Geht es nur um äußerliche Verwandlung?

Metamorphosen
Foto: Franzi-Kreis Szenenfoto aus "Metamorphosen" der Musik- und Kunst-privatuni der Stadt Wien und des Dschungel Wien

"Metamorphosen" - ein Tanz-Theaterstück von Studierenden der Musik und Kunst Privatuni der Stadt Wien im Dschungel Wien.

Abrakadabra, HokusPokus ... welch Zaubersprüche auch immer – sie gehen in Märchen Verwandlungen voran. Oft auch von Menschen in Tiere, meist als Strafe – oder aus Rache. Verwandlungen von einem Wesen in ein anderes ist ein zentrales Thema des altrömischen Dichters Ovid in seinen Metamorphosen, einer Sammlung von 250 Sagen in Gedichtform. Einige davon wurden in den beiden Jahrtausenden seither immer und immer wieder aufgegriffen, aktuell von Studierenden der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien – aus den Studiengängen Schauspiel sowie Tanz – zu erleben im Dschungel Wien.

Verwandlungen allerorten

Entsprechend dem von Ovid ausgeliehenen Titel wandelt sich auch stetig das rund einstündige Stück selbst auf spannende Weise - einerseits in der Zeit in der es spielt, denn angefangen bei der Schöpfungsgeschichte der Menschheit, spannt es einen Bogen bis zu unserer heutigen Zeit des Internets und der sozialen Netzwerke. Doch in all diesen Abschnitten der Weltgeschichte scheint ein Thema gleichermaßen wichtig zu sein, mit dem sich das Stück auf vielfältige und intensive Weise auseinandersetzt: Die Rolle des Menschen und wiederum dessen Verwandlungen. Thematisiert wird hierbei nicht nur seine  Verwandlung im Laufe der Geschichte, auch jene während seines Lebens, von der Kindheit zum Erwachsenen und hinter all dem schließlich die Beziehung zu seiner eigenen Gestalt und seinem Körper.

Wandelbare Darsteller_innen

Metamorphosen Foto: Franzi-Kreis Wie wandelbar auch diese sind, vermitteln die insgesamt 11 Darsteller_innen nicht nur in Worten, sondern auch mit unterschiedlichsten, ausdrucksstarken Bewegungen. Da gibt es Momente in denen diese Beziehung gar nicht in Frage zu stehen scheint, da die Schauspieler_innen nicht nur mit ihrem eigenen Körper völlig zu verschmelzen scheinen, sondern auch miteinander. Etwa wenn sie einander wie selbstverständlich ablösen im Sprechen von Passagen aus Ovids Mythen und wenn ihre Stimmen dabei manchmal sogar in einen Sprechchor übergehen. Wenn sie ihre Unterarme aneinanderreihen und sie heben und senken, bis vor dem nebeligen Hintergrund eine wie gänzlich von ihnen abgetrennte Welle entsteht. Wenn sie einander mit allen Gliedmaßen umschlingen, oder in gleichen, starken Bewegungen eng aneinander zu rhythmischer Musik tanzen, bis man sich fast selbst ihrer Einheit als Gruppe zugehörig fühlt. Oder wenn man dann sogar zugehörig wird, da die Protagonist_innen überschwänglich unterschiedlichste Komplimente an die Zuschauer_innen ins Publikum werfen.

Obwohl nur drei der Mitwirkenden aus dem Tanz und die anderen acht aus dem Schauspiel kommen, steht Körperlichkeit, die Bewegung in dieser Stunde im Vordergrund. Mit wenig Text, davon einigen Zitaten aus dem übersetzten Original, vor allem aber tänzerisch und in Bewegungen, die überraschende Bilder erzeugen, sowie manchmal auf einem Cello erzeugten Klängen, und in eigenen Kinder-Fotos - erzählen die elf Darsteller_innen Geschicht(ch)en von Verwandlungen – eigenen aber auch jenen aus den Ovid’schen Sagen. Die Wort kommen manchmal wie im Chor aus dem klassischen griechischen antiken Theater, Musik, Gesänge  und Tänze haben eine Bandbreite von Techno bis zu Pop.

Nur Schatten?

Metamorphosen Foto: Franzi-Kreis Dann gibt es wiederum Momente, in denen sie sich selbst und ihren Körper mehr zu hinterfragen scheinen. Etwa wenn der Mythos von Narziss erzählt wird, der sich in sich selbst verliebte, und die Protagonist_innen schließlich aufmerksam und zufrieden in der großen silbernen Kugel ihr eigenes Spiegelbild betrachten, um dann wieder zu zweifeln zu beginnen und Sätze zu sprechen wie: „Was du siehst sind nur Schatten.“ Wenn sie für ein Selfie posieren, oder wenn im Hintergrund Kindheitsfotos der Darsteller_innen gezeigt werden, die sie bemüht versuchen genau nachzustellen, als sehnten sie sich nach einer kindlichen Sicherheit zurück, als Verwandlungen unmerklich passierten und vielleicht sogar in jedem Moment möglich waren.

Spiegelball

Metamorphosen Foto: Franzi-Kreis Genial die Idee der Bühnenbildnerin (Sabine Ebner) einen riesigen silbrig schimmernden, spiegelnden Ballon in einer Ecke aufzuhängen, der ein gutes Drittel der Bühne dominiert. Ein Gutteil des  Geschehens spiegelt sich hier zunächst „unbeabsichtigt“, bis Narziss & Co. dies „entdecken“ und sich bewusst ansehen, später in Szene setzen. Bis gegen Ende der Ballon aus der Ecke losgelassen, über allen schwebt und kreist, sie von den Selbstbildnissen sozusagen fast niedergedrückt werden.

In kameralosen Selfie-Posen inszenieren sich die elf in klassischen millionenfach bekannten Stylings vom Kussmund übers aufgesetztes Lächeln bis zu den Häschen-Ohren für die in der Reihe vor ihnen Stehenden. Eine der wenigen Requisiten kommen nun hier zum Einsatz, wenn die gefakten, zuvro aufgenommenen Fotos projiziert und mit auf Pappendeckel gemalten Smilie- und anderen Gesichtern „gefiltert“ werden.

Selbstbildnis

Metamorphosen Foto: Franzi-Kreis Einige der Ovid’schen Geschichten haben sich verselbstständigt, leben sogar als Begriff für sich und wurden sogar zu Namen psychiatrischer Störungen: Narzissmus etwa. Bei Ovid ist der Jüngling dieses Namens verzückt als er das erste Mal sein Spiegelbild im Wasser eines Flusses sieht – derart, dass er sich in sein Ebenbild verliebt, mit ihm eins sein will. Nun, spätestens seit es gläserne Spiegel gibt und heutzutage noch viel mehr wo Handys mit Kamerafunktion allgegenwärtig sind, ist so eine „Begegnung“ kein spätes Erweckungserlebnis. Von Klein auf ist jede und jeder mit dem eigenen Bild fast jederzeit konfrontiert.

Metamorphosen Foto: Franzi-Kreis Nicht selten schon selbstverliebt, herrscht oft Unzufriedenheit mit diesem (Eben-)Bildnis – wofür diverse Filter von Fotobearbeitungsprogrammen Abhilfe schaffen können. Die Unzufriedenheit trifft aber auch häufig das Original – nicht selten wiederum ausgelöst von ausgewählten oder gar zurecht gestutzten Bildern, die sozusagen die Norm vorgeben, wie junge, jugendliche Körper als „Next Model“ auszusehen hätten. Auf der einen Seite Verunsicherung durch Veränderung des eigenen Körpers in der Pubertät und auf der anderen Seite bewusst in Kauf genommene, angestrebte Veränderung durch Hungern, Watte fressen oder Schnitten unterm Operationsmesser von „Schönheits“-Chirurg_innen. Womit es aber vor allem um Äußerlichkeiten, um Veränderungen an der Oberfläche geht. Zwar ist bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten groß die Rede von den „inneren Werten“ – ob die sich ändern, verwandeln oder nicht und wenn ja in welche Richtung – das bleibt dabei „außen vor“.

Allen Szenen gemeinsam scheint zu sein, dass sie ein Bedürfnis ausdrücken über sich selbst hinauszugehen, über die Grenzen der eigenen Gestalt. Dieses Bedürfnis wird auf besondere Art verbildlicht in Szenen wie jener, als die Schauspieler_innen eine Pyramide bilden und sehnsüchtig die Arme nach oben strecken. Oder auch perfekt in Worte gefasst, in dem Satz von Ovid, den die Protagonist_innen am Anfang, wie auch am Ende des Stückes im Chor in den Saal rufen: „Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt wurden, treibt mich der Geist.“
Rosanna Wegenstein 18 und Heinz Wagner

Infos

Wer? Was? Wann? Wo?

Metamorphosen Foto: Franzi-Kreis Metamorphosen
Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien und Dschungel Wien
Schauspiel & Tanz, 65 Minuten, ab 11 J.

Regie: Philipp Hauß

Von und mit:
Dominik Dos-Reis, Sofa Falzberger, Selina Graf, Marius Huth, Lorena Mayer, Ferdinand Nowitzky, Peter Rahmani, Lara Sienczak (Studiengang Schauspiel) und
Rebeka Mondovics, Marie Schmitz, Julia Wang (Studiengang Tanz)

Choreographie: Martina Rösler
Ausstattung: Sabine Ebner
Sprechtraining: Sabine Muhar
Dramaturgie: Karoline Exner
Regieassistenz: Sophie Mashraki
Licht: Ines Wessely

Studiengangsleitung Schauspiel: Karoline Exner
Studiengangsleitung Tanz: Nikolaus Selimov

Wann & wo?
Bis 14. Juni 2017
Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

(kiku / kiku-heinz) Erstellt am
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