Schnitzel und Shisha

Kopie von nice to meet - young caritas
Foto: Heinz Wagner Semira und Ali

YoungCaritas-Projekt "nice to meet you": Der KinderKURIER traf eines der Buddy-Pärchen dieser mehrmonatigen Begegnungen von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung.

Treffpunkt U6-Station „Neue Donau“. Semira bringt ihr noch ziemlich neues Skateboard mit, wartet auf einer Bank und liest kopierte Seiten für ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Ali steigt wenige Minuten vor dem vereinbarten Treffpunkt um 15 Uhr aus einem weiteren Zug der hier – wie über weite Strecken oberirdisch fahrenden „U“-Bahn. Ein Spaziergang entlang des Ufers der „Neuen Donau“ mit abwechselnden kurzen Fahrten auf dem Board, Sitzen im Schatten, quatschen und erzählen steht in der Folge auf dem Programm. Die beiden sind eines von zehn Buddy-Pärchen des YoungCaritas-Projekts „Nice to meet you“.

Besser als "nett"

nice to meet - young caritas Foto: Heinz Wagner Nice wird zunehmend zum neuen „cool“, ist also deutlich besser als die bloße deutsche Übersetzung des Wortes - nett. Anfang des Jahres startete dieses Projekt für 15- bis 29-Jährige mit und ohne Fluchterfahrung. Angesprochen fühlten sich Jugendliche und junge Erwachsene, die neue Freund_innen und Kulturen kennen lernen wollten, ihren Horizont erweitern wollten – bei gemeinsamen Unternehmungen, die vor allem Spaß machen – von Ausflügen bis zu sportlichen Aktivitäten, von Kultur bis einfach gemeinsam zu chillen. Zweier-Teams fanden sich, organisierten selbstständig ihre gemeinsamen Aktivitäten, zusätzlich traf sich die ganze Gruppe einmal im Monat. Offizielles Projektende ist nun Mitte Juni, den „Pärchen“ bleibt es überlassen, selbst weiter zu machen.

Theater

„Wir waren einmal im Theater ("Nathan der Weise“, Volkstheater), beginnt Ali die Frage des Reporters nach bisherigen Aktivitäten zu beantworten. „Es war das erste Mal für mich, ich hab mich schon im Iran – wohin er aus Afghanistan mit der Familie geflüchtet war – dafür sehr interessiert.“ Afghanische Flüchtlinge im Iran werden sehr häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt, haben oft keine Chance, eine Schule zu besuchen usw., was viele auf weitere Fluchtwege drängt. Ali (19), der in der Nähe von Daikundi – „das ist in der Mitte von Afghanistan“ - aufwuchs und fünf Jahre Grundschule absolvierte, schaffte nach ein paar Jahren im Iran allein auf sich gestellt innerhalb von sieben Monaten die Flucht nach Österreich. „In der Volkshochschule Favoriten mach ich jetzt den Hauptschulabschlusskurs.“

Physik und Chemie

nice to meet - young caritas Foto: Heinz Wagner Befragt nach seinen Lieblingsfächern nennt er „Physik und Chemie, Mathe ist schwer – da müssen wir dann bei der Prüfung fünf Zettel in 20 Minuten fertig haben. Das ist schon schwer, die Aufgaben nicht so sehr, aber die Zeit. Da musst du sehr schnell sein – das alles lesen und rechnen...“ Immer wieder im Verlauf der zwei Stunden, die der KiKu ihn und Semira begleiten darf, bringt er seine Zweifel an, ob er das schaffen könne. Semira, ebenfalls 19, aus dem steirischen Leoben – „aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf mit sieben, acht Bauernhöfen und ein paar Wohnhäusern“ – studiert seit Herbst in Wien und versucht Ali Mut zu machen. „Schau, ich hab im Gymnasium auch fast jedes Jahr am Ende eine oder zwei, manchmal sogar drei Entscheidungsprüfungen zwischen 4 und 5 gehabt, Mathe war oft dabei. Und du hast so viel geschafft, deine Flucht war sicher viel schwieriger, anstrengender und sogar gefährlich. Und Mathe ist nicht gefährlich!“

Ramadan mal zwei

nice to meet - young caritas Foto: Heinz Wagner Viel mutiger zeigt sich Ali, wenn er auf Semiras Board steigt und skatet. „Da bin ich viel weniger mutig, drum kann ich’s auch nicht so gut“, meint sie. Dass sie mitten am sonnigen Nachmittag unterwegs sind – und das im Ramadan, wo zu der Zeit nichts gegessen und – noch schwieriger – nichts getrunken werden darf, ist für beide gleich schwer. „Ich bin auch Muslima und halte den Ramadan ein“, erzählt Semira. „Mein Vater ist schon vor langer Zeit aus dem Irak nach Österreich gekommen, hat vorher in Deutschland Maschinenbau studiert,  meine Mutter aus der Schweiz.“ Sie bedauert, dass sie erst jetzt beginnt Arabisch zu lernen und ist ein bisschen sauer auf den Vater, dass er ihr das nicht als kleines Kind beigebracht hat, „das wäre viel leichter und schneller gegangen.“

Ali hat sich für das Young-Caritas-Projekt gemeldet, „weil ich neu in Wien und im Heim auch nur mit Flüchtlingen zusammen war, aber neue Freunde aus Österreich kennen lernen wollte“. Und Semira „wollte einfach was Gutes tun, Freiwilligentätigkeit – und neue Kulturen kennen lernen, von Afghanistan und dem Iran hab ich nicht viel gewusst. Und von Flucht auch nicht.“

nice to meet - young caritas Foto: Heinz Wagner Außerdem hatte sie als nur eine von zwei muslimischen Schüler_innen im Stiftsgymnasium Seckau „schon auch immer wieder mit Rassismus zu tun. Und der stört mich. Egal ob im Nahen Osten oder wo auch immer, es geht doch nicht, dass der Hass immer und immer weiter geht, nur weil die Großeltern oder noch frühere Vorfahren anderen was Böses angetan haben.“

Donauinselfest

nice to meet - young caritas Foto: Heinz Wagner „Wir waren auch schon Schnitzel essen, das hat mir ganz gut geschmeckt“, nennt Ali noch eine weitere gemeinsame Aktivität. „Orientalisch gehen wir bei unserem nächsten gemeinsamen Großgruppentreffen essen“, ergänzt Semira. „Aber wir könnten auch einmal Persisch oder Afghanisch essen gehen, vielleicht an einem Abend beim Donauinselfest. Vielleicht kommt sogar meine Familie aus der Steiermark – mit der bin ich früher immer zum Donauinselfest nach Wien gefahren“, setzt sie fort.

Gemeinsame Spaziergänge – wie an diesem Nachmittag gab’s auch, aber ein Highlight – und da strahlen beider Augen – war „als wir bei Semira Shisha (Wasserpfeife) geraucht haben!“

http://wien.youngcaritas.at/aktionen/thema/nicetomeetyou

(kiku) Erstellt am
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