Kiku
01.05.2012

"Niemand weiß genau, was da passiert ist...!"

"Bulger - eine unzulässige Geschichte" nach dem Dschungel Wien nun in Amstetten

Düster. Fünf fahrbare Gestelle mit Gitter an zwei Seiten, wie sie in Kaufhäusern zum Transport von Waren verwendet werden. Irgendwie wirkt es keller-, lager- durchaus auch höhlenartig. Drei Jugendliche, oder sind sie noch Kinder (?), jedenfalls scheinen sie zwischen diesen beiden Lebensabschnitten hin und her zu pendeln. Noch verspielt, was den meisten Menschen ja später abgewöhnt wird, aber schon auf stark tun (wollen oder müssen). Jedenfalls zwischen Spielen und (Alltags-)Krieg führen...

Ausgedacht

Shanya, Justine und Ramses heißen die drei Figuren, die sich der flämische Autor Klaas Tindemans ausgedacht hat. Auch wenn eine wahre Geschichte der Hintergrund, Ausgangs- und Endpunkt sowie sozusagen das Zentralgestirn des rund einstündigen Stücks „Bulger" ist. „Eine unzulässige Geschichte" nennt er sie im Untertitel. Die Frage drängt sich auf, wurde doch der fast dreijährige Bulger von zwei etwa Zehnjährigen vor fast 20 Jahren in einem Liverpooler Einkaufszentrum entführt, gequält, getötet und seine Leiche auf Schienen gelegt, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen.

Zur wahren Geschichte (und anderen in denen Kinder/Jugendliche zu Mördern an Kindern wurden, die mehrmals wie Einblendungen von Schauspieler_innen mit Masken kurz und bündig berichtet werden), fällt schon recht früh der Satz der Kids: „Niemand weiß genau was da passiert ist außer uns!"

Drei Jugendliche

Dem Autor – und auch der nunmehr in Österreich vom Verein Spieltrieb erarbeiteten Inszenierung – geht es nicht um den damaligen Mord. Auch nicht darum, dass mehr als drei Dutzend Menschen die Jugendlichen mit dem kleinen Jungen, der bereits blutende Verletzungen aufwies, gesehen hatten. Letzteres kommt gar nicht, ersteres immer wieder in der einen oder anderen Szene vor. Im Zentrum stehen die Jugendlichen, oder eigentlich auch nicht sie, sondern drei fiktive Jugendliche, deren Lebens-, Gefühls-, Stimmungslage wie sie vielleicht jener der beiden Täter von 1993 entsprochen haben könnten. Mit ihrem Stark-, Cool-, Brutal-sein-wollen. Aber auch ihren Ängsten – vor einander, vor der Welt da draußen. Ihren Zuneigungen, Sehnsüchten ebenso wie ihren Machtspielen untereinander.

Will nicht werten

Das Stück will – und das bringt das Trio Charlotte Krempl als Justine, Sebastian Mock (Ramses) und Susanna Hohlrieder in der Rolle der Shanya, Regie: Katja Lehmann sehr genau zum Ausdruck – nicht werten, nicht verurteilen genau so wenig wie gar freisprechen. Vielleicht kann es jedoch dazu beitragen, sich nicht in derartigen Fällen vom – nicht zuletzt massenmedial inszenierten – Reflex „Monster", „Bestien" hinreißen zu lassen, sondern der Frage nachzugehen, wie krank machend müssen Umstände und (näheres und weiteres) Umfeld sein, um derartiges Verhalten zu ermöglichen. Vielleicht, noch besser, bei entsprechenden Anzeichen vorher zu reagieren...

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