Leben 27.08.2014

Kinderkrippen: Zu große Gruppen schaden Kindern

Psychologin Theresia Herbst über Personalmangel in den Krippen und die negativen Folgen für die Kleinsten.

Der Ausbau der Kinderbetreuung ist das Ziel der Regierung. Über die Finanzierung streiten Bund und Länder. Viel wichtiger wäre eine öffentliche Diskussion über die Qualität der Betreuung findet die Klinische Psychologin Theresia Herbst. Sie macht sich im Interview Gedanken über Betreuungskonzepte, frühkindliche Entwicklung und Erwartungen der Gesellschaft.

KURIER: Ab welchem Alter kann ein Kind fremdbetreut werden?

Theresia Herbst: Das hängt von vielen Faktoren ab: dem Wesen des Kindes, der familiären Situation oder der Betreuungsform und –dauer. Im Alter von vier Jahren sind die meisten so selbstständig, dass sie zunehmend von sich aus an einer Kindergruppe teilnehmen wollen. Will man das Kind früher in Betreuung geben, muss das sorgfältig überlegt, vorbereitet und eingeführt werden. Der frühen Kindheit kommt nämlich eine Sonderstellung in der Entwicklung des Menschen zu. Die Erfahrungen aus der frühen Kindheit werden im Körpergedächtnis gespeichert und beeinflussen vielfach stärker die Persönlichkeit und das Lebensgefühl als andere.

Worauf muss ich achten, wenn ich eine außerfamiliäre Betreuung für ein 0-3jähriges Kind suche? Welche Qualitätskriterien sind maßgebend wichtig?
Wesentlich ist die Betreuungsperson selbst: Wie liebevoll betreut und pflegt sie das Kind? Wichtig ist auch der Betreuungsschlüssel. Idealerweise betreut eine Person kontinuierlich nur zwei bis maximal drei 0-3jährige Kinder. Auch die Räume müssen so ausgestattet sein, dass das Kind sich wohl fühlt und gefördert wird. Die Betreuerin erkennt, was jedes Kind braucht und geht auf die individuellen Bedürfnissen jedes Kindes ein. Selbstverständlich sollte der Eingewöhnung genügend Sorgfalt und Zeit gegeben werden.

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Herbst theresia © Bild: /privat

Wie ist eine gute Eingewöhnung? Was mache ich, wenn sich das Kind dauernd sträubt?
Eine gute Eingewöhnung bezieht die Hauptbezugsperson mit ein und nimmt auf die Reaktionen und das Tempo des Kindes Rücksicht. Erste Trennungsversuche erfolgen in kleinen Abständen und dauern anfangs nicht zu lange. Die Eingewöhnung ist gelungen, wenn das Kind eine sichere Bindung zur nun vertraut gewordenen Betreuungsperson entwickelt hat, ihr bei der Begrüßung die Ärmchen entgegenstreckt, mit ihr freudvoll interagiert, sich von ihr trösten lässt und bei ihr Geborgenheit findet. Solange sich das Kind sträubt, scheint es in der Krippe nicht angekommen zu sein. Oder es ist durch andere Ereignisse – außerhalb der Krippe – verunsichert. In solchen vorübergehenden Phasen toleriert es eine Trennung selten.

Was ist zu tun, wenn Eltern das Gefühl haben, dass es ihrem Kind in der Krippe nicht gutgeht?
Auf jeden Fall sollten sich Eltern auf ihr Gefühl verlassen und es sich nicht ausreden lassen: Sie kennen ihr Kind und sein Umfeld in der Regel am besten und stehen in einer lebenslangen Beziehung zu ihm. Eltern tragen die Hauptverantwortung dafür, alle Möglichkeiten auszuschöpfen und die Situation für ihr Kind zu verbessern. Fühlt ein Kind sich in der Krippe unwohl, müssen die Ursachen geklärt und im Gespräch mit der Betreuungsperson Lösungen gefunden werden.

Welche langfristigen Folgen hat es, wenn das Kind zu früh in eine große Gruppe kommt?
Niemand kann voraussehen, wie die individuelle Entwicklung eines Kindes verläuft. Die Bandbreite möglicher Folgen ist groß und hängt von vielen Faktoren ab. Generell ist das Risiko für Kinder bis drei Jahren besonders groß, die mehr als 20 Stunden pro Woche in großen Gruppen ohne ausreichende persönliche Zuwendung betreut werden. Da können die Auswirkungen auf Körper und Seele hoch sein – und somit auch die sozialen Folgekosten.

Welche gesetzlichen Qualitätskriterien für Krippen sollte es laut Wissenschaft geben?
Kleinkinderbetreuung ist Ländersache, also unterschiedlich geregelt. Notwendig sind Gesetze, die zumutbare Bedingungen für Kleinkinder und ihre Betreuungspersonen schaffen. Der Kostendruck führt nach wie vor in vielen Krippen zu unbefriedigenden Bedingungen, zu häufigem Wechsel der Bezugspersonen durch die hohe Fluktuation und zu menschlichem Verschleiß.

Frauen haben sich das Recht auf Arbeit erkämpft. Sollen Sie das jetzt wieder aufgeben?
Nein. Es braucht eine partnerschaftliche und gemeinschaftliche Anstrengung, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu realisieren und dabei kompromisslos das Wohl des Kindes zu wahren. Man sollte auch nicht vergessen, dass die eigenen Kinder eine Lebensaufgabe sind und kein zeitlich begrenztes Projekt für wenige Jahre.

Welche Alternative gibt es zu Krippen oder zur Oma bzw. Opa?
Tagesmütter und -väter, die von Trägerorganisationen vermittelt und fortgebildet werden, haben durch ihre persönlichere Betreuung, den familiäreren Rahmen und die geringere Anzahl der Kinder einige Vorteile. Ich empfehle, das Kind bis zum Alter von vier Jahren in ihrer Betreuung zu belassen und erst dann in den Kindergarten zu wechseln. Dem Kind bleibt damit der frühe Verlust einer geliebten Person erspart und es kann gestärkt durch gute Beziehungserfahrungen in die größere Kindergartengruppe wechseln. Leider werden Eltern unter Androhung eines Platzverlustes häufig zu einem früheren Übertritt gedrängt. Die Bindungsgefühle der Kleinkinder müssen aber im Vordergrund stehen und nicht die Fördergelder.

Der kleine Jonah ist fröhlich. Er plaudert, tanzt und spielt mit Zwillingsbruder Leander. Zwei ausgeglichene, glückliche Buben. Mutter Brit Müller freut sich: „Endlich können sie wieder lachen." Vor einigen Wochen war das noch ganz anders. Die Buben waren knapp zweieinhalbjährig in einen Kindergarten der Stadt Wien gekommen. „Es ging ihnen dort nicht gut.“ Die Eltern haben die Konsequenzen gezogen – Müller und ihr Mann Stefan Haslinger betreuen vorerst abwechselnd ihre Kinder zu Hause.

Während der Wochen im Kindergarten hatte „ein Sohn eine richtige Panik, aus der er nicht mehr herauskam. Der andere wurde zunehmend rebellisch“, sagt Müller. Für die Eltern war klar: Die Kinder waren mit der Situation überfordert.

Keine Eingewöhnung

Das fing mit der Eingewöhnung an“, erzählt die Mutter. „Nur ganz wenige Tage ließ man den Buben Zeit für die Trennung von den Eltern und voneinander, weil sie in verschiedene Gruppen kamen – viel zu wenig. Doch die Tränen der Kinder wurden verharmlost und von uns wurde verlangt, dass wir die Kinder allein lassen.“ Zu Beginn vertrauten sie den Pädagoginnen. Schließlich sind sie die Experten. Doch bald wurde den Eltern klar: „Die Kinder weinen nicht nur beim Abschied. Wir haben Kinder gesehen, die Monate lang durchgeheult haben. Einige Kinder starrten, scheinbar angepasst, ins Leere. Doch das psychische Leid dahinter wurde nicht erkannt“.

Für Brit Müller sind Kinder und Pädagogen Opfer des Systems: „Es gibt zu wenig Personal, so dass für den Beziehungsaufbau zwischen Pädagoge und Kind keine Zeit bleibt“, sagt Müller, von Beruf Klinische Psychologin. „Dabei ist das die Basis dafür, dass ein Kind sich gut entwickelt.“

Richtig bewusst wurde Müller das, als sie einen Spielplatz mit ihren Kindern besuchte – damals hatte sie Jonah und Leander bereits aus dem Kindergarten genommen: „Ich beobachtete, wie zwei Betreuerinnen eine Gruppe von zwanzig Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren beaufsichtigten. Sie sprachen nur im Befehlston – mehr als Anweisungen zu geben, ist sich nicht ausgegangen.“

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© Bild: KURIER/Franz Gruber

Stefan Haslinger will andere Eltern motivieren, sich nicht alles gefallen zu lassen und ihr Kind ernst zu nehmen. „Wir wollen Eltern ermutigen, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Merken sie, dass es ihrem Kind schlecht geht und sich nach Gesprächen mit den Verantwortlichen nichts verändert, sollten sie protestieren – und zwar an oberster Stelle.“ Haslinger selbst hat einen Brief an den Stadtrat Christian Oxonitsch geschrieben.

( Kurier ) Erstellt am 27.08.2014