Kiku
04.09.2017

Seitenwechsel in der Schule

Lehrer_innen beschäftigten sich bei Fortbildungswoche in den Ferien mit Selbstreflexion und Perspektivenwechsel.

Alle waren jahrelang in der Schule. Lehrerinnen und Lehrer machen diese sogar zu ihrem Berufsfeld. Und doch „vergessen“ sie ziemlich schnell nach dem Seitenwechsel ihre 12- bzw. 13-jährige Sicht als Schülerin/Schüler.

Selbstreflexion, Wechsel von der Sicht der Lehrerin/des Lehrers in die von Schüler_innen – dem war einer der Workshops bei der ÖZEPS-Sommerakademie (Österreichisches Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen) gewidmet. Die traditionelle Fortbildungsveranstaltung für Pädagog_innen am Grundlsee – mit rund sieben Dutzend Teilnehmer_innen - findet immer in der (vor-)letzten Ferienwoche statt. Diesmal lautete das Thema „Emotionen - sehr wichtig für funktionierende Lehr- und Lernprozesse“.

Schnell „vergessen“

Die Wirtschaftspädagogin Ilva Pauger, die einen der Workshops gemeinsam mit Paul Winter leitete, hatte sich in ihrer Masterarbeit mit „ Selbstreflexion als pädagogische Herausforderung – Förderung von Lernenden in der Erwachsenenbildung“ beschäftigt. Im Gespräch mit dem Kinder-KURIER gestand sie, dass sie selbst im Rahmen ihres Praktikums in einer Wiener Handelsakademie schon nach kurzer Zeit draufgekommen sei, „wie schnell ich in der Lehrerinnenrolle vergessen habe, wie‘s als Schülerin war“. Und im Konferenzzimmer habe sie immer wieder bemerkt, wie viele Pädagog_innen das Bedürfnis haben, sich den einen oder anderen Frust aus dem Unterricht von der Seele zu reden. Sehr viel Reflexion sei da aber nicht dabei gewesen. Von ihrem engagierten Betreuungslehrer habe sie aber mitbekommen, wie viel dieser auch über die persönliche Situation seiner einzelnen Schüler_innen gewusst habe und daher auf sie konkret eingehen konnte/kann. „Und das ist doch ein wesentlicher Bestandteil dieses Berufes. Als Jugendliche weißt du doch auch, dass der erste Schwarm oder Probleme zu Hause oft viel wichtiger sind als was grad im Fach Betriebswirtschaft auf dem Stundenplan steht. Klar muss eine gewisse Leistung erbracht werden, aber es sollte nicht vergessen werden, welchen Einfluss private Probleme in der Schülerwelt nehmen.“

Potenzial

Diesem Potenzial an Selbstreflexion, an Perspektivenwechsel in der Pädagogik wollte Pauger mit ihrer Masterarbeit zu Leibe rücken und die zu gewinnende Ressource für den beruflichen Alltag von Lehrer_innen als Erkenntnis verbreiten. Das war auch Ziel des praxisnahen Workshops beim genannten Seminar, „weil’s nicht wurscht ist, was in diesem Job passiert. Es ist nicht immer leicht, das Mittelmaß zwischen Autorität und Einfühlungsvermögen zu finden und häufig wird dann automatisch die Autorität ausgespielt. Das liegt unter anderem daran, dass so Vieles gleichzeitig auf eine Lehrperson einprasselt und diese meistens spontan, im Moment, reagieren muss. In der Kommunikation und Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern passiert so viel, dass es kaum möglich ist, das ohne entsprechende Reflexion zu verarbeiten.“

Im Workshop versuchten sich die eineinhalb Dutzend Lehrer_innen immer wieder in die Rolle ihrer Schüler_innen hineinzudenken, „ins eigene Schüler-Ich zu kriechen“, ihr eigenes pädagogisches Handeln zu überdenken. Eine Schwierigkeit beim Workshop sei gewesen, so Ilva Pauger, dass sich manche Pädagog_innen so etwas wie Rezepte oder einen Werkzeugkoffer gewünscht hätten, wie Selbstreflexion vonstattengeht. „Das funktioniert leider nicht, da es ein individueller Prozess ist. Es gibt aber so etwas wie einen Rahmen, der Selbstreflexion begünstigt:

Rahmen für Selbstreflexion

Erstens: Regelmäßigkeit – egal ob einmal täglich oder wöchentlich – eine bewährte Methode ist, dies auch zu verschriftlichen. Gleichzeitig soll so auch vermieden werden, dass zu viel reflektiert wird.
Zweitens: einzelne Aspekte raussuchen – sonst wird es zu viel, nicht bewältigbar und führt dann eher zum Bleibenlassen. Und wenn es gelingt, bei kleinen, konkreten eispielen durch Selbstreflexion anders zu agieren, dann kann dieses Erfolgserlebnis auch in anderen Situationen helfen.
Drittens: Tiefe, innere Bereitschaft zur Veränderung und zum „an sich arbeiten“. Selbstreflexion führt idealerweise zu einer Veränderung und Weiterentwicklung, aber nur, wenn man diese auch zulassen kann und will.

Im eineinhalb Tage dauernden Workshop ging es beim Durchbesprechen von Unterrichtssituationen immer wieder um den angesprochenen Perspektivenwechsel, ums einholen von Feedback der anderen Teilnehmer_innen, aber auch um hilfreiche Methoden. Eine dieser war der sogenannte Theaterplan. Dabei wird die Klasse als Theater aufgezeichnet – mit allen Bereichen – von der Garderobe über die Bühne bis zu Regie und Technik – und dann geht’s darum, wo sich die Teilnehmer_innen verorten, welchen Blickwinkel sie einnehmen und in welchen Rollen/Positionen sie sich selbst als auch ihre Schüler_innen sehen.

Schüler_innen mehr zutrauen

Eine wichtige praxisrelevante Erkenntnis aus dem Perspektivenwechsel und der Selbstreflexion, für die in der Schule Zeit und Raum sein müsste, so Pauger: Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung zu übertragen, indem etwa regelmäßig Feedback eingeholt oder schriftlich festgehalten wird, welche Leistungen für welche Note zu erbringen sind. Jugendliche wissen meist sehr genau, was sie brauchen, was sie wollen oder nicht wollen, was ihnen zur Erreichung der Lernziele fehlt. Mehr Verantwortung für die Schüler_innen einhergehend mit einer höheren Transparenz bei der Leistungsbeurteilung kann so nicht nur Druck von den Lehrpersonen nehmen, sondern auch wegen der Notengebung oft vorhandenes Misstrauen zwischen Lehrenden und Lernenden verringern bzw. gar beseitigen.