Leben | Kiku 30.12.2011

Tipps für Lesehungrige

Einstimmung auf Halloween...

Rattenschwänzchen, Schlangenei und du bist frei!" Was so endet ist das Bilderbuch "Hexlein" von Helga Bansch - geschrieben und illustriert.
Alle sieben Jahre, so beginnt die Geschichte, hätte ein Kind, nächtens von hexen geholt zu werden und deren magisches Handwerk zu erlernen.
Auf der weiteren Reise durch die jeweiligen bunten Doppelseiten mit den wenigen, prägnanten, Zeilen verfolgst du die Ausbildungsstunden - von der Hexenküche bis zu den Flugversuchen auf dem Besen.
Viel Spaß. Und der Schluss sei nicht verraten!

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen, 24 Seiten

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Lilli, die so gern malt, und nicht immer auf das Verständnis Erwachsener für ihre Kunst stößt, bekommt in dieser Fortsetzung einen "Kollegen". Kater Merlin findet Gefallen am spiel mit Pinsel und Farbe. Ja, einigermaßen in Farbe getunkt, platziert er sich gar auf Lillis Zeichenblatt. Das erinnert das Mädchen an ein bild, das sie schon einmal in einem Museum gesehen hat… im Museum Moderner Kunst, nur in blau - und nicht den Abdruck einer Katze, sondern des Hinterteils einer Frau…
Lillis Vater kann - oder will - das nicht glauben. Doch er lässt sich darauf ein, mit seiner Tochter das Museum zu besuchen. Eine Premiere für ihn.
Er lässt sich von Lilli sogar dazu verleiten, nicht immer nur die langen Texte zu lesen, sondern auch wirklich selber die Bilder anzuschauen…

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

..., vor allem aber interessante Art und Weise kannst du mit Autorin und Illustratorin einige Künstler_innen und Werke von ihnen in diesem Bilderbuch entdecken - von Yves Klein, Niki des Saint Phalle beispielsweise, aber auch weniger bekannten wie Christian Stock und seine Würfelbilder.
Claudia Ehgartner und Élise Mougin erarbeiteten, wie sie dem Online-Kinder-KURIER erzählten, dieses Buch gemeinsam. Nicht wie oft üblich Illustrationen für einen fertigen Text, sondern die beiden haben miteinander die Geschichte und die vorkommenden Kunstwerke behirnt, dann gab`s von der Autorin eine textliche Rohfassung, die Illustratorin steuerte ein Storyboard bei. Ehgartner: "Da hab ich dann viel Text gekürzt, weil das Geschriebene ohnehin schon in Élises bildern vorgekommen ist."
Aber auch Mougin strich, wie sie sagte, dann bei Bildern. Ein Hin- und Her, das sich sehen und lesen lasen kann. Besonders schon jene Doppelseiten, wo auch die Texte aus dem starren geraden Muster ausbrechen und sich in grafische Elementen verwandeln…

Claudia Ehgartner/ Élise Mougin, Lilli kleckst, Nilpferd in Residenz, 40 Seiten, 13,90 Euro

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Ferdinand packt nicht nur alles mögliche in seine Schultasche, er hat vor allem viel Fantasie mit. Die erste Begegnung auf seinem Schulweg, der er in einer ländlichen Gegend zu Fuß zurücklet, ist eine ältere Frau mit kleinem Hund. Nicht nur. Jeweils die rechte halbe Seite lässt sich umklappen. Und dann siehst du, was Ferdinand in Gedanken sieht. Im ersten Fall zum Beispiel einen stacheligen Drachen…
Und so hat er, wenn er in der Schule ankommt, ganz schön viel zu erzählen…


Nicolas Ancion (Übersetzung: Peter Ahorner)/Annette Boisnard (Illustrationen), Ferdinands fantastischer Schulweg

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Brüllen und schleichen und mit weichen Tatzen kratzen - das lernt ein Löwe, wenn er in die Schule kommt. Dieses Bilderbuch beschreibt jeweils in drei Zeilen Text und Bilder aber auch, was Rasenmäher, Hexen, Geister, Kinder und sogar der Schnittlauch in ihrer Schule lernen (können)… ;)

Friedl Hofbauer/Petra Probst (Illustrationen), Wenn ein Löwe in die Schule geht, Annette Betz

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Ein zweiter Jugendroman, der 9/11 zum Thema hat, geht auch von einem Vater-Sohn-Verhältnis aus. Allerdings in ganz anderer Weise. Ben war zwei, als die Attentate erfolgten. Sein Vater war einer jener, die in der Falle oberhalb des Feuers nach dem Einschlag saßen und keinen anderen Ausweg sahen, als aus dem Fenster zu springen und so ihrem Leben selbst und rasch ein Ende setzten. So kam Ben zu seinem Spitznamen, der dem Buch den Titel verlieh: Der Nine-eleven-Junge.
Und es spielt ungefähr zehn Jahre danach. Ben ist über die Ferien bei seinen Großeltern in einer Kleinstadt (die Mutter laboriert an einer psychischen Erkrankung). Dort in der Nachbarschaft ist eine Familie neu eingezogen, die ursprünglich aus Pakistan kam (die Eltern). Also "solche, die deinen Vater umgebracht haben", wie Opa es manchmal ausdrückt und etliche andere in der Gegend meinen.
Ben freundet sich schnell mit Priti, der unheimlich witzig-goschert-coolen jüngeren Tochter der neuen Nachbarn an. Er selbst ist eher weniger cool. Umso mehr versucht sich Jed, sein Cousin, lässig zu geben, doch Priti ist ihm deutlich überlegen.
Pritis Bruder ist ein Technik-Freak und bastelt ständig an Radios herum. Da reimen sich die Kids zusammen, er sei eigentlich ein Bombenbauer… Die Situation eskaliert.
Die von 9/11 ausgehende paranoide Verfolgungsjagd fast aller, die irgendwas mit Islam zu tun haben, wird in diesem fast 400 Seiten starken, flott und immer wieder witzig geschriebenen Buch treffgenau geschildert.


Catherine Bruton (Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt), Der Nine-eleven-Junge, Verlag Baumhaus

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Auch eine ururalte Gedichtzeile bekam durch dieses Ereignis, das die Welt(geschichte) in den vergangenen zehn Jahren so stark beeinflusste wie selten ein einzelnes, eine ganz neue Bedeutung: Mit "We all fall down" endet der Vierzeilen, der mit "Ring around the rosie" beginnt. Dazwischen finden sich noch die beiden Zeilen: "A pocket full of posies" sowie "Ashes, ashes".
Es stammt aus England, wird auf 600 bis 700 Jahre alt geschätzt und spielt auf die Zeit der Seuche Pest an - und steht am Beginn des Taschenbuches, das sich dem Terroranschlag mit Flugzeugen auf die New Yorker Twin Towers des World Trade Centers widmet. Will nimmt es in der neunten Klasse seiner Schule durch. Und die letzte Zeile fällt ihm mehr als 150 Seiten später wieder ein. Als er sich mit seinem Vater Stockwerk für Stockwerk im Südturm an jenem 11. September nach untern durchkämpft.
Der Autor Eric Walters lässt just an jenem Tag die Schüler_innen ihre Eltern an deren Arbeitsstelle begleiten und Wills Vater arbeitete im 85. Stockwerk des Towers. Von der Fahrt zur Arbeitsstelle, der Liftfahrt ganz nach oben auf die Aussichtsplattform, von der aus sie in der Früh eine herrliche Aussicht auf die Stadt genossen und dem Besuch im Büro erzählen die ersten Kapitel. Auch davon, dass der Vater, der praktisch immer nur die Arbeit - auch zu Hause - im Kopf hatte, sich den Zahlen und den Geschäften widmete, doch den Kolleginnen und Kollegen im Büro ziemlich stolz von Will erzählt haben musste. Denn so reagierten sie.
Vom Einschlag des ersten Flugzeuges im Nordturm, den sie miterlebten. Und der Entscheidung des Vaters, der an diesem Tag Sicherheitsverantwortlicher für die gesamte Etage war, deswegen auch dieses Gebäude zu verlassen. Erst jene seines Büros und dann klapperte er auch noch gleich alle anderen Büros des 85. Stockwerks ab. Nur der Chef eines Büros weigerte sich. Alle anderen begannen, nach unten zu gehen, als auch dieser Turm erschüttert wurde und Rauch nach oben strömte. Die zweite Linienmaschine war unterhab ihrer Etage in den Südturm geflogen. Alle liefen nach oben, nur Wills Vater entschied, mit seinem Sohn den Weg nach unten zu suchen…
Das dramatische Ereignis, das praktisch die gesamte Welt den Atem anhalten ließ, wird aus der (fiktiven) Sicht des ungefähr 14-jährigen Jungen geschildert, als wäre er live dabei gewesen. Mit allem Vorwärtskommen und allen Hindernissen. Sogar mit der Rettung einer jungen Frau, die in einem der Stockwerke, das sie passierten, wimmerte, und die sich Sohn und Vater abwechselnd schulterten, nachdem sie sie unter einem umgestürzten Aktenschrank befreit hatten.
Wie sich in diesem dramatischen Abwärtseilen die Beziehung von Sohn und Vater festigt, und für die beiden, samt der von ihr Geretteten inmitten all der Tragödie ein kleines Happy end findet. Das dadurch relativiert wird, dass sie den Vater von James, einem Schulkameraden Wills, im Stiegenhaus treffen, der als Feuerwehrmann mit seinen Kollegen den Weg nach oben nimmt, um den vom Einschlag des Flugzeuges ausgelösten Brand zu löschen. Doch der Turm krachte auf den letzten Seiten des Buches wie in Wirklichkeit in sich zusammen.

Eric Walters (Übesetzung aus dem Englischen: Maria Zettner), We all fall down, Gulliver bei Beltz & Gelberg

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Was meinst du, von wo aus kann man etwas besser sehen und verstehen: von ganz nah oder von ganz weit weg?
Das ist eine von vielen Fragen die die beiden Autorinnen in ihrem Büchlein "Wolkenbilder + Möwendreck" stellen. Keine Antwort kann falsch sein. Das ist eine Basis beim Philosophieren. Es geht ums Gedanken wälzen, ums hin- und her drehen, wenden, argumentieren, abwägen, Für und Wider…
16 kleine Geschichten packten die beiden in ihr Buch. Die obige Frage stellt sich auch die Möwe, die dich durch die Storys begleitet, als sie ganz hoch hinauf geflogen ist. Sie stellt sich - und dir - auch Fragen wie, ob sie einem Fischer ein oder zwei Fischchen aus dem prall gefüllten Netz stiebitzen soll/darf.
Die Geschichten und Fragen und orientieren sich dabei an vier Kategorien des großen Philosophen Immanuel Kant:
* Was kannst du wissen? (Erkenntnislehre)
* Was soll ich tun? (Ethik)
* Was darf ich hoffen? (Metaphysik)
* Was ist der Mensch? (philosophische Anthropologie)

Kristina Calvert, Sabine Dittmer, Wolkenbilder + Möwendreck, kleine philosophische Bibliothek, aracari verlag

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Dinge ein bisschen zu "ver-rücken" und damit oft der Gerechtigkeit zum sieg verhelfen - das steckt hinter so manchen Abenteuern Till Eulenspiegels. So manche davon findet sich in ähnlicher Form bei den Geschichten über Nasreddin Hodscha, wie sie im Orient, vor allem in der Türkei, erzählt werden. Dort lernte sich auch der bekannte Autor Paul Maar (Das Sams) kennen. Und machte daraus ein Büchlein. Mit einigen der überlieferten historischen Geschichten - und neu erfundenen, die sich Maar ausdachte, würde einer wie der Nasreddin heute leben.
Eher zeitenunabhängig gültig wäre jene vom "Klang des Geldes". Ein Reicher will von einem Bettler, der sein Brot über den Grill des Ersteren hält, um wenigstens einen Duft von Fleisch mit zu essen, Geld dafür, immerhin war`s ja sein Fleisch. Das Argument, dass der Arme ihm ja nichts weggenommen hatte, will er nicht hören. Till/ aber schon Jahrhunderte vorher Nasreddin rät dem Bettler, ein paar Münzen auf dem hölzernen Tisch tanzen zu lassen und gibt sie ihm dann wieder. Den Protest des Reichen kontern sie damit, mit dem Klang des Geldes sei der Geruch des Fleisches ja wohl bezahlt…

Paul Maar, Aljoscha Blau, Das fliegende Kamel - Geschichten von Nasreddin Hodscha, neu erzählt, Verlag Oetinger

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Der König konnte eines Abends nicht und nicht einschlafen, stand auf, wanderte - einfach gekleidet - durch die Stadt, aus ihr hinaus bis zu den Hütten der Armen. Überall war`s finster. Alle müde von anstrengender Arbeit und kein Geld für Kerzen. Nur in einer Hütte: Licht, Gesang, Fröhlichkeit. Ein Mann und eine Frau tanzten zu seinem Gesang. Und luden den Fremden ein, bewirteten ihn mit Brot, Salz und Wein.
Und erzählte, er hätte heute in der Stadt Glück gehabt und als Schuster, viele Schuhe reparieren können und deswegen genügend Geld eingenommen.
"… doch was ist mit morgen?"
"Ach", war die antwort des Flickschusters, "heute ist heute und morgen ist morgen. Gott hat den heutigen Tag gesegnet, deshalb sind wir hier, haben zu essen, zu trinken und einander als Gesellschaft. Dafür will ich dankbar sein. Gott wird auch den morgigen Tag segnen, darauf will ich vertrauen."…
Das jedoch reichte dem unerkannten König nicht, er wollte den Mann und sein Vertrauen an dessen Gott (einen anderen als ihn der König anbetete) prüfen. Und stellte ihn auf harte Proben. Er verbot die Flickschusterei auf der Straße. Der Mann fand sich als Wasserträger einen neuen Job.
Abends und anderntags: Wiederholung. Neuer Job… Das spielte sich noch ein paar Mal ab. Bis… Nun, auch wenn es sich bei dem jüdischen Märchen aus Afghanistan um ein altes handelt, hierzulande ist es nicht so bekannt, daher sei das Ende auch nicht verraten.

Frau Wolle (Karin Tscholl)/Anna Vidyaykina, Morgen ist morgen - ein Märchen von Vertrauen und Gewitztheit

Helga Bansch, Hexlein, Verlag Jungbrunnen
© Bild: Verlag Jungbrunnen

Elbow. Das hinterletzte Kaff. Und die Sommer verregnet. Sch…-Ferien. Bea, scharf auf Pfannkuchen mit der sauscharfen Chilisoße, entdeckt auf einem Etikett die Ausschreibung zu einem Foto-Bewerb, bei dem eine Reise ins sonnige Florida zu gewinnen ist. Das ist DIE Chance. Sam, auch einer der "Verurteilten der Regenstadt", die die Ferien über nicht wegkamen, erzählte von einem spannenden Fund in einem leerstehenden Haus. Nichts wie hin. Fotoapparat des Vaters, der Journalist war, mit und - gruselig…
In der folge wird`s auch noch ziemlich mysteriös. Und abenteuerlich. Extrem spannend. Obendrein recht vielschichtig - wie eine Art 3D-Live-Puzzle ergeben die einzelnen Teile nach und nach ein ganzes Bild. Hintergründig - über fast 500 Seiten. Und nicht zuletzt passagenweise genial geschrieben - ein wahrer Lesegenuss.

Rebecca Promitzer, Chilischarfes Teufelszeug, übersetzt von Katharina Diestelmeier, ChickenHouse

( Kurier ) Erstellt am 30.12.2011