Nichts ist für immer.

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Lebensgeschichten
10/30/2016

Abschiede gehören zum Leben

Abschied von Verwandten, Arbeitgebern und Orten: Sieben Lebensgeschichten, die betroffen machen – und Hoffnung geben.

Abschiede sind unvermeidliche Zutat des Werdens und Vergehens. Ständig sagen wir Adieu – zu Menschen, Orten, Dingen. Nichts ist für immer. Wer endlich lebt – und das möglichst bewusst –, macht sich mit dem sensiblen Thema Tod schon im Leben vertraut – zumindest ein bisschen. "Abschied" hat vielen Facetten. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne.

Abschied von Sophie. Natascha Schneider hat ihre Tochter während der Schwangerschaft verloren: „Ich hätte mir ein bisschen mehr Mitgefühl erwartet“

Es ist für sie ein längst vertrautes Ritual. Am Sonntag fährt Natascha Schneider mit ihrem Wagen zu ihrer Sophie. Ihre Tochter liegt auf dem Wiener Zentralfriedhof. Vom dritten Tor ist es zu Fuß nicht mehr weit zu ihrem Grab in der Gruppe 35 B. Es ist ein Babygrab, mit der Ordnungsnummer 45.

Die 33-jährige Wienerin, Inhaberin eines Kosmetiksalons nahe der Volksoper, erzählt ihre Abschiedsgeschichte auffallend gefasst. An einigen wenigen Stellen entschuldigt sie sich für ihre Tränen. Aber ist ihre Trauer nicht mehr als verständlich?

„Am 29. September hätte mein Kind zur Welt kommen sollen“, eröffnet Frau Schneider. Doch es sollte anders kommen. In der 22. Schwangerschaftswoche bemerkt sie, dass sie Fruchtwasser verliert. Um an dieser Stelle genau zu bleiben: Weder sie noch ihr Gynäkologe, den sie sofort konsultiert hat, wussten zu diesem Zeitpunkt, dass es sich um Fruchtwasser handelt.
Zwangsläufig tauchen in ihrer Erinnerung Fragen auf: Was wäre gewesen, wenn der an sich erfahrene Arzt die Dramatik sofort richtig eingeschätzt hätte? „Ich gehe heute davon aus, dass meine Sophie damals nicht mehr zu retten war.“ Doch sie sagt auch: „Ich hätte mir ein bisschen mehr Mitgefühl erhofft.“

Vor allem in jenem großen Krankenhaus in Ottakring fühlte sie sich in den darauf folgenden Tagen immer wieder alleingelassen: „Die täglich wechselnden Ärzte haben sich mehrfach widersprochen.“ Was zwangsläufig bei ihr zu einem Wechselbad der Gefühle führen musste.
Dann die Geburt von Sophie, exakt vier Monate vor dem Termin. Was dem Kind so gut wie keine Chance ließ. „Ich erinnere mich, dass es ein Freitag war. Draußen schien die Sonne, ich sah aus dem Fenster den blauen Himmel.“ Doch im Herzen der werdenden Mutter eines todgeweihten Kindes tobten die Hormone, dominierte Dunkelheit. Sie spürte, dass ihre Tochter gerade im Sterben lag.

Dass man die mit Antibiotika vollgepumpte Frau auf dem Weg in den Kreißsaal durch die Geburtenstation mit all den positiv gestimmten Müttern schieben musste, kann sie bis heute nicht verstehen. Für Natascha Schneider war das mehr als nur ein seelischer Höllenritt. Kurze Pause. Tränen. Schweigen.

Der Horror ist an dieser Stelle aber noch nicht fertigerzählt: Unmittelbar nach der Geburt hat man ihr erklärt, dass das Baby erst im September begraben werden kann. „Was ich den ganzen Sommer über nicht glauben wollte.“ Ende August erhielt die besorgte Frau nach vielen Telefonaten endlich die unglaubliche Auskunft, dass das Begräbnis schon im Juli stattgefunden hatte. Einfach so. Ohne sie.

Abschied vom Vater. Giora Seeliger über Tränen im Nachtzug: „Mit einem Weinkrampf“

Es ist schon einige Zeit her, 34 Jahre um genau zu sein. Und doch erinnert sich der Schauspieler Giora Seeliger so, als wäre es gestern gewesen. Er probte damals auf einer Bühne in Paris, als ihn nicht ganz unerwartet die Nachricht vom zweiten Herzinfarkt seines Vaters ereilte. „Ich bin dann Hals über Kopf in den Nachtzug nach Düsseldorf gestiegen, irgendwie habe ich in dem Abteil, in dem ich alleine gesessen bin, gespürt, dass es in diesen Stunden mit meinem Vater zu Ende geht.“

„Mit einem Weinkrampf“ irgendwo im Dunklen, zwischen Bahnhöfen, verabschiedete sich Seeliger von seinem Vater, der in seiner Erinnerung „nicht immer einfach war, mit dem mich dennoch weit mehr verband als trennte“. Sein Gefühl, seine Vorahnung im Zug sollte ihn nicht täuschen: „Nach meiner Ankunft kam mir meine Mutter entgegen, die mir berichtete, dass der Vater kurz zuvor verstorben war.“

Der damals 29-Jährige verfasste eine Abschiedsrede und wohnte dann auch dem Begräbnis bei. Doch drei Tage nach dem Ableben seines Vaters musste er schon wieder auf der Bühne stehen und in einer Komödie eine Rolle spielen. „Die mit meiner privaten Situation wenig zu tun hatte.“

Abschied von den erwachsenen Kindern. Elisabeth Hundstorfer über Muttergefühle: „Man gewinnt somit auch ein Stück Freiheit zurück“

Das Kinderzimmer ist kein Kinderzimmer mehr. Soeben ist auch ihr Sohn dabei, aus ihrer nett eingerichteten Wohnung in Wien-Josefstadt auszuziehen. Elisabeth Hundstorfer weiß, dass ihr das nicht egal ist: „Auf der einen Seite freue ich mich, dass sich die Kinder zutrauen, die elterliche Wohnung zu verlassen, um einen großen Schritt in Richtung Selbstständigkeit zu machen. Auf der anderen Seite muss ich mir selbst gut zureden, dass sie das können. Man muss lernen sich einfach nicht ganz so wichtig zu nehmen.“

Am meisten fehlt ihr in den eigenen vier Wänden ohne Kinder das spontane Zusammensein, der ständige gemeinsame Austausch, der Trubel. Die Gründerin des Labels Lili Records lächelt: „Im Positiven wie im Negativen.“ Immer wieder wischen alte Bilder vor ihrem geistigen Auge vorbei: „Ich erinnere mich an Freunde, die im Kinderzimmer kichern, Geschwister, die sich die Haare blau färben.“ Und ja, an das auch: „An volle Wäschekörbe.“

Sorgen macht sich die Frau Mama heute mehr um sich selbst. Erste Fragen tauchen auf: „Wie wird sich die Partnerschaft verändern, wenn man nur mehr zu zweit beim Abendessen sitzt? Werde ich meine Kinder regelmäßig sehen oder doch nur sehr selten? Wird unsere Nähe und Vertrautheit darunter leiden?“

Den Abschied von den Kindern sieht sie auch als Chance: „Es gibt jetzt genügend Platz in der Wohnung, endlich Gelegenheit auszumalen und neu einzurichten, aber auch mehr Zeit für mich, weil ich mich nicht mehr so nach den Kindern richten muss, wann und was sie essen wollen, ob ich noch schnell die Hose in die Waschmaschine schmeißen soll oder wieder Sekretärin spielen darf.“ Man könne auch gemeinsam neue Projekte starten, „die durch die physische Distanz an Professionalität gewinnen“.

Stolz ist Elisabeth Hundstorfer nicht nur auf ihre Kinder, sondern auch auf sich selbst. Und: „Es fällt mir eine Last von den Schultern, weil ich weiß, dass sie sich auch ohne mütterliches Zutun durchs Leben schlagen können. Man gewinnt somit auch ein Stück Freiheit zurück.“

Abschied von Job. Daniela Sisko hat nach 16 Jahren in einer PR-Agentur nicht nur ihre Arbeit verloren: „Mir zog es den Boden unter den Füßen weg“

Die ungute Nachricht kam 2015, sieben Tage vor Weihnachten. Da hat die 37-jährige Mutter von zwei Kindern, die 16 Jahre lang für eine Wiener PR-Agentur gearbeitet hat, erfahren, dass etliche Kollegen und sie nicht von der neuen Agentur übernommen werden. „Die Enttäuschung war damals enorm“, erzählt Daniela Sisko. „Vor allem, weil ich in den 16 Jahren zum Auf- und Ausbau dieser Firma viel beigetragen habe.“ Fünf Jahre lang als Projektmanagerin, und nach ihrer Karenz als Mitarbeiterin der Online-Redaktion.

Der abrupte Abschied hat sie arg mitgenommen: „Mir zog es den Boden unter den Füßen weg. Es war für mich wirklich sehr schlimm, da mir die Arbeit immer großen Spaß gemacht hat und viele der Kollegen nicht nur beste Freunde waren, sondern auch schon irgendwie zur Familie gehörten.“

Daniela Sisko hat mehrere Monate benötigt, um den Verlust zu verarbeiten: „Heute noch habe ich Albträume und denke mir manchmal, dass das alles nicht wahr sein kann. Am meisten fehlen mir die Kollegen.“

Anfangs dachte sie, dass sie irgendwie alleine klarkommen könne: „Ich habe lange nach einem neuen Job gesucht.“ Doch eine Mutter mit zwei Kindern, die Teilzeit arbeiten möchte, gilt heute als schwer vermittelbar.

„Leider hatte ich keinen großen Erfolg, es war sehr deprimierend für mich.“ Daher musste ein Plan B her: weil sie schon immer gerne und gut mit Kindern konnte, hat sie sich dazu entschlossen, noch einmal von ganz vorne anzufangen und eine Ausbildung zur Elementarpädagogin zu machen. Halt geben ihr heute ihre Familie, die neue Ausbildung und viele ihrer Ex-Kollegen: „Sie verstehen mich am besten.“

Abschied vom gelernten Beruf. Peter Hackmair über seinen Neustart: „Neben dem Fußball“

Sein letztes Spiel bestritt der damals 25-Jährige in Graz. Gegen Sturm. Nur 30 Minuten lang. Dann war sein Knie endgültig kaputt. Nach der vierten schweren Verletzung im vierten Jahr beschloss der Vöcklabrucker Peter Hackmair, seinen gelernten Beruf aufzugeben.

Sein Abschied vom Profifußball vollzog sich in Etappen: „Schon die vorherigen Verletzungen gaben mir Zeit, aus dem Hamsterrad auszusteigen und das eigene Tun zu hinterfragen.“ Hackmair galt jahrelang als österreichischer Hoffnungsträger, an der Seite der gleichaltrigen Sebastian Prödl, Zlatko Junuzovic oder Martin Harnik.

Auffallend ist, dass der Sohn einer Deutschlehrerin nicht in ein schwarzes Loch fiel, sondern sich seine Gedanken zum Abschied von der Seele schreiben konnte. Zudem begab er sich für eineinhalb Jahre auf Weltreise: „Damals habe ich bemerkt, dass es neben dem Fußball noch anderes zu entdecken gibt.“

Er will die Zeit als Fußballer nicht missen: „Ich habe gelernt, meinen Platz in einer Gruppe, in einer Hierarchie zu finden, sich durchzusetzen, andere zu respektieren, an einem Ziel, einem Traum zu arbeiten, mit Rückschlägen umzugehen. Der Fußball war für mich die beste Schule.“ Heute ist er über seinen Abschied von seiner Jugend-Liebe nicht traurig: „Als Kommentator bei der EURO empfand ich keinen Neid, viel mehr Freude, dass es meine ehemaligen Kollegen so weit gebracht haben.“

Abschied vom Zuhause. Sonja Ertl-Holocher ist als Wirtschaftsdelegierte oft auf Achse: „Sich selbst ein bisschen neu erfinden“

Sie ist das Abschiednehmen gewohnt. „Das bringt unser Beruf mit sich“, sagt Sonja Holocher-Ertl, seit wenigen Wochen Österreichs Wirtschaftsdelegierte in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Ihr bisheriger Lebenslauf liest sich wie eine Mini-Weltreise. Nach Studium und Spezialausbildung in der Wirtschaftskammer war sie bereits in Sydney, Zagreb, Wien und in London tätig.

Der Abschied aus Australien im Jahr 2004 sei ihr besonders schwergefallen: „Wir hatten dort einen sehr netten Freundeskreis, und ich war überzeugt, nie wieder so eine schöne Zeit mit so guten Freunden erleben zu können.“ Ihre Befürchtung hat sich jedoch nicht bewahrheitet: „Der Abschied nach meinem ersten Einsatz in Zagreb fiel mir auch schwer. Mit der Erfahrung, dass jeder Neuanfang mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gut gehen wird, war es jedoch einfacher als 2004.“

Eröffnet ein Abschied neue Chancen? „Ja, auch für mich selbst ist ein Anfang in einem neuen Land immer eine große Motivation, neue Vorsätze tatsächlich umzusetzen, ohne von alten Routinen zurückgehalten zu werden. Man kann sich selbst ein bisschen neu erfinden.“

Abschied vom alten Leben in der DDR. Annett Thoms über ihr Leben vor und nach dem Mauerfall: „Freudentränen für meine Stasispitzel“

Das Ende der DDR hat auch für Annett Thoms viel verändert. Plötzlich gab es in Weimar keine Musik-Hochschule mehr. Und ein Professor riet der jungen Mutter einer kleinen Tochter, an die Hochschule in Köln zu übersiedeln.

Der Abschied vom ersten Abschnitt ihres Lebens, von Wohnorten, vom Studium, von Arbeit, Lehrern, Freunden, Musikerkollegen ist ihr extrem nahegegangen: „Auch deshalb, weil es zuvor in der DDR kaum möglich war, Abschied zu nehmen.“

Das Verlassen ihrer ersten Heimat hat sie jedoch zu der gemacht, die sie heute ist. Thoms betont: „Innerhalb von Mauern wachsen leider auch die Mauern in den Köpfen der Menschen.“ Sie hat das mehr als ihr lieb war miterlebt: Wie Menschen ringsum mundtot gemacht wurden, wie ein Musikerkollege in ihrer Band erpresst wurde, sie zu bespitzeln, wie ein Freund von ihr auf der Flucht erschossen und der andere im Gefängnis in den Freitod gezwungen wurde.

Gab es Menschen, denen sie heute noch eine Träne nachweint? Sie lächelt: „Ja, Freudentränen für meine Stasispitzel.“ Gibt es sonst noch etwas, was ihr heute fehlt? „Ja, mein Motorrad, meine Jawa."

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