© NASA

Marsrover
12/03/2012

Leider doch keine Marsmännchen

Enttäuschung herrscht nach der „historischen“ NASA-Erklärung – organische Moleküle im All sind häufig.

von Martin Burger

Vielleicht war es ja nur ein Missverständnis. Eine Ankündigung „für die Geschichtsbücher“ hatte der Chef der Mars-Mission, John Grotzinger, vergangene Woche im Interview in Aussicht gestellt. Nach dem montäglichen Pressetermin verließen 150 enttäuschte Reporter den Konferenzsaal. Statt Spuren von Lebewesen auf dem Roten Planeten gaben die Forscher lediglich bekannt, Mars-Roboter Curiosity habe „Hinweise auf organische Substanzen“ entdeckt. Was nun wirklich keine Sensation darstellt. Aber wissenschaftshistorisch doch bemerkenswert ist, weil die Proben in 200 Millionen Kilometer Entfernung gezogen und untersucht werden. Solche Vorort-Probennahmen stellen in der Astronomie die absolute Ausnahme dar.

Für den KURIER beantworten der Astronom Thomas Posch und der Wiener Meteoriten-Experte Christian Köberl die wichtigsten Fragen zum jüngsten Nachweis der NASA.

Was wurde tatsächlich entdeckt?
Sam, das Messgerät an Bord des Mars-Rovers, hat die Signale von organischen Verbindungen, genauer: Kohlenstoff in Verbindung mit Chlor und Wasserstoff, in Gesteinsproben nachgewiesen. Die Stelle, deren Namen man sich möglicherweise wird merken müssen, heißt „Rocknest“. Ein organisches Molekül, etwa Alkohol oder Formaldehyd, kann ein Hinweis auf ehemaliges mikrobielles Leben auf dem Mars sein, muss aber nicht. Im Weltall bilden sich Kohlenstoffketten häufig durch Strahlensynthese, etwa im Orion-Nebel. Unter den mehr als 100 Molekülen, die man bisher im Weltall gefunden hat, sind viele Kohlenstoffverbindungen. Auch der Eintrag von organischem Material auf die Mars-Oberfläche durch Meteoriten ist denkbar. Zum Vergleich: Auf die Erde gehen laut Posch pro Tag 100 bis 1000 Tonnen kosmischer Materie nieder, auch jene Meteoriten, von denen seit den 1960er-Jahren bekannt ist, dass sie auch organische Moleküle enthalten. Wenn das auch bei der Marsprobe der Fall ist, hätte man nichts anderes gefunden, als das, das es eh überall gibt – und die Enttäuschung der Reporter wäre verständlich.

Gibt es überhaupt Anhaltspunkte für Leben auf dem Mars?
Die gibt es immer wieder, obwohl der direkte Nachweis bis heute fehlt – das Video eines Mars-Bakteriums etwa. 1996 war die Aufregung groß, als Forscher meinten, in einem Marsmeteoriten namens Alan Hills 84001 wurden Fossilien von Nanobakterien gefunden. „Das war auch keine dumme Idee damals“, sagt der Direktor des Naturhistorischen Museums, Christian Köberl, aber weitere Forschungen hätten gezeigt, „dass diese Strukturen auch anorganisch gebildet werden können.“ Also wieder kein klarer Hinweis. Das stärkste Indiz für Leben auf dem Mars ist nach wie vor ein positiv verlaufenes Experiment der Viking-Mission aus dem Jahr 1976. In einer Bodenprobe wurde biologische Aktivität, atmende Organismen gemessen. Das Ergebnis wurde aber zunächst verworfen, weil zwei weitere negativ verliefen, und einfache Ergebnisse in der Wissenschaft nicht zählen. Neuere Befunde zeigen aber Ähnlichkeiten zu Daten über terrestrische Lebewesen: „Dieses alte Ergebnis ist daher nicht so einfach wegzudiskutieren, wie es zunächst schien.“

Wie geht es mit Curiosity weiter?
Der Mars-Rover soll noch vor Weihnachten mit seinem Bohrer den Marsboden untersuchen. Für Anfang 2013 ist die Fahrt zum eigentlichen Ziel, einen Berg namens „Mount Sharp“, geplant. Die Frage nach der Existenz von Leben auf dem Mars bleibt bis auf Weiteres unbeantwortet. In der Mars-Wissenschaft gilt aber ohnehin der Satz: „Absence of evidence is not evidence of absence.“ Soll heißen: Dass etwas noch nicht gefunden wurde, bedeutet nicht, dass es nicht da ist.

Leben

Der Nachweis Mission „Neugier“ „Curiosity“ soll ein 36 Jahre altes Experiment der Viking-2-Mission überprüfen. Auch heute schwierig: Die Proben dürfen nicht zu nah an der Oberfläche genommen werden, denn die obersten 15 Zentimeter der Mars-Oberfläche sind steril. Seine Atmosphäre hat keine schützende Ozonschicht gegen UV-Strahlung.

Angst vor Messfehlern Das Messinstrument des Mars-Autos erhitzt Bodenproben und misst die Verdampfungsspuren Tausender Moleküle unterschiedlicher Größe. Chemische Reaktionen der Substanzen gaukeln mitunter falsche Moleküle vor. So erwies sich ein Methan-Nachweis als falsch.

Seltener Meteorit wird in Wien erforscht

Am 18. Juli 2011 fiel in Tissing in Marokko nahe der algerischen Grenze etwas vom Himmel. Die Himmelsboten, so stellte sich später heraus, waren Meteoriten vom Mars. Das war erst der fünfte von Augenzeugen beobachtete Fall eines Mars-Meteoriten und der zweitgrößte, was die Menge betrifft. Das größte Einzelstück befindet sich seit vergangenen Sommer im Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien. 400.000 Euro hat Direktor Christian Köberl in den 908,7 Gramm schweren Brocken investiert. Mars-Meteoriten sind überaus selten und daher forscht nicht nur Curiosity nach dem Mars-Untergrund, sondern auch das NHM.

Vulkanismus

Auch Meteoriten bergen organische Kohlenstoffverbindungen, „erst heuer im Sommer hat eine amerikanische Forschergruppe eine Anzahl verschiedener längerkettiger organischer Moleküle gefunden“, erläutert Köberl, allerdings fand sich auch hier kein Hinweis auf Leben. In Wien wiederum widmet man sich der Entstehungsgeschichte des Meteoriten, der Petrogenese. Wie alt ist das Gestein? Wann passierte die Eruption auf dem Mars, die uns den Meteoriten beschert hat? Einige Forscher rechnen zurück, wie lange der Brocken geflogen ist, ehe er bei uns einschlug? Am NHM werden Untersuchungen mit dem Rasterelektronenmikroskop gemacht. „Dadurch lernen wir etwas über die Geologie des Roten Planeten.“

Warum ist die Suche nach Leben auf dem Mars so ein Geduldspiel, immerhin hat man schon in den 1960er-Jahren die Existenz von Wasser nachgewiesen. Köberl, nachsichtig: „Stellen sie sich vor, auf der Erde landet eine Raumsonde und nimmt eine Bodenprobe. Die Aussagekraft eines solchen Nadelstichs ist begrenzt.“

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