Ein Protagonist aus "Letter to the King"

© Sercavan

Kurdisches Leben zwischen Verfolgung, Flucht und Aufbau
12/02/2014

Kurdisches Leben zwischen Verfolgung, Flucht und Aufbau

Sercavan/Kurdische Filmtage: Zwölf Filme über das Leben in den vier Ländern - in praktisch allen kurdischen Sprachen. Nun mit Kritiken und Interviews!

von Heinz Wagner

Nein, es dreht sich nicht um Karl-May-Geschichten, wenn es vom sogenannten „Wilden Westen“ in Richtung Osten „durchs wilde Kurdistan“ geht. In „My sweet Pepper Land“ spielt’s sozusagen Wildwest im Osten.

Iraks Diktator Saddam Hussein ist gestürzt, die Kurd_innen haben im Nordteil an der Grenze zur Türkei ein gewisse Unabhängigkeit erkämpft. Nun geht es aber darum, staatliche Strukturen aufzubauen, unter anderem Recht, Gesetz, Bildung zu etablieren. (Un-)heimlicher Herrscher ist ein Dorfpascha, dessen Gang vom Schmuggel zwischen den Ländern lebt.Baran, ein verdienter Freiheitskämpfer übernimmt den Posten des Polizeikommandanten. Gleichzeitig setzt sich Govend gegen ihre elf Brüder durch und tritt die Stelle als Dorflehrerin an. Beiden schlägt nicht wenig Ablehnung entgegen…

Alle Regionen, alle Sprachen

Dies ist einer von zwölf Filmen, die zwischen 4. und 9. Dezember in Wien bei Sercavan, den (mittlerweile achten) kurdischen Filmtagen gezeigt wird. Die Palette reicht vom genannten Spielfilm, der ein realistisches Szenario – mit einem ordentlichen Schuss Sarkasmus bzw. schwarzen Humors – schildert bis zu Dokumentationen. „Heuer haben wir uns besonders bemüht, Filme aus allen vier Ländern, in denen Kurdinnen und Kurden leben (Türkei, Irak, Syrien, Iran) nach Wien zu bringen. Und es sollten auch praktisch alle kurdischen Sprachen (Kurmancî, Zazakî, Sorani) in mindestens einem Film vorkommen“, fasst Songül, eine der (Mit-)Organisator_innen der Filmtage ein Auswahlkriterium zusammen. Wie auch schon bisher sollen die Filme natürlich Einblicke in das Alltagsleben dieses Volkes ohne eigenen Staat geben – von Verfolgung, Unterdrückung, Flucht, Widerstand bis zum Aufbau staatlicher Strukturen“.

Frauen

Der Sonntag (7. Dezember) ist mit Hêvî (zu Deutsch Hoffnung) besonders dem Freiheitskampf kurdischer Frauen – historisch und aktuell – gewidmet. Zülfiye Akkulak von der Produktion dieses Films wird rund um die Vorführung anwesend sein.

Mitwirkende kommen

Am selben Tag (Sonntag) kommt auch der Regisseur von „Fecîra“, Piran Baydemir, nach Wien. Auf Kurmancî bedeutet Fecîra „das erste Licht des Tages“. Es ist auch ein weiblicher Vorname.

Ebenfalls zur Präsentation seines Film „Risse im Beton“ kommt der in Österreich arbeitende Regisseur Umut Dağ.

Außerdem steht Erol Mintaş, Regisseur von „Klama Dayika Min“ live nach der Vorstellung für Fragen zur Verfügung.

Zum Eröffnungsfilm „Letter tot he King“ kommt Hauptdarsteller Nazmi Kırık. Dieser in Norwegen produzierte 75-Minuten- Streifen stellt fünf Flüchtlinge auf einem Tagesausflug nach Oslo vor. Fünf verschiedene, dichte Porträts.

www.sercavan.at

Interviews

Bei uns in Kurdistan bist du nur die ersten drei Tage Gast, ab dem vierten gehörst du schon zur Familie. Er freue sich zwar schon, nun seit Jahrzehnten „Gast“ in Norwegen zu sein, aber als Flüchtling, dessen Status noch nicht geklärt ist, darf er nicht ausreisen, und er würde so gern in seine erste Heimat fahren, um am Begräbnis eines Familienmitglieds teilzunehmen. Diese Bitte schreibt der 83-jährige Mirza in einem Brief an den norwegischen König. Hisham Zaman machte diese Episode zur Titel-gebenden für seinen 75-minütigen Film „Letter to the King“. Damit wurden in diesem Jahr die achten kurdischen FilmtageSercavan“ eröffnet. Fünf verschiedene, teils ganz unterschiedliche Flüchtlinge sind in diesem Film portraitiert, unter anderem Hassan. Er, der neben Kurdisch auch Deutsch im Film spricht, weil er schon in verschiedenen Ländern, unter anderem Deutschland, gearbeitet hat, und in Norwegen „Champion“ genannt wird, weil er Kampfkunst unterrichtet, schlägt einen kurdischen Bäcker zusammen, weil er einem afghanischen Flüchtling seinen Lohn vorenthielt. Auf dem Weg zum Gefängnis im Polizeiwagen spielt er im Gespräch mit einem anderen, norwegischen Festgenommenen, seine Sarkasmus aus: Die norwegische Polizei seien Weicheicher, nicht einmal schlagen könnten sie. Die deutschen, die französischen wären so lala. Die einzigen wahrhaften Profis seien die türkischen Polizisten. Er lüftet sein T-Shirt, um die ihm in der Türkei zugefügten Narben zu zeigen. Die stammen von Prügel, die er davon trug als er als Kurdenaktivist verhaftet worden war. Der Grund zur Flucht.

Ein Hauptdarsteller

Nazmi Kırık, Darsteller dieses Hassan, strahlt diesen sarkastischen Humor auch im wirklichen Leben aus. Er kam wegen Sercavan für einige Tage nach Wien. Im Gespräch mit dem KiKu erzählt er, der den bekannten österreichischen Filmemacher Michael Haneke für eines seiner Vorbilder nennt, dass er als Theaterschauspieler in seiner frühesten Jugend begonnen habe. „Zuerst hab ich schon ganz jung in der Schule gespielt, später, da ging ich auch noch in die Schule, hab ich einmal erfahren, dass in einem mesopotamischen Kulturzentrum, auch Schauspiel-Workshops stattfinden und Programm für das Newroz-Fest (Neujahr) vorbereitet wird. Das hat mich interessiert und ich bin hingegangen. Damals war aber die Verwendung der kurdischen Sprache in der Türkei noch total verboten, also musste alles heimlich passieren. Gleichzeitig war aber damit klar, dass alle Beteiligten etwas aussagen wollten, Botschaften transportieren. Das ist mir immer wichtig. Ich bin dann später, zuerst noch in Diyarbakır, später dann in Istanbul zum Film gekommen. Bis vor fünf Jahren hab ich neben Filmproduktionen auch noch Theater gespielt, das ist sich dann zeitlich nicht mehr ausgegangen. Jetzt möchte ich selber auch Filme machen, ich hab schon so viele Erfahrungen vom Mitspielen, mir so viel abgeschaut, dass ich mir zutraue, selber Regie zu führen. Als erstes will ich eine Trilogie machen, eine historische – 80er-/90er- und 2000er-Jahre wie sich das Leben von Kurd_innen in der Türkei verändert hat.“

Nicht schwarz-weiß

Nazmi Kırık spielte übrigens in einem weiteren Film von Hisham Zaman, der auch bei „Sercavan“ lief, „Der Junge Siyar“ eine – diesmal aber nur kleine – Rolle. Dieser Streifen greift eines der – nicht von außen aufgezwungenen – brennenden Probleme kurdischer, vor allem dörflicher, Gesellschaften auf. Siyar wird als ältester Sohn, weil der Vater gestorben ist, Familienoberhaupt und er muss die Ehre der Familie wieder herstellen. Seine Schwester haut ab, weil sie den Mann nicht heiraten will, den ihr der Vater noch in einem Handel mit einem anderen Familienklan zugedacht hat. Letztlich kommt sie bis Norwegen. Und Siyar will sie dort zur Rückkehr bewegen – oder umbringen. Und doch ist die Geschichte nicht so einfach, denn dieser junge Mann entpuppt sich im Film als großer Sympathieträger, weil er bei seinem illegalen Grenzübertritt in die EU das Mädchen Evin schützt, sich für sie fast aufopfert. Zaman drehte seinen Film nachdem in Norwegen tatsächlich eine aus der Türkei stammende junge Frau „der Ehre wegen“ von ihrem Bruder umgebracht worden war. So endet „Der Junge Siyar“ nicht, aber auch nicht glücklich.

Gesetz gegen Klan-Ordnung

Um ein anderes Problem dreht sich „My Sweet Pepperland“. Schwarzhumorig, in Wild-West-Manier, geht es um den Kampf um den Aufbau demokratischer, rechtsstaatlicher Strukturen im Nordirak (nach Saddam Husseins Sturz und der damit verbundenen autonomen Region der Kurd_innen). Dagegen stehen die alteingesessenen Klans, die nicht selten vom Schmuggel im Drei-Länder-Eck Irak/Türkei/Iran leb(t)en. Der langjährige Freiheitskämpfer (Peshmerga) Baran übernimmt den Posten des Polizeikommandanten, der Recht und Gesetz zum Durchbruch verhelfen will. Außerdem hat die junge Govend die Stelle als Lehrerin der Dorfschule übernommen – gegen den Willen ihrer elf Brüder…

Dokus

Neben Spielfilmen zeigt Sercavan auch wieder spannende Dokumentationen, so „Zonê ma Koti yo? – Ana dilim nerde?“ über den 71-jährigen Mustafa, der seine vom Aussterben bedrohte Muttersprache Zazakî in Heften und per Videokamera für seine Enkelkinder festhält. Erst als er diese Aufgabe für sich findet, kommt er aus seinem fast lethargischen Herumliegen heraus und wird wieder aktiv.

In „The Silent Revolution” wird der hierzulande fast kaum bekannte Aufbau demokratischer- autonomer Strukturen in Rojava in Westkurdistan (Syrien) gezeigt – von der Selbstverteidigung durch eigene militärische Einheiten bis zu Schulen und wenigstens einigen Stunden Kurdisch-Unterricht, was zuvor verboten war. Die Region ist jedoch genauso vom IS bedroht wie das viel bekanntere Kobanê, das ja teilweise von den Terroristen schon besetzt ist. Sivan Musa, aus einer Randregion von Rojava, musste flüchten. Er kam zur Vorführung von „The Silent Revolution“ ins Wiener Spittelbergkino. Zehn Jahre war er Mathelehrer. „Wir mussten unter Assads Regime auf Arabisch unterrichten, Kinder lernten in Geschichte nie etwas über Kurden und Kurdistan. Jetzt, wo wir ein eigenes Schulsystem aufbauen wollen, müssen wir natürlich auch eigene Unterrichtsmaterialien erstellen. Und Lehrerinnen und Lehrer ausbilden, die Kurdisch können.“

Frauen

Hêvîwidmet sich speziell dem Anteil von Frauen im kurdischen (Widerstands-)Kampf. Vor rund drei Dutzend Jahren schlossen sich die ersten Frauen dem bewaffneten Kampf der Kurd_innen in der Türkei an. Eine davon, Sakine Cansız, wurde während der Dreharbeiten an der Doku im Jänner des Vorjahres gemeinsam mit zwei Freundinnen in Paris ermordet. Doch Frauen spielen nicht nur in eigenen Einheiten eine große Rolle, sie wurden auch bei den vergangenen Kommunalwahlen in einer Reihe von Städten und sogar kleinen Dörfern zu Bürgermeisterinnen gewählt. Produzentin Zülfiye Akkulak meinte vom KiKu befragt, wie das aber zu erklären wäre, wo es doch teils – wie in anderen Filmen zu sehen – sehr überkommene Traditionen samt Frauenunterdrückung gebe: „Höchstwahrscheinlich ist das darauf zurück zu führen, dass durch die Teilnahme am bewaffneten Kampf mit bis zu einem Drittel Kommandantinnen, sie zu Heldinnen für bewusste Kurd_innen, auch Männer, wurden. Vor 30 Jahren wäre sicher kaum eine Frau insbesondere in einem kleinen Dorf zur Bürgermeisterin gewählt worden.“

Entwurzelungen

Die Zerrissenheit insbesondere älterer Menschen zwischen dem Leben in der Fremde und der Sehnsucht nach der Heimat der Kindheit greifen zwei Filme auf, die so authentisch daherkommen, dass sie Dokumentationen sein könnten. Nicht zuletzt, weil in beiden Fällen die Hauptfiguren extrem überzeugende Laien sind.

In „Der Imker“ steht Ibrahim Gezer im Zentrum. Der alte Mann hat Zuflucht in der Schweiz gefunden – wie viele seiner elf Kinder. Eine Tochter und ein Sohn haben sich dem bewaffneten Kampf der Kurd_innen in den Bergen angeschlossen. Weil er von den türkischen Paramilitärs erpresst wird, seine Kinder zu verraten, versteckt er sich zunächst auch jahrelang in den kurdisch-türkischen Bergen und flüchtet schließlich in die Schweiz. Der gelernte Imker will dort sein Handwerk ausüben, das aber nur als „Hobby“ abqualifiziert wird. Er wird über das Arbeitsmarktservice in eine geschützte Werkstätte geschickt, wo er Sackerln mit Zuckerln sortieren muss. Zynisch wird ihm beschieden, die Zuckerl enthielten ja auch Kräuter und Honig, hätten also mit seinem Wunsch im entferntesten was zu tun. Dabei geht der Mann fast ein. Bis er sich derrappelt und einem Mann 200 Bienenvölker abkauft und sozusagen als „Hobby“ weiter Bienen züchtet und Honig produziert...

Von Computerwissenschaft zu Filmen

In „Klama Dayika Min“ (Das Lied der Mutter) rückt Regisseur Erol Mintaş die alte Frau Nîgar ins Zentrum. Sie, als einzige Laiendarstellerin unter lauter Profis, trägt die komplizierte Rolle der von einem von den Militärs zerstörten Dorf in eine türkische Großstadt verpflanzten Frau, die fix davon ausgeht, zurückkehren zu können. Sie packt schon alles. Da ist ihr Sohn Ali, Lehrer, machtlos.

Für Erol Mintaş war es sein erster großer Film. Zwei Kurzfilme hatte er gedreht, wo es um ähnliche Grundthemen gegangen ist. Genau diese Situation der älteren Menschen, die nicht mehr in ihrem Heimatdorf leben können, unter „Nostalgie“-Krankheit leiden, interessierte ihn. Aber auch die von Jungen in einer ähnlichen Lage. Mutter-Sohn – das ergab sich erst in der Detailarbeit an dem Film. Studiert hat er eigentlich, so „gesteht“ Mintaş dem KiKu „Computerwissenschaften. Aber ich habe schon immer Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben. In der Schülerzeitung waren Literatur und Film meine Themen. Und irgendwie ist Programmieren ähnlich wie Filmemachen.

Du musst Codes eingeben, damit der Computer das macht, was du willst, sozusagen kurze Geschichten abspielt. Beim Film musst du als Regisseur auch letztlich alle dazu bringen, dass sie die Geschichte erzählen, die du vermitteln willst.“ Studiert hat der Regisseur aus Kars (bekannt durch den Roman „Schnee“ des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk) in Istanbul und Post Graduate in New York.

Sehr starke Jungs

Wären Schauspieler_innen des Festivals zu wählen gewesen, wahrscheinlich hätte kein Weg an Zamand Taha und Sarwar Fazil in "Bekas"("Allein") vorbei geführt. Die beiden Darsteller von Zana und Dana wirken so natürlich und authentisch zwischen verzweifeltem Alleinsein, witziger Gerissenheit und unendlicher Bruderliebe. Der vor zwei Jahren entstandene Film spielt Anfang der 90er Jahre im Irak Saddam Husseins, der Kurden bis hin zum Giftgasangriff auf ein ganzes Dorf verfolgen ließ. Auch die Eltern der beiden Brüder wurden ermordet. Als auch noch ein alter Mann, den sie sozusagen als Paten-Opa gefunden haben, stirbt, sind sie völlig allein auf sich gestellt. Durch Schuhe putzen verdienen sie, was sie zum essen brauchen. Insbesondere Zana lockt durch seine extrem charmant-vorwitzige Art Kunden an.

Trotzdem ist für Kino kein Dinar drinnen. Als „Superman“ angepriesen wird, finden sie eine Dachluke, ums in den Vorführraum schauen zu können. Von wo sie geprügelt vertrieben werden. Doch Superman ist ab dem Zeitpunkt ihr Held, die USA das gelobte Land. Dorthin wollen sie. Auf der Weltkarte sind’s ja nur einige Handbreit. Den Fußmarsch erleichtern wollen sie sich durch einen Esel, den sie erst entwenden, dann doch kaufen und Michael Jackson nennen. Unter und in einem LKW versteckt kommen sie über die Grenze. Dana landet auf einer Tretmine, Zana wird von allen, die er um Hilfe anfleht, abgewiesen…

Trotz aller tristen Umstände strahlt der Film durch die beiden starken Buben aus, was auch immer kommen mag, sie verfolgen unbeirrt ihren Weg, der Verwirklichung ihrer Träume näher zu kommen.

Starke Laien

Mit Ausnahme einer einzigen Profi-Schauspielerin setzte der mittlerweile bekannte Wiener Regisseur Umut Dafür seinen – auch außerhalb des Festivals – in den Kinos laufenden Film „Risse im Beton“ ausschließlich auf Laiendarsteller_innen. Großartige. Ob die in die Kleinkriminalität gedrängten Burschen, der aus der Haft entlassene um ein wirklich neues Leben ringende und dabei doch immer wieder gefährdete Hauptdarsteller, sie alle spielen echt überzeugend in der Story, in deren Zentrum die schwierige späte Vater-Sohn-Beziehung steht.

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