Leben | Kiku 27.06.2017

Wir und die da?!

Szenenfoto aus "Disastrous" von SILK Fluegge (Linz) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Stücke und Spiele übers Zusammenleben beim Theaterfestival "Schäxpir" in Linz.

Update 27. Juni 2017, 16.46 Uhr: Eine aktuelle Kritik hinzugefügt sowie Links zu früheren Besprechungen von Stücken, die bei Schäxpir 2017 zu sehen sind. Update 27. Juni 2017, 21.41 Uhr: Zwei Kritiken hinzugefügt. Update 28. Juni 2017, 06.17 Uhr: Besprechung von Dreihundertfünfundsechzig+" hinzugefügt. Update 28. Juni 2017, 12.27 Uhr: Kritik von "Flucht" hinzugefügt. Update 28. Juni 2017, 16.37 Uhr: Kritik von "Lost" und einige Fotos hinzugefügt Update 29. Juni 2017, 19.29 Uhr: Kritik von "Der Ring des Nibelungen nach Wagner und Wikipedia" hinzugefügt. Update 30. Juni 2017, 20.01 Uhr: Kritik zu "Disastrous" hinzugefügt.

Zum neunten Mal bespielen internationale und österreichische Gruppen mit ihren Stücken für junges Publikum verschiedenste Theater und andere Spielorte in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz. Das Schäxpir-Festival findet Ende Juni zum bereits neunten Mal statt. „Wie wollen wir zusammen leben?“ lautet das Motto in diesem Jahr – unter neuer künstlerischer Leitung (Sara Ostertag und Julia Ransmayr). Beibehalten wurde die bei diesem Festival von Anfang an geboten Breite der Darstellungsformen – vom Sprechstück über Tanztheater, Kombinationen mit Live-Musik und in einem Stück sogar mit Live am Computer gestalteter Grafik.

Nun zu konkreten Stück-Kritiken – zu Beginn einmal zu drei Produktionen, die sich sehr offensichtlich mit dem Zusammenleben beschäftigen: „Spinnerling“ (Theater Mainz) mit dem zwischen zwei Brüdern, „Bergkristall“ (Theater des Kindes, Linz) mit größeren Gemeinschaften und schließlich das echt (inter-)aktive Spiel „Das Part of the Game-Game (Das Planetenparty Prinzip & TaO! - Theater am Ortweinplatz, Graz). - Wird natürlich ergänzt um weitere Stückbesprechungen.

Geschwisterstreit

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Szenenfoto aus "Spinnerling" vom Staatstheater Mainz © Bild: Andreas Etter

Actionreich startet ersteres (Regie: Sara Ostertag, eine der beiden künstlerischen Leiterinnen des Festivals) schon vor dem Theater – im Posthof. Hektisch läuft Jeppe (Daniel Friedl) und sucht seinen „blöden“ Bruder Hidde (Henner Momann), kaum ist ersterer ums Eck, taucht zweiterer auf, und zieht das Publikum ins Vertrauen. Es geht um den geheimen Keller, in dem er seine Insekten und Schnecken hält. Als Vertraute schleust er sie in diesen – in dem es tatsächlich einige dieser Tiere – lebendig – gibt. Die beiden Brüder sind spinnefeind, die Mutter (Anika Baumann) selbst wenn sie einmal zu Hause ist, abwesend. Vom Keller darf sie nichts wissen, hinter dem ein noch viel krasseres Geheimnis steckt, die des Todes des dritten Bruders.

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Szenenfoto aus "Spinnerling" von Staatstheater Mainz © Bild: SCHÄXPIR/Julia Edlmair

Die beiden Brüder sind glaubhaft so böse aufeinander, dass man nicht zwischen die Fronten geraten möchte. Der eine in seine Tierwelt versunken, um die er sich liebevoll kümmert, zweiterer darauf erpicht, endlich den Keller für sich und sein Schlagzeug zu bekommen. Dazwischen verwandelt sich die Mutter noch in das Mädchen Lieke, die angeblich Schmetterlinge liebt und auf pink steht, weshalb der Spinnerling genannte Hidde versucht, rosa Falter zu züchten. Und dann steht sie doch mehr auf Musik.

Für viele Lacher und Erleichterung in dem doch heftigen Brüderstreit sorgt Daniel Friedl, wenn er sich von Jeppe in eine Freundin Liekes verwandelt.

Explosive tänzerisches Abstoßen und Annähern

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Szenenfoto aus "The Basement" © Bild: SCHÄXPIR/Reinhard Winkler

Zwischen Holzpaletten – einfachen und zu unterschiedlich hohen Türmen aufgestapelte starten ein Schlagzeuger und ein E-Gitarrist – höllisch laut und irgendwie zornig wirkend. Nach einigen Minuten springen, purzeln, hüpfen, kugeln vier Kolleg_innen auf die Bühne, entzünden ein Feuerwerk an tänzerisch bis akrobatischen Bewegungen. De Dansers (Utrecht/Niederlande) und Theater Strahl (Berlin/Deutschland) lassen es richtig krachen – gegen- und aufeinander zu, voneinander weg – und das in einem Höllentempo.

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Szenenfoto aus "The Basement" © Bild: SCHÄXPIR/Reinhard Winkler

Nach einem derartigen rund zehnminütigen Intro wird’s viel sanfter, leiser, differenzierter. Manchmal ist der Fokus auf eine Tänzerin/Tänzer, manchmal auf die Interaktion zweier, dreier, vierer oder aller sechs gerichtet. Die sechs Darsteller_innen tauschen immer wieder auch ihre Rollen – Tanzende werden zu Musizierende und umgekehrt und dazwischen auch noch zu Sänger_innen. Unterschiedlichste Gefühle Jugendlicher – schwerpunktmäßig in Abwehrhaltung – werden dargestellt. Selbst Versuche von Zuneigung können oft nicht so ganz angenommen werden. Verwirrung, nicht sicher sein, ob das nun auch wirklich echt ist, oder auch vielleicht überfordert. Genial schaffen es die sechs Multi-Talente - Guy Corneille, Daan Crone, Claire Lamothe, Enrico Paglialunga, Wannes De Porre, Josephine van Rheenen (Konzept/Choreografie: Wies Merkx) diese Lebenswelten Jugendlicher zu treffen – eine Stunde konzentriert und gebannt verfolgt der vor allem mit Schüler_innen voll besetzte große Saal im Posthof das Geschehen auf der Bühne.

Ich hab ja nix gegen die, aber...

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Szenenfoto aus "Bergkristall" vom Theater des Kindes, Linz © Bild: Christian Herzenberger

Nun zu „Bergkristall“ vom Theater des Kindes: Das Stück baut auf der gleichnamigen bekannten Erzählung von Adalbert Stifter auf. Grundgeschichte Konrad (Matthias Hacker) und seine Schwester Sanna (Ines Stockner) verirren sich in einer Weihnachtsnacht zwischen Schnee und Gletscher, drohen fast zu erfrieren und werden von einer Hundertschaft an Suchenden von beiden Seiten des Berges dann doch noch rechtzeitig am nächsten Vormittag gefunden. Zum ersten Mal seit ewig haben die Menschen dies- und jenseits des Berges ihre Vorurteile, ja ihre Feindseligkeit überwunden. Ausgehend von Stifters Erzählung hat Christian Schönfelder einen Stücktext verfasst, Caroline Richards ihn inszeniert. Aus Stifters verfeindeten Bergdörfern wird hier der Gegensatz zwischen Dorf und Stadt samt Sprüchen, die auf noch weitere aktuelle Entfernungen hindeuten: „Ich hab ja nix gegen die aus der Stadt, aber...“ Womit das Stück sozusagen die ganze Welt in diesem kleinräumigen Konflikt mit seinen wenigen handelnden Figuren wie unter einer Lupe spiegelt.Die beiden schon genannten spielen nicht nur das Geschwisterpaar, sondern vor allem Hacker noch viele weitere Rollen. Simone Neumayr gibt sowohl die aus der Stadt stammende Mutter der beiden als auch eine Dörflerin – mit dem zuvor genannten Spruch – gleichermaßen überzeugend.

Geld, Geld, Geld...

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Szenenfoto aus "The Part of the Gam-Game" von Das Planetenparty Prinzip & TaO! - Theater am Ortweinplatz (Graz/AT) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Wer scheffelt mehr? Wodurch kannst du dein Ansehen erhöhen? Diese beiden Fragen bestimmen des Spielprinzip. Denn das in Graz entwickelten „Part of the Game-Game“ ist kein Theaterstück, sondern ein Live-Rollenspiel aller Beteiligten – der Besucher_innen mit den von den beiden Grazer Theatergruppen gestellten Profi-Darsteller_innen samt zusätzlichen jeweils kurzzeitig ausgebildeten Laienschauspieler_innen. In einem Labyrinth, dessen Wände aus alten Druckerplatten bestehen, müssen die mit neuen Identitäten (viele fantasievolle Namen mit bewussten Anklängen an real existierende Personen) versehenen Gäste sich zurecht finden, schauen, wo und wie sie Geld verdienen können – mit Arbeit in der Fabrik kommst du nicht wirklich weit.

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Szenenfoto aus "The Part of the Gam-Game" von Das Planetenparty Prinzip & TaO! - Theater am Ortweinplatz (Graz/AT) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Mit Investitionen und gegebenenfalls auch krummen Geschäft wirst du vom kleinen Fisch zum Hans-Peter Wurst, dem Milliardär. Jederzeit ist übrigens der eigene Spielstand über Smart-Phones auf einer eigens dafür eingerichteten Website abrufbar. Auf einer groß an die Wand gebeamten Tabelle ist auch der Gesamtstand zu verfolgen.

Und wie bei vielen Simulationsspielen tauchen die meisten auch recht schnell in diesen Mechanismus ein – die Gier is a Hund! Wem das Ziel nicht so ohne weiteres taugt, fühlt sich vielleicht ein wenig verloren – und kann so einige Zeit brauchen, bis sie/er drauf kommt, soziales Engagement bringt auch nicht allzu viele Prestige-Punkte. Ansatzweise konkreteres Erahnen des realen Prinzips unserer kapitalistischen Gesellschaft ist jedenfalls die Erkenntnis des dreistündigen Games.

In der abschließenden schrägen, mitreißenden Show mit Gott und Tod wird dieses Gefühl noch mit Fakten der wirklichen Vermögensverteilung – 5 % der Bevölkerung besitzen 50% des Vermögens und 50 % der Österreicher_innen nur fünf Prozent des gesamten Vermögens untermauert.

Compliance-Hinweis: Die KiKu-Berichterstattung kann nur aufgrund einer einladung des Festivals - Kosten für Unterkunft und Reise werden übernommen - erfolgen.

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Szenenfoto aus "The Basement" von De Dansers (Utrecht/NL) & Theater Strahl (Berlin/DE) © Bild: SCHÄXPIR/Reinhard Winkler
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Szenenfoto aus "365+" von theaternyx* (Österreich) © Bild: Reinhard Winkler
Schäxpir 2017, The Part of the Game-Game
Szenenfoto aus "The Part of the Gam-Game" von Das Planetenparty Prinzip & TaO! - Theater am Ortweinplatz (Graz/AT) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Die Königin ist verschwunden" und "Entweder Und

Rosa oder/und blau

Zwei Stücke machten Rollenklischees von Mädchen und Buben zum Thema – und das auf völlig unterschiedliche Art.

„Die Königin ist verschwunden“...

Schäxpir 2017, Die königin ist verschwunden
Szenenfoto aus "Die Königin ist verschwunden" von Kopergietery (Belgien) © Bild: Phil Deprez

… der belgischen Gruppe Kopergietery (Gent) legt die Sache als Art Märchen an. Die Prinzessin (hammerstark Anna Vercammen, von der auch das Konzept und der Stücktext stammt) erzählt und spielt die Geschichte schauspielerisch, singend, musizierend (u.a. Trompete) vom Tode der Mutter und dem seither traurige Vater. So viel Trauer im Land, dass sogar die Narren aus dem Wald verschwinden. Wie's so im Märchen ist tanzen, pardon reiten, fremde Prinzen an, um... - nach dem zweiten meint die Prinzession, „ich bin fertig mit Prinzen“. Sie die starke kann den Macho-Typen, von denen sich eienr gar „Prinz der Wahre“ nennt, klarerweise so rein gar nichts abgewinnen.

Schäxpir 2017, Die königin ist verschwunden
Szenenfoto aus "Die Königin ist verschwunden" von Kopergietery (Belgien) © Bild: Phil Deprez

Der vielleicht doch zu happyend-mäßige Schluss – naja... Aber: Die starke Bühnenpräsenz der schon genannten Darstellerin wird noch durch ein kongeniales Ensemble ergänzt: Live-Musik – Joeri Cnapelinckx, Eva Vermeiren und Joop Pareyn – und die Live am Grafiktablet von Sabien Clement gezeichneten fast karikaturenhaften Bühnenhintergründe, die auf eine Wand aus unzähligen Gummischnüren projiziert werden, hin und wieder gemixt mit von vorbereiteten Grafiken aus dem Laptop.

Entweder und

Schäxpir 2017, Entweder Und
Szenenfoto aus "Entweder Und" von JES - Junges Ensemble Stuttgart (Deutschland) © Bild: Tobias Metz

Der Untertitel „Ein Kinderstück über das Größerwerden in einer rosablauen Welt“ des Stücks „Entweder Und“ (JES – Junges Ensemble Stuttgart) nimmt vielleicht schon zu viel vorweg. Möglicherweise ist er auch Ausdruck der einzigen Schwäche des ansonsten schrägen, bunten Spiels mit gängigen Schubladen, des pädagogischen Impetus (Regie: Hannah Biedermann). Aber abgesehen davon spielen sich Alexander Redwitz, Gerd Ritter, Franziska Schmitz und Sophia Maria Schroth, sozusagen dirigiert von der Live-Musikerin Conni Trieder – (Bass-)Querflöte – durch 58 kleine Szenen – zunächst alle rosa gekleidet, später gesellen sich auch bunte, nicht zuletzt auch blaue Kostüme dazu. Bekannte Alltagssituationen werden manchmal den Klischees entsprechend gespielt – bei der Spielzeugaufteilung etwa, um sie danach wieder zu brechen, zu überspitzen oder völlig schräg zu kombinieren – Fußball in Stöckelschuhen etwa.

Schäxpir 2017, Entweder Und
Szenenfoto aus "Entweder Und" von JES - Junges Ensemble Stuttgart (Deutschland) © Bild: Tobias Metz

Das aufwändige und spannende Bühnenbild – hölzerne Drehbühne mit einer halbkreisförmigen Wand dahinter mit vielen Türln, (Schub-)Laden, Fenstern, Fächern usw. – wird immer wieder Teil des Spiels, manches sogar – mit „Hosenträgern“ zu Teilen der im Halbminutentakt wechselnden Kostüme. Eine witziger Form, gängige Klischees was viele, nicht zuletzt Konzerne, die Spielzeug (Lego beispielsweise war jahrzehntelang sozusagen unisex, seit einigen Jahren setzt der dänsiche Bausteinhersteller auf Mädchen und Bubenlinien), Gewand usw. verkaufen, wollen, dass Mädchen bzw. Buben wollen sollten, war – noch dazu für Kinder ab 5 Jahren – kaum zu erleben.

Dreihunderfünfundsechzig+

Mit kleinen – verschiedenfärbigen – Bildkärtchen und Fragen zu Erinnerungen an das Vorjahr wird das Publikum schon vor Beginn eingestimmt auf die folgenden eineinhalb Stunden. In diesen bringen junge Schauspieler_innen meist mitten im Publikum verteilt sitzend und damit noch näher gehend, manchmal am Rand stehend Tagebuchnotizen Jugendlicher über 2016 zu Gehör.

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Szenenfoto aus "365+" von theaternyx* (Österreich) © Bild: Reinhard Winkler

Da wechseln einander Einträge wie „7 Uhr, der Wecker klingelt, es fühlt sich verdammt falsch an“ ab mit Einträgen über Attentate in Paris, Brüssel oder Aleppo. Erinnerungen an die letzte Party und den dort konsumierten Alkohol, mit Enttäuschung darüber, zu Weihnachten nur die Geschenke bekommen zu haben, die gewünscht waren und keines mehr und in der nächsten Sekunde die österreichischen Bundespräsidenten-Stichwahl-Wiederholung. „127 Tote in Paris – Physik ist heute unwichtig“ - mehrfach tauchen ähnliche Einträge auf. Dann wieder Erlebnisse einer Schülerin, die samstags in einer Trafik arbeitet – laaaangweilig, nur ein 96-jähriger Stammgast, der sich immer nach neuen Zeitschriften erkundigt, um dann stets die gleichen zu kaufen bot Abwechslung. Das + hinter dem Stücktitel Dreihundertfünfundsechzig deutet darauf hin, dass es sich bei 2016 ja um ein Schaltjahr handelte. Und ausgerechnet am 29. Februar: „Gruselig, heute war Physik wirklich spannend, wir haben Albert Einsteins Relativitätstheorie durchgenommen“ , so der Eintrag einer/eines Tagebuch-Schreibenden – von wem welche Einträge stammen tut nichts zur Sache.

Tagebücher

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Szenenfoto aus "365+" von theaternyx* (Österreich) © Bild: Reinhard Winkler

13 Jugendliche - Hayam und Sadek al Alwani, Katrin Edtmayr, Hannah Ernst, Lena Hödl, Anna Kassmannhuber, Yuria Knoll, Sophia Moustakakis, Apollo Pamperl, Clara Porak, Franziska Ruspeckhofer, Iris Schimpelsberger, Kim Wallgram - führten im vergangenen Jahr Tagebuch – es sollten sowohl persönliche als auch (welt-)politische Einträge sein war die Aufgabe, die Regisseurin Claudia Seligmann nach einer Idee von Corinne Eckenstein (künstlerische Leiterin des Dschungel-Wien) stellte. Aus all den Einträgen erstellte die Regisseurin gemeinsam mit Claudia Tondl eine Textfassung. Die wurde nun erstmals beim Schäxpir-Festival (auf der Studiobühne des Landestheaters) von Schauspieler_innen - Cristina Maria Ablinger, Daniela Graf, Sarah Scherer, Wolfgang Fahrner; Florian Haneder, Anna Kassmannhuber, Lena Lammer, Lorenz Manzenreiter, Atsut Moja Calle, Viktoria Rauchenberger, Christine Tielkes, Hanna Wirleitner - in kleinen, kurzen aufeinander prasselnden „Häppchen“ mit chorischen Zwischentexten dargeboten.

Erdrückend

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Szenenfoto aus "365+" von theaternyx* (Österreich) © Bild: Reinhard Winkler

Heavy, fast erdrückend was 2016 alles los war und wie Jugendliche zwischen Druck von Schule und der (welt-)politischen Ereignisse unter Stress stehen. Wären auch noch Lehrlinge ins Schreibprojekt eingebunden gewesen, hätte sich noch Stress aus dem Arbeitsalltag dazugesellt. Dass der Fokus medialer Berichterstattung stark auf Europa und die „westliche“ Welt gerichtet ist, kommt vielleicht darin zum Ausdruck, dass es zwar einen Eintrag wie „Wäre ich aus Brüssel, wäre ich heut vielleicht tot“ gibt, aber keinen ähnlichen mit Bagdad oder Peschawar oder kurdischen Städten in der Türkei.

Flucht"und "Lost

Eine Katze erzählt

Schäxpir 2017, Flucht
Szenenfoto aus "Flucht" von Junges Theater/Landestheater Linz © Bild: Hermann Posch

Das Stück „Flucht“ auf der Bühne der Kammerspiele ist eine bemühte Inszenierung (Regie: Nele Neitzke) des gleichnamigen Bilderbuchs von Niki Glattauer (Text), Verena Hochleitner (Illustrationen) und Daniel Glattauer jun., der die Wassergeister gezeichnet hat, die auf der Fahrt übers Mittelmeer dem Buben Angst machen. Genauso hatte er sich zuletzt zu Hause vor anderen Geistern gefürchtet, als Bomben fielen und der Strom ausfiel. Da zog er sich aufs Klo zurück, bevor die Klotür verbrannt wurde, um Licht und Wärme im Haus zu haben.

Der Versprecher in einer Nachrichtensendung wo von Toten im Mittelmeer auf ihrer Flucht aus statt nach Europa die Rede war – auf den am Ende verwiesen wird – ließ den Autor die Geschichte von einer möglichen Flucht in die andere als die heute gängige Richtung konstruieren. Ein „Trick“ zu dem schon Jane Teller vor mehr als 15 Jahren in „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ gegriffen hat, weit ausgefeilter und nahegehender.

Erinnerungen und Streitereien

Schäxpir 2017, Flucht
Szenenfoto aus "Flucht" von Junges Theater/Landestheater Linz © Bild: Hermann Posch

Buch – und damit auch Stück – erzählen die Story über weite Strecken aus der Sicht der Familienkatze E.T.: „Katzen haben sieben Leben, heißt es, darum haben sie mich mitgenommen...“, also insgesamt elf Leben. Der schon genannte Daniel, seine Schwester Suzie sowie Mutter und Vater - Steven Cloos, Anna Katharina Fleck, Karina Pele, Christopher Schulzer - kommen nach langem Waaaaaaarten endlich zu Schwimmwesten und einem Boot. Erinnerungen an die vormals friedliche Zeit sowie Geschwisterstreitigkeiten an Bord wechseln einander ab.

Leider springt praktisch nie – mit Ausnahme weniger Gags - der Funke von der Bühne ins Publikum über, das Schauspiel bleibt recht distanziert, fast oberflächlich. Und eigenartigerweise feiern die am afrikanischen Ufer Angekommenen eine ausgelassene Party, obwohl sie kurz zuvor feststellen, dass nur mehr ein Bruchteil der einst in Europa gestarteten Boote und die Menschen darin die Überfahrt überlebt haben.

Poetische Lobeshymne auf Bücher(eien)

Schäxpir 2017, Lost
Szenenfoto aus "Lost" von Kopergietery © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Sich zwischen und in Buchseiten verlieren – im übertragenen Sinn kennen das Freund_innen gedruckter Texte sicher. Aber im wahrsten Sinn des Wortes? Nun, das demonstrieren Audrey Dero, Christine Verheyden vom belgischen Theaterhaus Kopergietery (Gent) in einer rund einstündigen Aufführung, die immer in Büchereien oder Buchhandlung stattfindet, bei Schäxpir in der Landesbibliothek, genauer im „Erlebnisraum Altes Buch“.

Wo sonst zwischen rund 250 Jahre alten Büchern in einer Miniatur-Ausgabe der österreichischen Nationalbibliothek eine Videoinstallation über die Entstehung der Buchstaben von der Keilschrift bis zur digitalen Texterfassung läuft, tauchen die beiden Protagonistinnen in persönliche (Liebes-)Geschichten ein. Und immer wieder finden sich in einzelnen Büchern ihrer Kulisse, die Teil einer Bibliothek sein könnte, Druckwerke, die Elemente fürs Weitererzählen der Geschichten bieten. Verspielt poppen da und dort Figuren und andere Teile auf – elektronisch von hinter der Bücherwand gesteuert (Sebastien Van Huffel).

Schäxpir 2017, Lost
Szenenfoto aus "Lost" von Kopergietery © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Highlight ist ein dickes „altes“ Buch aus mehreren kleinen – echten alten – Zusammengebasteltes mit Aufklappelementen, wie sie seit Jahrzehnten in Kinderbüchern vorkommen. Die Schlussseiten werden gar zu einem kleinen Papiertheater. Inspiriert vom vielen „Lesen“ drücken die beiden einfache Begriffe oft mit sehr poetischen Formulierungen aus wie „mit tanzenden Daunenfedern liebkosen“ für streicheln. Das gefiel beispielsweise der Mainzer Theaterwissenschaftsstudentin Leila Suhrab besonders, die mit einer Gruppe von Studienkolleg_innen das Schäxpir-Festival samt etlichen hier angebotenen Ateliers als Teil der Ausbildung besucht.

Das Stück (ab 9 Jahren) ist eine märchenhaft, verspielt-poetische Ode an analoge Bücher und ihre Ausleih-Orte. „In Bibliotheken ist es immer so still – vielleicht, um die eigenen Gedanken leichter finden zu können!“, lautet ein anderer fast (kinder-)philosophischer Satz.

Der Ring des Nibelungen nach Wagner und Wikipedia" und "Disastrous

Die Nibelungen-Show

Schäxpir 2017, Der Ring des Nibelungen
Szenenfoto aus "Der Ring des Nibelungen nach Wagner und Wikipedia" von "Nachtspiel" (Linz) © Bild: Philip Brunnader

Siegfried, Hagen, Brünhilde, Wotan, das Rheingold, Walhalla, die Walküren & Co – wer, wann mit wem oder auch gegen wen? Fünf Darsteller_innen aus Schauspiel, Oper und Musical - Aurel von Arx, Ulf Bunde, Björn Büchner, Alen Hodžović, Katharina Wawrik - verknappen die komplizierten Verwicklungen und Verstrickungen aus den Nibelungen-Sagen auf 70 Minuten. Angesungene Arien sowie passende Pops-Songs ersetzen stuuuuundenlange Opern. Das Bühnenbild wird mittels Videokamera, die kleine Objekte bzw. Zeichnungen und fallweise Gesichter und andere Körperteile filmt, auf die Stoffwand hinter dem Geschehen übertragen.

Viele der Dialoge oder Szenen – die Darsteller_innen wechseln immer wieder ihre Rollen – sind zum Brüllen komisch. „Der Ring des Nibelungen nach Wagner und Wikipedia“ von „Nachtspiel (Linz) in der Regie von Anna-Lena Geerdts ist eine sehr witzige kabarett-/comichafte Show.

Katastrophal?

Schäxpir 2017, Disastrous
Szenenfoto aus "Disastrous" von SILK Fluegge (Linz) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

Tanzperformances von SILK Fluegge zeichnen sich immer durch zweierlei aus: Da sind auf der einen Seite fulminante tänzerisch-akrobatische Bewegungen der Akteur_innen mit vollstem körperlichen Einsatz – mitreißend, manchmal mit fast staunendem Luft anhalten angesichts des Dargebotenen. Auf der anderen Seite geht’s der Regisseurin/Choreografin und Erfinderin der Projekte aber nicht sozusagen um L’art pour L’Art (Kunst um der Kunst willen), sondern immer auch um Thematisierung grundlegender Inhalte. Ob das Rettung, Verschwinden oder was auch immer schon war, diesmal ist nichts weniger als das das zusteuern auf gesamtgesellschaftliche Katastrophe(n) der Dreh- und Angelpunkt. Nicht zuletzt dargestellt durch Unmengen an Zeitungspapier als Symbol für (Massen-)Medien, die sich häufig in Katastrophen-Alarmismus den Konkurrenzkampf um die „bad News“ liefern. Auch wenn die Bedeutung gedruckter Zeitungen abnimmt, für so eine Performance eigenen sie sich allemal besser als Smart-Phones, Tablets oder andere Computer ;)

Schäxpir 2017, Disastrous
Szenenfoto aus "Disastrous" von SILK Fluegge (Linz) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

MedienkritikZunächst tummeln sich die sechs Tänzer_innen – drei Kinder und ebenso viele erwachsene Profis – in einem Haufen zerknüllter alter Zeitungen, die streifen sie glatt, stapeln sie, teilweise auch mit ihren Beinen. Die Tänzer_innen transportieren die kleineren Stapel quer über die Bühne ans andere Ende wo sie sie zu einer Art Couch aufbauen. Von hier aus beobachten in der Folge die drei Kinder, wie ihre drei Kolleg_innen tänzerische Aufwärmübungen vollführen, wenig später werden die Seiten gewechselt. Danach „brennen“ die sechs in unterschiedlichsten Konstellationen Bewegungs-Feuerwerke – unter anderem mit turmhoch errichten Zeitungsstapeln.

Zwischendruch treten die sechs Protagonist_innen - Marie-Sophie Fromherz, Alexander Grgić, Michaela Hulvejová, Matej Kubuš, Lena Müller, Jerca Rožnik Novak – einzeln immer wieder ans Mikrophon, erzählen kurz über sich selbst – sie sind zwischen 11 und 25 Jahre, kommen aus Linz, Slowenien und der Slowakei – aber auch, was für sie eine Katastrophe wäre. Das reicht davon, dass ein Tyrann herrschen würde bis zu nicht mehr tanzen zu können.

Schäxpir 2017, Disastrous
Szenenfoto aus "Disastrous" von SILK Fluegge (Linz) © Bild: SCHÄXPIR/Voggeneder

HoffnungTrotz des Titels und auch der Zitate zu Katastrophen strahlt „Disastrous“ vor allem aber die Energie der Veränderbarkeit aus – so wie die sechs Tänzer_innen mit ihrem körperlichen Einsatz eine Stunde lang unter Beweis stellen, dass Grenzen (der Schwerkraft) zumindest für Momente durch Training und Willenskraft mit scheinbarer Leichtigkeit überwunden werden können, so könnt’s auch gesellschaftlich gehen – wenn es den nötigen solidarischen Zusammenhalt gibt – wie im Schlussbild, in dem alle ein gemeinsames aufrechtes Menschen„knäuel“ bilden.

... von Stücken, die beim Schäxpir-Festival 2017 auch zu sehen sind

Der Bär, der nicht da war von makemake produktionen: hier

Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor von Follow the Rabbit: hier

Lügen von TWOF2 & dascollctiv: hier

Rauchpause von schallundrauchagency: hier

Körperverstand von Körperverstand: hier

Rescue von SILK Fluegge: hier

Wer? Was? Festival

INFOS

SCHÄXPIR - Theaterfestival für junges Publikum Bis 1. Juli Linzwww.schaexpir.at

Zu den einzelnen besprochenen Stücken

Spinnerling

Staatstheater Mainz (Mainz/DE)

Schauspiel 70 min, B 9 J.

Nach dem Roman von Simon van der Geest in einer Übersetzung von Uwe Dethier und Sara Ostertag Regie: Sara Ostertag Darsteller_Innen: Anika Baumann, Daniel Friedl, Henner Momann Dramaturgie: Katrin Maiwald Bühne, Kostüm: Nanna Neudeck Musik: Wendi Gessner Licht: Jürgen Sippert

The Basement De Dansers (Utrecht/NL) & Theater Strahl (Berlin/DE)

Tanztheater mit Live-Musik Eine Stunde, ab 13 J.

Konzept, Choreografie: Wies Merkx Darsteller_innen: Guy Corneille, Daan Crone, Claire Lamothe, Enrico Paglialunga, Wannes De Porre, Josephine van Rheenen Live-Musik: Guy Corneille, Daan Crone

Bergkristall

nach der gleichnamigen Erzählung von Adalbert Stifter

Theater des Kindes (Linz/AT)

Schauspiel Eine Stunde, ab 7 J. Text: Christian Schönfelder, nach der gleichnamigen Erzählung von Adalbert Stifter Regie: Caroline Richards Darsteller_innen: Matthias Hacker, Simone Neumayr, Ines Stockner Bühne, Kostüm: Alois Ellmauer Musik: Axel Müller

Das Part-of-the-Game-Game

Das Planetenparty Prinzip & TaO! - Theater am Ortweinplatz (Graz/AT)

Rollenspiel (Multiplayer Gesellschaftssimulation) 3 Stunden, ab 13 J.

Konzept: Alexander Benke, Victoria Fux, Miriam Schmid, Simon Windisch, Nora Winkler Regie: Simon Windisch Darsteller_innen: Alexander Benke, Victoria Fux, Clemens Lauermann, Moritz Ostanek, Miriam Schmid, David Valentek, Nora Winkler, sowie Spielerinnen aus Oberösterreich und der Steiermark Bühne: Leonie Bramberger, Alexandra Schmidt Kostüm: Anaïs Rabelhofer Musik: Robert Lepenik Licht: Nina Ortner Software: Tastenwerk

Die Königin ist verschwunden Kopergietery (Gent/BE)

Schauspiel mit Live-Musik Eine Stunde, ab 6 J.

Konzept, Text: Anna Vercammen Darsteller_innen: Anna Vercammen, Joeri Cnapelinckx

Musik: Joeri Cnapelinckx Live-Musik: Eva Vermeiren, Joop Pareyn Live-Illustrationen: Sabien Clement Künstlerische Mitarbeit: Raven Ruëll Kostüm: Frouke Van Gheluwe Licht: Jeroen Doise Sound: Korneel Moreaux Technik: Jeroen Doise, Korneel Moreaux, Sebastien Van Huffel

Entweder und

Ein Kinderstück über das Größer-werden in einer rosablauen Welt JES – Junges Ensemble Stuttgart (Stuttgart/DE)

Schauspiel

Eine Stunde, ab 5 J.

Regie: Hannah Biedermann

Darsteller_innen: Alexander Redwitz, Gerd Ritter, Franziska Schmitz, Sophia Maria Schroth Bühne, Kostüm: Mascha Mihoa Bischoff Musik: Conni Trieder Dramaturgie: Lucia Kramer

Dreihundertfünfundsechzig+ theaternyx* (Linz/AT) Koproduktion von theaternyx* mit Theater Foxfire, Wien Modern und Dschungel Wien in Kooperation mit dem Theaterfestival SCHÄXPIR

Nach einer Idee von Corinne Eckenstein Performance 80 min, ab 13 J

Regie: Claudia Seigmann Textfassung: Claudia Seigmann, Claudia Tondl Schreibende: Hayam und Sadek al Alwani, Katrin Edtmayr, Hannah Ernst, Lena Hödl, Anna Kassmannhuber, Yuria Knoll, Sophia Moustakakis, Apollo Pamperl, Clara Porak, Franziska Ruspeckhofer, Iris Schimpelsberger, Kim Wallgram Darsteller_innen: Cristina Maria Ablinger, Daniela Graf, Sarah Scherer, Wolfgang Fahrner Chor: Florian Haneder, Anna Kassmannhuber, Lena Lammer, Lorenz Manzenreiter, Atsut Moja Calle, Viktoria Rauchenberger, Christine Tielkes, Hanna Wirleitner Musik: Bernhard Fleischmann Ausstattung: Georg Lindorfer Regieassistenz: Carmen Jelovčan

Flucht von Nikolaus Glattauer und Verena Hochleitner nach dem gleichnamigen Buch (Tyrolia)

Junges Theater / Landestheater Linz (Linz/AT)

Schauspiel ¾ Stunde, ab 7 J.

Regie: Nele Neitzke Darsteller_innen: Steven Cloos, Anna Katharina Fleck, Karina Pele, Christopher Schulzer Bühne: Anika Wieners Kostüm: Veronica Silva-Klug Dramaturgie: Jennifer Maria Bischoff Aufführungsrechte: Thomas Sessler Verlag GmbH Wien

Lost

Kopergietery (Gent/BE)

Schauspiel Eine Stunde, ab 9J.

Konzept, Text: Audrey Dero, Christine Verheyden

Darstellerinnen: Audrey Dero, Christine Verheyden Szenografie, Requisiten: Audrey Dero, Christine Verheyden, Griet Herssens Künstlerische Mitarbeit: Johan De Smet Technik: Jeroen Doise, Sebastien Van Huffel, Korneel Moreaux, Jan-Simon De Lille

Der Ring des Nibelungen nach Wagner und Wikipedia Nachtspiel (Linz/AT) Schauspiel 70 Minuten, ab 13 Text, Regie: Anna-Lena Geerdts Darsteller_innen: Aurel von Arx, Ulf Bunde, Björn Büchner, Alen Hodžović, Katharina Wawrik Bühne, Kostüm: Elisabeth Madlmayr, Dido Victoria Sargent

Disastrous SILK Fluegge (Linz/AT) Performance Uraufführung Eine Stunde, ab 10 J. Konzept, Regie, Choreografie: Silke Grabinger Darsteller_innen: Marie-Sophie Fromherz, Alexander Grgić, Michaela Hulvejová, Matej Kubuš, Lena Müller, Jerca Rožnik Novak Produktionsleitung: Olga Swietlicka Kostüm: Bianca Fladerer Musik: Ivan Shopov Licht: Jan Derschmidt Dramaturgie: Angela Vadori

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 27.06.2017