Kiku
28.02.2015

Nur fliegen ist luftiger!

"szene-bunte-wähne"-Tanzfestival für Kinder und Jugendliche im Wiener WuK und Dschungel Wien.

An einem der beiden Veranstaltungsorte des mittlerweile 18. szenebuntewähne-Tanzfestivals für junges Publikum hängt ein kleines, für seine Bestimmung aber relativ großes, Flugzeug. Ein Modellflieger. Verkehrt herum. „Der Traum vom Fliegen“ nennt sich das diesjährige Tanzfest, das noch bis 3. März im Wiener Werkstätten- und Kulturhaus (WuK) sowie im Dschungel Wien läuft.
Und: Nicht immer alles glauben, was im Programmheft steht! Die Kurztexte wurden bei manchen Stücken von den Gruppen am Beginn des Entstehungsprozesses geschrieben. Und die Entwicklung verlief anders. Ziemlich krass läuft’s bei „Adams Welt“ auseinander. Das Stück ist viel, viel besser als die Ankündigung.

Von Musik erfüllt

„Nicht zu stoppen/Unstoppable“– und das ganz ohne Bezug auf Österreichs Vorjahrs-SongContest-Siegerin – vom Danstheater AYA aus dem niederländischen Amsterdam machte im Wiener Werkstätten- und Kulturhaus (WuK) den Auftakt. Schon das Bühnenbild, also der erste Eindruck, ist genial. So naheliegend. Und doch noch nie gesehen.
Ein überdimensionaler liegender Kopfhörer füllt die gesamte Bühne. Licht- und Geräuschspiele. Irgendwann tauchen aus einer der Hörmuscheln Hände auf. Dann Arme, schließlich purzelt ein Tänzer daraus hervor. Aus der zweiten Hörmuschel ein zweiter. Sie beginnen in verschiedenen Hip-Hop-Stilen Battles auszutragen – erst in der vom halbrund des Kopfhörers vorgegebenen „Arena“, später tanzen und turnen sie auch auf dem und rund um den „Bügel“. Phasenweise tauschen sie das tanzmäßige Sich-messen gegen ein paralleles Miteinander. Hin und wieder verfallen die zwei von der Musik Besessenen, Durchdrungenen in Posen von Konsolenspiel-Zocker…

Coole Lady

Und dann. Dann taucht eine junge Frau auf. Mit dem Rücken zum Publikum bleibt sie in der Mitte der Bühne stehen. Die beiden Jungs wechseln zwischen schüchtern und der einen oder anderen “heroischen“, plumpen Anmache. Wurscht was sie tun, die Frau lässt das lange, lange einfach nur kalt. Irgendwann reicht’s ihr, sie dreht sich um. Und beginnt selbst zu tanzen. Und wie! Die Münder bleiben den beiden schier offen stehen. Großartig!

Nicht zu stoppen/unstoppable, Danstheater AYA ( Amsterdam, Niederlande)
Choreografie: Erik Kaiel, Tanz: Charlie Duran, Thami Fischer; Nicole Geertruida; Musik: Wessel Schrik, Bühne, Licht: Erik van Raalte, Kostüme: Wies Bloemen

Unten Kritikien über weitere Stücke, wird täglich erweitert!
Kritiken über Stücke, die auch schon vor dem Festival liefen in
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Hier geht's zur WebSite des Festivals: www.sbw-tanz.at

Tramway, Trott & Tiefkühlfisch

Vier Männer in grau. Ein bisschen erinnern sie an die Zeitdiebe in Michael Endes „Momo“. Auf ihren Sesseln schlafen sie. Wecker. Aufspringen. Warten an der Straßenbahnstation. Durchrütteln lassen bei der Fahrt. Rein in den engen Aufzug. Ping. Aussteigen. „Herr-Mann“, „Herr-Mann“, „Herr-Mann, „Herr-Mann“. Und ran an die Arbeit. Akten, Akten, Akten. Überfliegen, sortieren, von einem zum anderen tragen. Abgehackte, slapstick-artige Tanzbewegungen. Pause. Theatralisches Stiegensteigen auf flacher Ebene. Alle die gleichen vier grauen Brotdosen. …

Ein Tag wie der andere. Bei den Wiederholungen agieren die vier Männer auf der Bühne schnell und schneller. Wie im Zeitraffer.

Wirbelwind

Irgendwann muss doch da was kommen macht sich das Gefühl unter den Zuschauer_innen breit. Auch wenn so manches an den Bewegungen und Aktionen im täglichen Einerlei in einem fast historischen Ambiente mit physischem Aktentransport und Schreibmaschinen-Geklingel ganz witzig wirken mag, spätestens in den Wiederholungen wird es… naja.

Na-türlich kommt der Einschnitt. Genau jener „Bürohengst“, der sogar im Lift einschläft, hört in seinem nächtlichen Traum eine Opernarie – „Barcarole“ aus Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Und wacht als anderer Mensch auf. Kommt fast zu spät zur Tram-Station. Beschwingt. Grüßt freundlich. Statt „Alphons, Bertha…“ buchstabiert er die Akten „Ananas, Boogie-Woogie..“ Wandert fröhlich durch seinen Bürotag. Verstört die Kollegen, bringt eines Tages etwas in Packpapier eingewickeltes, das an ein Bild erinnert, mit. Es entpuppt sich später als – Fenster. Geöffnet dringt ein Wirbelwind in den Raum und lässt die Akten wie Herbstblätter malerisch umher wirbeln.

Der frische Wind, die Musik, nun eine andere „I am what I am“ (bekannt aus „Ein Käfig voller Narren“) verzaubert einen weiteren „Herr-Mann“. Und wie!

Tramway, Trott & Tiefkühlfisch/ Metro Boulo Dodo (Dodo (Originaltitel: umgangssprachlicher Ausdruck für eintönigen Tagesablauf, der hauptsächlich aus dem Weg zur Arbeit (Métro), einem langweiligen Job (Boulot) und Schlafen (Dodo) besteht)originaltitel)/ Nine to five/, Nevski Prospekt (Ghent, Belgien)
Idee, Konzep & Performance: Tom Ternest, Ives Thuwis-De Leeuw, Wim de Winne, Patrick Vervueren; Choreografie: Gregory Caers, / Bühne & Kostüm: Nevski Prospekt / Licht Design: Jeroen Doise

Kung Fu trifft Ballett

Ballett trifft auf Kung Fu. Und siehe da, es ergeben sich daraus spannende tänzerische Begegnungen. Die außergewöhnlich gut, weltberühmte Primaballerina liegt mit gebrochenem Bein in einem Spitalsbett. Das hält sie nicht davon ab, immer wieder aufzustehen und zu trainieren, steht doch ein wichtiger Auftritt bevor. So gut sie auch auf einem Bein tanzt, immer wieder zwingt sie das Gipsbein zu Boden.

Da taucht Jackie Chan auf, auch weltberühmt. Er leidet an Bauchschmerzen, ausgelöst von mysteriösen unsichtbaren aus allen Ecken und Enden kommenden Strahlen. Im Spital gibt es nur das eine Bett. Irgendwie müssen sich die beiden Kranken dieses teilen. Strenge Grenzziehung. Jeder Zentimeter wird verteidigt.

Klar natürlich, dass sich da was abspielen muss. Zunächst gegen-, später miteinander. Die Bewegungen von Kung Fu und Ballett funktionieren gleichermaßen widersprüchlich – hier mit sehr vielen Lachern als Folge als auch parallel. Und hier zuletzt sehr, sehr berührend, so dass manche im Publikum sogar zu Tränen gerührt wurden.

Kennst du Jackie Chan? Mezzanin Theater ( Graz/Ö)
Regie: Hanni Westphal; Choreografie: Yukie Koji; Darsteller_innen: Yukie Koji & Erwin Slepčević; Musik: Anton Bermann; Dramaturgie: Johanna Figl; Kostüme & Ausstattung: Corinna Schuster; Video: Stefan Schmid; Lichtdesign: Eugen Schöberl

Tanz der Fantasie

Ein Ei rollt von einer Seite auf die fast leere Bühne. Lediglich ein paar leere, kleine Vogelkäfige stehen in einer Ecke auf einem wirren Haufen. Von der anderen Seite springt ein Tänzer herein, vollführt flatterhafte Bewegungen, schnappt sich einen Käfig und stülpt ihn über das Ei. Irgendwo im Hintergrund fährt hin und wieder ein weißer metallener Kübel wie an einer Seilbahn vorbei. Irgendwann erwischt der Tänzer diesen. Kaum setzt er sich drauf, verstummen die summenden, surrenden Hintergrundgeräusche, die atmosphärisch einen Bauernhof wiedergeben. Er steht auf, die Geräusche sind wieder da. So absurd wie die Anfangssequenz geht’s die ganzen 50 Minuten hindurch. Auch mit den beiden hinzu kommenden Tänzerinnen, irgendwelchen Gestängen aus Rohren, die einmal dies, einmal jenes, einmal Fahrradlenker und zu guter Letzt Hörner der Kuh werden. Wie Kinder, die völlig versunken in ihrem Spiel auch plötzlich daraus „aufwachen“ und etwas ganz anderes beginnen, in das sie sich genauso vertiefen können, wechselt das Trio der niederländischen Tanzkompagnie De Stilte von genannten und anderen verspielten Sequenzen in klassisch zeitgenössische Tanz-Parts. Und umgekehrt. Jedenfalls sehr fantasievoll und –anregend.

Die fliegende Kuh/Vliegende Koe, De Stilte ( Breda/ NL)
Choreografie: Jack Timmermans; Tanz: Elena Sgarbi, Odile Wyers & Paolo Yao; Bühne: Bert Vogels; Musik: Timothy van der Holst; Kostüme: Joost van Wijmen; Licht Design: Pink Steenvoorden

Unendliche große kleine Welten

Kommen die zwei Tänzer in „nicht zu stoppen“ sozusagen aus der Musik, aus den Ohrmuscheln eines Kopfhörers, so wird das – teils ganz junge - Publikum bei „Adams Welt“ schon vor dem Theatersaal mit leichten Trommelschlägen „Adams“ auf den Boden ins Stück, in die grenzenlos fantastische Geschichte, hinein geholt. Drinnen eröffnet sich eine einfache und doch so wunderbare Welt aus kartonröhren. Unterschiedlich hoch sind sie zu vier Gebilden angeordnet. Berge? Häuser? Bäume? Alles ist möglich. Drei Tänzer_innen hören in die Röhren. Stellen Fragen, flüstern „Erziehungsratschläge“ hinein: „ich hab mir solche Sorgen gemacht. Du hättest wenigstens anrufen können!“, „Licht aus! Augen zu!“, … „Adam“, der vierte auf der Bühne, nun mit Koffer in der Hand: „Schluss, alles soll weg sein!“

Zauberhaft

Und dann beginnt ein rund einstündiges Spiel, in dem die vier aus den Kartonröhren, aus Trommeln auf einige dieser oben verschlossenen Röhren, durch Rausziehen von Grünzeug, Mäntel und allerlei anderem, vor allem aber durch Mimik, Gesten, Körperspiel und nicht zuletzt durch Umstellen der Röhren und Umbauten Wälder, Gebirge, Seen, Urwälder, riesige Fabel- und andere Tiere in den Köpfen ihrer Zuschauer_innen entstehen lassen. Vielleicht für jede und jeden andere Welten. Vor allem für die Jüngsten. Denn Anregungen von solchen (einiger TUKI-Forscher-Kindertagesstätten) flossen bei der Entwicklung in „Adams Welt“ und das Stücke wiederum will (früh-)kindliche kulturelle Bildung anregen, fördern und stärken.

Adams Welt, GRIPS Theater ( Berlin/D) & szene bunte wähne (Horn/Ö)
Regie: Gregory Caers; Darsteller_innen: Alessa Kordeck, George Kranz, Jens Mondalski & Regine Seidler; Musik: Tanja Pannier; Dramaturgie: Kirstin Hess; Bühne & Kostüme: Karel Vanhooren; Theaterpädagogik: Nora Hoch; Regieassistenz: Janina Reinsbach

Poetisch-skurriles von Leichtigkeit getragenes „Engel“-Werk

„Flugversuche“ beginnt witzig, grotesk. Zunächst gähnende Leere auf der Bühne. Nichts und niemand. Gefühlt ziemlich lange. Tür auf, eine schräg wirkende Frau mit Akkordeon auf dem Rücken stürmt herein. Lässt die Tür offen stehen – ruft was nach draußen, klebt ein Zielkreuz auf den Boden – und herein schwebt ein ferngesteuerter Hubschrauber. Gleich danach ein junger Mann auf. Bass und Gitarre auf dem Rücken, die so angeordnet sind, dass es von vorne aussieht, als hätte er Flügel. Er schiebt weiße Kästchen herein, die an Spitals-Equipment erinnert. Die dritte im Bunde wird als Mix aus Königin und Patientin auf einem Stuhl in den Saal geschoben. Die Lehne des Sessels wird sich nach vor geklappt später als Xylophon herausstellen.

Nur "zuschauen"?

Das Trio beginnt zu philosophieren über fliegen, fallen, von Überwachung der anderen Art zu reden, der von Schutzengeln. Und dass sie – Lucie, Raphael, genannt Raph, und Gabriella – nur ihre Aufträge zu erfüllen hätten. Dem Tod ins Auge blicken, aber nie eingreifen dürfen. Vor diesem Hintergrund erzählen sie neben Kurzbiographien einiger Toter in verschiedensten Gegenden der Welt vor allem eine eines Partisanen, Rebellen, Widerstandskämpfers. Diesem dichten sie die Dichtung des Textes für das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“ an. Nach seinem Tod erzählt dessen Tochter, nunmehr schon Oma, ihrem Enkel Peter von seinem Urgroßvater. Beide – Oma und Enkel – sind Puppen, einfühlsam geführt von den drei menschlichen Schauspieler_innen geführt. Nachdem diese in ihren Figuren als (Schutz-)Engel, die nie ins Schicksal eingreifen dürfen, aber auch noch den Tod von Peters Kanarienvogel und Oma Bella unbewegt zur Kenntnis nehmen müssen, lassen sie sich beim drohenden Tod des kleinen Buben zu Gefühlen hinreißen. Sie wollen ihn – schützen.

Und werden, weil sie die Regel der gefühllosen Nichteinmischung verletzten, aus dem Himmel vertrieben. Was sie mit Rainer Maria Rilkes Gedicht „Ich ließ meinen Engel lange nicht los“ in dem es gegen Ende heißt „er lernte das Schweben, ich lernte das Leben“ kommentieren.

Flugversuche, AGORA Theater ( St. Vith/ Belgien)
Regie & künstlerische Gesamtleitung: Daniela Scheuren; Text: Daniela Scheuren (in Zusammenarbeit mit Mona Becker und den Spieler_innen mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke; Choreografie: Catharina Gadelha; Tanz & Musik: Joé Keil, Annika Serong, Viola Streicher; Musikalische Leitung: Katja Rixen; Komposition & Arrangement: Katja Rixen, Joé Keil; Tonaufnahmen: Tom Tiest; Bühne & Puppen: Céline Leuchter; Bühnenbau: Céline Leuchter, Gerd Vogel; Kostüme: Emilie Cottam und die Spieler_innen; Puppenspiel-Assistenz: Leila Putcuyps; Produktionsassistenz: Alexandra Schumacher

Wolkenheim/ Wolkenbruch

Aus dem angekündigten „Drunter & Drüber“ wurde eine knapp einstündige Performance rund um Gedanken zum Fliegen, die „Wolkenheim/Wolkenbruch“ genannt wurde. Begonnen wurde im Hof vor dem Theaterhaus. Bei der Probe tags davor sorgten die vielen aufgespannten Regenschirme ein wenig für Verwunderung. Da schien die Sonne. Am Aufführungstag der Produktion angehender Theaterpädagog_innen hatte sich rechtzeitig Regen eingestellt. Tänze, Szenen auf engem Raum, aber auch solche, die den ganzen Hof „umspannten“ holten nicht nur die Zuschauer_innen der Show ab, sie animierten auch einige Kinder mit Skateboards sich schüchtern in die Performance einzuklinken.

Grenzenlos?

Mit Reinhard Mays „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ ging’s in Richtung drittem Spielraum des Dschungel Wien. Im Durchgang wurde das bekannte Lied hin und wieder von gesprochenen Fragen oder Gedanken unterbrochen, etwa dem Hinweis, dass sich gut ein Drittel der Menschen über den Wolken gar nicht wohlfühle, wie das mit dem Packen vorm Abflug sei usw.

Im Saal schließlich wechselten klassische Flugzeug-Szenen mit den vielfältigst geäußerten Gedanken rund um Fliegen, Höhenflüge, Figuren, die dafür bekanntermaßen stehen wie Nils Holgersson, Mary Poppins, Biene Maja usw. mit Songs und Liedern, die das thematisieren. Und vielen vor allem Armbewegungen, die dies jeweils illustrierten. Fehlen durften natürlich auch nicht Anspielungen auf rein gedankliche Flüge – ob im Wach- oder im Schlafzustand. Selbst Papierflieger wurden auf offener Bühne gefaltet und geschossen. Eben eine theaterpädagogische Performance zum Festivalmotto „Der Traum vom Fliegen“.

Wolkenheim/Wolkenbruch
Performance des Instituts Angewandtes Theater; Künstlerische leitung: Claudia Bühlmann; Dramaturgie: Judith Haidacher, Maria Chrisitna Preis, Camilla Reimitz, Friedhelm Roth-Lange; Team: Cecilia Boagyam, Lea Brenner, Judith Haidacher, Linda Haider, Sabine Hütter, Matthias Kreinz, Johanna Krotscheck, Laura Loacker, Rebecca Lirussi, Tamara Löscher, Thomas Petzek-Böhm, Rosemarie Pojarkov, Maria Christina Preis, Matthias Rabl, Camilla Reimitz, Hannah Schausberger, Markus Strobl, Sandy Tomsits, Eva-Maria Wall, Julia Weingartner, Ulrike Zachhuber, Vanessa Ziems, Adriana Zangl; choreografische Beratung: Be van Vark

Raus aus dem Schutzpanzer

An drei Seiten der Bühne sitzen Zuschauer_innen rund um den weißen Tanzboden. An der vierten Seite steht ein Notenständer, ein Irgendwas, das an ein Tier erinnern mag, liegt unter einem weißen Tuch versteckt. Und in einer Ecke ruht ein weißes Ding, das ein bisschen wie ein Mittelding aus Sitzsack und kleinem Monster aussieht.

Und dann trippelt eine hauptsächlich in freundlichem hellen Gelb gekleidete Frau mit bunter Stofftasche in den Spielraum. Von der anderen Seite taucht ein eleganter Mann auf, dreht ein rund und landet beim Notenpult, greift sich einen Bogen und enttarnt das versteckte Etwas als Kontrabass. Er beginnt zu spielen, sie zu tanzen. Nach geraumer Zeit beginnt sich das Sitzsack-Monster zu bewegen, in die Höhe zu wachsen, umzudrehen und wie eine Art Astronautin durch den Raum zu bewegen. Die beiden beginnen sich neugierig zu umrunden, kommen einander immer näher. Das alles wird begleitet von immer lustiger werdender Musik. Bis sich die zweite Person aus ihrem Schutzpanzer traut und sich als weitere Tänzerin entpuppt. Mal tanzen sie synchron, mal gegensätzlich, mal scheinen sie „nur“ auf der Bühne zu spielen. Natürlich ist auch nicht zwischen zwei BFF (best friends forever) alles nur eitel Wonne Waschtrog. Streit, Rückzug, werben um die andere, verletzt oder beleidigt sein… da muss sich die Verursacherin schon was einfallen lassen. Natürlich…, aber alles sei nicht verraten, schon gar nicht ein Überraschungsgast am Ende ;)

Duo duu; Anu Sistonen - Dance Development (Bertrange/LUX)
Choreografie: Anu Sistonen; Komposition: Emre Sevindik; Tanz: Julie Barthélémy & Jennifer Gohier / Kontrabass: Marc Demuth; Kostüme: Rachel Quarmby; Lichtkonzept: Elric Vanpouille; externer Blick: Jean Lambert (Les Ateliers de la Colline)

Fast ohne Worte!

Vor zwei Wänden aus offenen Kartonschachteln beginnen zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer offensichtlich die für sie jeweils richtigen Plätze zu suchen. Tanzen hin, springen her – mal fast synchron, dann wieder durcheinander. Die fast durchwegs mit Volksschulkindern voll besetzten Publikumsränge erheitert das sehr. Auch den wenigen Erwachsenen entlockt diese bewegte Suche auf der Bühne viel Schmunzeln.

Auf die Suche nach dem richtigen Standpunkt folgt eine Spiel, wer stellt was dar. Vom Tisch bis zur Saugglocke verwandeln die Tanzenden sich in Gegenstände. Einer aus dem Quartett löst sich und macht sich auf in eine Art musikalischer Werkstatt. Von der Stromgitarre über eine Espressomaschine, Werkzeug bis zu zwei reifenlosen Rädern eines Fahrrades reichen die Utensilien mit denen er in der Folge Musik machen wird. Zu der die anderen drei tanzen, sich bewegen – allein oder ineinander verknotet Figuren bauen, Szenen stellen …

In der fast wortlosen nicht ganz einstündigen Performance „Das ist ja ein Ding“, einer der letzten Produktionen des diesjährigen szene-bunte-wähne-Tanzfestivals, wird zwischendurch nur einmal auch verbal darüber philosophiert, was ein Ding sein kann. In erster Linie wird die Frage, ob und wieweit auch Gegenstände Räume oder das Geschehen verändern können aber dankenswerterweise theatralisch, tänzerisch, musikalisch abgehandelt. Eine dichte und doch entspannte/entspannende, immer wieder auch vergnügliche Stunde in der sich vor allem am Ende, das allerdings nicht verraten sei, Grenzen zwischen den handelnden Menschen und den sie umgebenden Gegenständen fast auflösen.

Das ist ja ein Ding; makemake produktionen ( Wien/Ö)
Choreografie: Martina Rösler; Texte: Ivan Kauri; Darsteller_innen: Anja Kolmanics, Michèle Rohrbach, Pawel Duduš; Musik: Manfred Engelmayer; Bühne: Nanna Neudeck & Christian Schlechter; Dramaturgie: Johanna Figl; Regieassistenz: Daniela Kathrin Strobl; Produktion: Julia Wiggers

Kampf mit den Erinnerungen

Zwischen einem Haufen alter Schachteln, einer vorn altem Papier überquellenden großen Hutschachtel, einem Karton mit leeren Marmeladegläsern, neben dem eines mit dunkler Konfitüre steht und einem Music-Cockpit mit Keyboard, Gitarre, Laptop zwischen (Ur-)Oma-Lampen tanzt Ella und ihre „Schwester“, die Erinnerung. Wie im echten Leben tauch die eine oder andere Erinnerung unvermittelt, urplötzlich auf.

Ausgelöst werden kann das ganz unterschiedlich. Bei "Cortex", dem letzten Stück des diesjährigen szene-bunte-wähne-Tanzfestivals für junges Publikum, unter anderem dadurch, dass Ella einen Finger in die Marmelade steckt, dran schleckt und schon… Ein anderes Mal reicht eine alte Postkarte, ein Foto, ein Schal…

Ihre meisten Erinnerungen, die sie in der einen Stunde tanzt, sind eher dramatisch. Und mitunter widersprüchlich. Ist jetzt Papa immer zu spät gekommen oder nicht? Und wenn ja, war’s schlimm oder doch nicht? Ach wie gut, dass die Erinnerung von einer zweiten Tänzerin gespielt wird ;)

Mitunter sind die aus der Vergangenheit auftauchenden Bilder sogar furchterregend, angsteinflößend wie Gänge, eher Läufe durch Monsterwälder. Einen jungen Zuschauer dürften manche offenbar an Computer- oder Videogames erinnert haben. Der Bub begann mit den Händen zu agieren als hielte er einen Controller zwischen den Fingern.

CORTEX, Compagnie 3637 ( Brüssel/BE) koproduziert durch das Centre Culturel Jacques Franck
Stückentwicklung: Bénédicte Mottart, Coralie Vanderlinden, Philippe Lecrenier, Martin Mahaux; Regie: Baptiste Isaia; Licht & Technik: Damien Zuidhoek