Szenenfoto aus Elements

© Vojtěch Brtnický

Tanzfestival
09/26/2016

Tänze über Elemente, Schwerkraft und mit Handys

2. Tanzfestival für Kinder und Jugendliche in Jerusalem. Der Kinder-KURIER berichtet aus Israel.

von Heinz Wagner

Update 1: 27. September 2016, 21.47 Uhr: Neue Kritiken dreier Stücke Update 2: 29. September 2016, 05.01 Uhr: 3 neue Kritiken Update 3: 30. September 2016, 10.35 Uhr: Eine neue Kritik - und neue Fotos

Ein glühender Feuerball – auf sechs Monitoren auf, rund um und über der Bühne. „Elementar“ begann das 2. internationale für Kinder und Jugendliche in Jerusalem (Israel). Zunächst ist „nur“ dieses bewegte Bild, das sofort an die Sonne erinnert, zu sehen. Die Bühne ansonsten leer. Die Sonne weicht einem Mann, der in verschiedener Form immer wieder mehr oder minder bittet, „holt mich hier raus!“ Er wird immer wieder von der „Sonne“ abgelöst. Bis Clowns auf die Bühne stürzen, nach anfänglichem kurzen Klamauk zu einem rasanten Feuerwerk an tänzerischen Bewegungen, Trommelwirbel mit allem was ihnen in die Finger kommt und auf dem Boden, den Körper, Kunststoff-Fässer what ever den Saal in rhythmische Schwingungen versetzen.

Und: Sie erzählen sehr körperbetont Geschichten über die vier Elemente. Erst, so ihr Regisseur, der in/hinter den Screens gefangen ist, wenn sie die gelöst haben, können sie ihn befreien. Offenbar wollen sie das ;)

Die Bewegungen und Aktionen von Lana Yokhin, Sveta Bazarov, Rona Schpiller, Yaron Ziv, Dor Harari und Danny Rachom, der vielleicht ein bisschen zu oft in die Rolle des Chefs schlüpft, orientieren sie an den Elementen – in luftiger Höhe am Seil die Luft – naheliegend. Feuerjonglage – auch das ist klar. Wenn's um die Erde geht, wird noch massiver auf dem Boden getrommelt. Und Wasser? Zwei der Artistinnen „verwandeln“ sich mit Kostümen – vor allem aber mit ihren Bewegungen in „Fische“. Noch so manch andere Elemente, die vor allem aus dem Zirkus bekannt sind, wie Riesenkugeln … spielen in der Stunde auch noch ihre Rollen.

Entwickelt wurde die Show „Elements“, die beim Festival zum ersten Mal in einem Theaterhaus gezeigt wurde, von Zahi Patisch und Danny Rachom gemeinsam mit der Sheketak-Gruppe eigentlich für ein großes Lokal, in dem sich Zirkusleute treffen (Bascula, Tel Aviv).

Zu einem "Elements"- Video

Flugwunder der Schwerkraft

Etwas anderes uns alle elementar Beeinflussendes vollführen Asher Ben Shalom und Ofir Yudilevitch eine halbe Stunde lang. Und das auf faszinierende, in den Bann ziehende Weise. In „Gravitas“ ( Schwerkraft) stehen anfangs zwei hohe, breite blaue Rollen in der Mitte des Raumes, um den herum das Publikum sitzt. Zwei junge Männer betreten dieses Geviert, rollen das Ding aus – es erweist sich als Matte. Und die füllen sie mit einer elektrischen Pumpe mit Luft. Womit sich die Matratze in ein riesiges Trampolin verwandelt. Fallen, springen – in den verschiedensten Körperhaltungen vom Stand über Kopfstand, im Sitzen, Liegen, auf-, übereinander, im Wettkampf, in manchen Phasen in einer richtigen Art Battle wie es vom Beakdance bekannt ist.

Diese Show haben die beiden auch, wie sie sagen, oft im Freien auf Wiesen, bei Festen usw. aufgeführt und sie laden danach immer wieder Kinder zu Workshops auf die 6x6-Meter Luftmatratze ein, auf diesem wackeligen, spannenden Untergrund Bewegungen auszuprobieren.

Aus einer anderen Welt?

Noch ein Stücktitel des Festivals legt Assoziationen an Elementares nahe: Amfibi. Amphibien wie etwa Frösche sind Tiere, die schon am Land leben, sich aber zur Fortpflanzung jedenfalls ins Wasser begeben müssen. In diesem – ein wenig zu langen oder nach mehr abwechselnden Szenen lechzenden Tanztheaterstück von Ruby Edelman und Ofra Idel, getanzt und mitentwickelt von Tzvika Iskais und Adam Shpira geht es um das Leben zwischen Realität und Virtualität. Mit Smartphones und Tablets spielen und tanzen die beiden nicht nur als Accessoires oder nette Gimmicks. Diese Show ist eine der wenigen, die diese mobilen Devices auch echt ins Geschehen einbettet. Manche der in Bewegungen angetanzten Bilder „materialisieren“ sich erst auf den Displays wie Wasser aus der realn in Händen gehaltenen Gießkanne – Folge – eine Blume beginnt aus dem Boden zu sprießen – verteilt auf die vier Displays zweier Smartphones und zweier Tablets.

Ping-Pong Bühne - YouTube

Auf ganze andere Weise geht eine andere Tanzproduktion mit „neuen“ Medien um. In „YouMake ReMake Kids“, das auf Anregung des Science-Museums auf Basis einer Erwachsenenproduktion entwickelt wurde, kommt es zu einer Art Ping-Pong-Spiel zwischen den Tänzer_innen und YouTube-Videos. Auf das Video von der schönsten Marionettenpuppe auf der Straße antwortet das Quintett auf der Bühne mit einer Tänzerin mit Bändern an Händen und Füßen. Die anderen vier bewegen sie dadurch. Allerdings, lassen sie die menschliche Puppe zurück, die daraufhin sich aus dem Marionetten-Dasein befreit und eigenständig bewegt. Zu solchen Hin und Hers zwischen Screen und Bühne kommt es auch rund um Videos einer 5-Jährigen Geigenspielerin, eines 10-jährigen, der die Waschmaschine samt Trommel zu einem Percussioninstrument umfunktioniert... Zuletzt holen die Tänzer_innen Kinder aus dem Publikum – das außer den internationalen Festivalgästen insgesamt bei den Aufführungen eher spärlich zu verzeichnen war – auf die Bühne, die sich auf die Bewegungen einließen.

Humorvoll getanzte Bilder-Themen

Multimedial in anderer Hinsicht spielt sich „Naba 2.0 – Kids“ ab. Im Israel-Museum von Jerusalem, das Kunst aus allen Epochen und Weltgegenden – meist von privaten Sammler_innen und von Stiftungen zur Verfügung gestellt – enthält, spielt die Dana Ruttenberg Dance Group vor ausgewählten vor allem modernen Kunstwerken. Inbar Nemirovsky Idan Porges, Einat Betsalel und Gil Kerer stellen nicht Bilder nach – dazu laden sie hin und wieder Besucher_innen ein – sie assoziieren zu den Themen der Bilder und Objekte. Und sie bieten dem mitwandernden Publikum bei den meisten ihrer Stationen an, auf dem mitgetragenen Audio-Guide die eine oder andere Nummer zu drücken. So ist ein und dieselbe gezeigte Szene von denen einen mit amerikanischer, für andere mit japanischer Musik untermalt, ober mit einem romantischen bzw. einem Comic-Stil-artigen Soundtrack. Die meisten Szenen versprühen ziemlich viel Humor.

Funken sprühende Percussion

Mitreißend, fulminant, Trommeln at it's best. Eine Show, die schier endlos weitergehen könnte: „Arrhythmia“. Da kommt ein Computer-Keyboard zur Ehre, ein Keyboard im Sinne des Musikinstruments zu werden. Die Lautstärke der Anschläge wird verstärkt – und vom Spieler rhythmisch wie ein Percussion-Instrument bedient.

Unterschiedlichste, oft abgefuckt wirkende, Selbstbau-Trommeln und Cachons – eines sogar mit einem Gitarrenhals – in verschiedenster Kombination werden lustvoll, exakt und intensivst geschlagen. Außergewöhnliche Konstruktionen – ein achteckiges Stahlgerüst mit Base-Drums und anderen Schlagzeugteilen tauchen in der Performance auf, in der die Protagonist_innen immer wider auch mit- und ironisch gegeneinander theatralisch spielen. Gegen Ende geht’s feurig zu: Erst mit Sticks deren Köpfe brennen wie solche, die zu Feuerjonglage verwendet werden, hier aber „nur“ als Drum-Sticks. Sowas war schon da und dort hin und wieder zu sehen, auch das Gegenteil, spritzendes auf die Trommeloberfläche geschüttetes Wasser, aber DAS Finale!!! Die Trommler_innen greifen jede und jeder zu einer Flex und bearbeiten die Ränder metallener Selbstbau-Trommeln damit. Ein auch optisches Feuerwerk im buchstäblichen Sinn. Das Funkensprühen ist aber lediglich Nebeneffekt. In erster Linie funktioniert die Flex-Aktion extrem getaktet und synchron!

Einzig verwirrend ist aufs erste der Titel der Show der Gruppe von Navon Amos mit Tav Yeskin, Eyal Bar On, Oren Maya, Navon Amos, Rotem Binyamini und Eran Shimshi. „Demente“ ließ bei manchen vermuten, es würde sich um ein inklusives Musikprojekt handeln. Aber Inspiration war das spanische Wort, das verrückt, eher im Sinnes unseres englischen Lehnwortes „crazy“ bedeutet.

Der Funke des Hyperaktiven

Für Chaos in Familie, Schule und überhaupt sorgt Lior. Er ist ein sogenanntes hyperaktives Kind. Erst als sein Umfeld beginnt, ihn nicht zurechtbiegen zu wollen, sondern zu nehmen wie er ist, aber ihn entsprechend zu beschäftigen, läuft das Leben für ihn und alle anderen rund. Dies ist die Geschichte des Stücks „Der Funke von Lior“. Das Stück von Alice Dor-Cohen der Mema Dance-Group (Reuven Kovrigaro, Ofra Mitiss, Alice Dor-Cohen/Guchi Kohan) basiert so die autorin und Regisseurin auf der wahren Geschichte ihres hyperaktiven Sohnes, der sich erst konzentrieren konnte, als er sich kreativ ausleben durfte. Symbol dafür der rosa Ballettschuh seiner Schwester im Stück, der für ihn zum Handy, Boot oder was auch immer werden konnte.

Fantasie-Reise

Spielte die Geschichte vom hyperaktiven Lior schon in einem Kinderzimmer-Setting, so taucht das Publikum bei „EH – OH“ ins Kleinkinderzimmer ein. Auch räumlich ist unmittelbar vor der weißen, plüschigen Bühne eine weiche, weiße Sitzmatte für die jüngsten Zuschauer_innen. Die beiden Silben des Titels sind auch die einzigen – immer wieder auch mit Unterstützung des Publikums - gesprochenen, gerufenen „Wörter“. Bewusst nonverbal, und damit auch sprach- und kulturüberschreitend spielen Rotem Goldenberg, Stav Struz und der Musiker Lev Loftus das morgendliche Erwachen zweier Kinder, die sich im Spiel in verschiedenste Vögel, einen Hund und schon auch einmal in Fantasiewesen verwandeln. Auf diese „Reise“ nehmen das kleine, feine multikulturelle Theater „Elmina“ - geleitet von einem jüdisch-arabischen Ehepaar aus Jaffa das Publikum spielend mit.

Will aber nicht schlafen

In Österreich ist das Musiktheater des Schmetterlinge-Kindertheaters „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ seit Jahrzehnten bekannt und beliebt. Eine Geschichte nach der anderen bettelt Valerie dem Vater ab... In „Good night Hillel“ denkt sich der Trotzbub gemeinsam mit seinem Teddybären abenteuerlichen Geschichten aus, um sich vor dem Einschlafen zu drücken. Irgendwann dazwischen gesteht er, aus Angst vor unheimlichen Träumen, wach bleiben zu wollen. Keine schlechte Idee. Die Umsetzung aber geriet eher das was „altbacken“ genannt werden muss.

Pippi-Langstrumpf-Ballett

Die größte Produktion mit eineinhalb Tänzer_innen auf der großen Bühne des großen Hauses des Gerard-Behar-Theaters war ein einstündiges Ballett. „Bilbi“ ist eine Geschichte mit Bildern, die auf den Pippi-Langstrumpf-Büchern Astrid Lindgrens aufbauen. Zu Musik von Mozart („Kleine Nachtmusik“) und von Tschaikowsky (u.a. die Melodie aus dem Ballett-Klassiker schlechthin, Schwanensee) zeichnet sich in dieser Aufführung vor allem „Kleiner Onkel“ aus. Der Apfelschimmel in der Villa Kunterbunt wird – wie oft auf Bühnen – von zwei Leuten gespielt, hier vor allem natürlich getanzt. Voller tänzerischer Komik trennen sich die beiden aber immer wieder, so dass Kopf und Hintern allein unterwegs sind und erst wieder von vor allem Pippi zusammengefügt werden müssen. Die Nachbarskinder Annika und Tommy sind hier von Anfang an gleich in der Traumwelt. Pippi gibt’s da erst „nur“ als Puppe auf einer Schaukel. Die Schulszene spielt in einer Ballettschule rund um die bekannten einschlägigen Stangen statt. Allerdings ist Pippi hier weder aufmüpfig, noch widerborstig oder rebellisch. Einfach nett. Oder aber, sie hat über die Jahrzehnte ihrer Existenz ihr Umfeld so beeinflusst, dass sie das nicht mehr nötig hat und alle der Fantasie der Kinder Tür und Tor öffnen? Dafür aber ist die Inszenierung zu klassisch-konservativ. Hier haben sie eher Pippi „eingefangen“. Vielleicht wäre auch ein Tanzstilbruch notwendig, um der Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump gerecht zu werden, etwa indem sie nicht als Balletttänzerin, sondern als Breakdancerin agiert?!

Geschenke "ausgewickelt"

„Alt“ kann aber auch noch immer neu und modern sein. Das bewies die rund einstündige zeitgenössische Tanz-Performance „Wrapped“ (eingehüllt/verpackt) von Inbal Pinto & Avshalom Pollak. Schon vor fast 30 Jahren entstand dieses Stück aus mehreren Einzelteilen, die jeweils wie ein Überraschungspaket daher kommen. Von zwei Frauen, die auf einer Parkbank sitzen, manchmal synchrone, dann wieder sozusagen gegenteilige Bewegungen vollführen, über Szenen, in denen die Tänzer_innen an Märchenfiguren wie Rotkäppchen erinnern, oder eine Person in Normalgröße zur Zwergin wird, weil die anderen auf Stelzen tanzen. Oder ein als Kapitän in verschiedenen Szenen als Running Gag auftretender Tänzer plötzlich über eine ganze Truppe gleich Gekleideter staunt.

Zur englischen Version der Festival-Website

Compliance-Hinweise: Der Aufenthalt in Jerusalem wird vom israelischen Außenministerium bezahlt.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.