Tanztheater: Vom „die da“ zum „du“

"Kein Stück Liebe" von der "Ich bin O.K."-Dance Company
Foto: Laurent Ziegler Szenenfoto aus "Kein Stück Liebe" von der "Ich bin O.K."-Dance Company

Wiederaufnahme von „Kein Stück Liebe“ der „Ich bin O.K.“-Dance-Company diesmal im Dschungel Wien.

Was zuerst einmal beim Betreten des Theaterraums auffällt: Der Tanzboden ist vollgeklebt mit alten Zeitungsseiten. Und das bildet auch die inhaltliche Basis für die kommende Stunde, die Tanzperformance „Kein Stück Liebe“ im Dschungel Wien. Hierbei handelt es sich um die Wiederaufnahme dieses Stücks der „Ich bin O.K.“-Dance-Company, mit der diese schon im Wiener Theater Akzent, beim Impulstanz-Festival aber auch schon in Dresden und München aufgetreten ist – und jeweils das Publikum begeisterte. Dabei ist es schwerer Stoff.

"Kein Stück Liebe" von der "Ich bin O.K."-Dance Company Foto: Laurent Ziegler Zu Beginn tanzen drei Leute auf einem Podest in einer Ecke vor sich hin. Eher unbeschwert. Die Tür geht auf und acht weitere Tänzer_innen stürmen die Bühne. Sie stellen Fremde dar, Menschen, die anders sind. Und werden blad von dem erstgenannten Trio mit Bällen aus Zeitungspapier beworfen.

Wir und die anderen

"Kein Stück Liebe" von der "Ich bin O.K."-Dance Company Foto: Laurent Ziegler Genau, nehme an, du hast/Sie haben richtig kombiniert: Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen im Besonderen, aber mit „Anderen“ im Allgemeinen. Ängste vor Fremdem/Unbekannten, verstärkt vor allem durch Horrormeldungen in Medien, am leichtesten natürlich symbolisiert durch Zeitungen – wer würde schon Handys, Computer oder TV-Geräte auf der Bühne durch die Gegend schleudern – werden „Wurfgeschoße“.

Flucht, Zäune, schwimmen, gegen das Ertrinken im Mittelmeer strampelnd – und damit tanzen im Liegen – wird nun von den acht Ankommenden und den drei Abwehrenden durch rhythmische Bewegungen dargestellt. Aber auch Wege von Gegen- zu einem Miteinander sind in der folgenden Stunde zu erleben – hin und wieder in Zweierteam, mal in Klein- und dann wieder in der gesamten Großgruppe.

Schlägt Nachrichtenmonster die Liebe?

"Kein Stück Liebe" von der "Ich bin O.K."-Dance Company Foto: Laurent Ziegler Nicht linear und nicht alles auf happy, sondern auch mit Brüchen, Widersprüchen, Rückschlägen – und immer wieder in der Auseinandersetzung mit der Berichterstattung, mit „Nachrichtenmonstern“. Den letztgenannten Begriff erfand Felix Röper. Irgendwann tritt Clara Horvath in Richtung Zentrum der Bühne und fragt „Und, wann ist Platz für die Liebe?!“ Das gab schließlich auch dem Stück den Titel.

Bei der Schlussnummer „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees (aus Ende der 70er Jahre) gesellen sich noch zwei neue Mitglieder der Dance Company - hinzu – Pal Singh Chopra und Jasmeet Chopra - die übrigens im nächsten Stück im Zentrum der Geschichte stehen werden: „Pal, mein Bruder“. Bei manchen Aufführungen stürmt ein Teil des Publikums schon da auf die Bühne und tanzt mit, bei anderen spätestens bei der Zugabe – nochmals mit dem genannten fröhlichen Ohrwurm-Hit, der das Leben besingt.

Interviews

ok_itv1.jpg Foto: Antonia Bögner Nach der mitreißenden Aufführung dürfen wir – Kinder-KURIER und Inklusive Lehrredaktion im KURIER – drei der Mitwirkenden kurz interviewen. Die schon genannte Clara Horvath, genau die, der die Liebe im Stück bis dahin fehlte, erzählt den Werdegang dieses Stücks: Beim zweiwöchigen Camp im Sommer 2015 wurde die Idee geboren. Die Tänzerinnen und Tänzer – mit und ohne Down-Syndrom - sammelten, was sie bewegt. Flüchtlinge war damals das bestimmende Themen – natürlich auch in den Medien. Der Bogen von Fremden zum allgemeineren Thema Anderssein drängte sich automatisch auf – und damit war der rote Faden für das Stück da. In Improvisationen wurden dann die einzelnen Szenen erarbeitet. Die 31-Jährige, die im Büro der Nationalbank arbeitet, tanzt schon weit mehr als ihr halbes Leben. „Mit 13 bin ich bei einem Schnuppertraining zu „Ich bin O.K.“ gekommen. Ich wollte immer schon tanzen.“
Simon Couvreur eröffnet im Stück den Reigen der Antworten, was denn die Fremden überhaupt mitgebracht hätten: „Eine andere Vatersprache, ich zum Beispiel Französisch. Und Sport, Fuß- und Basketball.“ Aufgewachsen ist der 23-Jährige, der im Badeschiff am Donaukanal als Kellner und Haustechniker arbeitet, in Frankreich. Der Zweisprachige tanzt ungefähr sein halbes Leben schon bei „ich bin O.K.“ Außerdem macht er nebenher auch noch Schauspiel.
Bei diesem Stück sind übrigens fast all beinahe die gesamte Stunde auf der Bühne, bei vorhergehenden Stücken waren die meisten immer nur für kurze Zeit in einzelnen Szenen den Augen und Ohren des Publikums ausgesetzt, konnten also hinter oder neben der Bühne abspannen. „Eine Stunde lang den Fokus zu halten war neu. Du darfst dich nicht kratzen oder an der Nase reiben. Das hat uns der Attila (Zanin) beigebracht“, so Simon Couvreur.

Andrea Novačescu ist eine der drei Profis in diesem Stück. Die 29-Jährige, die auch die Ausbildung zur Sozialpädagogin macht, hatte, wie sie erzählt, sich auf den Aufruf zu einer Audition beworben. „Es war das erste Mal, dass ich mit Menschen mit Down Syndrom was zu tun hatte. Übrigens fast gleichzeitig auch in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft. Ich hatte gar keine Vorstellung, keine Meinung dazu, war dann aber doch überrascht, was alles möglich ist“, gestand die Tänzerin im Interview. 

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

Kein Stück Liebe
„Ich bin O.K.“ Dance Company
ab 12 J., eine Stunde

Regie: Verena Kiegerl
Tänzer_innen: Mike Brozek, Pal Singh Chopra, Jasmeet Chopra, Simon Couvreur, Clara Horvath, Lina Hufnagl, Moritz Lembert, Raphael Kadrnoska, Maria Naber, Andrea Novačescu, Felix Röper, Alexander Stuchlik, Sophie Waldstein
Choreografie: Hana & Attila Zanin
Musikbearbeitung: Stefan Voglsinger
Stimme aus dem Off: Kristin Schwab
Bühne: ART for ART und Heinrich Spilka

Pädagogische Begleitung: Maria Dinold, Helga Neira
Künstlerische Leitung: Attila Zanin
Obfrau: Hana Pauknerová-Zanin

Wann & wo?
Bis 27. Jänner 2018
Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

Fotos rund um die Aufführung...

... Aufwärmen, gemeinsamer Schlusstanz mit dem Publikum, Interview

Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Tänzer_innen von "ich bin o.k." beim Aufwärmen für "Kein Stück Liebe" Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Nach dem starken Applaus kommt ein Teil des Publikums auf die Bühne und tanzt mit den Tänzer_innen Marcel Benz von der Inklusiven Lehrredaktion und Heinz Wagner vom Kinder-KURIER hier beim interview mit Clara Horvath und Simon Couvreur Marcel Benz von der Inklusiven Lehrredaktion und Heinz Wagner vom Kinder-KURIER hier beim interview mit Clara Horvath und Simon Couvreur Marcel Benz von der Inklusiven Lehrredaktion und Heinz Wagner vom Kinder-KURIER hier beim interview mit Clara Horvath, Simon Couvreur und Andrea Novačescu
(kiku / kiku-heinz) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?