Lachen gegen „Dummvolken“

Häuptling Abendwind, Theater Akzent
Foto: Lilli Crina Rosca Szenenfoto aus Nestroys "Häuptling Abendwind" im Wiener Theater Akzent

Eine um aktuelle Bezüge stark angereicherte Version von Nestroys „Häuptling Abendwind“ im Theater Akzent (Wien).

Kannibale zum Gulasch: „Ich hab dir gesagt, du wirst dich noch wundern was alles geht!“

Wenn schon gefressen werden, dann soll’s wenigstens in den letzten Minuten noch unterhaltsam sein. Oder kann humorvoll verpackte sarkastische Kritik vielleicht sogar doch noch bewirken, dass Kadavergehorsam abgeschüttelt und Widerstand gegen Kannibalismus geleistet wird?

Mehr als 150 Jahre nachdem Johann Nepomuk Nestroy mit diesem in die Südsee verlegten Spektakel den Nationalismus aufs Korn nahm, hatte „Häuptling Abendwind oder das Gräuliche (Festmahl)“ in einer rasant-witzigen sehr aktuellen Version Hubis Kramars und seines Teams Premiere im Wiener Theater Akzent.

Stück muss wiederholt werden!

Häuptling Abendwind, Theater Akzent Foto: Lilli Crina Rosca Von einer Hofer-Reisen-Blutwurstjause samt Gottesdienst in Pinkafeld über eine Stückanfechtungsklage des immer wieder fotografierenden Höchstrichters und den Plan Haifische im Meer um die Insel Fremde fressen zu lassen spannt sich der Bogen aktueller Anspielungen. In Nestroyscher Couplet-Manier bringt der Impresario dieser Produktion, Hubsi Kramar, in einem Text von Eva Schuster auch die zunehmend in der Mitte der Gesellschaft salonfähiger gewordene Hass-Kultur im Netz und im realen Leben überspitzt auf den Punkt:

Das Leben ist so einfach, wenn man keine Skrupel hat.
Der Populist kennt das Rezept, und das ist delikat:

Tua ned lang redn, hau liaba zua,
nimm da, was d’ brauchst und hab niemals gnua.
Tua ned lang fackln mit Rührseligkeit,
wer nix respektiert, der kummt heutzutag weit...
Du wirst nie mehr Hunger ham, wann alles möglich ist!
Du deafst aa ned beleidigt sein, wann di wer and’rer frisst.

Großlulu und Papatutut

Häuptling Abendwind, Theater Akzent Foto: Lilli Crina Rosca Nestroy hatte auf der Basis des Einakters „Vent du Soir ou L’horrible festin“ von Jacques Offenbach, Philippe Gille und Léon Battu seine bitterböse Posse verfasst. Die Ortsverlegung  und die Übertreibung in Form des Kannibalismus war nicht zuletzt ein Mittel der kaiserlichen Zensur zu entgehen. Die beiden Stämme Großlulu und Papatutu mit ihren Häuptlingen Abendwind und Biberhahn, die beide die Ehefrauen des jeweils anderen verspeist haben, wollen zu Friedensgesprächen zusammen kommen. Ein vermeintlich Fremder aus der „Zivilisation“, ein Friseur aus hier Wien, im Original aus Paris, wird vermeintlich beim Festmahl verspeist. Immerhin tickt dessen Uhr im Bauch von Biberhahn – der eigentlich sein Vater ist.

Neben Kritik an endlos jahrelangen Gesprächen, die dann doch nicht zu weniger, sondern zu mehr Nationalismus führ(t)en, macht sich Nestorys „Abendwind“-Stück auch über die Überheblichkeit der sogenannten Zivilisation gegenüber (kolonialisierten) Völkern lustig. Die arrogante Haltung der „westlichen Welt“ gegenüber „denen da unten“ ist kaum weniger geworden.

Talk-Show „Knapp daneben“

Häuptling Abendwind, Theater Akzent Foto: Lilli Crina Rosca Dem Einakter stellt die Kramar’sche Version das schon angesprochene Couplet gegen Hass(poster) sowie eine Talk-Showrunde „Knapp daneben“ über Kannibalismus, dessen Ö-Norm und die Angst davor voran.  Moderatorin dieser Runde mit (Arche-)Typen von einer Frau Graberl über einen Herrn Grunzinger bis zum Herrn NPÖ-Vorsitzenden Hecht sowie später Showgast-Chanson-Sängerin: Lucy McEvil mit passenden Liedern über Fleischeslust.

Grandios der Sprechgesang des politischen Gefangenen gegen die Tendenz der Herrschenden zum „Dummvolken“:
Mia taan eich dummvolken, gscheit samma sööba,
lassts eich do dummvolken, Quastln mit Schaas.
Fangts eich a Pokemon, strickts eich an Kübel,
tanzts eichre Namen und zeichnets an Kaas...

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

Häuptling Abendwind, Theater Akzent Foto: Lilli Crina Rosca Häuptling Abendwind
eine operettenhafte Faschingsburleske in zwei Akten
nach Johann Nepomuk Nestroy
Theater Akzent und 3raum unterwegs

Häuptling Abendwind der Sanfte: Hubsi Kramar
Häuptling Biberhahn der Heftige: Patrik Huber
Abendwinds Tochter: Gioia Osthoff Atala
Friseur Arthur, Biberhahns Sohn: Stefano Bernardin
Koch Ho-Gu: Sascha Tscheik
Mia Flora Cantabile, „Stammesflittchen“ und Talk-Show-Moderatorin: Lucy McEvil
Groß-Luluer und Diskutant_innen: Bernd Charabara, Rainer Fussgänger, Markus Kofler, Ulli Kohout, Hannes Lengauer, Bernhard Mrak, Christian Rajchl, Eva Schuster, Sascha Tscheik
Politischer Gefangener: Markus Kofler
Hof-Schamane: Hannes Lengauer
Holofernes: Christian Racjchl
Slavica: Eva Schuster
Fotografierender Höchstrichter: Er-Ich
Pianist: Martin Kratochwil

Regie, Bearbeitung & Kostüme: Hubsi Kramar
Komposition und musikalische Leitung: Martin Kratochwil
Texte: Johann Nepomuk Nestroy, Hubsi Kramar, Eva Schuster, Gunter Falk
Bühne: Markus Liszt
Bühnenassistenz: Julia Karnel, Markus Windner
Produktionsleitung: Alexandra Reisinger
Bühnentechnik: Manfred Puder
Beleuchtung: Gerhard Scherer
Tontechnik: Ulrich Treutwein

Häuptling Abendwind, Theater Akzent Foto: Lilli Crina Rosca Wann & wo?
11., 23. November, 1., 6., 7. Dezember 2016; jeweils 19.30 Uhr
Theater Akzent
1040, Theresianumgasse 18
Telefon (01) 501 65-3306
www.akzent.at

(kiku) Erstellt am
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