welt live dabei und die Menschen geraten durch diese Überflutung mit Negativnachrichten in den Zustand der diffusen Angst. Für die Kinder bedeutet das, dass sie Eltern erleben, die am Limit sind. Eine Konsequenz ist, dass sie schlecht Nein sagen können. Das Kind merkt das und fordert immer mehr.

Was macht diese Anspannung der Eltern mit den Kindern?

Je kleiner Kinder sind, desto mehr überträgt sich die Anspannung der Eltern. Kinder werden dann meist motorisch unruhig oder hören nicht, dann wird der Erwachsene versuchen, das zu regeln – das Kind dreht noch mehr auf und es endet vielleicht damit, dass es ins Zimmer gehen soll und dass alle verärgert sind. Ich berate täglich solche Eltern und schicke sie als Erstes auf einen langen Waldspaziergang, wo ihre Gedanken aufhören, ständig zu kreisen. Sie ruhen wieder mehr in sich. Sie könnten auch Yoga machen oder sich in eine Kirche setzen. Man speckt dann sehr ab und fängt an, auch im digitalen Zeitalter so zu leben wie vorher und selbst über sein Leben zu entscheiden. Und dann haben ihre Kinder auch wieder eine Chance, ihre Eltern als erwachsen zu erleben und als echtes Gegenüber. Denn das brauchen Kinder unbedingt.

Was macht den Druck aus?

Die soziale Interaktion ist das Anstrengendste. Die modernen Medien sind eine enorm intensive Leistung unserer Psyche. Vor der digitalen Revolution hatten wir viel Zeit für uns, einen Festnetzanschluss, zwei oder drei Wochen Urlaub ohne Kontakt zum Büro. Für Muße und Langeweile ist gar keine Zeit mehr.

Weihnachten wird von manchen mehr mit Stress verbunden als mit Freude.

Dabei wären die Feiertage eine gute Gelegenheit zu sagen: Machen wir es doch einfach mal anders. Schalten wir an Heiligabend alle elektronischen Geräte aus, vielleicht auch den Fernseher. Das fällt am Anfang vielleicht schwer, man wird unruhig, weil man gar keine Nachrichten mehr annimmt und beantwortet. Aber Sie werden sehen, nach einer Zeit empfindet man das als angenehm. Die Kinder fangen wieder an zu erzählen, man ist wieder im Kontakt. Man spielt vielleicht ein Gesellschaftsspiel. Und man geht hinaus – Natur ist ganz wichtig! Viele Familien bleiben am Wochenende zu Hause oder sind nur im Auto unterwegs.

Haben wir wirklich weniger Zeit?

Die Zeit mit der Familie ist vielleicht genau so viel wie früher, aber sie ist keine echt gelebte Zeit. Wir karren die Kinder von Verein zu Verein oder wir sitzen gemeinsam beim Tisch und sind in Gedanken in der Arbeit oder bei ihren eMails und wenn das Handy läutet, heben wir ab. Wenn man es mal ausprobiert hat, kommt man vielleicht auf die Idee, dass man einen Tag in der Woche offline ist, zum Beispiel am Sonntag.

Wie gehen Ihre Klienten damit um, wenn Sie Ihnen zum Abschalten raten? Und wie erklären sie das ihren Kindern? Gerade die Kinder fordern ja oft ihr elektronisches Spielzeug ein?

Das ist falsch: Kinder akzeptieren Dinge so, wie der Erwachsene sie empfindet. Wenn ich vertrete, dass heuer am Heiligabend alle Geräte aus sind, dann geht das auch. Schwierig ist es natürlich, wenn ich dem Kind das gerade neu geschenkt habe.

Was sind Ihre Tipps für Weihnachten?

Eltern sollten am Wochenende vor Weihnachten in sich gehen und in Ruhe überlegen, was pädagogisch wertvoll ist. Die Weihnachtszeit ist mit Kindern schwierig: Die Kinder fiebern auf die Feiertage hin, die Erwachsenen sind nervös, es gibt viele Süßigkeiten und wenig Auslauf, weil das Wetter schlecht ist. Ich würde mir wünschen, dass man das Experiment wagt, für andere nicht erreichbar zu sein, nur für die Familie. Vor allem jüngere Kinder brauche nicht nur die Menschen, sondern auch eine Struktur. Am Heiligabend sollte für das Kind klar sein, wie der Ablauf sein wird. Vielleicht in eine Christmette für Kinder, von dort nach Hause, Bescherung, Singen, Geschenke – dann wird es entspannt statt chaotisch. Auch in den Tagen danach wäre eine Struktur gut und mehr Bewegung für die Kinder, etwa ein gemeinsamer Ausflug, damit sie die Anspannung der intensiven Familienzeit abbauen können.

Das klingt ja danach, dass die alten Weihnachtsrituale wie der Spaziergang zur Mitternachtsmette gut geeignet wären gegen den Feiertagsstress?

Man muss die Dinge nicht neu erfinden, nur wiederentdecken.

Michael Winterhoff: „Alle sind überfordert“

Als Kinder- und Jugendpsychiater hat sich Dr. Michael Winterhoff auf Entwicklungsstörungen spezialisiert.Er beobachtet, dass immer mehr Erwachsene eine gestörte Beziehung zu ihren Kindern haben.Für Aufsehen sorgte sein erstes Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit“ (wurde seit 2008 450.000 Mal verkauft). Er fordert von Eltern, sich wieder wie Erwachsene zu verhalten, und ihren Kindern Orientierung und Sicherheit zu bieten statt Freundschaft. Das sei Voraussetzung für die Entwicklung wichtiger sozialer Kompetenzen.