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Sercavan 2012 - 7. kurdisches Filmfestival
12/09/2012

Viele Filme über karangî barbê

Die Suche & Sehnsucht – nach Verwandten, Lebenszeichen von ihnen und der eigenen Heimat – durchzieht – natürlich – viele der Streifen des 7. kurdischen Filmfestivals Sercavan in Wien. Karangî barbê sind wild wachsende Pflanzen, deren Samen vom Wind verweht werden.

von Heinz Wagner

Trotz der Trauer, der Tragödien sind manche der Filme immer wieder mit Humor gewürzt. Und wunderbaren filmischen, schauspielerischen Entdeckungen. Eine solche ist der Hauptprotagonist von Son of Babylon, der jugendliche Ayssior Taleeb.

Son of Babylon

Genial wie Ayssior Taleeb die Hauptfigur, den 12-jährigen Ahmed spielt. Gemeinsam mit seiner alten Großmutter macht er sich nun, kurz nach dem Sturz von Saddam Hussein auf den Weg, seinen Vater, der von des Diktators Garden gefangen genommen war, zu suchen. Mühsam, weil langes Warten auf Busse, die oft überfüllt sind, qualvoll, weil das Gefängnis mittlerweile leer und zerbombt ist, aber der Vater hier nicht auf der Liste stand. Verweis auf Massengräber. Fahrt von einem zum anderen – erfolglos. Schmerzhaft, weil ein freundlicher Helfer sich als einstiger mordendes Mitglied von Saddams Brigaden herausstellt. Und dennoch immer wieder auch humorvoll, witzig. Wenn der 12-jährige Junge gleich zu Beginn scherzhaft zur Oma meint, „wegen dir hat er sich erschreckt!“, weil ein LKW-Fahrer nicht stehen bleib, um das autostoppende Duo auf der staubigen Landstraße mit zu nehmen. Immer wieder sorgt der junge Ahmed-Darsteller für Schmunzeln und Lachen. Spielt aber genau so überzeugend Verzweiflung, Trauer, Wut…

Son of Babylon
Frankreich, Großbritannien, Irak
Regie: Mohamed Al-Daradji
Drehbuch: Mohamed Al-Daradji, Mithal Ghazi, Jennifer Norridge
Kamera: Mohamed Al-Daradji, Duraid Al-Munajim
Schnitt: Pascale Chavance, Mohamed Jabarah
Hauptdarsteller_innen: Yassir Taleeb, Shezad Hussen, Bashir Al-Majid

 

Zwangstürkisierung

Im Kurzfilm Aki ata bak wird – mit einem Schuss Humor – die Zwangstürkisierung in den Schulen Ostanatoliens gezeigt. Als der Onkel zu Besuch kommt, meint der kleine Adem, der noch nicht in die Schule geht, er könne schon lesen. Egal was da steht, er liest den Satz, der dem film den Titel gibt. Aber auch sein großer Bruder, der in der Schule in der Früh immer beim militärischen Morgenappell die Formel vorsprechen darf, stolz ein Türke zu sein… weiß auch nur die auswendig gelernten Sätze. Richtig lesen hat er dort nicht wirklich gelernt.
 

Ali ata bak
Regie: Orhan İnce
Türkei, 2011
12 Minuten Kurzfilm

Zum Programm des VII. kurdischen Filmfestivals in Wien

Suche nach der Stimme

Zunächst zum Film: Unendliche Weiten. Hügelig, gebirgig. Auf und ab. Alles wirkt noch weiter, weil die der Film die meiste Zeit sehr langsam läuft. Keine schnellen Schnitte. Zeit. Schier unendlich viel Zeit. Und – vordergründig – wenig Handlung. Mehmet, der mit seiner Frau in der Großstadt Diyarbakır (auf kuridsch Amed) lebt, besucht die alte Mutter Basê im Heimatdorf in Elbistan. Die lebt traurig allein, Mehmets Bruder Hasan hat sich den Befreiungskämpfern angeschlossen. Vater Mustafah, der in Saudiarabien als Gastarbeiter Geld verdient hatte, kam bei einem Arbeitsunfall ums Leben. Aber da waren doch Kassetten, die der Vater besprochen und immer wieder geschickt hat und die sie als Kinder als fast einziges Lebenszeichen des Vaters erlebten. Live sahen sie ihn nur alle zwei, drei Jahre, wenn er für zehn Tage nach Hause kam. Die Mutter reagiert sauer auf Mehmets Suche im Haus. Was der Sohn gar nicht versteht, nicht verstehen will.

Das Interview

„Es ist eine wahre Geschichte“, beginnt der Co-Regisseur zu erzählen. „Daraus wollte ich zuerst eine Doku drehen. Nicht nur weil es meine persönliche Geschichte ist, sondern weil in vielen Familien im Kurdengebiet mindestens ein Verwandter fehlt – im Ausland arbeiten, bei den Guerillakämpfern oder ermordet. Und auch wenn sie nicht da sind, sollten sie im Film stark präsent sein. Auch das ist in der Wirklichkeit oft so.“

Aber weshalb war die Mutter so sauer, dass der Sohn, also du nach den Kassetten gesucht hast?
Zeynel Doğan: Weil das sehr private Nachrichten meines Vaters waren, oft hat er ihr da gesagt, wie sehr er sie leibt. Oder sich entschuldigt, für Fehler die er gemacht hat oder auch dafür, so lange weg zu sein. Das war/ist für meine Mutter ein privater Schatz, den sie versteckt.“

Wie hat die Mutter überhaupt auf den Film reagiert?
Als ich ihr von meiner Idee erzählt habe, hat sie zuerst gemeint, das könne doch nie ein Film werden. Im Film spielen immer nur schöne, oft junge, elegante Frauen. So kannte sie es aus dem türkischen Fernsehen. Und als wir dann gedreht haben, meinte sie immer wieder, nie im Leben würde das ein Film werden. Wir hatten natürlich wie es im Film üblich ist, nicht chronologisch gedreht, also Szenen, die weit auseinander liegen, aber am selben Ort spielen, auf einmal gedreht. Als sie dann den fertigen film zum ersten Mal gesehen hat, meinte sie überrascht: Das ist ja doch ein Film geworden.“

Im Film kommen beinahe stumme Telefonate zwischen dem Guerillakämpfenden Bruder Hasan und der Mutter vor – als Lebenszeichen, aber um nicht mehr zu verraten. In diesen fallen immer wieder drei alte kurdische Wörter: Lalijin, pasari und karangi barbê. Was bedeuten diese und warum gerade sie.
„Das sind alte wichtige Wörter, die viele Junge heute gar nicht mehr kennen, die wollte ich da einbauen. Das erste heißt flehen – etwas das viele in unserer Heimat müssen. Das zweite bedeutet wild – was es braucht und das dritte ist der Name für eine wild wachsende Pflanze (das erste Wort), deren vertrocknete Samen vom Wind (das zweite Wort) vertreiben, verblasen wird und dann irgendwo eine neue Pflanze neu wachsen lässt.

Was wird dein nächster Film?
Das weiß ich noch nicht genau, aber sicher wird er wieder etwas mit diesem Thema zu tun haben, vielleicht kommt Hasan nach Hause. So  lange die Situation in unserer Heimat so ist, dass wir nicht wirklich ein Recht auf unsere Heimat, unsere Sprache, unsere Kultur haben, müssen wir darauf reagieren, müssen sich viele Filme darum drehen. Wir wollen die Welt damit verändern. Und am besten, wir zeigen im Kleinen, am Beispiel einer Familie, wie sich das für (fast) alle auswirkt.“  

Die Stimme meines Vaters/Babamin sesi
Deutschland, Frankreich, Türkei
Regie: Orhan Eskiköy, Zeynel Doğan
Drehbuch: Orhan Eskiköy
Kamera: Emre Erkmen
Schnitt: Cicek Kahraman, Orhan Eskiköy
Hauptdarsteller_innen: Basê Doğan, Zeynel Doğan, Gülizar Doğan, İmam Çiçek, Ali Kul

Halabja, die verlorenen Kinder

Auf die Suche nach Suchenden begab sich der im kurdischen Teil Syriens an der Grenze zur Türkei geborene, seit 18 Jahren in Berlin lebende Filmemacher Akram Hiduo. Halabja im Nordirak steht für das wohl brutalste Massaker des Saddam-Hussein-Regimes. Bei einem Giftgasangriff wurden 1988 auf einen Schlag rund 5000 Menschen ermordet. Hunderte Kinder, die überlebt haben, wurden im Iran in Waisen und Krankenhäusern aufgenommen. Oft gab es keine überlebenden Verwandten, in manchen Familien schon. Über diesen Bereich des Massakers, die überlebenden, „verlorenen“ Kinder wollte er einen Film machen, erzählt der Regisseur. „Als ich aber das erste Mal 2004 – nach dem Sturz Saddam Husseins – in Halabja war, war ich vor allem davon überrascht, wie die Menschen hier leben – so ganz ohne Rachegefühle. Manche wie der Lehrer und Künstler Fakhradin, der fünf tote und zwei vermisste Kinder zu beklagen hatte, waren trotzdem oder gerade deswegen voller Energie, um den Ermordeten Andenken zu setzen (er gestaltet Skulpturen aus Stein) und die Suchen nach den Vermissten nicht aufzugeben.“

Zufall

Bei seinen Recherchen stieß Akram Hiduo auf fünf solch suchender Familien, die er interviewte, bei ihren Aktivitäten filmisch begeleitet. „Aber irgendwo hab ich noch immer auch nach einer Geschichte gesucht, die den Film trägt. Bei meinem zweiten Aufenthalt, als ich 2007 dann zu drehen begonnen hatte, stieß ich auf den 21-jährigen Simnako Mohammed Ahmed. Er kam nach Halabja, um seine Eltern zu suchen. Im Alter von wenigen Monaten überlebte er den Giftgasangriff und wurde im benachbarten Iran von einem Paar adoptiert, wo er gut aufgewachsen ist, gute Bildung bekam und die ihm auch als er ungefähr sechs Jahre war, seine Geschichte erzählten. Der wurde der ideale Protagonist des Films.“

In einer der ersten Einstellungen geht er zum Gräberfeld, wo auf einem Grabstein sein Name grün überklebt war. „Ich habe dann die Begegnungen mit den Familien, die gehofft haben, dass er ihr Kind ist, gefilmt. Bis hin zu einer DNA-Analyse, die dann mit 98%-Wahrscheinlichkeit feststellt, wer seine Mutter ist. Ich wollte aus diesem grausamen Kapitel der kurdischen Geschichte diese Suche, diese Sehnsucht zeigen, aber keinen nur traurigen Film machen. Drum auch immer wieder Szenen insbesondere mit Kindern, die auch zum Lachen Anlass geben. Und ich wollte die Haltung und Stimmung dieser Menschen rüberbringen, die trotzdem nicht nach Rache sinnen. Als der für den Giftgasangriff Verantwortliche des Saddam-Regimes, „Chemical-Ali“ von einem Gericht in Bagdad zum Tod verurteilt wurde, gab es den Vorschlag, ihn nach Halabja zu bringen, wo sie ihn aufhängen hätten können. Die Menschen in Halabja wollten das ncith uns sagten, vollstreckt das Urteil doch in der Hauptstadt.“
Im Nachspann des Film macht der Regisseur darauf aufmerksam, dass heute noch geschätzte 300 bis 400 Kinder die das Massaker überlebt hatten, vermisst werden.

Halabja, die verlorenen Kinder
Regie: Akram Hiduo
2010; 72 Minuten

Gesang, der in andere Sphären versetzt

Diese rund 75-minütige Doku dreht sich um einen der bekanntesten kurdischen Geschichten-erzählenden Sänger (Dengbêj) Evdalê Zeynikê. Dichter, Komponisten und Sänger in einer Person zogen sie durch die Lande. Der Sprechgesang summt und schwingt ähnlich einem Didgeridoos. Ähnlich wie viele Bläser dieses australischen Blasinstruments wirken auch diese Sänger während ihrer Tätigkeit in einer Art Trance-Zustand, in den sie mitunter auch die Zuhörerschaft mit reinziehen können.
Evdalê Zeynikê wächst zu Beginn des vorvorigen Jahrhunderts in der Provinz Serhad in recht armen Verhältnissen auf, als er ungefähr 30 ist hat er einen ungwöhnlichen Traum, ein halbes Jahr muss er schwer krank im Bett bleiben. Und dann beginnt er als Dengbêj und singt – wie seine Kollegen von (Menschen-)Rechten genau so wie von der Schönheit der Landschaft. Irgendwann adoptiert er einen ungefähr siebenjährigen allein auf sic gestellten buben, nennt ihn Temo. Miteinander ziehen sie durch die Lande, der Junge wird später für ihn zur großen Stützte als er erblindet. Ob echte Geschichte oder Legende: eingebaut in den Film ist auch die Geschichte von einem Kranich mit gebrochenem Flügel – just zu der Zeit, als der Sänger erblindet.

Evdalê Zeynikê
Regie: Bülent Gündüz, 2010

Ums Überleben rennen

Laufen. Wegrennen müssen vor der Verfolgung durch die Militärs. Sie schlagen unter anderem den alten verirrten Mann Xelilo nieder, mit dem sich der 12-jährige Cengo anfreundet, der zum Überleben seiner Familie den ganzen Tag auf der Straße Kaugummis verkauft. Und die den Vater erschießen. Eine Schreckensherrschaft, die Cengo dazu bewegt, ja drängt, später auch – wie sein Bruder – in die Berge zu gehen, um sich dem bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung anzuschließen.

Meş/Lauf
Regie: Shiar Abdi
Drehbuch: Shiar Abdi, Selamo
Kamera: Ercan Ozkan
Schnitt: Ulf Bremen
Musik: Frank Schreiber, Hemin Derya
Hauptdarsteller_innen: Abdullah Ado, Mehmet Avsar, Talat Ekinci, Serhat Ertuna, Abdulselam Kilgi, Nujiyan Kilgi
Türkei; 2011, 88 Minunten

 

Und wieder eine harte persönliche Suche filmisch berührend in Szene gesetzt. Die Filmemacherin Mizgîn Müjde Arslan aus Mardin hört bei einem Filmforum in Armenien von einer Kollegin von einem, „roten Kemal“, der für viele Menschen, darunter Kinder, „wie ein Vater war“. Und kommt drauf, dass es sich um ihren eigenen Vater handelte, den sie nie kennen lernen konnte, weil er – als sie noch ein Baby war – sich den Freiheitskämpfern angeschlossen hatte. Der türkische Staat übt oft Gewalt auch auf Familienangehörige aus – was auch die Mutter zur Flucht zwang. Mizgîn wächst bei ihren Großeltern auf, weiß davon aber lange nichts, hält sie für die Eltern, zieht nach Istanbul und wird Filmemacherin.
Über mehrere Jahre hinweg geht sie dann ihrer eigenen Geschichte – auch gleich filmisch – nach, trifft im Flüchlingslager Maxmur viele Menschen, die ihren Vater gekannt haben, und kann sich so schön langsam ein Bild von ihm machen.

Ez firîyam tu ma li cîh/Ich flog, du bist geblieben (DOKU)
Südkurdistan (Irak), 2012, 81 Minuten
Regie: Mizgîn Müjde Arslan

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