Leben
06.10.2017

Leben mit Hochsensibilität - was steckt dahinter?

Eine Betroffene über ihren Weg von einer Außenseiterin zur gefragten Ratgeberin.

Sie hält es nicht lange in der Großstadt aus, erzählt die erfolgreiche Sachbuchautorin Sylvia Harke. Die vielen Menschen, das Getose, das Gedränge, die vielen Lichter, der Verkehr, das Durcheinander. Sie schafft wohl den einen oder anderen Termin im Urbanen. Aber danach müsse sie sofort wieder in ihr ruhiges Dorf im Schwarzwald, in dem sie sich geborgen fühlt.

Was aufs Erste ein wenig nach Landei klingt, führt die Diplom-Psychologin auf ihr außergewöhnliches Temperament zurück: "Ich bin hochsensibel." Und fügt hinzu, dass rund 15 Prozent der Frauen und Männer davon betroffen wären. Sie bezieht sich auf eine Schätzung, die allerdings in Fachkreisen umstritten ist. Univ.-Prof. Anton-Rupert Laireiter von der Universität Salzburg plädiert dafür, die Kirche im Dorf zu lassen: "Es gibt bis dato keine wirklich validen Daten."

Nahe beim Wasser

Hochsensibel? Da und dort herumgesprochen hat sich, dass Hochsensible mit der modernen Reizüberflutung nur schlecht zurechtkommen und ihre Hütte nahe beim Wasser gebaut haben – daher in guten wie in schlechten Zeiten schneller als andere zu Tränen gerührt sind.

"Damit ist aber noch lange nicht alles erklärt", weiß Sylvia Harke aus eigener Erfahrung, die sie in ihrem neuen Ratgeberbuch und in ihrer psychologischen Praxis an betroffene Frauen weitergeben möchte (Wenn Frauen zu viel spüren, Knaur MensSana HC, 288 Seiten, 18 €).

Hochsensible würden viel nachdenken, mehr als andere, sagt Harke. Über sich, das Leben, die Welt. "Ich habe mich schon mit 14 für Reinkarnation und das Leben nach dem Tod interessiert." Zugleich habe sie unter ihrer empfundenen Andersartigkeit gelitten: "Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich bin vom anderen Stern", beschreibt die Psychologin ihre Gefühlslage mit einer gängigen Metapher.

Die Zurückgezogenheit ist das erste von vier grundlegenden Merkmalen, die die US-Psychologin Elaine Aron in Bezug auf Hochsensible beschrieben hat. Ein weiteres: Über-Erregung. Auch diesen Zustand kennt Harke gut. Mit der Geschäftigkeit in der Großstadt habe sie immerhin bereits umgehen gelernt. Was Aron sachlich als "emotionale Intensität" beschreibt, kennt Harke aus ihrem Leben so: "Unsereins verliebt sich intensiver als andere und durchlebt auch deutlich längere Trauerphasen."

Viertes und letztes Merkmal: "Die sensorische Überempfindlichkeit." Aus ihrem Alltag und vielen Beratungsgesprächen kann die Psychologin berichten: "Ich würde sagen, dass wir unsere Antennen immer auf Empfang gestellt haben und nicht genügend Filter besitzen, um alle einströmenden Reize auszublenden." Für sie auch ein Symptom der Überempfindlichkeit: "Meine niedrigere Schmerzschwelle."

"Wiedererkannt"

Es habe lange gedauert, bis zu ihrem 30. Lebensjahr, bis sie Erklärungen für ihre Andersartigkeit fand, sagt die Betroffene. Geholfen habe ihr dabei die Lektüre des Buchs "Zart besaitet" von Georg Parlow, der in Wien eine HSP-Praxis führt (HSP steht für Hochsensible Personen). "Ich habe mich in diesem Buch sofort wiedererkannt."

Inzwischen führt sie im Schwarzwald auch so eine Praxis und schreibt – so wie ihr Wiener Kollege – Bücher. Speziell für Frauen. Das neue Buch trägt den Untertitel "Schutz und Stärkung für Hochsensible". Nach Hunderten Beratungen in ihrer Praxis und am Telefon ist ihr diese Facette besonders wichtig. Sie kann das auch plausibel erklären: "Ich musste als Jugendliche lernen, zu funktionieren, musste dabei gegen die eigenen Gefühle ankämpfen, was auf Dauer am Selbstwertgefühl nagte."

Das Angebot der Psychologin ist betont blumig: "Ich möchte Sie, liebe Leserin, einladen, die Flügel Ihrer Sensitivität voll zu entfalten. Wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird, können wir unsere wahre Bestimmung aktivieren, wenn wir im Herzen erkennen, wer wir wirklich sind. Öffnen Sie Ihr Herz für Ihre zarte Seite und entdecken Sie die Schönheit darin."

Ihr Kollege Anton-Rupert Laireiter warnt indes vor überstürzten Reaktionen. Aus mehreren Studien und Gesprächen in der psychologischen Praxis weiß er: "Es gibt inzwischen genügend Leute, die felsenfest davon überzeugt sind, dass sie hochsensibel sind, bei denen wir allerdings weder emotionale noch physiologische Symptome feststellen konnten."

Hintergrund

Diagnose

Hochsensibilität ist keine anerkannte Krankheit und daher gibt es auch keine offizielle Diagnose. Der Begriff beschreibt eher einen Wesenszug und wurde 1996 von der US-Forscherin Elaine N. Aron geprägt. Seither gab es einige kleine Studien, die einen genetischen Zusammenhang nahelegen. Auch im MRT (Magnetresonanztomographie) soll sich bei Betroffenen in bestimmten Situationen ausgeprägte Hirnaktivität zeigen.

Hilfe

Im Internet gibt es Hilfsangebote, etwa vom Verein zur Förderung hochsensibler Menschen unter www.zartbesaitet.net