Kiku
02.01.2013

Von Kaisermühlen bis Qarssa

Mit einer Sternsinger-Gruppe in Wien unterwegs für Hilfe für Mädchen-/Frauenbildungs-Projekt in Äthiopien

Ein paar Stufen hinunter in Richtung Keller. Im großen Saal liegen auf einem Tisch der an der Wand steht viele goldene Papierkronen und bunte Turbane. Am Kleiderständer daneben auf Haken und Kleiderbügeln warten Stoff-Umhänge. Nein, hier ist nicht die Verkleidungsstation für ein Faschingsfest. Obwohl Verkleidung findet schon statt. Wie schon die Überschrift verrät, „verwandeln“ sich Kinder in Könige, viele davon sind – anders als die Vorbilder aus der biblischen Geschichte – Königinnen. Liegen ja auch mehr als 2000 Jahre zwischen der Geschichte und der Aktion, irgendwo muss ja ein bissl was weiter gegangen sein in Sachen Gleichberechtigung.
Um die geht’s übrigens ganz besonders in einem der von der diesjährigen Dreikönigskation unterstützten Projekte, jenem im äthiopischen Qarssa (von den Diözesen Wien, St.Pölten, Linz, Feldkirch und Eisenstadt; die Salzburger, Innsbrucker Klagenfurter und Grazer Sternsinger_innen konzentrieren sich vor allem auf das Projekt Dire Dawa, das Straßenkinder schützen möchte). In Qarssa werden speziell Mädchen und Frauen ermuntert und unterstützt (schulische) (Aus-)Bildung zu machen bzw. nachzuholen (siehe Interview und Hintergrund).

Fast drei Dutzend Kinder ziehen von dieser Pfarre aus durch den durch UNO-City, Austria Center und nicht zuletzt durch eine Fernsehserie von Ernst Hinterberger weit über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt gewordenen Teil der Donaustadt (Wien, 22. Bezirk) genannt Kaisermühlen. Nicht gerade ein einfaches „Pflaster“ wie jene vier König_innen (und ihr Betreuer_innen-Duo) die der KiKu ein Stück begleiten wird, zu berichten wissen.

Viel Spaß

Isabella Hruby (14), Alexander Spahlholz (15), Selma Köhler (13) und Lisa-Marie Strukelj (12), alle schon mindestens drei Mal auf Tour um Spenden für lateinamerikanische, afrikanische oder asiatische Länder, berichten übereinstimmend, dass sie nicht nur der guten Sache wegen, sondern auch deswegen Ferientage mit der Aktion verbringen, „weil’s Spaß macht. Nur, wenn viele Leute hintereinander gar nicht aufmachen oder noch ärger die Tür zuhauen, dann ist das schon sehr unangenehm!“ Und das passiert immer wieder, so vor allem die beiden Älteren, die schon gut fünf Jahre „königlich“ unterwegs sind, „im Goethehof auf vielen Stiegen, drum gehen wir dort schon meistens gar nicht mehr hin“ – „oder nur auf einige der Stiegen, wo wir bessere Erfahrungen haben“, ergänzen Daniela Spahlholz (ja, Schwester!) und Martin Hofbauer, die beiden Betreuer_innen der Sternsinger_innen.
Isabella Hruby hat sich heuer, oder zumindest an diesem Tag, an dem sie der KiKu begleitet, den Balthasar als ihren König ausgesucht. Und sie sagt jenen Teil des gereimten Textes auf, der sich auf Äthiopien bezieht. Den Text hat Betreuerin Daniela gedichtet (Auszüge siehe weiter unten). Die 14-Jährige ist die Aufgeweckteste des Quartetts und freut sich nicht nur auf das Spenden sammeln, sondern auch „auf den Spaß, den wir dazwischen beim Rumgehen haben“.
Sternträger Spahlholz „muss“ natürlich erst ein bisschen gegen die ältere Schwester ätzen, die aber immerhin das Vorbild war, „selbst auch als Sternsinger zu gehen“. Er hat auch eine Strategie entwickelt, mit zugeschlagenen Türen umzugehen. „Manchmal machen wir uns dann schon lustig über die…“

Über Ferienlager

Selma Köhler (13) verkündet als Caspar singend die Frohbotschaft. Die jüngste dieser Crew, die 12-jährige Lisa Marie Strukelj, stieß vor mehr als drei Jahren über einen Flyer (ein Flugblatt) zur Jungschargruppe „zuerst zu einem Ferienlager, weil ich mir gedacht hab, dass das ein bisschen wie ein Abenteuer ist. Und dann bin ich immer hergekommen in die Gruppenstunden“ und seither geht sie auch als Sternsingerin, „immer als Melchior (der dunkel bemalt wird), weil der immer einen Turban auf hat und das gefällt mir“.
Miteinander unterwegs fühlen sie sich wohl, „und außerdem machen wir was Gutes und können helfen!“

Kommen die Menschen nicht zu ihrem Recht,
ergeht es den Familien wirklich schlecht.
Sie wollen sich wehren- doch wissen nicht wie,
darum stärken wir sie.

Äthiopien in Afrika ist wohl vielen bekannt,
die Not der Menschen aber wenig genannt.
Arbeit und Einkommen sichern ihr Leben,
mit unserer Hilfe wird’s das wieder geben.

Aus den Liedern der Kaisermühlner Sternsinger_innen

85.000 Sternsinger_innen...

... ziehen zwischen Weihnachten und rund um den Feiertag der „Heiligen 3 Könige“ durch Stadt und Land in Österreich und sammeln Geld für Entwicklungsprojekte. Rund 500 in Afrika, Asien und Lateinamerika werden von der Dreikönigaktion unterstützt. Im Zentrum der Aktion stheen aber meist Projekte in ein oder zwei Ländern, in diesem Jahr sind es Äthiopien ( Ostafrika), Ecuador ( Mittelamerika).
Ziel ist immer, die Menschen vor Ort zu stärken, sie dabei unterstützen, in der Folge sich und ihren Mitmenschen selbst helfen zu können, ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen. Bildung, Sicherung von Lebensgrundlagen, Stärkung der Menschenrechte und die Förderung von Kindern und Jugendlichen sind Voraussetzungen, um den Teufelskreis von Armut und Ausbeutung auf Dauer durchbrechen zu können.

Auch in anderen Ländern

Sternsinger/innen sind aber nicht nur in Österreich unterwegs. In anderen Staaten sind die vergleichbaren Aktionen allerdings nicht landesweit organisiert. Unter anderem sind Kinder und Jugendliche in Tschechien, der Slowakei, Belgien, Frankreich, Slowenien, und Polen im Einsatz. So ziehen rund 700.000 Mädchen und Buben als junge König_innen durch Stadt um Land, um für Hilfe unter „gutem Stern“ zu singen und sammeln. Ihr gemeinsames Ziel ist neben der konkreten Hilfe für konkrete Projekte: Eine gerechte Welt, in der alle Menschen in Würde leben können.

Unterwegs in Kaisermühlen

Zeichen setzen für Mädchen und Frauen in Qarssa/Äthiopien

Warum brauchen die Frauen von Qarssa Unterstützung?

Nurre Wolfaro: Das Leben im Hochland ist karg. Wir haben oft zu wenig zu essen, kein sauberes Wasser. Das macht uns krank, die Kindersterblichkeit ist hoch. Wir Frauen haben es doppelt schwer. Wir leben unser Leben im Verborgenen. Wir arbeiten von früh bis spät, kümmern uns um Kinder, Küche und Feld, haben aber keine Rechte. Das wenige, dass wir mit unseren Händen erwirtschaften, gehört den Männern. Die meisten Mädchen haben niemals eine Schule besucht, niemals lesen und schreiben gelernt. Bis vor wenigen Jahren dachten wir, dass sich das niemals ändern wird.

Wodurch hat sich euer Leben verändert?
Durch Bildung. Ein Alphabetisierungskurs hat alles ins Rollen gebracht. Vor vier Jahren haben wir - eine Gruppe von Frauen - in meinem Haus begonnen, Lesen und Schreiben zu lernen. Und - fast noch viel wichtiger - wir haben begonnen, gemeinsam über unser Leben nachzudenken, was wir verändern, was wir verbessern können. Uns hat z.B. immer das Geld gefehlt, um Saatgut und Dünger kaufen zu können. Also haben wir so eine Art Sparverein gegründet. Wir legen zusammen, was wir haben, und verleihen das Geld untereinander. Gutes Saatgut und Dünger heißt eine bessere Ernte, und somit ein besseres Leben. Heute sind wir über 800 Frauen.

Was möchtest du den Sternsinger_innen und den Spender/innen ausrichten?
Ich hätte 1000 Dinge, die ich euch gerne sagen möchte. Gemeinsam mit euch haben wir den Stein ins Rollen gebracht. Mit eurer Unterstützung - finanziell, aber auch dadurch, dass wir wissen, da gibt es viele Menschen in Österreich, denen unser Schicksal nicht egal ist. Es gibt noch viel zu tun bei uns hier - mit eurer Hilfe werden wir das schaffen. Am liebsten würde ich mit meinen Frauen nach Österreich kommen, um die Sternsinger-Kinder für Ihren Einsatz zu segnen!

Hilfe zur Selbsthilfe

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Fast die Hälfte der Menschen in diesem afrikanischen Land ist sehr arm. Auch in Qarssa haben viele Menschen zu wenig zu Essen und zu wenig Trinkwasser. Deswegen werden viele krank und haben dann kein Geld für Medikamente oder für ärztliche Versorgung.
Die Menschen hier sind meistens Bauern und Bäuerinnen. Weil das Klima aber immer trockener wird, wird der Anbau von Getreide immer schwieriger. Viele sind nie zur Schule gegangen und haben so nur wenig Chancen, ihr Leben zu verbessern.
Die Partnerorganisation HEFDA hilft den Menschen, u.a. um neue Wasserstellen zu schaffen. Der Bau von Klos verhindert, dass das Wasser verschmutzt wird. Dadurch werden die Menschen weniger oft krank.
Weil Häuser nun anders gebaut werden, leben die Menschen gesünder. Die Wohnräume und Schlafräume sind getrennt und im Haus gibt es keine offene Feuerstelle mehr. Die Tiere sind nicht mehr in den Wohnräumen, sondern bekommen einen eigenen Stall.
Der Anbau von Getreide wird verbessert und neue Geräte für die Landwirtschaft eingeführt. So haben die Menschen mehr Nahrung für ihre Familien. Durch das Pflanzen von Bäumen kann sich auch die natürliche Umwelt erholen.

Ausbildung

Heute weiß man, dass eine Ausbildung sehr wichtig ist, um die Armut zu besiegen. Damit auch die Mädchen die Schule abschließen können, gibt es an den Wochenenden eine eigene Nachhilfe. Viele Frauen haben nie Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Jetzt können sie das nachholen und das nützt sowohl ihnen selbst als auch ihrer ganzen Familie.
Frauen bilden eigene Gruppen und unterstützen sich gegenseitig. Sie besprechen zum Beispiel, wie sie gesünder kochen und leben können. Sie überlegen auch, wie sie mehr Geld für ihre Familie verdienen können. Sie sparen gemeinsam und verborgen das Geld dann an jene, die es dringend brauchen - z.B. für neues Saatgut oder für Gemüsegärten.

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