Der 30. Juli 2015 veränderte das Leben von Kira Grünberg.

© /Verlag edition-a/Mirja Geh Photography

Interview
08/28/2016

Kira Grünberg: "Ich möchte Kinder bekommen"

Seit 13 Monaten ist die Ex-Athletin querschnittsgelähmt. Ihr Schicksal arbeitet sie in einem Buch auf.

von Ida Metzger

"War’s das?", waren die ersten Worte von Kira Grünberg wenige Minuten nach dem tragischen Sturz beim Stabhochsprungtraining an ihre Eltern. 13 Monate nach dem Unfall kann die Ex-Leichtathletin eine klare Antworten geben: "Nein, das war es nicht. Noch lange nicht."

Selbst nach der ersten desaströsen Diagnose, dass sie wahrscheinlich nur mehr den Kopf bewegen wird können, fiel die ehemalige Spitzensportlerin nicht ins Bodenlose. Sie kämpfte und bewies schon in der Rehabilitation, dass nicht ihre komplette Bewegungsfähigkeit verloren ist. Mittlerweile hat Grünberg eine Hand soweit unter Kontrolle, dass sie ohne Hilfe essen und schreiben kann. Die Hochs und Tiefs der vergangenen 13 Monate hat Grünberg nun in einem Buch Mein Sprung in ein neues Leben aufgearbeitet. Im KURIER-Interview erzählt sie, welche Pläne sie noch hat und wie sie die größten Hürden überwand.

KURIER: Frau Grünberg, vor wenigen Tagen gingen die Olympischen Spiele zu Ende. Schafften Sie es emotional schon, den Stabhochsprung mitzuverfolgen?

Kira Grünberg: Ja, auf jeden Fall. Es war ein spannender Bewerb, weil die Medaillenanwärterinnen bis zum Schluss sehr eng beieinander lagen. Natürlich war auch eine gewisse Wehmut dabei.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Ihren Schicksalssprung auf Video angeschaut haben, aber keinen gravierenden Fehler entdecken konnten. Was war dann der Grund für das Unglück? Haben Sie nach Ihrer Verletzung zu früh mit dem Training wieder begonnen?

Meine Bänderverletzung war gut auskuriert, und ich fühlte mich an diesem Tag sehr fit. Es waren eher Kleinigkeiten, die ich hätte besser machen können. So war der Anlauf zu lange. Ich habe beim Stab zu hoch gegriffen und konnte beim Anlauf nicht genügend Energie auf den Stab übertragen. Die Summe der Kleinigkeiten hat dann zum unglücklichen Sturz geführt.

Wenn es keine gravierenden Fehler gab, war Ihr Unfall dann Schicksal?

Ich bin überzeugt, das war mein Schicksal. Wenn es nicht am 30. Juli passiert wäre, dann vielleicht eine Woche oder drei Monate später. Die Bestimmung kann man nicht aufhalten. Nach dem Warum habe ich noch nie gefragt. Man würde auch keine Antwort finden. Das einzige, was bleibt, ist die Situation zu akzeptieren und alles daranzusetzen, noch ein schönes Leben zu haben. Und ich kann sagen, das Leben ist schön. Auch im Rollstuhl.

Wann haben Sie zum ersten Mal die Tragweite des Sturzes realisiert?

Das habe ich relativ schnell realisiert. Wenige Minuten nach dem Unfall. Mein Vater forderte mich auf: "Bewege einmal deine Beine." Kurz darauf fragte er: "Bewegst du schon?", und ich bejahte. "Gut machst du’s", lobte er, aber ich sah nur allzu deutlich, dass sich meine Beine überhaupt nicht rührten. Was die Diagnose tatsächlich für dein Leben bedeutet, wird dir erst in den ersten zwei Wochen im Spital bewusst.

Die erste Diagnose war, dass Sie nur den Kopf bewegen werden können. Wie schaut Ihr Status quo nach einem Jahr nun aus?

Meine Arme sind sehr beeinträchtigt. Ich kann die Finger und den Trizeps-Muskel nicht bewegen. Das ist jener Muskel, der den Ellbogen ausstreckt. Wir versuchen zwar, den Trizeps-Muskel mit Übungen zu aktivieren, aber wenn die Nervenverbindungen nicht vorhanden sind, dann ist es natürlich schwer. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Trotzdem kann ich selber essen, schreiben und Zähne putzen. In der Rehabilitation wurden mir die Finger drei Monate lange zu einer Faust geklebt. Dadurch hat sich eine Funktionshand entwickelt. Mit dieser kann man, ohne die Finger zu bewegen, viel selbst erledigen.

Gibt es alltägliche Momente im Leben, die Sie vermissen?

Ich würde gerne an einem Strand stehen und spüren können, wie sich der Sand zwischen meinen Zehen anfühlt. In meinem Mentaltraining stelle ich mir auch oft vor, wie ich durch eine nasse Wiese spaziere. Da versuche ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut zu spüren.

Wie hat sich die Beziehung zu Ihrem Lebensgefährten verändert?

Unsere Beziehung ist stärker geworden. Wir zeigen, dass man schwierige Situation gemeinsam bestreiten kann. Ich bin sehr froh, dass mein Freund Christoph mir hier beiseite steht.

In Ihrem Buch gibt es eine interessante Passage. Sie behaupten, wenn Sie jetzt vor der Wahl stünden, wieder gehen oder selbst auf die Toilette gehen zu können, würden Sie Zweiteres wählen. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis ...

Klar, jeder denkt, dass für Querschnittgelähmte das Wiedererlangen des Gehens der größte Wunsch ist. Aber die Kontrolle über Blase und Darm ist etwa ganz Wichtiges. Wir spüren erst sehr, sehr spät, wann die Blase voll ist, was manches Mal zu komischen Situationen führt, weil ich dann ziemlich schnell den Katheter brauche. Nicht Herr über seinen Stoffwechsel zu sein, ist unangenehm.

Welche Zukunftspläne haben Sie?

Ich möchte mein Pharmaziestudium beenden und in der Forschung arbeiten.

Träumen Sie von Kindern?

Anfangs wusste ich nicht, dass man auch im Rollstuhl schwanger sein kann. Aber auch das ist möglich. Ich möchte auf jeden Fall Kinder bekommen.

Neues Buch: Wenn nichts mehr ist, wie es eben noch war. Das schildert Kira Grünberg in ihrem Buch „Mein Sprung in ein neues Leben“. edition-a, um 21,90 €.