Crew des Films "Schulball"

© Heinz Wagner

Video- und Filmtage
10/20/2013

Rache kann süß sein

Junge und jünste Filmemacher_innen zeigen ihr Können bei den 17. wiener video- und filmtagen - unter aderen "schmackhafte Horrorfilme"/preise für 16 Filme

von Heinz Wagner

Splatter-Movies werden Filme genannt, in denen ganz viel Blut spritzt. So was muss nicht nur grauslich sein. In Muffins vs. Muffins strahlt die Massakerszene sogar einen gewissen Witz aus – und ist obendrein fast appetitlich.

Dabei hat der dreieinhalbminütige Animationsfilm von Soner Sen, Adelina Neretljak, Elmina Mulić, Joanna Mikowitsch, Arbijas Mehmeti, Nermin Mujačić, Rem Moustafa, Minervo Louka aus dem (Oberstufen-)Realgymnasium am Wiener Henriettenplatz einen ganz ernsten Hintergrund: Ausgrenzung und Rassismus dargestellt an der (ablehnenden, gewalttätigen) Begegnung weißer und dunkler Muffins, die in Ende Nummer 1 mit einem zerschnipseln der flaumigen Süßspeisen endet. Ein gleich hinterher geschicktes zweites Ende gipfelt in einer Party und der von einem hell-dunklen Muffin ausgehenden Erkenntnis, die sich schnell verbreitet: „Wir sind doch alle aus dem selben Teig gemacht!“

Der Film ist einer von rund fünf Dutzend, die bei den derzeit im Wiener Kinder- und Jugendkino Cinemagic (in der Urania) bei den17. video- und filmtagen zu sehen sind. Mehr als 100 Kurz-, Animations-, Spiel- und Experimentalfilme waren von jungen und jüngsten Filmemacher_innen eingereicht worden. Über die Vorführungen hinaus gibt es direkt im großen Kinosaal auch die Möglichkeit, Kommentare abzugeben. Neben dem Publikum kommen diese auch von Fachleuten, die professionell im Filmbusiness an verschiedensten Stellen arbeiten.

Von Blut über Tee bis pink

Das Muffins-Massaker war nicht der einzige „blutrünstige“ Film, nicht wenige Kinder stehen auf Horrorfilme. Ein ähnliches Thema nahmen sich Moritz Drumel, Janis Walch, Bernhard Böhm, Domo Brown, Samantha Kerschbaumer, Ellia Mathei, Sebrin Leroy Orel, Baldwin Schwarz, Stefanie Teuber, Chris Böhm und Leonie Strebl aus der SchülerInnen-Schule im WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) her. InRachemüssen rassistische Polizist_innen in einem knapp sechsminüten Spielfilm ein gar blutiges Ende durch zuvor von ihnen ins jenseits beförderte Migrant_innen hinnehmen.

Auch nichts für schwache Nerven istTeatimevon Schüler_innen des bilingualen Grg 23, in dem ein Spezialtee für die Verwandlung in Zombies verantwortlich zeichnet.

Apropos Horror: Das kann auch ganz anderes sein. In Bauch von Florentina Hofbauer wird eine ganze Wohnung in der Zeit der Schwangerschaft in beinahe höllisches Pink verwandelt. Der übertriebene Vorbereitungs-Wahn der werdenden Mutter lässt den werdenden Vater in einen Verfolgungswahn taumeln.

Gekonnt nehmen Zeia, Joma und Yasin Gholam sowie Patrick Riesenberger inGURG is a killeram Höhepunkt einer Gewaltszene die Brutalität raus – weg vom Detail, plötzlich ist die ganze Szene im Wald zu sehen – zentral die Kamera.

Das selbe Quartett ist übrigens mit einem zweiten Film am Festival vertreten – und zeigt damit auch seine Bandbreite: GURG Love Story. „GURG ist unser Gruppenname, unter dem laufen unsere Filme auf YouTube, mit dem haben wir aber auch schon auf der PlayStation gezockt“, verraten die Filmemacher zwischen 16 und 22 dem KiKu. Es ist übrigens das persische Wort für Wolf.

A propos Computerspiele und Gewalt. Schon der Eröffnungsfilm KDW – Exit Reality von Tobias Burger, Benjamin Furtlehner, Christopher Patri spielte mit dem Pendeln zwischen Krieg-spielen auf einer Konsole und einem echten Soldaten, der voll lächerlich wirkt, als er in voller Montur durchs Wasser watet – und zwar jenes eines kleinen Garten-Pools. Und der verloren wirkt, als er zur Grießnockerlsuppe gerufen wird.

"Nur" Strumpfhosen und ein Gesicht!

Wie selbst mit allereinfachsten Mitteln riesengroßes Kino noch dazu zu einem allumfassenden, tiefschürfenden Thema gemacht werden kann, zeigte Elia Stefan.Identities. Sechs Minuten lang ist ihr Gesicht zu sehen, immer unter andersfarbigen Strumpfhosen, unterschiedlichst verzerrt – lächelnd, suchend, fragend, teils bewusst Grimassen schneidend, meist aber ergeben sich die Grimassen schlicht und ergreifend aus der Verzerrung durch die engen durchsichtigen/scheinenden Beinbekleidungen. Manchmal auch schmerzverzerrt. Plötzlich ein : „So, jetzt ist's genug!“

Auch stark auf ein Gesicht – und Lauf- sowie Tanzbewegungen – konzentriert und damit stark wirdEverybody runsvon Hanna Urschler. Noch viel schneller – dafür praktisch gesichtslos – unterwegs istHyperlapse Vienna 2013 – The Date. Jan Kausek und Lukas Haider (beide 14) haben aus rund 11.000 superschnell geschossenen Fotos rasante Stadtansichten montiert, die – wie einer der Juroren meinte – ein geniales Werbevideo für Wien sein könnten. Nicht Ansichten einer Stadt sondern vom Lebensgefühl einiger 15-Jähriger in verschiedenen Alltagssituationen packte Leon Godina in den viertelstündigen Spielfilm15.

Geschwindigkeit tötet langsam – Speed kills slowly klingt super, hat aber mit dem genialen Film, den Jugendliche aus der 2CI der HTL Rennweg drehten wenig zu tun. „Das wollte die Lehrerin unbedingt so, wie auch den Schlusssong von Phil Collins“ bedauern die Jugendlichen, die ausgehend von einer Nebenfigur im Buch „Der Pfad des friedvollen Kriegers“ in de sechsminütigen Streifen ein wunderbares Psychogramm über einen an den Rand gedrängten/sich drängenden Jugendlichen drehten.

Erster Schulball

Aus mehreren Ideen von Jugendlichen der dritten Klassen wählten die Schüler_innen des privaten ORG Austrian International School schließlich Sarah Assems DrehbuchSchulballaus. Erstmals, so die Grundstory, soll's in der muslimischen Schule einen Ball geben. Zentrale Geschichte: der Bursch Younis lässt sich dazu hinreißen das Mädchen Israa reinzulegen, sie zu fragen, ob sie mit ihm zum Schulball gehen möchte und sie dann aber stehen zu lassen. Viel spannender und wichtiger als die Intriganten-Story sind allerdings viele kleine filmisch erzählte Geschichten – vom schminken, der Kleidung (Kopftuch oder nicht), dem skaten usw. „Wir wollten auch zeigen, wie muslimische Jugendliche wirklich sind und wie sie viele gar nicht kennen“, meinen die jungen Filmemacher_innen, die die Musik für den knapp 13-minütigen Film selber komponierten.

Um Gefühle dreht sich auchMit Herzvon Alexander Köck. Ein junger Mann leidet an Herzschmerzen – aber ist es wirklich eine körperliche Angelegenheit? Oder kann selbst der ungewöhnliche Arzt nicht helfen, weil der Herzschmerz woanders seine Ursache hat?

www.videoundfilmtage.at

Einer der Primetime-Blöcke am Sonntag Nachmittag gehörte Trickfilmen – völlig unterschiedlichen. Clara M. Bacher, die in früheren Jahren mit Spielfilmen (in Teams) bei den video- und Filmtagen am Start war, hatte in diesem Jahr einen Plastilin-Hund, eine Oma und einen Einbrecher aus demselben Material zum fast dreiminütigen AnimationsfilmKerberosgeformt. Detailverliebt, akribisch und perfekt hat Bacher nicht nur Figuren und Kulissen gearbeitet, dennoch aber die Geschichte nicht außer Acht gelassen.

Im Computer "gefangen"

Gleich drei Kurz- und Kürzest-Animationen des Brüderduos Lorenz und Philipp Uhl spielen mit unterschiedlichsten, vor allem digitalen Effekten. InRemote Controlsteuert der eine den anderen Bruder, lässt ihn mal leiser, mal lauter reden, sich bewegen oder auch abrupt stoppen. InSturzfällt der am Computer stark verkleinerte Bruder von einer Türschnalle. Noch beeindruckender istGefangen– alle beteiligten Figuren werden nicht nur geschrumpft, sie landen im Computer, bewegen sich nur im Monitor des Laptops, weiter als bis auf die Tastatur schafft’s keine(r).

Auch mit sehr vielen Tricks und vor allem nachträglichen beim Schnitt eingebauten digitalen Effekten in den Spielfilm John’s Rebirth arbeiteten Christoph Tarita und Jonathan Pala. Bei der Konzentration auf die perfekte technische „Spielerei“ ist allerdings die Story ein bisschen auf der Strecke geblieben.

Kein Panik

Wal mit Blumentopf, Maus mit Hirn, Dinosaurier mit einem Ding, das wie ein Taschenrechner aussieht, aber ein „Anhalter“ ist – Katharina Wang und Margareta Stern schnipselten die genannten und noch etliche weitere Figuren und Requisiten aus Buntpapier aus und arbeiteten mit Legetrick zu Thomas D.s SongKeine Panik. Die bewegten Bilder sind eine Hommage an die Geschichten „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, in denen die Antwort auf alle Fragen „42“ lautet.

Eine Geschichte über Mobbing verpackten Clemens Krasny (12) und ein paar Freundinnen in den Krimi mit teils skurrilen Szenen namens Max.

Selbstironie

Ein Meisterwerk an Selbstironie einer zickig-genervten Schwester, die mit ihrem Bruder in der Pampa am Land einen Teil der Sommerferien verbringen muss istCountryside of Life(Paulina und Jakob Auer sowie Stefanie Paukner) geworden. Hier stimmen Geschichte, Figuren, Bilder, Perspektiven usw. Selbst der Wegfall von Computer und Handy ergeben sich recht logisch. Die darauf folgenden erst widerwilligen Ausflüge mit einer anderen jungen Urlauberin an See und Wald erden die Geschwister.

Physik leicht gemacht

Eines für Jugendliche höchst ungewöhnlichen Themas nahmen sich Larissa Hollub, Linda Zimmermann, Sophia Hölzl, Lina Volf an: InPIB – Physik im Bild beschäftigen sich die vier 14-jährigen Mädchen mit dem Phänomen von Zeit – und der Relativitätstheorie in verschiedenen Episoden, die sie an bekannte TV-Formate – von Nachrichten über Talkshows bis zu Live-Schaltungen anlehnten.

Mit Hochspannung erwartet wurde die Gala am letzten Tag des Festivals. Aufgelockert durch witzige Auftritte des Trios Cpt. Hook, das Texte rund ums Filmen in Hipo-Hop-Style übersetzte, lüfteten verschiedene Juror_innen mit treffsicheren, inhaltlichen Statements die Geheimnisse – für jene, die die betreffenden Filme gesehen hatten, für alle anderen mussten die Titel der Werke genannt werden, sie konnten sich aber nach den Jury-Aussagen auch so manches bildhaft vorstellen. Die Preise passten jeweils zu den entsprechenden Filme-Macher_innen. Wo beispielsweise ein guter Film noch Verbesserungspotenzial beim Ton hätte, gab es professionelle Tonausrüstung, für andere Licht-Ausstattung, andere wurden mit Akkreditierungen bei bekannten Filmfestivals, wieder andere mit Praktikumsplätzen belohnt.

Im Folgenden die Liste der preisgekrönten Filme, wobei Jury-Entscheidungen natürlich immer subjektiv sind und der eine oder andere beinahe geniale Film leider nicht ausgezeichnet wurde:

Werbeunterbrechungvon Amina und Oskar NöbauerCountryside of Lifevon Paulina und Jakob Auer sowie Stefanie PauknerHyperlapse Vienna – The Date von Jan Kausek und Lukas HaiderGurg Love Storyvon Zeia, Joma und Yasin Gholam sowie Patrick RiesenbergerKerberos von Clara M. BacherTeatimevon Schüler_innen der 7c des GRG 23Schein ist nicht seinvon Judith Dornetshuber, Victoria Biedermann, Daniel Prem, Verena Kranzler, Esther Marié, Valerie Lechner und Thomas KnollAgorophobievon Mai Linh RossacherAndersvon Božana Petrović, Markus Haderer und Mario Lučić

4xSiebenvon Julian ElbersAnniversaryvon Tobias Raschbacher und Phillipp GnanKDW – Exit Reality von Tobias Burger, Benjamin Furtlehner und Christopher PatriDie Farbe Grünvon Jakob Immervoll und Ben FreundorferInsomniavon Manuel Hauer, Felix Weissenbacher, Felix Kohlbauer und Michael OffenbergerSucrevon Rupert Höller und Bernhard WengerPips, Chips & Videoclips – Gravitacijavon Ira Tomić

www.videoundfilmtage.at

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