Kiku
26.04.2016

"Tierisch" lernen

Studie ergibt: Weniger Stress, mehr Motivation, Verantwortung, Lern- und Kontaktfreudigkeit durch (Haus-)Tiere in der Schule.

Am Dienstag und Mittwoch gehen die Kinder einer 2. bzw. einer 3. Klasse der Volksschule Hammerfestweg (Wien-Donaustadt) noch lieber als an den anderen drei Tagen in die Schule. Der Grund für Stefan, Nataša, Nadinne, Yasmin, Sascha, June und Sophie und ihre Kolleg_innen: an diesen Tagen haben sie einen Kollegen mehr. Der hat vier Beine. Ihre Lehrerin Sabrina Nentwig nimmt an diesen beiden Tagen Nanuk, einen Mischling aus sibirischem Husky und Saaloos-Wolfshund mit.

Angst weg, Scheu überwinden

Mit ihm hat sie die Ausbildung zum Therapiehund abgeschlossen, natürlich alle Kinder, ihre Eltern und die Schulleitung gefragt. Alle waren angetan, wenngleich zwei Mädchen anfangs sehr große Angst vor Hunden hatten. Nanuk ist ja auch keine „Kleinigkeit“. Das wurde natürlich berücksichtigt. Nach nunmehr acht Monaten hat der zeitweise Klassenkollege den Mädchen die Angst vor ihm und seinesgleichen genommen. Nentwig berichtete am Dienstag bei einem Pressegespräch über positive Auswirkungen aus ihrer beiden achtmonatiger Erfahrung: Mehr Kinder können sich besser konzentrieren, in der Klasse geht es ruhiger zu, wenn der Hund da ist. Kinder, die sich nicht so leicht (zu)trauen, vor anderen laut zu lesen, kuscheln sich gern an Nanuk, um ihm in einer Ecke vorzulesen. Ein Schüler mit ADHS (Zappel-Philipp-Syndrom) kann sich in Anwesenheit der Hündin gut konzentrieren. Anderen eher aggressiveren Jugendlichen übertrage sie immer wieder gern die Verantwortung – vom Gassi gehen über Versorgung mit Wasser...

Studien

Die Erfahrungen aus dieser einen Schule reicherte Claudia Jennel, die im Rahmen ihres Psychologie- und Biologie-Studiums ein Praktikum bei der Autistenhilfe macht und regelmäßig mit einer Hündin eine Wiener NMS-Klasse besucht, mit weiteren Beispielen an: Ein Jugendlicher mit Autismus öffnet sich leicht gegenüber der mitgebrachten Hündin. Jennel stellte Dienstag Vormittag im Nachhilfeinstitut LernQuadrat darüber hinaus Erkenntnisse aus dem Literaturstudium diverser Forschungen zu „Lernen und Haustieren“ vor.

Weniger Stress, mehr Lernfreude

Die wichtigsten Schlussfolgerungen: Haustiere, aber auch Tiere in einer Klasse – erforscht ist dies bislang fast ausschließlich bei Hunden – verringern Lernstress, erhöhen die Motivation, fördern Konzentration, Kontaktfreudigkeit und Kommunikation (oft nicht nur zum Tier) oder auch die Klassengemeinschaft, das Verantwortungsbewusstsein. Dabei weist die Meta-Studien-Autorin auch auf messbare Ausschüttung von Oxytocin, einem Bindungshormon (weniger Angst und Stress), hin. Beim Durchforsten vieler Studien stieß sie sogar auf eine aus Deutschland bei der 400 Mütter mit 13- bis 15-jährigen Söhnen befragt wurden – die Hälfte hatte ein Haustier, die andere keines. Besser Noten, mehr Sozialkontakte und häufigeres Machen von Hausübungen waren bei jenen zu verzeichnen, wo es im Haushalt ein Tier gab.

Problematisch könne das Ganze nur dann werden, wenn die Sorge um die Sicherheit oder der Stress bei Erkrankung oder Tod des Tieres in den Vordergrund rücken, meinen die beiden Fachfrauen.

Auch Musik hilft

LernQuadrat-Chef Konrad Zimmermann konnte noch persönliche Erfahrungen beisteuern. Seine älteste Tochter hatte im Alter von 15 Jahren eine Ratte – was sich positiv auf ihre Lernmotivation und –leistung ausgewirkt hat. Im Übrigen verweist er darauf, dass dieses Institut mit ungefähr 40 eigenen sowie weiteren 40 Franchise-Standorten Erfolg damit habe, Umgebungen zu schaffen, wo Lernen Freude mache und „Randbereiche“ untersuchen lasse. So habe einer der ersten in Auftrag gegebenen Studien erbracht: Musikhören beeinträchtige lernen nicht, im Gegenteil.