Szenenfoto aus "Said und der Papst" im Theater Spielraum

© Barbara Pálffy

Zwischen nirgendwo und irgendwo
10/08/2016

Zwischen nirgendwo und irgendwo

„Said und der Papst“: Junge Theatergruppe spielt zur aktuellen Situation zwischen Hoffnung auf Solidarität und Angst vor Unmenschlichkeit.

von Heinz Wagner

Fünf junge Schauspieler_innen, weiß geschminkte und damit verFREMDet, stehen, sitzen, kauern verteilt auf der Bühne – verteilt, vereinzelt, jede/r für sich ins Leere starrend. Aus dem Off ertönt der wohlklingende berühmte Song „What a wonderful World“. Ein Widerspruch? Oder doch nicht? Wurde der durch Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur Zeit der Bewegung gegen Rassendiskriminierung in den USA und gegen den Vietnamkrieg für Louis Armstrong geschrieben.

Nirgendwo? Irgendwo?

Die Musik verklingt. Stille. Die fünf beginnen sich zu bewegen und zu reden, beklagen sich im „nirgendwo“ zu befinden, nicht zu wissen, was sie spielen sollen, keinen Plan von Raum, Zeit oder Fantasie zu haben. Eine sechster taucht auf. Offenbar die (mit-)titelgebende Figur des Said. Ein Hoffnungsträger. Das vereint ihn mit dem zweiten aus dem Titel des Stücks der jungen Theatergruppe, dem Papst. Ersterer 16-jähriger Flüchtling aus Syrien, Zweiterer, Franziskus, der neue, bekannt, dass er der Kirche – und der Welt – wieder Werte wie Solidarität vermitteln will.

Hoffnungsfroh bis abstoßend

Wie gehen die einen mit den Neuankommenden um? Wie agieren sie, selber in die Situation von Schutzsuchenden versetzt zu sein? Immer wieder pendeln die Szenen zwischen hoffnungsfroh und abstoßend. Hin und wieder untermalt oder konterkariert durch das bekannte Lied „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ (von Lilian Harvey, interpretiert auch von den Comedian Harmonists bis zu Udo Lindenberg).

Märchen bis Utopie

Das Stücke, eine Montage aus verschiedenen Texten – und gegen Ende offen formulierter Regieanweisungen, die wiederum das Publikum bewusst irritieren sollen – greift immer wieder auf vorhandene mehr oder minder bekannte Texte zurück. Vom Motiv aus Grimms Märchen „Hänsel und Gretel“ die nach dem Essbaren in dem Fall der „Festung“ greifen bis zu Shakespeares vor mehr als 400 Jahren verfassten Thomas-Morus/More-Monolog. Der ist unter anderem für seinen Roman „Utopia“ bekannt. Immer wieder rufen die Darsteller_innen „Utopos“ in den Raum, sich gegenseitig zu. Kern dieser Rede ist die sogenannte „goldene Regel“, bei uns als Kinderreim bekannt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“

Mehr dazu im nächsten Abschnitt „Die Fremden“ (so der Titel eines Taschenbuches in dem der gesamte Thomas-Morus-/More-Monolog von Shakespeare vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde.

... in „Die Fremden“

Der Morus-Monolog von William Shakespeare wendet sich gegen brandschatzende, mordende Engländer, die Zugewanderte lynchen wollen.

Dieser Monolog ist Teil eines Werkes anderer Autoren, wurde erst vor Kurzem eindeutig diesem großen Theaterdichter zugeordnet und diese einzig erhalten gebliebene Handschrift Shakespeares wurde vor einem halben Jahr erstmals von der British Library ausgestellt. Rund um einen EU-Flüchtlingsgipfel im März sendete BBC kommentarlos einen Teil dieses Monologs, in etlichen englischsprachigen Zeitungen wurden ebenfalls Auszüge veröffentlicht. Allerdings immer nur jene Teile, die Morus/More gegen die Inhumanität der Engländer gegenüber den Fremden ansprechen lassen. Der gesamte Monolog zielt jedoch noch eher darauf ab, „das Volk“ dazu zu bringen, sich artig und ordentlich dem König zu unterwerfen – eigentlich auch ein Widerspruch zu seinem in „Utopia“ entworfenen Staatsidealen. Der Herausgeber von „Die Fremden“ (dtv-Taschenbuch), in dem sowohl der Monolog im Original Shakespeare-Englisch als auch in der deutschen Übersetzung, vor allem aber jede Menge an historischer Einordnung und Hintergründen rund um diesen Text zu finden ist, vermutet, dass es dem Theaterdichter vielmehr um die vielschichtige Darstellung und Reflexion von göttlichem versus weltlichem Recht, Recht/Unrecht, Macht und Herrschaft, Gehorsam und Widerstand usw. gegangen ist.

Zitate

Mit Lumpenbündeln, Kinder auf dem Rücken,

Wie sie zu Küsten und zu Häfen trotten,

Und ihr sitzt da, als König eurer Wünsche,

Die Staatsmacht starr verstummt vor eurer Wut,

Und ihr gespreizt im Protzornat des Dünkels:

Was habt ihr dann? Ich sag’s euch: ihr habt nur

Gelehrt, wie Frechheit und Gewalt obsiegt,

Wie Ordnung abgewürgt wird. Und nach diesem Muster

Würd keiner von euch hoch ins Alter leben;

Denn’s würden andre Dünkelprotze, ganz nach Laune,

Kraft ihrer Macht, kraft ihrem Recht, kraft ihrer

Höchsteignen Ziele euch wie Haie anfalln,

Und raubfischgleich würd Mensch den Menschen fressen.

Ob Deutschland, Spanien, Portugal, ach, in

Jedwedem Land, das nicht grad England ist:

Dort wärt ihr selbst die Fremden. Würd’s euch gefalln,

Wenn ihr dort auf ein Volk träft, so barbarisch,

Dass es wild ausbricht in Gewalt und Hass,

Euch keinen Platz gönnt auf der weiten Welt,

In eure Hälse tief die Messer taucht,

Euch tritt wie Hunde, so, als hätt euch Gott

Nicht grad wie sie geschaffen, als wärn Erd

Und Himmel nicht auch euch zum Wohl gemacht,

Nein, nur für sie bestimmt? Was dächtet ihr,

Wenn man mit euch so umging? So geht’s den Fremden,

Und so berghoch ragt eure Inhumanität.

Alle Bürger: Ja, Herrgott, er hat recht. Handeln wir,

wie wir an uns gehandelt sehn wollen.

Alle Bürger/Lincoln: Wir gehorchen Ihnen, Master

Morus, wenn Sie uns gut Freund bleiben und uns Begnadigung verschaffen.

Aus „Die Fremden“, herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Frank Günther ca. 70 Seiten dtv 6,20€

Was? Wann? Wo?

Said und der Papst

Mit Paul Graf, Shirina Granmayeh, Lisa Furtner, Henrietta Rauth, Julia Sailer, Johannes Sautner

Inszenierung: Matti Melchinger

Assistenz: Florian Eder

Wann & wo?Bis 8. OktoberTheater Spielraum: 1070, Kaiserstraße 46Telefon: 01/713 04 60 60www.theaterspielraum.at